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Liebe ist nicht genug - Leben mit Krankheit und Sterbewunsch

D.ie ]S;exherin


das wollte ich damit ja auch gar nicht sagen - eher fragen, wie ihr damit umgeht, wenn es dann doch ganz unterschiedlich schwer wird. wenn du sagst: so, jetzt is gut... am 10.4. isses soweit! und deine frau dann weint: aber es gibt doch immer noch ganz schöne phasen - bittebitte jetzt noch nicht!

HriemmeXlgr*ün


Also dieses Szenario ist mehr als unwahrscheinlich.

d8anYae8x7


Wieso?

HDimme4lgrüxn


- Weil meine Frau nicht abhängig ist von mir. In ihrem Leben gibt es noch sehr viele andere Aspekte, die für sie wichtig sind, nicht nur unser gemeinsames Leben. Sie hat noch nie geklammert und ich glaube nicht, dass sie nun damit anfängt.

- Weil zu dem Zeitpunkt, wo ich bereit sein werde, mehr Leiden da sein wird, als heute ist. Sie wird niemals wollen, dass ich leide. Und für sie schon gar nicht.

- Weil meine Frau ein Mensch ist, der loslassen kann. Das hat sie in der Vergangenheit wiederholt gezeigt.

dxana!e18d7


Und was wenn sie in dem Moment doch klammert? Also ich denke es wäre zumindest verständlich in diesem einen Moment. Ich würde von mir auch denken das ich es nicht täte, aus oben genannten Gründen, aber darauf schwören würde ich lieber nicht.

H]immgelgAxn


Sagen wir mal, wenn sie anders reagieren würde, als ich mir das denke, dann machen wir das wie sonst auch. Reden, reden, reden. Und allenfalls einen Termin bei der Paartherapeutin vereinbaren. Und dort schauen, was sie braucht und was ich brauche. Haben wir auch schon gemacht und wir können immer wieder auf diese Frau zurückgreifen. Wir sind in einer Ausnahme-Situation und wir finden unseren Weg.

Daran zweifle ich nicht.

d?ana)e8x7


Das klingt doch gut. :-)

éSpinxe


Gerade auch unter uns Fachkräften ist trotz der offensichtlichen Erfolge die Haltung "niemals würde ich damit anfangen" sehr verbreitet.

Phu, DAS finde ich hingegen wiederum sehr interessant.

Ich kann das noch ausführen - tatsächlich liegt das an der Zusammensetzung unseres Patientengutes. Wir haben im Gros multimorbide Patienten (die über eine Diabeteserkrankung zur Nierenschädigung kommen, allerlei sonstige Gefäßprobleme, Durchblutungs- und Herzprobleme haben), deren Lebensqualität und -dauer durch die Dialyse meist nicht exorbitant ansteigt - so von außen betrachtet.

Für die jungen Patienten (also unter 65, wir sind da nicht so ;-) ) mit anderen Grunderkrankungen - wie z.B. Zystennieren - gilt das für die meisten meiner Kollegen und auch mich selbst nicht. Wenn sonst keine großen Probleme vorliegen, geht es unseren Patienten nach der Andialysephase oft verdammt gut, das "lohnt" sich sachlich von außen betrachtet auch aus unserer persönlichen Sicht auf jeden Fall. Meist ist die Dialyse dann auch nur eine Zwischenstation vor der Transplantation, dann ist das mit der Abhängigkeit sehr relativ. @:)

HnimmMelxgrün


Noch ein paar Wochen, dann ist es ein Jahr her, seit mein bester Freund (er war auch meine erste Liebe) gestorben ist. Seine letzte Nachricht erreichte mich am 19.3.15, danach konnte er sich nicht mehr mitteilen und wenige Wochen später verbrachte ich dann viele Stunden in diesem sterilen Krankenhauszimmer und wusste, dass nichts mehr aufgehalten werden kann.

Am Wochenende vor seinem Tod sass ich bei uns vor dem Haus im Sonnenschein, es war ein wunderschöner Tag, blauer Frühlingshimmel, hellgrüne Blätter, Blumen – alles so schön und ich freute mich darüber und war gleichzeitig so tieftraurig, weil ich schon wusste und spürte, dass sein Leben zu Ende geht. Nun kommt wieder ein Frühling und ich trauere noch immer sehr.

Und dann fällt mir wieder ein, dass meine Frau diese Trauerarbeit noch vor sich hat. Momentan verdrängen wir beide offenbar mein Sterben recht erfolgreich. Erstaunlich, dass das geht, wo ich doch immer wieder dabei bin, Regelungen für diese Zeit und für das, was danach kommt zu treffen.

Damals, im letzten Frühling, trauerte ich nicht nur um meinen lieben Freund, sondern auch um mein eigenes Leben, bzw. um die Jahre, um die es "gekürzt" sein würde. Allerdings habe ich da noch geglaubt, dass mir mehr Zeit bleibt. Aber was heisst das schon? Mir bleibt genug Zeit. Manchmal denke ich darüber nach, wie unterschiedlich mein Freund und ich mit dem Kranksein und dem Sterben umgegangen sind. Er hat die medizinischen Möglichkeiten genutzt und den Gedanken ans Sterben weit weg geschoben. Und dann ging alles ganz schnell und ohne Vorbereitungen. Und ich bin nun seit Monaten dabei, mich auf meinen Tod einzustellen und Abschied zu nehmen. Dazwischen übe ich, versöhnlich zu denken und mit mir in Frieden zu sein. Je länger es dauert, je mehr wird mir bewusst, wo das Loslassen schwer fällt. Aber ich gehe weiter, Schritt für Schritt.

