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Scheidung nach fast 50 Jahren

H2elgxaK hat die Diskussion gestartet


Guten Morgen liebe Netzgemeinschaft!

Ich suche den Kontakt mit Gleichbetroffenen und Gleichgesinnten, die mit mir "im selben Boot" sitzen, gerne aber auch den Austausch mit allen anderen, die Ratschläge für mich haben.

Meine Situation ist, dass mein Mann sich nach 50 jähriger Beziehung und fast ebenso langer Ehe scheiden lassen möchte.

Er ist 69 und ich bin 65 Jahre alt.

Seine Beweggründe formuliert er vage, er is nicht mehr glücklich und will endlich wieder leben.

Er ist vor drei Wochen aus unserem Haus ausgezogen, später möchte aber er dort leben.

Wo er ist und was er macht, weiß ich nicht. Er hat sich aber schon in den letzen rund zwei Jahren immer mehr zurückgezogen und weniger darüber gesprochen, was in ihm vorgeht. Stattdessen hat er immer mehr gearbeitet.

Hintergrund davon ist, dass unser jüngstes Kind, unsere Tochter schwer an Krebs erkrankt ist und letztes Jahr am 13. August nach einem langen Leidensweg verstorben ist. Sie war zum Zeitpunkt der Diagnose erst Mitte 30 und hat jahrelang gegen die Krankheit gekämpft. In dieser Zeit hat sie mit ihren Kindern zum Teil bei uns gewohnt, in den letzen Jahren bin ich bei ihnen eingezogen um sie zu pflegen und die Enkelkinder zu versorgen.

Folglich stand die Beziehung zu meinem Mann in den letzten Jahren "hinten an". Seit meine Tochter verstorben ist, hat sich das noch verschlechtert. Er ist sehr schnell zur Tagesordnung übergegangen, arbeitet seither noch viel mehr und bezeichnet ihren Tod bis heute als "Erlösung".

Früher hat er sich in seiner freien Zeit viel um die Enkelkinder und beide Häuser (Garten, Reparaturarbeiten) gekümmert. Das tut er mittlerweile überhaupt nicht mehr. Man kann sagen, dass er sich aus dem Familienleben komplett zurückgezogen hat. Auch der Kontakt zu unseren Söhnen und deren Familien ist "eingeschlafen", bei Besuchen oder Treffen hängt er mehr am Telefon als sich tatsächlich zu unterhalten.

Dass er sich trennen und scheiden lassen will, teilte er mir als feststehenden Entschluss mit. Natürlich weiß und wusste ich, dass es in unserer Ehe mehr schlecht als recht läuft, weil wir uns in den letzten Jahren überwiegend um unsere Tochter kümmerten. Wir sind aber dennoch gut ausgekommen, zumindest bis zu dem Tag, an dem sie starb.

Mich trifft das, weil ich meinen Mann liebe und schätze und gerne an unserer Ehe und Familie arbeiten würde.

Wir haben beide einiges falsch gemacht und uns gerade im letzten Jahr auch auseinander entwickelt, kaum geredet und nicht versucht, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Für meinen Teil kann ich sagen, dass mir dazu die Kraft gefehlt hat. Mich hat die Trauer um meine Tochter regelrecht erschlagen und es ist bis heute sehr, sehr schwer für mich. Außerdem kümmere ich mich fast täglich um meine Enkelkinder, bin also sehr eingespannt.

Ich kann trotzdem nicht verstehen, eine lebenslange Beziehung zu beenden ohne zu versuchen, "das Ruder herumzureißen" und zumindest in Gesprächen zu teilen, was ihm fehlt oder stört.

Für mich ist es ein harter Schlag. Auch wenn es so klingen mag, als würden wir seit Jahren nur nebeneinander her leben, würde ich unsere Beziehung "im Kern" als gut und innig bezeichnen, zumindest bis zu dem 13. August 2015. Aber da hat sich für uns die ganze Welt verändert und somit auch er sich und ich mich.

Leider ist mein Mann sehr "hart" in seiner Entscheidung und bleibt bei seinem Standpunkt. Das hat er auch bereits offiziell der Familie, also unseren Söhnen und dem Schwiegersohn genauso mitgeteilt.

Ich bin traurig und wütend, weil ich nicht weiß, wie ich mit einer weiteren Veränderung in meinem Leben fertig werden soll. Auf der anderen Seite ist das zweite starke Gefühl neben Trauer und Wut auf meinen Mann eher Gleichgültigkeit. Ich denke, na gut, dann soll es eben so sein. Froh werde ich in diesem Leben ohnehin nicht mehr. Es ist ein großer Zwiespalt und viele gemischte Gefühle und Gedanken.

Ich habe viele Vorwürfe an meinen Mann, was sein Verhalten angeht, aber ebenso viele Vorwürfe die mich betreffen.

Ich denke an die Zukunft und spüre eine große Unsicherheit und viel Schmerz. Ich dachte in den letzten schwierigen Jahren oft: Aber immerhin hast du deinen Mann.

Jetzt bin ich doch alleine. Ich vermisse meine Tochter jeden Tag schmerzlich und fühle mich diesem neuen Umbruch einfach nicht gewachsen.

