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Mir wurde ein wichtiges Projekt "weggenommen"

Alias 722099 hat die Diskussion gestartet


Liebe Leute,

ich bin schamerfüllt und irgendwie auch mutlos. Ich arbeite zur Zeit an verschiedenen Projekten, wobei "arbeiten" auch schon eine unpassende Umschreibung ist. Seit eineinhalb Jahren sollte ich fleissig dran sitzen, bin aber erst so weit wie nach ca. sechs Monaten. Denn ich wurde aus persönlichen Gründen letztes Jahr für eine ganz schön lange Zeit mehr oder weniger arbeitsunfähig.

Grundsätzlich war das kein großes Problem, meine Chefin hat das mitgemacht, alles war so abgesprochen und nun geht es mir besser und es geht voran. Allerdings haben wir vergessen, mich krankschreiben oder freistellen zu lassen. Die Geldgeber wissen also nicht, warum wir so spät dran sind - das war echt keine gute Idee und hängt mir nun erheblich nach.

Erstens sind die Geldgeber total verärgert über die bisher erhaltenen Ergebnisse und wollen das Projekt vielleicht einstellen. Chancen hab ich nur noch, wenn es nun schneller und schneller vorangeht und wir die Forschungsrichtung noch mal erheblich anpassen. Ich arbeite also jetzt schon deutlich mehr als die paar Tage, die ich eigentlich bezahlt werde, um den Rückstau aufzuholen.

Zweitens sollte ich die anderen Tage für eine Dissertation verwenden, was nun aufgrund des Nacharbeitens absolut gänzlich unmöglich geworden ist. Ich sollte über das Forschungsthema schreiben, das geht nun aber nicht, weil die letzten Module so stark von den anderen Mitgliedern des Teams umgeschrieben wurden, dass ich das einfach nicht mehr als "meins" verkaufen kann.

Nun komme ich aber zu meinem eigentlichen Problem: Drittens sollte ich dieses Jahr ein Kurzprojekt "einschieben", das mit hohem Prestige verbunden ist. Ich könnte - wenn ich Projektmitarbeiter wäre - mit diesem Punkt im Lebenslauf später auch dann gute Stellen bekommen, wenn das mit der Diss wirklich nicht mehr klappt. Ich sah darin also auch persönliche Vorteile für später als eine Art Tür zu einem "zweiten Weg".

Nun werde ich das Projekt nicht machen dürfen. Und nicht nur nicht machen dürfen, sondern meine Kollegin macht es, was mir vor allen anderen mitgeteilt wurde. Es war mir schon klar, dass es ein Problem werden würde und es war verabredet, dass ich es nicht mehr alleine werde machen können. Aber meine Bitte war, bevor weitere Schritte eingeleitet werden, bitte mit mir zu sprechen. Ist nicht geschehen, wir alle wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Das ist ein blödes Gefühl und es ist mir furchtbar peinlich, dass nun alle (Kollegen, Chef, Geldgeber, Kooperationspartner) wissen, dass ich es nicht bringe.

Für mich hat das viele Folgen: Schlechter Eindruck bei denen, die seit eineinhalb Jahren damit rechnen, dass ich dieses Projekt durchführen werde. Schlechte Stimmung im Team und mit der Chefin. Schlechte persönliche Stimmung, da ich sehe, wie alles, was ich anfasse, vor meinen Augen "platzt". Ich bin anscheinend nicht für diese Art Job geschaffen, komme aber nun auch nicht mehr heraus. Gehe ich einfach, habe ich dann insgesamt drei gescheiterte Projekte am Hals und dazu eine absolut enttäuschte Chefin. Bleibe ich, werde ich vielleicht mit dem Hauptprojekt durchkommen, die Diss nie schaffen und insgesamt auch keine richtig super guten Leistungen mehr abliefern. Bisher galt ich als leistungsfähig und verlässlich, guter Kollege und jemand, der der Gruppe eher gut tut. Nun kann ich irgendwie niemandem mehr in die Augen sehen.

