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Realfakes - Das Spiel mit den Gefühlen anderer

dGanzae87


Jahaaa, aber was passiert wenn die Freundin nun traurig ist? Niemand hat Mitleid mit ihr, im Gegenteil, sie muss eher mit Hohn und Spott rechnen. Schuld verlangt offenbar Strafe. Ich würde meinen der Verlust des Rades ist die Konsequenz und Strafe genug, aber sollte man den Dieb fassen wäre es meiner Meinung nach idiotisch sein Strafmaß zu verringern nur weil das Rad nicht abgeschloßen war. Es war nicht seins, er hat es gestohlen, aber sowas wird grundsätzlich vermischt.

Ich habe in einer Straße des Rotlichtmileus gelebt. Mein Rad war angeschloßen, mit einem verdammt dicken Schloß und im Haus. Der Polizist sagte mir in der Straße ein Rad zu besitzen sei doof, sei das Service der Häuser die für gute Kunden zu knacken. Feine Sache das. Es ist bedeutend einfacher sich darauf auszuruhen als sich nachts da hinzupflanzen und die Leute die das systematisch Zeug klaufen abzusammeln. Mir wurde gesagt es sei mein Fehler weil ich mein Rad in nem anderen Stadtteil parken müsste. Was ein Witz.

M.uff P6ot)ter


Niemand hat Mitleid mit ihr, im Gegenteil, sie muss eher mit Hohn und Spott rechnen.

Stimmt, ich glaube ich habe sie ausgelacht. Doofe Nuss, die. (Aber sie ist eine Freundin, sie kann das ab.)


Ja, ok, in dem Sinne hast du Recht. Manchmal ist das Urteil schon vor der Anklage gefällt. Rechtsstaatlichkeit bedeutet eigentlich, dass man das so nicht tut.

LfotvHus


In einem gänzlich anderen Zusammenhang kam ich auf Martin Bubers "Ich und Du", was mich sofort an diesen Faden erinnerte (zitiert aus [[https://de.wikipedia.org/wiki/Ich_und_Du_(Buber) Wikipedia "Ich und Du (Buber)"]]:

"Die Welt ist dem Menschen zwiefältig nach seiner zwiefältigen Haltung. Die Haltung des Menschen ist zwiefältig nach der Zwiefalt der Grundworte, die er sprechen kann. Die Grundworte sind nicht Einzelworte, sondern Wortpaare. Das eine Grundwort ist das Wortpaar Ich-Du. Das andre Grundwort ist das Wortpaar Ich-Es; (...) Somit ist auch das Ich des Menschen zwiefältig. Denn das Ich des Grundworts Ich-Du ist ein andres als das des Grundworts Ich-Es".

Somit bildet der Mensch seine Identität vornehmlich in Relation zu dem ihn Umgebenden: Erst die Begegnung mit einem menschlichen Gegenüber, dem "Du" (Ich-Du-Beziehung), oder mit der dinglichen Welt, dem "Es" (Ich-Es-Beziehung), ermöglicht eine Abgrenzung des "Ich" von seiner Umwelt.

"Es gibt kein Ich an sich, sondern nur das Ich des Grundworts Ich-Du und das Ich des Grundworts Ich-Es. Wenn der Mensch Ich spricht, meint er eins von beiden."

Wenn der sogenannte Follower im Kontakt mit dem Faker "Ich" spricht, meint er das Grundwort Ich-Du. Der Faker jedoch geht, wenn er in Bezug auf den Follower "Ich" sagt, vom Grundwort Ich-Es aus. Ich denke, dass das die Essenz von jeder Art von Missbrauch ist. Das Perfide am Realfaking im Unterschied zu anderen Missbräuchen ist, dass sich bei "normalem" Missbrach das Opfer klar darüber ist, dass er vom Täter nicht als menschliches Wesen, als Du wahrgenommen wird.

Mir hat gut gefallen, was hier darüber geschrieben wurde, nur in soweit Vorsicht walten zu lassen, als dadurch die eigene Beziehungsfähigkeit durch Missbrauchserfahrung nicht beschädigt wird. Ich bin nicht sehr optimistisch, dass man das so ganz in der eigenen Verfügungsgewalt hat, aber da ist jeder unterschiedlich. Wer's kann ist wohl resilienter, wer nicht vulnerabiler.

Ich finde es einfach wichtig, zumindest zu versuchen, auch einem Täter in der Haltung des Grundwortes Ich-Du zu begegnen. Auch wenn er ein kaputtes Ich hat, das nur zum Ich-Es fähig ist, so wird er dadurch nicht zu einem Menschen, dem man nur noch als Ich-Es begegnen kann. Darf man nicht mal, weil es a) auch ein Missbrauch ist (Täter sind nicht Freiwild für Missbrauch) und b) weil es die ureigene Beziehungsfähigkeit, oder das eigene Grundwort Ich-Du beschädigt, wenn Ich-Es auf einen Menschen angewandt wird.

Das geht viel tiefer als die Frage nach Verantwortung und Schuld. Das geht bis in die religiösen Wurzeln. Wer mag kann dem bei Buber nachspüren.