Liebe Grüße, Helga

Antworten
P5la0ne.ta


Das ist sehr schlimm, was du schreibst und schwer zu verarbeiten. :-(

Aber an dem Entschluß deines Mannes wirst du nichts ändern können. Eine Kurzschlußreaktion aufgrund des Todes deiner Tochter ist es ja auch nicht. Sein Entschluß ist langsam gewachsen und hat sich gefestigt.

Ich fürchte, du muß nun an zwei Trennungen arbeiten. An dem Tod deiner Tochter (was ich ganz grausam finde :°( ) und an der Trennung mit deinem Mann. :-(

Hier ein paar Kraftsternchen: :)* :)* :)* :)* :)* :)* :)* :)* :)*

T'heCBlack"Wixdow


Herzlichstes Beileid zum Tod deiner Tochter.

Ich hoffe, du läßt dich von einem Anwalt beraten, gerade was euer Haus und gemeinsames Vermögen angeht.

Mich hatte mein Mann nach 30 gemeinsamen Jahren verlassen. Von heute auf morgen wollte er unsere Ehe nicht mehr fortführen. Es gab niemals Ansätzen einer Paartherapie oder ähnliches. Ich fiel in ein ganz tiefes Loch und es war eine verdammt harte Zeit. Aber ich habe viele Gespräche mit Verwandten und Freunden führen können, um wieder vorwärts zu schauen und das Leben zu geniessen. Es dauerte allerdings sehr lange und es gab einige Rückschläge. Ich habe alle Facetten von Empfindungen durchlebt und bin jetzt auf dem Level: soll er doch glücklich sein, ich bins aber auch und ich bin echt froh, durch die Trennung noch mal ein Leben führen zu können, wie ich es mir vorstelle und wünsche.

Sdtraw_-Berxry


Liebe Helga,

ich muss dir hier Antworten, weil mich deine Geschichte sehr berührt. Ich denke auch, dass der Entschluss deines Mannes schon länger gefallen ist, er hat nur bis zum Tod deiner Tochter damit gewartet. Vermutlich fühlte er sich zurückgesetzt und war nicht bereit, soviel zu geben wie du.

Wenn ich darf, möchte ich dir meine Erfahrung dalassen: Meine Mutter ist sehr früh gestorben (ich war 6). Mein Vater begann zu trinken und überließ sätmliche Verantwortung seiner Mutter, meiner Oma. Sie hat sich liebevoll um uns gekümmert, genauso wie du dich um deine Enkelkinder. Sie wohnte bei uns im gleichen Haus und war immer für uns da. Auch hat sie immer versucht, uns die verloren gegangene Fröhlichkeit zurückzubringen mit ihrer herzlichen Art. Mit 87 starb sie aber sie bleibt ewig in meinem Herzen.

Ich weiß nicht, ob es für dich ein Trost ist, aber deine Enkelkinder werden dich für deine Hilfe genauso lieben und du bist einer der wichtigsten Menschen in ihrem Leben. Insofern bist du nicht allein.

Ich wünsche dir viel Kraft für die kommende Zeit, und vergiss nicht, dass du geliebt und gebraucht wirst. Und denk zwischendurch auch mal nur an dich und deine Bedürfnisse. :)*

NCadenixa


Hallo auch, es tutmir wirklich leid für dich, dass du so eine schwere Zeit durchmachen musst.

Aber auch mein erster Gedanke war, dass er sichmöglicherweise schon länger trennen wollte, aber zuerst wegen der Krankheit der Tochter nicht konnte bzw. auch nicht gleich nach dem Schock des Todes damit ankommen wollte.

Ich würde mir überlegen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und mit jemandem sprechen (Therapeut).

R9alpFhd_HH


Mein Beileid zum Verlust Deiner Tocher!

Ich kenne einen ähnlichen Fall, Kind gestorben, Ehe am Ende. Als Vater von zwei Kindern mag ich mir nicht ausmalen, wie das sein könnte. Der Schock muss unendlich gross sein. Dass da viel mit einem passiert, ist vermutlich normal, dass eine Beziehung darunte leidet auch. Offenbar fehlt Deinem Mann die Kraft, der Wille oder beides, neben der Bewältigung seiner Trauer auch noch Energie in die Rettung seiner Ehe zu stecken. In einer Ehe ohne solche Verluste, denke ich, merkt irgendwann einer von beiden, dass da etwas nicht stimmt, dann fängt man an, sich zu unterhalten, zu reden, eine Paartherapie zu machen etc. Den Punkt habt ihr verpasst, weil ihr mit wichtigerem beschäftigt wart. Vielleicht will Dein Mann einfach das schlimme Erlebnis hinter sich lassen, alle Erinnerungen daran verdrängen, loslassen, neu anfangen. Dazu passt das festhalten an der Ehe nicht, also lässt er auch da los.

Ich denke, da kann einem nur professionelle Hilfe weiter bringen, aber die muss man in Anspruch nehmen wollen, das müssen beide wollen...

M5u~ckelxi


Erst mal auch mein Beileid. Kinder sollten nicht vor den Eltern sterben.

