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Realfakes - Das Spiel mit den Gefühlen anderer

LYiclhtAmHodri)zon%t


@ Liebe08

Ich habe es jedenfalls so erlebt, dass mir als lebensbedrohlich körperlich Erkrankte sehr viel Zuwendung zuteil wurde - wofür ich natürlich sehr dankbar war. Aber gleichzeitig ist mir da so richtig bewusst geworden, wie wenig zwischenmenschliche Unterstützung (Zuwendung, Trost etc.) viele erhalten, die (ggf. auch unheilbar) psychisch erkrankt sind.

Eine Ahnung davon hatte ich bereits als Kind… War ich körperlich krank, wurde ich gehätschelt und getätschelt. Ging es mir seelisch schlecht, hieß es nur, ich solle mich nicht so anstellen, oder es wurde gleich ganz ignoriert. Allerdings mussten auch meine körperlichen Erkrankungen erst einen gewissen Grad überschreiten und für jedermann sichtbar werden, damit man sie mir glaubte.

LRiexbe8


@ LichtAmHorizont

Ja, genau so habe ich das auch erlebt.

LHich<tAmdHorxizont


Ich glaube, psychisch Kranken wird oft eine (Mit-)Schuld unterstellt. Bei körperlichen Erkrankungen - wenn es nicht gerade eine vermeidbare Verletzung durch eine Risikosportart o.ä. ist, sondern eine, die einen schicksalshaft ereilt - fehlt dieser Aspekt natürlich.

Slhqojxo


Ich glaube, psychisch Kranken wird oft eine (Mit-)Schuld unterstellt.

Ja. Sie "können sich ja einfach mal zusammenreißen." Und psychische Erkrankungen machen oft ratloser. Der Impuls, etwas zu tun, ist viel umfassender und schlechter einzusortieren - bei körperlichen Erkrankungen kümmern sich ja um die Behandlung/Heilung die Ärzte, und die anderen sind eher für Trost und kleine Gesten des Beistands zuständig und nicht in der Verantwortung für das Leben des anderen. Außerdem ist dann oft viel klarer benennbar, was los ist, und es ist eben im Normalfall in irgendeiner Weise zeitlich absehbar. Wo es bei körperlichen Erkrankungen unklar, sehr langwierig oder auch nicht lebensbedrohlich und dramatisch, aber sehr belastend wird, sieht es mit der Unterstützung dann oft auch wieder anders aus. Oft geht es da auch, denke ich, um die Selbstbelohnung des Helfers, so zynisch das klingt.

L3ichtAAmHo?rizonxt


Das Tückische an psychischen Erkrankungen ist wohl auch, dass nicht jeder denselben Auslöser "braucht", um dieselbe Erkrankung zu bekommen. Während den einen erst ein undiskutierbar schlimmes Trauma (Krieg, Folter, Vergewaltigung…) aus den Socken haut, reicht bei dem anderen schon "nur" ein Verlust des Arbeitsplatzes oder ähnliches, obwohl das Empfinden beider und die ausgelösten Symptome gleich sind. Psychische Erkrankungen werden vom Umfeld mehr am Auslöser gemessen als an den tatsächlichen Symptomen und Beschwerden.

Wenn zwei dagegen einen fieberroten Kopf, Schweiß auf der Stirn und eine Triefnase haben, kann man schwierig sagen, der eine bilde sich die Grippe nur ein und der andere habe sie wirklich.

dSanaxe87


Ich glaube der Unterschied ist auch der, dass man bei psychischen Erkrankungen je nachdem wie nahe man dem Gegenüber steht, Teil des Problems ist. Bei der Familie ist das besonders offensichtlich. Sie sind Teil der Dynamik. Das Eingestehen das ein Problem vorliegt bleibt also nie nur beim Anderen stehen sondern stellt auch immer Fragen an das Gegenüber. Bestimmte Freundschaften funktionieren nur solange Störungen vorliegen weil sie auf dem Ungleichgewicht fußen.