Ging es jemandem mal ähnlich? Seht ihr "Auswege", die ich nicht erkennen kann? Ist ein Ende mit Schrecken in diesem Fall besser? Kündigen und abhaken? Hilfe %:|

Antworten
Ctomraxn


Alias, deine Weltuntergangsstimmung kann ich verstehen. Aber ich möchte sie dir ausreden. Du erwähnst die Diss, daher gehe ich davon aus, dass du noch relativ jung im Arbeitsleben stehst. Es wird dir immer passieren, dass es Niederlagen gibt. Bei denen man frustriert ist oder sich ungerecht behandelt fühlt. Das sind dann die Momente, wo man sich gemobbt fühlt und am liebsten kündigen möchte, um der vermeintlichen "Scham" zu entgehen. In meinem langen Berufsleben (über 26 Jahre in einer Firma) habe ich eine relative Karriere hingelegt und bin seit vielen Jahren fachliche und personelle Führungskraft für einen Spezialistenbereich. Ich kann dir sagen, dass ich auch diese Momente hatte. Auch ich ging nicht immer als Gewinner hervor, und das ist immer der Moment, der einen daran erinnert, dass man nur Teil eines Ganzen ist. Mir wurden Ideen von Vorgesetzten abgelehnt, ich habe strategische langfristige Maßnahmen vergebens betrieben, weil sich die Welt auch mal anders dreht als man erwartet.

Gelernt habe ich daraus, dass ich zwar meine Gefühle zulassen darf, aber darn nicht verzweifle. Es ist eher ein Ventil. Man muss die Niederlage erst einmal schlucken. Dann muss man reflektieren, was man hätte besser machen können und wo man wirklich eine Benachteiligung erfahren hat. Bei letzterem scheue ich auch nicht den Kampf um meine Überzeugung und Anerkennung. Ich akzeptiere nicht das erste "Nein", wenn ich überzeugt bin. Wenn der Frust verflogen ist, fange ich zur Not nochmal vorne an und versuche, es rumzureißen. Wenn ich mich falsch behandelt fühle, spreche ich das offen an und meistens geht ein solches Gespräch mit einem Win-Win-Ergebnis aus.

Du sprichst von drei Projekten. Das ist nicht viel und kein Grund, zu verzweifeln. Außerdem siehst du eine Chance, beim Hauptprojekt noch erfolgreich zu sein. Warum willst du dann kündigen? Mach weiter und lerne daraus. Das kann ich dir mitgeben. Ich kann dir auch sagen, dass ein Erfolg die Niederlagen davor vergessen macht. Und kein Kollege hat so ein negativ getrimmtes Elefantengedächtnis, dass er dich nur in deinen Niederlagen in Erinnerung haben wird. Echte Stärke zeigst du, wenn du damit umgehen kannst und diese dich nicht umwerfen. Es wird nicht das letzte mal im Berufsleben gewesen sein.

Alles Gute und viel Erfolg! Ein kurzer Ausrutscher ist verkraftbar und noch lange kein Beinbruch! @:)

LqolaxX5


Naja, nüchtern betrachtet hast du nunmal absolut keine Kapazität frei für dieses prestigeträchtige Kurzprojekt. Es ist daher logisch und und sinnvoll, dass das jemand anderes macht, auch wenn du mal dafür vorgesehen warst. Dazu kannst du mit etwas Souveränität gut stehen. Natürlich hättest du es gern anders gehabt, aber es ist jetzt eben so wie es ist.

Ich würde mich voll auf das Projekt konzentrieren, dass im Rückstand ist und dort deine Leistung bringen. Wenn das erledigt ist, muss du sehen, ob du die Diss danach noch machen kannst/willst.

Alias 722099


comran

Danke für deine ausführliche und mutmachende Antwort. Ganz grundsätzlich weiß ich das natürlich auch alles. Emotional kommt aber gerade bei mir nur an: Die haben recht, ich bekomme nichts hin. Gerade auch, weil die absolut negative Kritik über die ersten Abschnitte des Hauptprojektes jetzt gleichzeitig mit dem "Verlust" des kommenden Projektes zusammen kommt. Dazu noch die Tatsache, dass ich alle Verzögerungen selbst verschuldet habe im letzten Jahr. Mir sagt also nicht nur Herz, sondern auch Verstand: Sie haben alle recht, ich krieg es ja anscheinend wirklich nicht hin...

LolaX5

Du hast natürlich ebenso recht. Aber ich arbeite in einem Feld, in dem ich ohne Diss quasi nichts werde machen können. Und nun (das weiß ich natürlich schon länger) sehe ich eben, dass ich in eineinhalb Jahren - zum Ende meiner Stelle - ohne irgendwas dastehen werde. Höchstens mit ersten Aspekten der Diss. Höchstens mit einem einigermaßen ordentlichen Abschluss des Hauptprojektes, wenn die nächsten Abschnitte etwas besser ankommen sollten, was ich inzwischen auch nicht mehr denke. Schreibe ich etwas, so kommt es zur Zeit zu 100% mit gravierenden Änderungen zurück. Ich sehe mich mit der Tatsache (?) konfrontiert, dass ich den falschen Berufsweg gewählt habe.