Warum wollte dein Mann gehen? Es wird sich einiges aufgestaut haben, aber nach dem Tod der Tochter hat er vermutlich auf Entspannung gehofft. Du schreibst, er sähe den Tod der Tochter als "Erlösung". Du hingegen hast folgende, nachvollziehbare Position:

Mich hat die Trauer um meine Tochter regelrecht erschlagen und es ist bis heute sehr, sehr schwer für mich.

Du hast noch nicht losgelassen, was es aber objektiv für deinen Mann schwer macht. Er hat losgelassen und das vermutlich lange Martyrium der Tochter als Abschluss ihres Leidensweges gesehen. Du bist noch in diesem Schmerz verhaftet. Das heißt, jetzt besetzt nicht eine kranke Tochter, sondern eine tote Tochter einen großen Platz in deinem Gefühlsleben - neben deinen Enkelkindern -, so dass der erhoffte "Platzgewinn" für deinen Mann ausblieb.

Hast du denn eine professionelle Trauerbegleitung in Anspruch genommen? Vielleicht wäre dies ein Weg, wieder zu dir selbst zu finden und Kraft zu schöpfen nach der auszehrenden Zeit der Krankheit. Kraft, die dein Mann vermutlich gerne für sich gehabt hätte. So hart es klingt, aber deiner Tochter hilft deine Kraft jetzt nichts mehr. Du hast ihr sicher alles zu Lebzeiten gegeben, aber jetzt ist sie gegangen. Behalte sie in deinem Herzen und denke an die schönen Tage. Aber öffne dich für diejenigen, die jetzt leben.

Trauer ist Arbeit. Die musst du selbst leisten. Dein Mann hat das offenbar hinbekommen, vor allem, wenn der Tod absehbar war. Da hat er wohl stückweise Abschied genommen. Ich vermute, du hast bis zuletzt gehofft und bist in ein riesiges Loch gefallen, als die Krankheit doch siegte. Das ist euer Unterschied, damit umzugehen. Wie gesagt: Dafür gibt es professionelle Hilfe. Zeige deinem Mann, dass er wieder die Nummer eins in deinem Leben werden könnte, dass du die Trauer erfolgreich verarbeiten kannst.

Und wenn das nicht mehr möglich sein sollte, dann brauchst du auch den Kopf frei für das Leben "danach". Und nicht die Enkel vorschieben. Auch die wollen irgendwann ihr eigenes Leben.

Ich wünsche dir jedenfalls viel Kraft, diese Lebenskrise zu meistern. Deine Tochter, da bin ich mir sicher, hätte sich genau das erhofft...

D&ie SeJhekrixn


hallo helga, ich habe im trauer-unterforum deinen faden damals ein wenig mitverfolgt und finde es ganz wundervoll, wie du als oma und schwiegermutter für deine lieben da bist :)_

auf der anderen seite habe mal versucht, mich in deinen mann hineinzuversetzen. auch er hat mit deiner tochter mitgelitten, auch er trauert um sein kind und auch er fühlt sich bestimmt für die hinterbleibenen eurer tochter mitverantwortlich. so, wie er seine trennung kommuniziert hat, nehme ich ihn als unglaublich erschöpften und vom leben enttäuschten mann wahr, der den letzten lebensabschnitt für sich verbringen will, egoistisch sein möchte, die positiven dinge wieder wahrnehmen möchte - und nicht ständig mit dem tod seiner tochter und der trauer konfrontiert werden möchte.

ein wenig erinnert mich das an meine eltern, die miteinander unglaublich viel erlebt haben, depressionen meiner mutter schultern mussten, den tod meines bruders verkraften... und auch mein vater hat nach fast 50 jahren die weiße fahne gehisst und ist gegangen.

ich verstehe beide elternteile sehr gut. meine mutter, die wie vor den kopf geschlagen nun da sitzt und die welt nicht mehr versteht, als auch meinen vater, der einfach nicht mehr stark sein konnte und wollte und für sich nun einen harten schnitt gemacht hat.

etwas wirklich tröstliches kann ich dir leider nicht mit auf den weg geben - ich wünsche mir nur für dich, dass du nicht (wie meine mutter) in der verbitterung hängen bleibst und somit etwas schönem, was noch auf dich zukommen kann (deine familie, die enkelkinder die dich brauchen, freundschaften...) die chance verwehrst!

S;iJlber_Vnze85


PUH.

Ich musste erstmal tief schlucken, als ich das alles gelesen habe.

Hier versteht einer, dein Mann leider nicht was es oder Satz bedeutet:" In Guten wie in Schlechten Tagen"

Er zieht sein Ding so gnadenlos durch, wie dich der Tod deiner Tochter, gnadenlos fertig macht.

Deine Verbitterung, die Frage "ist das alles gerecht", die ich hier lese, ist berechtigt und doch nicht zu beantworten.

Was dir bleibt oder wo Du die Kraft draus bekommts, sind deine Enkelkinder.

Sie nun, noch mehr als je zuvor, 3 in 1.

Mutter - Oma und wenn es muss ja auch Opa für Sie.

Wie schon hier geschrieben. Gehe zum Anwalt!