Sich da zu kümmern bedeutet also auch immer sich mit sich selbst zu beschäftigen und sich selbst in Frage zu stellen. Diese Dimension bleibt bei körperlichen Erkrankungen aus. Da hat man Pech oder es gibt böse Krankheitserreger und man selbst ist total in Sicherheit. ;-D ;-D

LLichtAlm9Horizxont


Ja, sehr wahr. :)z

SVhoLjo


Uff, ja. Bei den Auslösern wollte ich noch widersprechen, denn gerade bei Krebs ist es ja sehr ähnlich - tausend mögliche Auslöser, nur wenige zwingende -, aber dass die allermeisten Leute, mit denen jemand, der psychisch erkrankt ist, zu tun hat, und vor allem die, die ihm nahestehen, ein Teil des Systems sind, das seine Krankheit mitbedingt hat, ist mit Sicherheit eine der allergrößten Schwierigkeiten.
Grundsätzlich lässt sich eine körperliche Krankheit auch mehr oder weniger klar umrissen von der Persönlichkeit des Betroffenen trennen (ganz so leicht ist es natürlich nicht, aber es scheint so), während sich bei einer psychischen Erkrankung ja immer die Frage stellt, auch durchaus dem Betroffenen selbst: Was ist noch Persönlichkeit, was durch die Krankheit bedingt? Und auch die Heilung und ihre Belegbarkeit ist so eine Sache - es ist ja nicht so, dass man nachweisen kann: "Keine Depressionserreger mehr im Urin, kein schizoides Geschwür mehr im Schädel, alles paletti!"

L4ic_hRtAmHoMrizont


@ Shojo

es ist ja nicht so, dass man nachweisen kann: "Keine Depressionserreger mehr im Urin, kein schizoides Geschwür mehr im Schädel, alles paletti!"

Dann wäre ja auch die Heilung relativ einfach, beispielsweise durch Einnahme eines Antibeklopptikums.

Uff, ja. Bei den Auslösern wollte ich noch widersprechen, denn gerade bei Krebs ist es ja sehr ähnlich - tausend mögliche Auslöser, nur wenige zwingende

Ja, natürlich. Bei einem Kettenraucher, der Lungenkrebs bekommt, oder einem Trinker, der Leberprobleme hat, sind andere vielleicht weniger nachsichtig als bei jemandem, der dasselbe aus heiterem Himmel bekommt.

dWanaex87


Noch dazu gibt es keine Garantien das man mit Nähe und menschlicher Wärme bei psychischen Erkrankungen per se hilft und je nach Krankheitsbild wird man auch Opfer von Angriffen und Manipulationsversuchen und gerät damit selbst in die Schußlinie. Bei einem Krebspatienten kann ich nicht viel falsch machen, ich muss auch nicht um meine Gesundheit und Stabilität fürchten. Die Person kann mir sagen was sie braucht und ich sehen ob ich das leisten kann. Ich werde nicht gezwungen medizinisch relevante Entscheidungen zu treffen. Die treffe ich aber in meinem Umgang mit psychisch Kranken oft. Wer will sich am Ende schon fragen ob man die falschen Worte gewählt hat und der alte Fruend davon so getroffen war das er nun tot ist?

E]hemal8iger Nuutzer (L#4}9832x7)


@ Shojo

Was ist noch Persönlichkeit, was durch die Krankheit bedingt?

Das ist ein Punkt, der mir große Probleme bereitet. Ich kenne mich eigentlich gar nicht anders als "krank". Weder weiß ich, wer ich wirklich bin, noch wieviel von dem, der zu sein ich immer annahm, noch übrig bleibt, wenn die Therapie - falls jemals - beendet wird.

Ich bin ja hier im Forum auch nicht gerade als Sonnenschein bekannt. Vermutlich würde mich selbst Schopenhauer als zu pessimistisch bezeichnen.