Ich bin sehr froh, das jetzt bei Buber nochmal gefunden zu haben, denn das macht mich wirklich im Inneren aus und ich habe es bisher noch nicht geschafft, dies hier verständlich rüberzubringen. Wann immer ich es versucht habe, wurde mir vorgeworfen, ich würde das Leid der Opfer bagatellisieren, wäre mit Tätern einverstanden (selbst der Versuch zu verstehen ist ja schon anrüchig), würde ihnen mit Mitleid begegnen, sie gar zu Wohltätern hochstilisieren. Es hilft nichts, diese Vorwürfe zurückzuweisen, was mir dann als zurückrudern angekreidet wird. Dabei geht es nur darum, unsere Menschlichkeit zu erhalten.

d$ana<e87


dass sich bei "normalem" Missbrach das Opfer klar darüber ist, dass er vom Täter nicht als menschliches Wesen, als Du wahrgenommen wird.

Genau das IST das enorm verletztende gewesen. Das ist das grauenhafte, unfassbare, das einem die Eiseskälte noch Jahre danach hochkriechen lassen kann. Das jemand dich benutzen kann wie einen Gegenstand und dann wegwerfen kann. Der körperliche Schmerz vergeht, finanzieller Schaden lässt sich wieder begradigen, aber das Gefühl des Entmenschlicht-werdens. Das werde ich niemals wieder vergessen.

LmovHuxs


Genau :)z . Und bei einem Realfake merkt man das erst irgendwann später. Für mich noch mal eine Stufe übler.

C"he


Mein Eingangsbeitrag ist sehr auf den Faker bezogen. Aus meiner Sicht liegt die Schuld ganz und gar bei ihm/ihr.

Und bei einem Realfake merkt man das erst irgendwann später. Für mich noch mal eine Stufe übler.

Beides ist m.E. nur auf Fälle begrenzt, wo der Faker wissentlich und willentlich eine wie auch immer geartete Schädigung der anderen in Kauf nimmt. Die reine Zeitverschwendung würde ich dabei nicht als Schädigung betrachten.

Ein Faker, der aus Langeweile hier erfundene oder kopierte Probleme schildert, hat keine Schädigung anderer User im Sinn. Ein Kranker, der sein Problem hier dramatisiert und überzeichnet, doch auch nicht.

Hier kann man m.E. also nicht von Schuld sprechen.

Das bewusste Einfangen anderer, um ihnen mehr als etwas Zeit abzuluchsen, ist da etwas ganz anderes. Dort ist der Schuldbegriff passend.

Sfhoxjo


Ein Faker, der aus Langeweile hier erfundene oder kopierte Probleme schildert, hat keine Schädigung anderer User im Sinn. (...)

Hier kann man m.E. also nicht von Schuld sprechen.

Das sehe ich anders. Na jut, vielleicht ist es ihm aus unterschiedlichen Gründen nicht vollauf bewusst, die Zusammenhänge sind ihm nicht klar, oder es ist nicht sein wichtigstes Anliegen. Aber das lässt sich über einen Großteil der Ladendiebe auch sagen.

ddesapaJrecixda


JA, genau. Ich lese solche Threads und sehe, wie andere sich überschlagen, alte Wunden aufreißen und sie ihr innerstes schier nach außen kehren, weil sie helfen wollen. Weil sie sowas auch irgendwie erlebt haben, weil - keine Ahnung. Meine erste Intention wäre an dieser Stelle, diese Leute zu warnen, dass sie sich nicht so arg reinsteigern sollen, weil es ihnen schmerzen wird, wenn sie es vergeblich getan haben.

DAs heißt man erkennt solche Fäden nach einer Zeit? Woran? Weil die Geschichten ähnlich sind? Schreibt ihr da dann trotzdem mit? Und warum?

Ein Faker, der aus Langeweile hier erfundene oder kopierte Probleme schildert, hat keine Schädigung anderer User im Sinn.

Ich stelle mir vor wenn jemand sowas macht, dass es ihm um die Reaktionen gehen muss. Wenn ihm die direkten Reaktionen nicht wichtig wären könnte er ja ein Buch schreiben. Ich kann mir nicht vorstellen dass es ihm nicht auch darum geht, die Leser zu schädigen oder dass er es zumindest okay findet dass das passieren kann. Dass die Leser gerne "verarscht" werden kann er ja nicht wirklich glauben. Und im Eingangsbeitrag steht dass es zum Beispiel oft um Krebs geht. Wenn das hier im Forum ist kann ich mir gut vorstellen dass da Leute mitschreiben die selbst betroffen sind oder Angehörige. Die investieren dann viele Gefühle. Dann zu merken dass man verarscht wird... :-o

M|u_ff Paotxter


Ein Faker, der aus Langeweile hier erfundene oder kopierte Probleme schildert, hat keine Schädigung anderer User im Sinn.