Du brauchst Sicherheiten, wie es weiter geht

Mehr als dir von Herzen alles alles Erdenklich Gute zu Wünschen, verbunden mit einer großen Hochachtung kann ich leider nicht :)* :)* :)* :)* :)* :)* :)* :)*

Gruß Silke

atraschniKa_levxana


Ich hatte beim Lesen deines Beitrages das Gefühl, dein Mann sei durch die kraftraubende Zeit unheimlich erschöpft und resigniert. So, als müsse er wieder zu sich finden - fernab der familären Verpflichtungen (Ehe, Verwandte); ganz allein. Es gibt ja leider so einige Menschen, die emotional nicht mitteilungsbedürftig sind und Probleme nicht zur Sprache bringen können bzw. diese mit "sich selbst ausmachen".

Vielleicht haben sich zusätzlich zum Tod eurer Tochter, wie auch Andere hier vermuten, zuviele unüberwindbare Probleme in eurer Ehe und eurem Miteinander aufgestaut. Zumindest aus seiner Sichtweise. Für ihn könnte das Fass übergelaufen sein.

Ich finde es unheimlich tragisch, dass er abrupt und vor allem so rigeros das Handtuch wirft und dich mit jeder Menge Fragezeichen zurücklässt. Für die lange Zeit, die ihr miteinander verbracht habt, kein fairer Zug. Vielleicht gibt er dir doch noch Antworten auf deine Fragen. Ich wünsche es dir.

F?aSoxLa


Liebe HelgaK,

auch mir tut es leid, dass du nach dem Tod deiner Tochter nun einen weiteren Abschied nach so vielen gemeinsamen Jahren verkraften musst.

Deine gemischten Gefühle, deine Trauer, deine Wut, dein Schmerz, deine Unsicherheit sind absolut verständlich. Du hast den einen Verlust ja noch gar nicht verarbeitet und hast deswegen sicher auch nicht so viel Kraft, um diese Krise zu überstehen.

Der dringende Rat mit dem Anwalt wurde dir ja schon gegeben. Vielleicht ist es das letzte, wonach dir gerade der Sinn steht, aber da es um deine Absicherung geht (du schreibst, dass er später in eurem Haus leben will), ist es total wichtig.

Dann kann dir eine Begleitung durch einen Psychotherapeuten helfen, mit dem Verlust deiner Tochter und der aktuellen Situation umzugehen.

Und denke auch an dich selbst. In Krisensituationen kann es lindernd wirken, dass man sich selbst etwas gutes tut. Geh zur Massage, treffe eine Freundin zum Kaffee, kauf dir schöne Blumen etc.

Hast du ein stabiles Umfeld, das dir in dieser schweren Zeit zur Seite stehen kann?

@:) :)* :)_

OEldixe49


Liebe Helga, ich fange mal an.

Um die Verletzung des Verlassenwerdens überhaupt irgendwann verarbeiten zu können, wäre es hilfreich für dich, deinen Mann in seinem Handeln, Denken und Fühlen wenigstens ansatzweise verstehen zu können. Je besser du ihn verstehst, desto besser wirst du deine Verletzungen heilen können. Dafür musst du keineswegs gutheißen, wie er sich verhalten hat. Aber ich sehe neben deiner Trauer auch seine Ratlosigkeit, seine Verlassenheit und seinen verzweifelten Versuch, damit umzugehen. Das ist zum einen die Flucht in die Arbeit. Das war aber vor allem der nahe liegende – und in meinen Augen verzweifelte - Versuch, sein Leben von all dem zu trennen, was dieses Leben in den letzten Jahren wie eine Flutwelle überrollt hat, gegen die er sich nicht wehren konnte. Jetzt schien das plötzlich möglich

Denn es liest sich für mich zunächst eher so, als habest du vorher deinen Mann verlassen, als du dich all dem gestellt hast, was unbedingt getan werden musste. Die ständige seelische und körperliche Sorge und Fürsorge für die Tochter und die Enkel könnten sich für ihn wie ein VERLASSENWERDEN angefühlt haben. Du könntest ihm sozusagen durch die Finger geglitten sein, er konnte dich nirgendwo mehr festhalten, er konnte nichts mehr von dir bekommen, was er gebraucht hätte. Er konnte nur noch versuchen, dir Halt zu sein, die Existenzgrundlagen zu sichern, die "Hintergrudnareiten" zu leisten. Für das, was "an der Front" zu tun war, fehlte ihm möglicherweise die Sensibilität, das Händchen, die Empathie, die Möglichkeiten.

Ich glaube nicht, dass er weniger gelitten hat als du. Er hatte nur nicht die Fähigkeit, sein Leiden zu teilen, zu verarbeiten und auf diese Weise zu lindern. Er könnte sich dabei also immer weiter in eine Verlassenheit hinein gesteigert haben, die ihn unfähig gemacht hat, sich mit dir in großer emotionaler Nähe auszutauschen. Deine Ressourcen waren eh verbraucht, seine aber – von dir weitgehend unbemerkt – ebenfalls. Und nun war da nach dem Tod der Tochter plötzlich nur noch die Leere, das starke Verlassenheitsgefühl, die immer fremder werdende Frau, die nun ihre ganze Liebe für die Enkel aufwenden will und muss. Und immer klarer könnte ihm geworden sein: "Das, was ich jetzt dringend bräuchte, kann meine Frau mir definitiv nicht mehr geben. Ich kann ihr auch nichts mehr geben, was sie bräuchte. Wir haben uns leer geliebt, leer gesorgt, leer gearbeitet. Und nun trauern wird uns leer. Wenn ich diese Leere irgendwie füllen will – wenigstens für mich – dann muss ich meinen eigenen Weg gehen!"

