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Liebe ist nicht genug - Leben mit Krankheit und Sterbewunsch

HQimmelZgrün


@ Die Seherin

Es ist seltsam. Zeitweise fühlt es sich so an, als warte ich einfach nur noch ab, bis die Symptome deutlich genug sind für mein geplantes Sterben. Zu anderen Zeiten bin ich ganz glücklich. So richtig fröhlich bin ich nicht mehr, aber glücklich und erleichtert schon.

Kann z.B. auf dem Sofa liegen, meine Frau ansehen und mich über sie freuen und darüber, dass es so schön ist mit ihr. Oder ich freu mich, weil heute z.B. so ein sonniger Tag war.

Vor ein paar Tagen hab ich einen besonderen Traum gehabt. Erst wollte ich ihn aufschreiben und hier posten, aber dann hab ich es nicht getan und jetzt krieg ich ihn wohl nicht mehr richtig zusammen. Aber ich glaube, er hat mein Innenleben gut beschrieben.

H\imme=lgrün


Traurige Stimmung. Gedanken wie zu Anfang "Kann das wirklich wahr sein?" Aber auch "Wie schaff ich es bloss, die verbleibende Zeit gut zu gestalten?"

Wie viele Monate bleiben noch? Heute fühle ich mich recht krank und schwach, so müde. Das kann die Niereninsuffizienz sein, aber auch eine Erkältung, Wechseljahre-Zeugs oder einfach ein schlechter Tag.

Gestern ein kurzes Gespräch mit der Nachbarin übern Zaun. Sie fragt, ob ich noch immer "nichts machen" möchte, nein, möchte ich nicht.

Katja ist wie immer so liebevoll, tröstend, warm. Sie hält mich fest. Wie schafft sie das bloss, so viel Verständnis für mich zu haben?

Gut ist, dass sie die Pausetaste für ihr eigenes Leben nun nicht mehr gedrückt hält. Nach dem Gespräch beim Nephrologen hat sie eingesehen, dass es so nicht gehen kann. Wir wissen nicht, wie es mir im Mai geht und wir wissen nicht, wann ich sterben werde. Das bedeutet für sie: weiterleben, ernsthafte Bewerbungen schreiben, die Tage kommen lassen und das Beste draus machen. Das letztere versuchen wir beide. Es gelingt mittelprächtig. Sie beschäftigt sich (auch) mit Ablenkungen, ich schlepp mich irgendwie träge durch die Tage.

Meine Arbeit geht mir nicht mehr so leicht von der Hand. Es sind ja nur diese wenigen Stunden pro Woche, aber ich muss mich schon sehr zusammennehmen. Konzentration ist nicht mehr selbstverständlich. Manchmal muss ich mich zwingen, überhaupt ins Büro zu fahren, aber diese letzten zwei Monate will ich wirklich noch schaffen. Alles sauber abschliessen, das ist mir noch immer wichtig.

Es gibt noch eine Menge Dinge, die ich eigentlich tun möchte (Briefe schreiben, ein Inventar fürs Erbschaftsamt erstellen, den Keller räumen, einen Termin im Hospiz vereinbaren..), aber ich kann mich gerade nicht dazu aufraffen. Ich hoffe darauf, dass wieder Tage kommen, wo ich mehr Energie habe.

In zwei Wochen bekommen wir für ein paar Tage Besuch von einem befreundeten Paar. Darauf freu ich mich. Ich mag die beiden so sehr. Wir werden uns wahrscheinlich nach diesem Besuch nicht wiedersehen.

C'otecSauv3age


Vielleicht sind das auch die ständigen Wetterumschwünge? Da gehts mir auch nicht gut.

Es gibt noch eine Menge Dinge, die ich eigentlich tun möchte (Briefe schreiben, ein Inventar fürs Erbschaftsamt erstellen, den Keller räumen, einen Termin im Hospiz vereinbaren..), aber ich kann mich gerade nicht dazu aufraffen.

Wenn ich an Stelle deiner Frau wäre würde ich dich bitten so Sachen wie Inventar erstellen, Keller räumen usw nicht zu machen sondern mir zu überlassen (soweit das rechtlich geht - seid ihr verheiratet?). Du solltest jetzt möglichst nur was Schönes machen, und das Unangenehme könnte ich dann machen wenn du nicht mehr da bist und eh alles egal ist. Aufräumen wär das Letzte was ich jetzt täte.