Auch ansonsten kann ich das, was du schreibst, nur bestätigen. Nach diesem Therapieblock steht eine Zwangspause an. Mein Umfeld scheint aber zu erwarten, dass ich mit Abschluss der Therapie wieder "heile" sein soll. %-| Leck mich doch fett, ist ja nicht so, als würde ich meine Probleme abstreifen können wie einen Gipsverband, so gern ich es auch könnte.

Die letzten Wochen waren eh insgesamt ein ziemlicher Haufen Dreck. Im Moment würde ich mich am Liebsten auf eine einsame Insel beamen. Die Welt geht mir auf den Senkel. Ich mag nicht mehr.

Montag fahre ich einige Wochen zu meiner Freundin. Man sollte meinen, dass das eine Art Urlaub ist. Ist es aber nicht. Nicht für mich. Nichts gegen meine Freundin, ich freue mich auf sie. Ich kann zwar weg aus der Stadt, aber die Probleme schleife ich doch halt mit, gell? Vor sich selbst kann man nicht flüchten. So gesehen würde mir eine einsame Insel dann auch nur begrenzt helfen.

@ Topic

Also ist Serenity doch letztendlich aufgeflogen? Hat ja ziemich gedauert.

Ich glaube zwar, dass der Kern ihrer geschilderten Probleme wahr ist, aber dass sie dennoch das Gefühl hatte, es noch schlimmer reden zu müssen. Wahrscheinlich ist sie einfach nur total einsam.

LroWg Laxdy


Ich glaube der Unterschied ist auch der, dass man bei psychischen Erkrankungen je nachdem wie nahe man dem Gegenüber steht, Teil des Problems ist. Bei der Familie ist das besonders offensichtlich. Sie sind Teil der Dynamik.

Grundsätzlich lässt sich eine körperliche Krankheit auch mehr oder weniger klar umrissen von der Persönlichkeit des Betroffenen trennen (ganz so leicht ist es natürlich nicht, aber es scheint so), während sich bei einer psychischen Erkrankung ja immer die Frage stellt, auch durchaus dem Betroffenen selbst: Was ist noch Persönlichkeit, was durch die Krankheit bedingt?

Noch dazu gibt es keine Garantien das man mit Nähe und menschlicher Wärme bei psychischen Erkrankungen per se hilft und je nach Krankheitsbild wird man auch Opfer von Angriffen und Manipulationsversuchen und gerät damit selbst in die Schußlinie. Bei einem Krebspatienten kann ich nicht viel falsch machen, ich muss auch nicht um meine Gesundheit und Stabilität fürchten. Die Person kann mir sagen was sie braucht und ich sehen ob ich das leisten kann. Ich werde nicht gezwungen medizinisch relevante Entscheidungen zu treffen.

Wichtige Aspekte.

Außerdem denke ich, dass der Helfer das (ambivalente?) Verhalten des Erkrankten bei körperlichen Krankheiten sicher weniger persönlich nimmt, als weniger kränkend empfindet, eben weil er nicht Teil des Systems ist. Wenn man sich zumindest in diesem Punkt abgrenzen kann, erhöht das die Bereitschaft zu helfen.

Und: Körperliches Unwohlsein hatten die meisten von uns schon einmal, können sich in die Lage eines Menschen mit Schmerzen hineinversetzen. Psychische Erkrankungen sind für viele Menschen nicht greifbar, damit nicht nachvollziehbar.

qHuacksHalbexrei


Sich da zu kümmern bedeutet also auch immer sich mit sich selbst zu beschäftigen und sich selbst in Frage zu stellen. Diese Dimension bleibt bei körperlichen Erkrankungen aus.