So ähnlich könnte es gewesen sein. Wenn ich mehr von dir erfahre, könnten wir dem vielleicht auch noch etwas näher kommen. Für mich ist jedenfalls der Gedanke nahe liegend, dass dieser Mann sich am Ende des Weges gesehen hat, den ihr so lange gegangen seid.

Ich heiße nicht gut, wie er das getan hat. Ich heiße nicht gut, wie er dich vor vollendete Tatsachen gestellt hat. Ich heiße nicht gut, dass er dabei offensichtlich auch seine Kinder und Enkel außen vor zu lassen gedenkt. Das alles könnte man sehr viel besser machen.

Ich glaube auch nicht, dass er sein Glück auf diesem harten und einsamen Weg schnell finden wird, vielleicht auf Umwegen, ich weiß es nicht. Ich glaube sogar, dass ihn die Schuldgefühle – die solch ein Handeln erzeugen müsste – noch sehr unangenehm wieder einholen könnten. Das war also nicht der einzig mögliche und schon gar nicht der beste Weg, den er gehen konnte. Aber es war offensichtlich der einzige, der ihm eingefallen ist. Und letztlich bedaure ich ihn ebenso wie ich dich bedaure.

Ich sehe im Moment nicht, wie aus eueren weit auseinander divergierenden Wegen wieder ein gemeinsamer werden könnte. Und weil ich das nicht sehe, möchte ich meine Gedanken und Gefühle zunächst ganz auf dich richten, auf DEINE Möglichkeiten, in dieser aussichtslos erscheinenden Situation wieder Fenster und Türen zu finden, durch die man Licht herein lassen und durch die man vielleicht auch selber irgendwann gehen kann. Das braucht Zeit und Einsicht.

Bist du denn bereit, den Weg mit Einsicht zu beginnen? Oder ist da nur Leere, Wut, Verlassenheit und Unverständnis? Kannst du dir vorstellen, in die Erkenntnis und Einsicht zu gehen?

Wo er ist und was er macht, weiß ich nicht.

Würde es dir besser gehen, wenn du wüsstest, wie und wo er lebt? Kann es nicht sogar sein, dass er dich davor schützen möchte, das zu sehen?

Mich trifft das, weil ich meinen Mann liebe und schätze und gerne an unserer Ehe und Familie arbeiten würde.

Könntest du dich mit dem Gedanken anfreunden, dass es diese "Familie mit deinem Mann" nicht mehr gibt? Und damit auch keine Möglichkeit mehr, "daran zu arbeiten"? Woher würdest du die Kraft und Ressourcen jetzt nehmen wollen, die es bräuchte, um das zu tun?

Wir haben beide einiges falsch gemacht und uns gerade im letzten Jahr auch auseinander entwickelt, kaum geredet und nicht versucht, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Für meinen Teil kann ich sagen, dass mir dazu die Kraft gefehlt hat.

Natürlich hat dir die Kraft gefehlt. Es steht ja auch nirgendwo, dass Du die SCHULD an seiner Flucht trägst.

Ich kann trotzdem nicht verstehen, eine lebenslange Beziehung zu beenden ohne zu versuchen, "das Ruder herumzureißen" und zumindest in Gesprächen zu teilen, was ihm fehlt oder stört.

Konntest du das hören, was ihn da die ganzen Jahre auch bedrückt hat? Konntest du wahrnehmen, wie er neben dir und hinter dir gelitten hat und sich mehr und mehr einsam fühlte? Hattest du überhaupt noch Wahrnehmungsmöglichkeiten für ihn, der ja nicht krank und nicht hilflos war, wo du doch die die Kranke und die hilflosen Enkel da sein musstest? Waren nicht auch deine Grenzen längst erreicht und überschritten?

Er hat ja nun "das Ruder herum gerissen", leider in eine Richtung, in der du nicht mehr dabei bist. Das war auf den ersten Blick dir gegenüber rücksichtslos. Wenn er aber selber nichts mehr zu geben hatte, wenn er für dich nicht mehr das sein konnte, was du jetzt dringend von ihm gebraucht hättest, dann war das vielleicht gar nicht so rücksichtslos….

Ich bin traurig und wütend, weil ich nicht weiß, wie ich mit einer weiteren Veränderung in meinem Leben fertig werden soll. Auf der anderen Seite ist das zweite starke Gefühl neben Trauer und Wut auf meinen Mann eher Gleichgültigkeit. Ich denke, na gut, dann soll es eben so sein. Froh werde ich in diesem Leben ohnehin nicht mehr. Es ist ein großer Zwiespalt und viele gemischte Gefühle und Gedanken.