C8omxran


Katja ist wie immer so liebevoll, tröstend, warm. Sie hält mich fest. Wie schafft sie das bloss, so viel Verständnis für mich zu haben?

Sie gibt dir alle Kraft, die sie hat. Wenn du mal nicht mehr bist, hat sie genug Zeit, verzweifelt und schwach zu sein.

aber diese letzten zwei Monate will ich wirklich noch schaffen

Was ist in zwei Monaten für ein Stichtag? Hast du gekündigt? Sorry, falls du es schon woanders geschrieben hast, dann konnte ich mir das nicht merken.

Ganz viel Kraft :)* und fühl dich gedrückt. :)_

CaoteSa"uvaxge


Was ist in zwei Monaten für ein Stichtag? Hast du gekündigt?

Ach ja, in so einer Situation würde ich mich auch nicht an Stichtage halten oder mein letztes Pflichtgefühl mobilisieren. Da muss man mit sich selber etwas großzügiger sein.

HOimmelxgrün


Ja, ich habe auf Ende März gekündigt. Ich bin Alleinbuchhalterin in einem kleinen Ingenieurbüro und es ist mir wichtig, den Jahresabschluss noch zu machen und die Nachfolge sicherzustellen. Klar, das ist einerseits Pflichtgefühl, andererseits bin ich eben auch mit der Geschäftsführerin befreundet und diese letzten Berufsjahre waren schon etwas mehr als nur Arbeit. Wir hatten eine gute Zeit zusammen, viele private Gespräche und ich habe all meine Privilegien sehr geschätzt. Ich würde mich sicher schlechter fühlen, wenn ich sie nun hängen lasse, als wenn ich mich etwas überwinden muss. Und es geht ja nur noch um 10 Stunden/Woche.

Und ja, ich bin zwar verheiratet (eingetragene Partnerschaft heisst das in der CH), aber mein Vater lebt noch und ist ein pflichtteilgeschützter Erbe. Damit es zu möglichst wenig oder hoffentlich keinen Diskussionen kommt, möchte ich so gut es irgend geht "Vorarbeiten" leisten.

Ach ja.. der Keller ;-D . So schlimm und unangenehm ist das Aufräumen nicht. Im Gegenteil - ist doch ein super Gefühl, wenn sowas gemacht ist. Und der Raum ist nicht sehr gross, es geht hier also nicht um eine Lebensaufgabe. Natürlich achte ich darauf, dass ich möglichst viel Schönes mache - aber das geht ja auch nicht 24 Stunden am Tag. Momentan ist es eher so, dass ich rumhänge. So besonders befriedigend ist das ja nun nicht. Da würde mich der aufgeräumte Keller wohl glücklicher machen. ]:D

Cfomraxn


Ach ja, in so einer Situation würde ich mich auch nicht an Stichtage halten oder mein letztes Pflichtgefühl mobilisieren. Da muss man mit sich selber etwas großzügiger sein.

Ich kann das verstehen, dass sie keine Lücke hinterlassen möchte, sondern einen "aufgeräumten Tisch". Man ist vielleicht beruhigter, wenn man weiß, dass man niemandem Arbeit hinterlässt. Auf der einen Seite steht ihre Selbstbestimmung über die medinizische Behandlung und deren Folgen - mit dem Verlust für andere Menschen. Auf der anderen Seite steht das Entgegenkommen, dass andere in der verbleibenden Zeit auf sie zählen können. Sie möchte sich nicht davonstehlen. Vermutlich führt das zu einer Art ausgleichenden Balance.

Wer hat sich schon nicht überlegt, wie er die letzten Tage des Lebens verbringen möchte? Manche würden auf Konventionen scheißen, vielleicht das Tier rauslassen und rücksichtslos leben. Verbrechen begehen und für sich die totale Anarchie erklären. Oder einfach alles ausprobieren, was man sich bisher nicht traute (ohne Schaden für andere). Oder eben wie die TE einen sauberen Schlussstrich ziehen, bevor man die letzte Zeit für sich und die Lieben beansprucht. Das ist eine Geradlinigkeit, die ich bewundere - auch z.B. an Wolfgang Bosbach, der unheilbar an Krebs erkrankt ist und dennoch weiter seinen ganz normalen Tag im Bundestag lebt.

Man muss nur schauen, dass man nicht selbst zu kurz kommt. Aber falsch finde ich das nicht.