Ich weiß, dass das nicht so extrem gemeint ist, dennoch möchte ich ein bisschen was ergänzen. ;-)

Bei körperlichen Erkrankungen, die lebensbedrohlich sind oder gar "sicher" bald zum Tod führen, aber auch bei im Alltag sehr einschränkenden (chronischen) Erkrankungen spielt ja die Psyche auch eine große Rolle. Gerade bei der Krebs-Fakerin bin ich mir sehr sicher, dass sie auch deshalb so intensiv von nicht-professionellen Personen (Freunden, Arbeitskollegen) begleitet wurde, weil ihre Haltung - sie wusste ja schließlich, dass sie nicht todkrank ist - den Umgang mit ihr einfach machte. Es las sich ja so, als sei sie recht positiv, weise, kraftvoll auch noch anderen helfend mit der "Erkrankung" und "dem nahen Tod" umgegangen. Bei so einer Haltung wird den Personen im Umfeld der Umgang mit einem Schwerkranken verhältnismäßig leicht gemacht, da die Begleitenden neben allem Leid womöglich selbst noch Kraft aus der Situation ziehen können, auch sich selbst im Umgang mit der Fakerin nicht so sehr in Frage stellen müssen, da die Fakerin ja wohl die Stärke ausstrahlte, das Emotionale weitgehend auch "alleine" auf die Reihe zu bekommen, diesbezüglich also relativ unkompliziert war.
Bei wirklich körperlich Schwerkranken, die psychisch darunter leiden, hilflos, traurig, wütend sind, sieht das natürlich oft ganz anders aus, da stehen Freundschaften und Beziehungen oft auf dem Prüfstand, selbst wenn die Zeit bis zum Tod absehbar zu sein scheint, weil sich das Umfeld eben auch mit sich selbst, den eigenen Gefühlen, den Gefühlen dem Kranken gegenüber, den "Wechselwirkungen" mit dem Kranken beschäftigen muss, da kann - schon bei einigen Leuten miterlebt - auch bei körperlichen (und auch tödlichen) Krankheiten der wirklich unterstützende Freundeskreis plötzlich recht klein werden, weil einige sich (körperlich oder emotional) ganz oder weitgehend zurückziehen, sei es, weil sie überfordert, hilflos, "doch nicht so gut befreundet" oder was auch immer sind. Die Krebs-Fakerin wusste schon sehr genau (und konnte es mangels tatsächlicher Erkrankung sehr gut steuern), welche Gefühle sie in welcher Intensität einsetzt, wie weit sie also gehen kann, um genügend Aufmerksamkeit, Zuwendung, Unterstützung zu bekommen, ohne dass jemand "abspringt".

Insgesamt sehe ich es aber auch so, dass psychisch Kranke - aus den von euch genannten Gründen - eher "fallengelassen" werden und von weniger Menschen Mitgefühl erfahren, möchte euch also gar nicht widersprechen. ;-)

SBho:jo


Antibeklopptikums

Her damit, brauch ich manchmal auch! Nicht, dass ich es oft nehmen würde, aber es in der Hinterhand haben schadet bestimmt nicht! ;-D

Quacks, Deine Ergänzung unterschreib ich sofort. Generell sind wohldosierte menschliche Abgründe interessant und sogar manchmal tröstlich, wie eine gut erzählte Geschichte, klaffende menschliche Abgründe hingegen schrecken viele Leute ab. Anstrengung, kräftezehrend, Tod und kaputt und igitt. Und es IST ja auch teuflisch schwierig und hart, gerade wenn es dem Kranken nicht gut geht und er nicht lächelnd vermittelt, solange noch Leben in ihm wäre, sei er voller Freude, Zuversicht und Tapferkeit. Dieser Strudel, in den einen die schwere Erkrankung eines Angehörigen zieht, die echt ist und nicht cineastisch inszeniert, ist ein Alptraum, wenn man nicht gerade so gepolt ist wie Tobias Mindernickel aus der Novelle von Thomas Mann und mit Bedürftigen mehr anfangen kann als mit Gesunden.

LIichtAmH<or,izont


Tobias Mindernickel

Mit dem hast Du mich jetzt traumatisiert. Wie übel. %:| Ich kannte den nicht und habe die Wikipedia-Zusammenfassung gelesen.

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