» »

Schwierige Selbstwahrnehmung des Partners führt häufig zu Streit

JJoJoxba hat die Diskussion gestartet


Ich bin 35 Jahre alt und seit ca. 5 Jahren mit meinem Partner zusammen. Wir haben eine Tochter, die knapp 1 Jahr alt ist.

Mein Freund hat öfter mit Depressionen zu kämpfen, er empfindet sich selbst als unzulänglich und schlecht, hat das Gefühl nichts richtig zu machen. Er läuft dann in einer sehr negativen Wolke herum und merkt kaum, dass er alle um sich herum da mit hineinzieht. Das ist ein häufiges Phänomen bei solchen Depressionen. Er sieht es nicht als Depression, will auch nichts Therapeutisches unternehmen, ist der Ansicht, das alleine regeln zu müssen. Das funktioniert jedoch leider kaum. Er meint, er müsse es nur endlich schaffen, diese schlechten Phasen vor mir besser zu verstecken, dann sei alles gut. Er kann nicht begreifen, dass ich spüre, wenn es ihm schlecht geht und dass es, wenn er sagt, alles sei in Ordnung, obwohl bei ihm gar nichts mehr geht, nur schlimmer wird.

Außerdem ist es so, dass er sehr häufig an mir herumnörgelt. Er kann von jetzt auf gleich unglaublich vorwurfsvoll und ruppig werden (was auch anderen schon aufgefallen ist). Er merkt das nicht. Wenn ich dann entsprechend empfindlich reagiere, wirft er mir genau das vor und sagt, ich würde ständig anfangen zu streiten. Vernünftig darüber reden, geht auch nicht. Er sagt ganz klar, dass er über Probleme nicht reden will. Die einzige Möglichkeit für mich ist es, Vorwürfe zu schlucken und nichts zu sagen. Das fällt mir aber natürlich sehr schwer. Wenn ich versuche über meinen Schatten zu springen und nach einem Streit auf ihn zugehe, weist er mich oft zurück. Der Streit kann erst beendet werden, wenn er bereit dazu ist auf mich zuzugehen. Das führt leider zum nächsten Vorwurf: Ich würde niemals auf ihn zukommen und den ersten Schritt machen, immer müsse er das tun.

Das ist eine sehr ausweglose Situation.

Das heißt aber nicht, dass wir nur schlechte Phasen haben. Er ist eigentlich ein wahnsinnig liebevoller Mensch, er sagt auch häufig wie sehr er mich liebt und dass alles an mir wunderbar sei. Das ist nur für mich oft schwierig anzunehmen, da seine ganzen Vorwürfe, die wie gesagt so oft aus absolut heiterem Himmel kommen, sich anders anfühlen.

Ich kann damit nur schwer umgehen. In einer Phase des Streites, habe ich sofort das Gefühl, wir müssten uns trennen, was für mich aber eigentlich absolut unvorstellbar ist. Nach der Schlichtung ist dieser Gedanke dann wieder weit weg.

Ich würde mich gerne mit jemandem austauschen, der vielleicht ähnliches kennt und ähnliche Gefühle hat. Gibt es da wen?

Antworten
MLilch mannx76


Ich hab leider keine ähnliche Erfahrung, aber bevor du gar keine Antwort hast versuch ich's mal.

Solche immer wiederkehrenden ausweglosen Situationen, die Zurückweisung, das Negative, ... das hat eure Beziehung schon beschädigt. Vielleicht nicht irreparabel, aber beschädigt. Und die Gefahr besteht dass der Schaden über die Jahre zunimmt. Die Gefahr besteht dass du dich emotional immer weiter von ihm distanzierst. Die Gefahr besteht dass eure Beziehung die Augenhöhe immer weiter verliert. Regelmäßige Trennungsgedanken können auch ein stabiles Fundament untergraben.

Wenn dein Freund nicht aktiv gegen seine Probleme angeht dann besteht die große und reale Gefahr dass die Beziehung daran zerbricht. Und das durchaus in 1, 2, 3 Jahren. Nicht weil einer von euch das will oder sogar drauf hinarbeitet. Sondern weil solche wiederkehrenden Probleme eure Beziehung zermürben, angreifen. Du kannst deinen Partner nicht zwingen etwas zu tun. Aber wenn du auch auf Dauer eure Beziehung in Gefahr siehst sag ihm das. Nicht als Schuldzuweisung, sondern als Sorge um all das Schöne was ihr habt. Er hat es in der Hand das Schöne zu erhalten oder es auf Dauer kaputt zu machen wenn er keine Änderung schafft.