C}omrxan


Gerade auch, weil die absolut negative Kritik über die ersten Abschnitte des Hauptprojektes jetzt gleichzeitig mit dem "Verlust" des kommenden Projektes zusammen kommt.

Naja, wenn etwas so langfristig ausgelegt ist, dann ist die Chance relativ gering, dass Probleme auch mit anderen Problemen mal zusammentreffen. Dann glaubt man, es würde gar nichts gehen, vor allem, weil man ja diese Langläufer am Bein hat. Mein aktuelles Projekt läuft auch seit 2014 und es gab mehr als eine Krise - dazwischen hab ich noch eine Teamverantwortung, Tagesgeschäft und beiläufige Dinge. Auch da kommen mal Wochen zusammen, wo man nur vor Problemen und Risiken steht. Wenn man sie aber bewältigt, ist das Gefühl besser und man wundert sich selbst über die negativen Gefühle, die noch vor 3 Monaten waren.

Die Dissertation würde ich nicht aufgeben. Von welchem Zeitraum reden wir? Was kannst du in deiner privaten Zeit investieren?

Um dich mal zu sortieren, da dir das Zwischenprojekt ja so wichtig war: du wirst es nicht rumreißen können, denn deine Chefin hat bereits jemand anderes dafür vorgestellt. Der Zug ist abgefahren. Ich würde aber das Gespräch mit deiner Chefin dennoch suchen, nur um das zu klären. Zweitens konzentriere dich auf das Hauptprojekt und versuche, hierfür noch was rauszuschlagen (vielleicht hat die Chefin ja ein schlechtes Gewissen, es gab ja auch auf ihrer Seite Versäumnisse). Und knie dich rein, dass du die Dissertation als zweites Standbein noch schaffst. Was du in der Hand hältst, würde ich nicht mehr loslassen. Lieber noch Unterstützung für das Projekt einfordern, um Entlastung zu finden.

Und vor allem: steigere dich nicht in dieses Schamempfinden rein. Das raubt dir zuviel Kraft.

Cwomrxan


... dann ist die Chance relativ hoch...

Sorry, verschrieben

Und ich kann auf Med1 immer noch keine eigenen Beiträge korrigieren

L-ola X5


Aber ich arbeite in einem Feld, in dem ich ohne Diss quasi nichts werde machen können. Und nun (das weiß ich natürlich schon länger) sehe ich eben, dass ich in eineinhalb Jahren - zum Ende meiner Stelle - ohne irgendwas dastehen werde. Höchstens mit ersten Aspekten der Diss. Höchstens mit einem einigermaßen ordentlichen Abschluss des Hauptprojektes, wenn die nächsten Abschnitte etwas besser ankommen sollten, was ich inzwischen auch nicht mehr denke. Schreibe ich etwas, so kommt es zur Zeit zu 100% mit gravierenden Änderungen zurück. Ich sehe mich mit der Tatsache (?) konfrontiert, dass ich den falschen Berufsweg gewählt habe.

Du hast den Weg gewählt, den du wählen wolltest. Also war es nicht der "Falsche". ;-) Aber es kann natürlich vorkommen, dass man mit einem Weg Erfahrungen macht, die einen dazu bewegen, einen anderen Weg einschlagen zu wollen. Wenn das bei dir so ist, dann kann ein Cut jetzt unter Umständen besser sein, als sich noch weiter mit etwas zu quälen, wo du keine Perspektive (mehr) für dich siehst.

Wenn man merkt, dass die (Karriere)leiter an der falschen Wand lehnt, dann bringt es nichts, partout weitermachen zu wollen. Und auch wenn die Wand zwar reizvoll ist, die Leiter für einen aber irgendwie zu wenig Sprossen hat, wird man sich eingestehen müssen, dass es vielleicht besser ist, ein anderes Ziel zu verfolgen.

Du wärst nicht die die erste, die eine Diss beginnt aber nicht fertig macht. Das ist von außen betrachtet lange nicht so eine große Niederlage, wie es sich für dich persönlich vermutlich (erstmal) anfühlen dürfte. Dann musst du dich eben neu orientieren. Mussten, durften und wollten vor dir schon viele andere...

Noch ein anderer Gedanke zu dieser Passage:

Erstens sind die Geldgeber total verärgert über die bisher erhaltenen Ergebnisse und wollen das Projekt vielleicht einstellen.

Wäre es eine Option, diesen Weg zu gehen? Also quasi die Einstellung des Projekts anzustreben? Damit du dich auf die Diss konzentieren kannst? Oder basiert die Diss auf dem Projekt und wäre mit dem Projekt sowieso mitgestorben?

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