» »

Jung, gut ausgebildet, kinderlos, engagiert - will Teilzeit

HGann*ahWe hat die Diskussion gestartet


Hallo zusammen!

Ich würde hier gerne eine Diskussion zum Thema "Teilzeit arbeiten ohne gesellschaftlich akzeptierte Gründe" anregen - aus gegebenem Anlass:

Ich, weiblich, 27, noch kinderlos, habe bereits mit Anfang 20 mein Studium abgeschlossen, bin seit knapp 5 Jahren in meinem studierten Beruf tätig, arbeite seit Kurzem in Teilzeit.

Ich habe einen Bürojob, der mich interessiert und für den ich qualifiziert bin, der aber nicht meine ganz große Leidenschaft ist, so wie es sicherlich vielen Büroangestellten geht. Ich habe eine vertragliche 40 Stunden Woche gehabt, durch Fahrtwege und eine Stunde Mittagspause, die wir nehmen müssen, war ich effektiv war ich an guten Tag um etwa 18:30 uhr, an schlechten Tagen eher gegen 20:00 zu Hause.

Ich bin für die Liebe vor einigen Jahren ans andere Ende Deutschlands gezogen, weg von Familie und Freunden, und habe begonnen mir hier etwas Neues aufzubauen.

Für meinen Beruf habe ich mich immer engagiert - und oft Lob bekommen, doch leider musste ich bei mir einige Veränderungen feststellen, seitdem ich Vollzeit arbeite, also seit etwa 5 Jahren:

- Ich war permanent unter Zeitdruck, wurde dadurch fahrig und genervt.

- Ich hatte keine Zeit und Energie mehr übrig für die anderen wichtigen Dinge des Lebens: Partnerschaft, Freunde, Haushalt, Hobbies, Interessen, Sport, Kochen, gesunde Ernährung, usw.

- Ich war ständig erkältet und erschöpft, jeder Schnupfen zog sich über Wochen.

- Ich hatte kaum Freude mehr an den oben genannten anderen Dingen.

Als Schülerin und auch als Studentin habe ich stets gute bis sehr gute Leistungen erbracht und hatte trotzdem das Gefühl, ein Leben zu haben, in dem ich auch Zeit fürs Wesentliche hatte. Ich war fröhlich, ausgeglichen und lebensfroh, vielseitig interessiert, habe gerne Sport getrieben und bin meinen Hobbies nachgegangen.

Seitdem ich Vollzeit gearbeitet habe, war mir dies nichtmehr möglich. Lange Zeit habe ich versucht, mit Druck und Durchhalteparolen trotz Vollzeitjob (mit phasenweisen großem Druck und Überstunden, was aber in vielen Berufen üblich ist, daher will ich nicht jammern!) ein Leben zu führen, das mir lebenswert erscheint, doch erst ist mir nicht gelungen.

Nach etwas über 4 Jahren im Berufsleben kam letzten Sommer nach einer stressigen Phase bei der Arbeit der große Zusammenbruch - Burnout, Panikstörung, Hyperventilation. Nichts ging mehr.

Burnout kommt nicht von der Arbeit, sagen Kritiker- aber wovon sonst, frage ich mich? Ich war eine gesunde junge Frau, hatte eine durchschnittlich glückliche Kindheit, keine großen Probleme in der Schule oder dem Studium und eine weitestgehend glückliche Partnerschaft. Durch den Umzug ans andere Ende der Nation hatte ich wenig enge Freunde in der Nähe und meine Familie nicht vor Ort als soziale Unterstützung. Aber ich war bereits als Teenager und während des Studiums mehrere Jahre im Ausland und hatte dort auch niemanden, der mir täglich die Hand hält.

Nach insgesamt 5 Monaten Krankheit, darunter fast 2 Monate in einer psychosomatischen Klinik, ambulanter Therapie, Wiedereingliederung bin ich jetzt wieder gesund - und arbeite jetzt Teilzeit, und das ohne gesellschaftlich akzeptiertem Grund (wie Kinderbetreuung!).

Nach einigen Diskussionen mit meinem Chef schon während der Wiedereingliederung habe auf eine 70% Stelle reduziert, und fühle mich damit sehr wohl - ich habe Zeit und Energie für meine Hobbies, für Sport, Freunde zu treffen, zu kochen, auszugehen. Ich kann von dem Gehalt meiner 70% Stelle gerade eben so leben, ohne auf Unterstützung meiner Eltern oder meines Partners angewiesen zu sein - ich muss mich zwar etwas einschränken im Vergleich zu vorher, aber es reicht. Als Studentin habe ich von viel viel weniger Geld gelebt aber war glücklicher als zu jedem Zeitpunkt meiner Berufstätigkeit.