Diesen Absatz finde ich sehr authentisch und ehrlich. Und er zeigt mir, wo für dich doch noch Möglichkeiten entdeckt werden könnten, alleine und nur für dich irgendwann wieder glückliche Momente zu finden und zu erleben. Dazu müsstest du aber erst einmal lernen, dass man das nach all dem Schrecklichen, was du erlebt hast, überhaupt wieder DARF, ohne Schuldgefühle für diese Glück zu empfinden. Das kann schon ein langer Weg sein, aber es ist ein Weg, den du alleine gehen kannst, du kannst ihn sogar alleine besser gehen als mit einem Mann an deiner Seite, der dich nicht mehr versteht und du ihn nicht mehr; einem Mann, also, der ein fremder geworden ist.

Bevor (und anstatt) du also deine Kräfte dafür bündelst, um ihm wieder irgendwie an deiner Seite zu haben, obwohl er dir fremd geworden ist – hielte ich es für fruchtbarer, wenn du diese Kräfte bündelst, um die Frau in dir wieder zu entdecken, die du vor allem dem gewesen bist. Nicht um wieder so zu werden wie vorher – das geht natürlich nicht – sondern um dich selber überhaupt wieder zu fühlen, dich wieder lieben zu lernen und um zu entdecken, dass DU der wichtigste Mensch in deinem laben bist und sonst niemand.

Ich habe viele Vorwürfe an meinen Mann, was sein Verhalten angeht, aber ebenso viele Vorwürfe die mich betreffen.

Also müsstest du auch unbedingt lernen, dir selber zu vergeben, dich selber zu verstehen.

Vielleicht antwortest du erst einmal darauf.

Lass dich ganz herzlich grüßen

S^araih8x7


Liebe Helga,

erstmal mein allerherzlichstes Beileid. :)*

Ich maße mir gar nicht erst an wissen zu wollen wie es dir gerade geht, aber ich fühle gerade ganz arg mit dir. @:)

Zu der Situation:

und bezeichnet ihren Tod bis heute als "Erlösung".

Uffz, das sitzt. Selbst bei mir, die ich ja gar nicht die Mutter bin, sondern nur Außenstehende.

Gut, jeder mag den Tod von nahen Bezugspersonen anders verarbeiten, aber ich kann mir doch vorstellen, dass sowas ein Schlag ins Gesicht ist, wenn man selbst noch mit viel Trauer bei der Verarbeitung ist.

Ich habe viele Vorwürfe an meinen Mann, was sein Verhalten angeht

Ich finde, die darfst du auch haben und spüren. :)*

Für mein Verständnis muss es gleich doppelt wütend machen, einerseits die Trennung überhaupt aber dann krackbumm sie einfach vor die Nase geknallt zu bekommen, ohne Erklärung, ohne Gespräch, ohne irgendwas einfach tschüss und weg von heute auf morgen. ??? Das dürfte bei dir viele Fragen offen lassen und die Trennung noch schwerer zu verarbeiten lassen.

Ich persönlich jedenfalls finde die Reaktion deines Mannes mächtig egoistisch. Das Problem ist, dass du deinen Mann kaum ändern kannst. Seine Entscheidung scheint ja festzustehen.

Froh werde ich in diesem Leben ohnehin nicht mehr.

Liebe Helga, ich weiß momentan ist das ganz schwer, aber gib die Hoffnung nicht auf. :)* :)* :)*

Ich möchte mir nicht anmaßen dir einfach so irgendwas zu versprechen, aber es ist nichts in Stein gemeißelt. :)* :)_

Ich weiß nicht, ob es für dich ein Trost ist, aber deine Enkelkinder werden dich für deine Hilfe genauso lieben und du bist einer der wichtigsten Menschen in ihrem Leben. Insofern bist du nicht allein.

:)z @:) :)* :)* :)*

Mein Rat wäre auch eine professionelle Trauerbegleitung oder überhaupt Begleitung. Ich habe den Eindruck du brauchst jetzt dringend jemanden der dich regelmäßig auffangen kann. Das geht im professionellen Rahmen am besten.

Wäre es eigentlich eine Option vorübergehend zu einem deiner Kinder zu ziehen?

Nicht, um das Haus für deinen Mann zu räumen und ihm zu überlassen, sondern einfach damit du den Alltag über nicht die ganze Zeit alleine bist. :)*

(Vielleicht weiß da jemand Bescheid, ob sowas einem Zugeständnis gleich kommt und/oder er gleich auch die Schlösser austauschen dürfte?)

Wo wohnt der eigentlich zur Zeit?

Hilfe bei einem Anwalt bezüglich der Scheidung wäre da wohl auch angeraten.

H^elgxaK


Guten Abend liebe User!

Herzlichen Dank für Eure zahlreichen Antworten und eure Anteilnahme! Ehrlich gesagt hätte ich nicht so viel Resonanz erwartet und muss mich daher gleich entschuldigen, da es mir mit Sicherheit nicht gelingt, auf jede Wortmeldung persönlich einzugehen. Daher möchte ich einige Themen herausgreifen und dazu konkret Stellung nehmen.