Und im Eingangsbeitrag steht dass es zum Beispiel oft um Krebs geht. Wenn das hier im Forum ist kann ich mir gut vorstellen dass da Leute mitschreiben die selbst betroffen sind oder Angehörige. Die investieren dann viele Gefühle. Dann zu merken dass man verarscht wird... :-o

Ich habe mich auch schon gewundert und gedacht, dass ich mich vielleicht nicht klar genug ausgedrückt habe. %:|

dianaxe87


Che

Ich glaube die Verletzung bezieht sich eher auf die gestohlenen Gefühle und Gedanken denn auf die Zeit an sich. Man fühlte sich verbunden und plötzlich wird einem diese Beziehung genommen.

Und bei einem Realfake merkt man das erst irgendwann später. Für mich noch mal eine Stufe übler.

Ich glaub nicht das man Leid da klassifizieren kann. Es ist für jeden immer und anders schlimm.

Nochmal zum Thema Schuld:

Ich empfinde das Konzept von Schuld als ungünstig. Irgendwie geht es im Zusammenhang von Schuld immer um Strafe. Nehmen wir den Mann der in Thailand der Dame ein Haus gekauft hat. Das war sicherlich naiv und blöd und blind, aber seit wann ist irgendwas davon strafbar?

Genauso bei dem Extremsportler. Ja, leichtsinnig vielleicht, aber Leichtsinn ist doch nicht strafbar. Wieso braucht es da überhaupt ein Urteil wer "Schuld" hat?

Schuld haben kommt meinem Verständnis nach ja von jemandem etwas schuldig sein. Man hat etwas (wiederrechtlich) genommen und hat nun "Schuld" die abgetragen werden muss. So richtig schön wie im alten Testamen, Auge um Auge... Wieso finden diese Kategorien auf Menschen Anwendung die niemandem etwas genommen haben?

Der Faker erschleicht sich etwas ohne die Gegenleistung wirklich zu erbringen. Er lädt Schuld auf sich, häuft Schulden an, emotionale eben. Die Frau die keinen Helm trägt oder ihr Rad nicht abschließt nimmt niemandem was, kann also keine Schuld auf sich laden.

S$hoIjxo


Die Frau die keinen Helm trägt oder ihr Rad nicht abschließt nimmt niemandem was, kann also keine Schuld auf sich laden.

Ich glaube, das empfinden einige anders, weil dann ja "die Solidargemeinschaft zahlen muss".

Skhojxo


Das gilt ja auch immer wieder - Übergewicht, Rauchen, Leichtsinn, sogar HartzIV, immer findet sich jemand, der so tut, als würde das Prinzip der Solidargemeinschaft es rechtfertigen, dass man massiv über das Verhalten und die Lebensgestaltung anderer urteilen darf in Hinblick auf Punkte, die man selbst anders handhabt und die einen deshalb nicht tangieren und einem persönlich als leicht änder- oder verzichtbar erscheinen.

dkanGae8x7


Ich glaube, das empfinden einige anders, weil dann ja "die Solidargemeinschaft zahlen muss".

Was in meinen Augen ein deutliches Missverständniss des Wortes "Solidarität" aufzeigt, aber selbst gemessen daran. Der Mann der das Haus in Thailand erworden hat wird ja nicht entschädigt, kostet niemanden und dennoch ist der Reflex der Selbe, beim gestohlenen Rad auch, selbst wenn es versicht war bin ich mir sehr sicher das die Versicherung insgesamt eher ein Plus macht. Ich kann mich ja auch nicht ganz davon frei sprechen, aber ich find mich auch ziemlich doof wenn ich mich dabei erwische.

dResap+artecida


Danae, das finde ich auch!

Ich glaube die Verletzung bezieht sich eher auf die gestohlenen Gefühle und Gedanken denn auf die Zeit an sich. Man fühlte sich verbunden und plötzlich wird einem diese Beziehung genommen.

Ich glaube auch weil man manche Sachen vielleicht nicht erzählt hätte wenn man sich nicht so verbunden gefühlt hätte. Es gibt hier gerade ein Thema bei dem eine Frau erzählt dass sie verprügelt wurde. Ganz viele andere Frauen melden sich zu Wort und berichten davon dass sie oder ihre Mutter ebenfalls geschlagen wurden. Ich denke sie tun es nur weil sie damit helfen wollen. Sie wollen Zuspruch bieten und der Frau verständlich machen dass sie nicht allein ist und dass es andere Opfer gibt. Deshalb erzählen sie Sachen die sie sonst vielleicht nicht erzählt hätten. Sie haben das ganz dringende Bedürfnis mit ihrer Geschichte in diesem Moment helfen zu wollen. Wenn ich mir vorstelle jemand würde so eine Geschichte oder eine ähnlich schlimme wirklich erfinden (ich kann mir das nicht vorstellen, ehrlich nicht, und ich glaube es auch noch nicht ganz dass es Menschen gibt die zu so etwas in der Lage sind) dann wäre das sehr unfair für die Frauen die sich so weit geöffnet haben. Ich denke sie schämen sich (wenn die Geschichte nicht echt war und sie es erfahren) wirklich sehr weil sie es sonst nie erzählt hätten.

dXesaparreEcidxa


Ich meinte eigentlich deinen Beitrag davor. Der neue ist aber auch gut! :-)

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