Trotzdem war das Durchsetzen der Arbeitszeitreduzierung ein Kampf- mein Chef ist noch immer der Meinung, dass ein gesunder Mensch doch nicht allen Ernstes Teilzeit arbeiten wollen könnte? Allein meine Forderung nach Teilzeit würde doch bestätigen, dass ich noch krank bin? Wer verzichtet denn freiwillig auf Geld, mögliche Karriereoptionen für ein paar Stunden mehr Freizeit pro Woche? Er hat es akzeptiert, dass ich jetzt Teilzeit arbeite, aber verstanden hat er es bislang nicht.

Das Feedback in meinem Freundeskreis ist gemischt - meine enge Familie und nahen Freunde haben meinen Zusammenbruch miterlebt und verstehen es daher. Bekannte und nicht so enge Freunde sind da etwas kritischer - wie kann man als junger Mensch Teilzeit arbeiten, ist das nicht unerhört, faul, entgegen allem, was sich gehört?

Ich habe in der Klinik gelernt mich von der Meinung anderer etwas unabhängiger zu machen- das sie mit komplett egal ist, kann ich leider immernoch nicht behaupten.

Für mich gab es keine Alternative - ich konnte nichtmehr schlafen, nichtmehr essen, hatte Panikattaken, schwere Konzentrationsstörungen, konnte mir nichts mehr merken, meine Ärzte haben gesagt, ich muss mein Leben radikal umstellen um wieder gesund zu werden. Den Luxus, etwas auf die Meinung anderer zu geben habe ich erst jetzt wieder, wo ich gesund bin.

Daher hier meine Fragen an euch: Würdet ihr Teilzeit arbeiten, auch finanzielle Einbußen in Kauf nehmen, für mehr Freizeit und Lebensqualität? Gibt es noch andere da draußen, denen Zeit für sich mehr Wert ist als die nächste Gehaltserhöhung, der nächste Karriereschritt, der nächste leistungsabhängige Bonus? Die das Gefühl haben, mit einer Vollzeitstelle und gelegentlichen Überstunden kein Leben mehr zu haben?

Die mutig genug sind, ihre Interessen trotz gesellschaftlichem Gegenwind durchzusetzen und das Leben zu leben, was SIE möchten, ohne ständig das zu tun, was andere von ihnen einfordern?

Ich bin gespannt auf eure Meinungen und Denkanstöße zu diesem Thema!

Antworten
bAlackaheartedxqueen


Daher hier meine Fragen an euch: Würdet ihr Teilzeit arbeiten, auch finanzielle Einbußen in Kauf nehmen, für mehr Freizeit und Lebensqualität?

Ja, definitiv :)z

B(erndGMxas


Das Feedback in meinem Freundeskreis ist gemischt – meine enge Familie und nahen Freunde haben meinen Zusammenbruch miterlebt und verstehen es daher. Bekannte und nicht so enge Freunde sind da etwas kritischer – wie kann man als junger Mensch Teilzeit arbeiten, ist das nicht unerhört, faul, entgegen allem, was sich gehört?

Von mir aus soll das jeder so machen wie er will. Ich kenne auch einige Männer um die vierzig, die bereits Teilzeit arbeiten oder das gerne würden. Und das schlicht, weil sie mehr Freizeit wollen und sie auch mit etwas weniger Geld gut auskommen können. Man lebt nur einmal und wenn man nicht Karriere machen will und nur arbeitet um Geld zu verdienen – warum soll man dann mehr Zeit damit verbringen als nötig?

r_ob_d0ie_roxbbe


Bin im Wesentlichen in der gleichen Situation, kann allerdings nicht Teilzeit arbeiten. In meiner Branche ist das einfach nicht möglich (Projektarbeit) und außerdem könnte von weniger Gehalt meine Familie nicht leben.

Wenn du also die Möglichkeit hast, dann genieße es! ;-D

HzannEahxWe


Bin im Wesentlichen in der gleichen Situation, kann allerdings nicht Teilzeit arbeiten. In meiner Branche ist das einfach nicht möglich (Projektarbeit) und außerdem könnte von weniger Gehalt meine Familie nicht leben.