Zum Entschluss meines Mannes: seine Entscheidung ist bestimmt wohl überlegt und mir ist selbstverständlich bewusst, dass unsere Ehe schon viele Jahre nicht mehr das ist, was sie einmal war und die persönliche Beziehung an vielen Stellen ganz gewaltig krankt.

Zufriedenstellend kann man unsere Ehe schon lange nicht mehr nennen. Ich gehe also davon aus, dass er schon seit längerem über unsere Beziehung nachdenkt und dabei mit der Zeit letztendlich zu dem Entschluss gekommen ist, sie beenden zu wollen. Womöglich stand der Entschluss auch schon viel länger fest, wie hier mehrfach angemerkt wurde, aber er hat aus Rücksichtnahme während der letzten Krankheitsphase und nach dem Tod unserer Tochter gewartet, ihn mir mitzuteilen und in die Tat umzusetzen. Leider weiß ich nicht, wie es tatsächlich gewesen ist. Ich wüsste es gerne, weil ich meinen Mann gerne besser verstehen würde, aber so auch für mich etwas "Greifbares" hätte, mit dem ich mich konkret auseinandersetzen kann.

Zu unseren unterschiedlichen Wegen, mit dem Verlust unserer Tochter umzugehen: Dass jeder Mensch mit Trauer anders umgeht, war eines der ersten und mitunter wichtigsten Leitsätze, die uns von den Mitarbeitern des mobilen Hospizdienst, ans Herz gelegt wurden. Schon vor dem Tod unserer Tochter. Es ist auch tatsächlich so, dass mein Mann und ich in dieser Hinsicht "getrennte Wege gehen".

Meine Tochter war unser jüngstes von drei Kindern, das einzige Mädchen. Sie war ein Papakind, er hat sein Mädchen sehr geliebt und gerne verwöhnt. Den besseren Draht hatte er aber immer zu den Jungen, sie teilten Hobbys und Interessen und hatten durch ihre "Männersachen" eine tiefe Verbindung. Ich habe zu allen Kindern ein sehr gutes Verhältnis, aber zu meiner Tochter bestimmt das intensivste und vertrauteste.

Als unsere Tochter die Krebsdiagnose erhielt und wir geschockt, aber guter Hoffnung waren, haben mein Mann und ich uns gleichermaßen gekümmert. Sowohl was die Betreuung der Enkelkinder betraf, als auch die Begleitung und Unterstützung unserer Tochter. Mein Mann war zeitlich weniger verfügbar als ich, aber wenn er Zeit hatte, kümmerte er sich um alles was anfiel, vor allem organisatorischer Natur.

Das änderte sich mit dem Krankheitsverlauf unserer Tochter. In ihrem letzten Jahr zog er sich schleichend immer weiter zurück und klinkte sich schon da systematisch aus dem Familienleben aus. In den letzten Wochen sah er sie gar nicht mehr. Für sie war es okay, sie hatte Verständnis für ihren Papa und akzeptierte seinen Rückzug.

In den ersten Wochen nach ihrem Tod, war mein Mann wieder präsenter, aber nur körperlich, wie wir alle. Er funktionierte, ich funktionierte, damit der Alltag weiter funktionierte. Aber auch diese Präsenz wurde kontinuierlich weniger. Das betrifft bis heute nicht nur mich, sondern auch unsere Söhne und die Enkelkinder.

Ich weiß, dass seine Trauer unendlich groß ist und ich weiß mit Sicherheit, dass er unendlich erschöpft ist. Der Leidensweg unserer Tochter war so lang, so schmerzhaft, man muss eigentlich sagen: grausam. Das wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht und sein eigenes Kind in diesem Leiden zu begleiten kostet mehr Kraft als man hat.

Für mich persönlich war und ist das alles so kräfteraubend, dass keine Kraft mehr übrig bleibt, um mir darüber Gedanken zu machen, ob ich in meiner Ehe glücklich bin oder nicht. Für mich war unsere Ehe das, was bleibt. Ich wusste, dass wir beide seit Jahren tagtäglich mit so vielem fertig werden müssen, das nicht mehr viel für unsere Ehe übrig bleibt. Ich wusste, dass es zuletzt nur noch ein Nebeneinander war, kein Miteinander. Mir ist das aufgefallen, es hat mich auch traurig gemacht, aber da war so viel anderes, das mir alles abverlangt hat. Keine Kraft und keine Zeit übrig, um mir Gedanken um unsere Ehe zu machen. Irgendwann, später, wenn alles vielleicht wieder etwas einfacher und leichter ist, so dachte ich. Unsere Eheprobleme waren mir im Vergleich nichts Akutes. Mein Gefühl war, dass wir auch diese Zeit des Nebeneinanders gemeinsam durchstehen und irgendwann wieder zueinander finden, vielleicht auch dafür kämpfen müssen. Aber ich dachte, mein Mann bleibt. Unsere Ehe bleibt.

Es ekelt mich vor mir selbst, aber was mich an meinem Mann ärgert und entsetzt, sind seine Aussagen, er wolle wieder leben und deswegen die Scheidung. Eigentlich sollte man das jemanden, den man liebt, gönnen, aber ich kann es nicht. Alleine, dass er sich wünscht, zu leben ist soweit weg von meiner persönlichen Realität.