Dqie S:eh-erxin


Natürlich achte ich darauf, dass ich möglichst viel Schönes mache - aber das geht ja auch nicht 24 Stunden am Tag. Momentan ist es eher so, dass ich rumhänge. So besonders befriedigend ist das ja nun nicht. Da würde mich der aufgeräumte Keller wohl glücklicher machen.

;-D das kann ich mir bildlich vorstellen ;-D so geht es mir ja schon, wenn ich nur urlaub habe... ein wenig abhängen ist schon schön, nette sachen machen auch, aber wie glücklich einen eine bewältigte herausforderung machen kann - vor allem, wenn sie so sichtbar ist, wie ein aufgeräumter keller - ist schon sehr verblüffend!

wie schätzt du eigentlich deinen vater ein? dass er dann rechtliche "zicken" macht, oder dass er deinen willen respektiert?

DLie S4ehe}rin


hallo Himmelgrün - wie geht es dir denn so? @:)

H8immWel`grün


Auszug aus einer Nachricht von mir an eine kranke Freundin:

"... Ich denk oft an dich. Es beschäftigt mich, dass ich gerade für andere nicht so da sein kann, wie ich eigentlich möchte, bzw. wie ich es könnte, wäre ich nicht selber in so einer Ausnahme-Situation. Ich versuche es schon, aber ich merke eben, dass ich mich auch abgrenzen will, es nicht an mich heranlassen kann/will... Fühle mich nicht wohl damit, aber ändern kann ich das gerade auch nicht.

Was mich betrifft, bin ich weiter dabei, Dinge zu organisieren und Abschied zu nehmen. Das Exit Rezept ist ausgestellt, der Zeitpunkt, wo ich es eingelöst haben möchte, aber noch völlig offen. Die Zeit zwischen jetzt und dann empfinde ich gerade sehr, sehr schwierig und alles fühlt sich verkehrt an. Was ich da plane, ist ein Bilanzsuizid mit zu viel Bedenkzeit. Es ist unnatürlich, sein Leben beenden zu wollen, das spüre ich - und trotzdem will ich das Leben, das mir bevorsteht, absolut nicht haben.

Ich versuche, Frieden zu schliessen mit all dem, was gegenwärtig ist. Versuche, mich anzunehmen mit meiner Verwirrung und Bockigkeit. Ich hoffe sehr, dass mir das noch etwas besser gelingt, so dass ich nicht so zerrissen sein muss an meinem Todestag... "

Soweit meine Gedanken an diese Freundin. Da ich in den letzten Tagen kaum Worte für meine Lage fand, nehme ich nun diese auch fürs Forum.

Ccomr]an


:°_ :)*

C%ot7eSaquvagxe


Nachdem das wohl eine der schwersten Entscheidungen ist die man überhaupt treffen muss, solltest du da nicht zu sehr mit dir ins Gericht gehen, von wegen Bockigkeit und so. Und ich finde, du solltest dir alles so lange offen lassen bis du dir sicher bist. Und wenn sich eine Entscheidungsvariante gut anfühlt, die du bisher abgelehnt hast, dieser nachgehen. Nicht unbedingt bei etwas bleiben, bloß weil du es hier und anderswo so heroisch ausgebreitet hast. Die Entscheidung, sich zu töten, ist so endgültig, dass du dir da beim Nachdenken darüber alles erlauben können musst.

C*yDtxex


und trotzdem will ich das Leben, das mir bevorsteht, absolut nicht haben.

Du kannst nicht wissen, was noch kommen wird.

D-ie Sehzerin


Die Zeit zwischen jetzt und dann empfinde ich gerade sehr, sehr schwierig und alles fühlt sich verkehrt an. Was ich da plane, ist ein Bilanzsuizid mit zu viel Bedenkzeit. Es ist unnatürlich, sein Leben beenden zu wollen, das spüre ich - und trotzdem will ich das Leben, das mir bevorsteht, absolut nicht haben.

oh je... dann bist du innerlich wohl ganz schön zerissen, momentan, was? ich denke oft an dich und wünsche dir so sehr, dass du offenen herzens an diese "endgültigkeit" herangehst, deine entscheidung nach tagesform triffst, dir selber gegenüber gnädig bist falls du dich immer mal wieder umentscheidest...

es ist so schwer in worte zu fassen was ich meine, weil ich mich zwar in vieles hineinversetzen kann, in deine situation allerdings überhaupt nicht :)_

Lhicht|AmH&orixzont


Ich schließe mich CoteSauvage und Die Seherin an.

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