Ich mache auch Projektarbeit. Phasenweise ist es da sehr stressig, wenn es auf Projektende zugeht. Habe auch immer gedacht und gesagt, wenn man im Projektmanagement ist, dann kann man nicht Teilzeit arbeiten. Einen Nervenzusammenbruch später bin ich da mittlerweile anderer Meinung. ;-)

c{lairext


Man lebt nur einmal und wenn man nicht Karriere machen will und nur arbeitet um Geld zu verdienen – warum soll man dann mehr Zeit damit verbringen als nötig?

:)^

Würdet ihr Teilzeit arbeiten, auch finanzielle Einbußen in Kauf nehmen, für mehr Freizeit und Lebensqualität?

:)z

DViscBedexre


Wer verzichtet denn freiwillig auf Geld, mögliche Karriereoptionen für ein paar Stunden mehr Freizeit pro Woche? Er hat es akzeptiert, dass ich jetzt Teilzeit arbeite, aber verstanden hat er es bislang nicht.

Der, der es kann.

Der es sich leisten kann und will, der, der nicht lebt um zu arbeiten, sondern die Arbeit als Notwendigkeit ansieht um zu leben, der, der seine Prioritäten eben nicht danach ausrichtet, was "man" so zu tun hat etc.pp.

In Teilzeit zu gehen "weil man es kann" ist, zumindest für mich, durchaus ein guter Grund. Ich überlege gerade, in den Sommermonaten auf 80% zu gehen – 4 Tage arbeiten, 3 Tage frei, einfach, weil ich es möchte. Und wenn es nur ist, daß ich mich dann auf den Balkon schmeiße, mich sonne und ein Buch nach dem anderen weg lese....

Swyvxisa


Ich würd das auch machen. Derzeit arbeite ich Vollzeit, was okay ist, weil mein Arbeitsweg nur 15 Minuten beträgt und ich nicht viel besseres zu tun habe. Ich bin jetzt auch Ende 20, studiert und so weiter; in ein bis zwei Jahren werde ich mit meinem Freund zusammenziehen, und wir planen, dann beide auf 75 oder 80 Prozent zu reduzieren – auch ohne Kinder oder sonstige Gründe, einfach, weil wir gerne mehr Freizeit hätten und nicht so viel Wert auf Riesenkarriere und überdurchschnittliches Einkommen legen. Bis dahin arrangiere ich mich mit den 40 (real eher 45 ^^) Stunden, aber in fünf Jahren sehe ich mich schon mit einer Vier-Tage-Woche.

N/or!di8x4


Wenn der Job es hergibt (meiner leider nicht) und das Gehalt ausreicht um sich neben dem Alltag auch ab und zu was erlauben zu können dann würde ich 20% weniger Arbeitszeit vor 20% mehr Gehalt bevorzugen. Wenn ich von meinem jetzigen Einkommen ordentlich leben kann, wofür brauche ich noch mehr ?

Anders sieht es natürlich aus wenn ich mit dem Geld gerade so über die Runden komme und keine großen Sprünge wie Urlaub oder spontane Anschaffungen drin sind, dann würde bei mir das Geld im Vordergrund stehen.

Ich denke das ist mittlerweile an vielen Stellen so. Gerade hochqualifizierte und besser verdienende lassen sich schwer mit noch mehr Geld ködern. Gute Arbeitsbedingungen oder flexible bzw. kürzere Arbeitszeiten sind ein viel größerer Anreiz als der berühmte Topf voll Gold.

c,lai'ret


Ich denke das ist mittlerweile an vielen Stellen so. Gerade hochqualifizierte und besser verdienende lassen sich schwer mit noch mehr Geld ködern. Gute Arbeitsbedingungen oder flexible bzw. kürzere Arbeitszeiten sind ein viel größerer Anreiz als der berühmte Topf voll Gold.

Oh ja, man hört immer öfter das Jammern der Unternehmen über die schluffigen Millennials, die auf traditionelles Karrierebuckeln keinen Bock haben und bessere Arbeitsbedingungen fordern.

S2tiHlxgar


Daher hier meine Fragen an euch: Würdet ihr Teilzeit arbeiten, auch finanzielle Einbußen in Kauf nehmen, für mehr Freizeit und Lebensqualität?

natürlich...wobei es natürlich voraussetzt, das man schon ein halbwegs vernünftiges gehalt hat...es bringt ja nichts, wenn man dann durch das geringere einkommen mit dem geld nicht auskommt und am existenzminimum rumknapst...da ist dann auch nicht viel gewonnen....