Es macht mich wütend, dass er sich von seiner Familie abseilt, um, ja, was? Ich weiß gar nicht, was er eigentlich möchte. Wahrscheinlich ist es nur sein Weg mit dem Verlust irgendwie weiterzuleben, aber ich stelle mir vor, dass er vergessen will, unsere Tochter und den Rest der Familie, mich - seine Frau, um ein unbeschwertes, glückliches Junggesellendasein zu genießen, in seinen letzten Jahren noch die Sonnseiten des Lebens auszukosten.

Dieses Bild hat die gehässige Seite von mir vor Augen und es macht mich zornig, traurig, fassungslos. Ich fühle mich im Stich gelassen, finde, er lässt unsere Enkelkinder im Stich, hat unsere Tochter im Stich gelassen und verrät sie nun auch. Ich schäme mich ob dieser Gedanken und Empfindungen, weil ich weiß, dass er auch nur versucht mit etwas weiterzuleben, mit dem man eigentlich nicht weiterleben kann. Deswegen der Rücktritt vom Ruhestand, die viele Arbeit, der Rückzug aus der Familie, die hohe Aktivität im Freundeskreis und in Hobbys. Er kann wahrscheinlich nur so weiterleben. Das weiß ich und doch, es tut mir weh und obwohl ich es verstehen kann, will ich es gar nicht verstehen. Ich bin zu verletzt und wütend.

Würde es mir besser gehen, wenn er in Trauer "versinken" und nicht versuchen würde, wieder glücklich zu werden? Nein, mit Sicherheit nicht. Trotzdem habe ich eine Wut auf ihn, bei aller Liebe und mit allem Verständnis, das ich aufbringen kann.

Mir mache ich den Vorwurf, in den letzten Jahren zu gleichgültig gewesen zu sein. Ich habe hingenommen, dass unsere Beziehung immer weiter in den Hintergrund geriet und irgendwann gar nicht mehr "da war". Mir war alles andere wichtiger.

Wir haben uns zwar umeinander gekümmert und gesorgt, uns auch Halt gegeben, aber da stand unsere Hilflosigkeit und Trauer im Vordergrund, nicht unsere Ehe. Mich hat diese Entwicklung unserer Beziehung nicht gekümmert, weil ich mich um alles andere gekümmert habe. Mein Mann hat es viel bewusster wahrgenommen, er hat darunter gelitten. Ich wünschte, er hätte es mir gesagt.

Ein weiterer Vorwurf, den ich mir mache, ist meine fehlende Akzeptanz für seinen Trauerweg. Natürlich war es am Ende eine Erlösung für meine Tochter, da sie an unmenschlichen Qualen litt. Auch ich habe Erschöpfung und "Erleichterung" gespürt, aber mein Mann betrachtet so nüchtern, so roh. Ich selbst kann nicht anders als damit zu hadern, sie verloren zu haben. Dass sie überhaupt so krank wurde, sie, die stets so bedacht auf ihre Gesundheit und die Gesundheit ihrer Lieben war, jung, sportlich, aktiv. Mit 36 an Krebs zu erkranken, mit 41 zu sterben, das ist nicht fair, das ist gemein, grausam und ich werde es nie als etwas anderes als das betrachten können. Sie fehlt mir so unendlich, viel zu sehr, um mich um mein eigenes, persönliches Glück, mein Leben und meine Zukunft scheren zu können. Dass mein Mann es tut, werfe ich ihm vor und mir werfe ich vor, dass ich ihm diesen Vorwurf mache. Es ist ungerecht und böse, aber ich kann nicht aus meiner Haut.

An dieser Stelle schließe ich vorerst. Es ist sehr aufwühlend und schmerzhaft, diese Zeilen zu verfassen und ich merke, je mehr ich schreibe, umso ungeordneter kommen die Sätze. Daher morgen mehr.

Liebe Grüße, Helga

E^istr|opfen


Liebe Helga,

es gibt nichts schlimmeres für die Eltern als das eigene Kind begraben zu müssen. Ich möchte Dir auch mein herzliches Beileid ausdrücken. Ich spreche diese Empfehlung nicht oft aus, aber in diesem Fall würde ich Dir auch zu einer professionellen Begleitung raten. Nein, Dein Schmerz wird nicht kleiner, aber Du wirst lernen wie Du mit dieser Trauer leben kannst. Es gibt zum Glück noch so viele Menschen in Deinem Leben, die Dich lieben und brauchen, denen Du Deine Liebe geben kannst, aber auch Kraft schöpfen kannst. Deine über alles geliebte Tochter lebt jetzt in Deinen Enkeln weiter.

Bei Deinem Mann würde ich "die Tür noch nicht zumachen". Er befindet sich genauso mitten im Trauerprozess. Jeder Mensch versucht so einen unsagbar schweren Verlust auf seine eigene Art und Weise zu bewältigen, von "neu anfangen" bis zum Suizid. Lass Deinem Mann auch seine Zeit. Ich würde nicht ausschließen, dass Ihr einen Weg wieder zu einander findet. Aber wichtig ist, dass Du Dich jetzt um Dich kümmerst.

Liebe Grüße

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