H.immUe@lgrCün


Ich habe in den letzten Tagen eine Aufstellung gemacht über die einzelnen Aspekte, die bei meiner Entscheidung über Leben oder Sterben eine Rolle spielen. Es würde meiner üblichen Vorgehensweise entsprechen, die Punkte zu gewichten für ein Abwägen – aber das lasse ich vorerst mal. Hier die Stichworte, die ich notieren konnte:

Weiterleben

Was spricht für ein Weiterleben?

- Katjas Liebe, unsere Beziehung

- Zusammensein mit Freunden

- M.

- Freude am Haus, am Garten, an Sachen

- Freundschaft mit J.

- Persönlichkeitsentwicklung

- allgemein weitere gute Erlebnisse

Was kann ich mit der Entscheidung für das Leben vermeiden?

- Katjas Verlust

- M.s Verlust, J.s Verlust, B.s Verlust

- meinen Schmerz, Katja zu verlassen

- ein "abgebrochenes" Leben

- unangenehme Exit-Situation

Sterben

Was spricht für das (allenfalls mit Exit beschleunigte) Sterben?

- Erleichterung (kein Kraftaufwand in Bezug aufs Ertragen von Beschwerden)

- hohe Intensität des Lebensgefühls in der Gegenwart bis zum Tod

- Sicherheit, bis zum letzten Tag geliebt zu werden

- Freiheitsgefühl (ich muss gar nix)

- finanzielle Absicherung für Katja

- endgültige Lösung (ein für alle Mal Ruhe, kein Schrecken ohne Ende)

- Lebenssattheit (ist länger wirklich mehr?)

- konsequente Haltung nach Verlust von Fundament und Lebensgrundvoraussetzungen

Was kann ich mit der Entscheidung für das Sterben vermeiden?

- Verlust von Eigenständigkeit und Körperkontrolle

- Schmerzen, Unwohlsein (dieser Körper ist nicht mehr mein Zuhause)

- Verlust von Bewegungsfreiheit, Spontanität, Unbeschwertheit

- Katja zur Last zu fallen, ihre Liebe zu verlieren

- eine andere Einstellung finden müssen

- Angst vor Komplikationen

- Angst, es nicht zu schaffen (keine Zufriedenheit erreichen zu können)

- mit viel weniger als gehabt zufrieden sein müssen

Fazit:

Für das Weiterleben stehen hauptsächlich die Liebe und die Freundschaften, mein Verantwortungsgefühl denen gegenüber, die mich lieben und die ich liebe. Als Nebenschauplatz der Verlust von weiteren guten Erlebnissen.

Für das Sterben spricht meine Vorstellung, dass dieses Leben mit den absehbaren Folgen der Krankheit für mich nicht lebenswert ist. Oder anders gesagt, die Ansicht, dass das noch mögliche Gute und Schöne die notwendigen Anstrengungen und das Dulden von Einschränkungen und Beschwerden nicht aufwiegen kann.

Die Argumente fürs Sterben wiegen schwerer. Also weiterhin keine Veränderung meiner Einstellung. Auch nicht, wenn ich eine Liste mache. Mit jedem Tag komme ich dem Tod damit näher und die Ängste werden stärker. Es ist so etwas Grosses, dieses Sterben, dieser Weg ins Unbekannte. Aber auch die Vorstellung von meiner Zukunft als Weiterlebende macht mir Angst. Auch dort so viel Unsicherheit.

DHie Seh%erRixn


was hat dich denn angetrieben (erneut?) eine liste zu machen? diese abwägung hast du doch bestimmt vor geraumer zeit schon mal gemacht, oder?

H7imMmelg:r[ün


So in Gedanken, ja. Mein Gefühl sagte mir von Anfang an, dass es so ist wie es ist. Aber ich habe nie alles gebündelt und die Aspekte einander so konkret gegenübergestellt (wie ich es z.B. beim Hauskauf gemacht habe oder wenn es darum ging, eine Stelle aufzugeben).

In den letzten Tagen waren die Gedanken an meinen Tod wieder sehr schmerzhaft. Deswegen wollte ich diese "Zusammenfassung auf einem Blatt". Es hilft, nicht im (einseitigen) Gefühl zu versinken, sondern ein Gesamtbild zu sehen. Irritierenderweise "entwischt" mir dieses Bild nämlich ab und zu.

DNie S3ehe8rixn


und wie "gefärbt" ist deine zusammenfassung von der tagesform?

H!immrelgrYüxn


;-)

vielleicht von der "Wochenform" gefärbt? Ich hab die Punkte über einen Zeitraum von 14 Tagen zusammengebracht und dann noch etwas gestrafft.

C{otDeSauhvagxe


Ich kenn das auch, dieses Listenmachen (von früher, hab ich schon sehr lange nicht mehr gemacht, denn: ) Das lief dann so, dass sich bei mir eine (Bauch-)Entscheidung herausgebildet hat, und oh Wunder, die Liste hat diese Entscheidung voll bestätigt ;-) Ein anderer könnte so eine Liste nach Belieben zerpflücken, je nachdem was für ein Ergebnis man ihm vorgibt. So eine Liste dient also mE nur der Bestätigung des eigenen Gefühls, aber das ist ja auch ok.

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