Trotzdem war das Durchsetzen der Arbeitszeitreduzierung ein Kampf

das ist klar....der chef hat mit dir ja ne vollzeitkraft eingestellt...wenn du nun reduzieren möchtest, muss er eventuell eine zweite teilzeitkraft einstellen, um das zu kompensieren....das ganze thema ist halt ein "good will" vom arbeitgeber...und ich denke, wenn da kein pflegefall zu hause oder ähnliche sachen dahinter stecken, sperren sich die meisten....

HTanknahWxe


Ich denke das ist mittlerweile an vielen Stellen so. Gerade hochqualifizierte und besser verdienende lassen sich schwer mit noch mehr Geld ködern. Gute Arbeitsbedingungen oder flexible bzw. kürzere Arbeitszeiten sind ein viel größerer Anreiz als der berühmte Topf voll Gold.

Ja, ich hoffe das dies der Anfang einer Trendwende ist, weg von mehr mehr mehr. Jedesmal wenn ich mich bei meinem Chef beschwert habe, dass es zu viel Arbeit gibt, das wir jemand Neues einstellen müssen, habe ich stattdessen mehr Geld bekommen - was nützt mir das Geld, wenn ich keine Zeit und Energie habe, es auszugeben, wenn ich mein Geld nichtmehr in meine Hobbies investieren kann, weil ich keine Hobbies mehr habe?

Ich habe nun das Glück das ich in einer Branche arbeite, die händeringend Absolventen sucht und bei der ich nicht so leicht ersetzbar bin - aber ich glaube, mit dem Fachkräftemangel der nächsten Jahrzehte wird die Wende kommen - meine Lebenszeit ist nicht käuflich, ich arbeite gerne und engagiert und mit Spaß an der Sache - aber ich bin ein Mensch, und keine Maschine, ich möchte Schlafen, Essen, Leben, Reisen, Lachen, Leben.

Ob das die Chefs irgendwann kapieren bevor sie ihre Karriere mit 55 bei einem Herzinfarkt im Büro beenden? Mein Chef wollte letzte Woche vom Büro aus telefonisch seine Tochter bei der Schule krankmelden - er musste der Sekretärin gestehen das er nicht wusste in welcher Klasse sie ist. %-|

S8chiDld&kröteg0x07


Wie bereits mehrfach erwähnt wurde, sowas geht halt nur, wenn die Branche es möglich macht. Der Chef ist eben nicht automatisch der Böse, denn gerade in Kleinbetrieben sind Teilzeitstellen oft unbrauchbar.

N3orhdix84


Noch gibt es halt viele die glauben, sie müssten ihren Wert für das Unternehmen durch die Anzahl der Überstunden ausdrücken ("ich hab diese Woche schonwieder 60 Stunden gearbeitet"). Das sind allerdings auch die, die jammern wenn die gestrichen werden ("jetzt haben die mir tatsächlich 200 Stunden gestrichen").

So oder so, eine lange Anwesenheit heißt längst nicht, das man auch produktiv ist bzw. effektiv und gut arbeitet. Leider sehen das aber auch noch genügend Chefs so, der Wandel wird noch seine Zeit brauchen.

Wenn ich meinen Job nüchtern betrachte, dann könnte ich 90% der Aufgaben von Zuhause per Telefon und Internet erledigen. Aber nein, ich muss Woche für Woche 40 Stunden anwesend sein, ob da jetzt gerade Leerlauf oder absolutes Chaos herrscht.

A5leo^nor


Ich beneide dich grad.

Wenn ich mir das finanziell leisten könnte (und mir keine Sorgen wegen der Rentenabschläge machen müsste) würde ich das auch so machen.

Wollen Sie selber etwas dazu schreiben?

Dann melden Sie sich an bzw. lassen Sie sich jetzt registrieren, das ist kostenlos und innerhalb weniger Minuten erledigt. Interessant sind sicher auch die übrigen Diskussionen des Forums Beruf, Alltag und Umwelt oder aber Sie besuchen eines der anderen Unterforen:

Allergien · Zahnmedizin


Nicht angemeldet: Anmelden | Registrieren | Zugangsdaten vergessen? | Hilfe

Startseite | Impressum | Nutzungsbedingungen | Netiquette | Datenschutz | Mobile Ansicht   © med1 Online Service GmbH