Gut möglich dass er sich schämt zum Therapeuten zu gehen. Aber wenn die Scham stärker ist als der Wunsch eure Beziehung zu erhalten... Irgendwann ist vielleicht ganz plötzlich der Punkt da an dem du merkst dass etwas irreparabel kaputt gegangen ist. Der Punkt an dem du merkst jetzt muss er auch nichts mehr machen, er kann gar nichts mehr machen. Es wird aus sein. Wenn der Punkt plötzlich da ist ist es zu spät. Also müsst ihr jetzt handeln, nicht erst wenn es schon zu spät ist.

D]iOe fSeherixn


du sprichst von depressionen und dass er keine einsicht hat, mal zu einem profi zu gehen. ist das eine "diagnose", die du selber gestellt hast? ihm auch so vor den latz knallst?

M\adaome 6Charfentxon


will auch nichts Therapeutisches unternehmen

dann wird es nicht besser werden, seine unhöfliche verletzende Art dir gegenüber macht es noch komplizierter.

wichtig ist dass du dich abgrenzt und keine Rücksicht auf ihn nimmst wenn es ihm schlecht geht, ihn so behandelst wie immer, lass dich auch nicht blöd anquatschen.

er ist erwachsen und sollte mit den Konsequenzen seiner Ignoranz leben können.

JroJobxa


"du sprichst von depressionen und dass er keine einsicht hat, mal zu einem profi zu gehen. ist das eine "diagnose", die du selber gestellt hast?"

Nein, das ist keine Diagnose, die ich selber gemacht habe und ihm vor den Latz knalle. Das ist eine Diagnose, die Menschen, die sich damit auskennen, sowie auch Menschen, die auch auf diese Weise krank sind, bestätigt haben.Ich habe ihm gesagt, dass ich mir Sorgen mache, wenn es ihm so schlecht geht und es mich freuen würde, wenn er sich mit Jemandem austauschen würde, der sich vielleicht auskennt.

Ansonsten, danke Milchmann für deine Antwort...ich sehe es durchaus ähnlich wie du. Aber bisher scheitern meine Versuche JETZT etwas zu unternehmen leider :-(

M2ilc9hman>n76


Was ich persönlich wichtig finde ist dass man versucht, bei Beziehungsproblemen Einsichten zu geben. Dem Partner zu zeigen wie man sich fühlt, was einem Sorge macht. Das Herz mitzuteilen. Das wird nicht immer gleich weit beim Partner ankommen, aber man sollte es versuchen. Und immer über die aktuelle Situation sprechen. Wörter wie "immer", "dauernd" vermeiden. Über die eigenen Gefühle im hier und jetzt sprechen.

Das bedeutet dass man anders miteinander spricht. Das kann auch ruhig einseitig sein, denn man kann nicht erwarten dass der Partner das gleiche zu tun hat wie man selbst. Ein Beispiel. Statt "Geh doch bitte endlich mal zum Therapeuten" finde ich es besser zu kommunizieren "Ich finde es traurig dass du mich so angreifst. Das entfernt uns voneinander und das will ich nicht." Oder als Steigerung "Ich will nicht dass unsere kleine Familie irgendwann auseinanderfällt weil wir uns durch das streiten zu weit von einander entfernen". Das wirklich nur als grobes Beispiel.

Denn Angriffe, Vorwürfe und sanfter Druck führen wenn man es immer wieder auf die gleiche Weise versucht zu immer mehr Verschlossenheit und vielleicht auch Gegenangriffen. Niemand möchte die immer gleichen Vorhaltungen bekommen. Selbst wenn man weiß dass sie stimmen. Und dein Partner ist sicher auch nicht glücklich darüber wie er sich fühlt und sich dadurch manchmal verhält. Vielleicht kannst du in ihm auf diese Art eine Einsicht erreichen. Denn die Einsicht bei ihm selbst die braucht es. Die kannst du ihm nicht "erklären" sondern es muss sich etwas in seinem Kopf bewegen. Dafür braucht er andere Gedankengänge als die die er schon kennt. Immer gleiche Vorschläge oder vielleicht Vorwürfe bewegen nichts. Rational weiß er vermutlich dass die Situation für eure Beziehung nicht gerade der Knüller ist. Aber vielleicht tut er erst was wenn plötzlich das Gefühl sacken anfängt: Oh shit, wenn ich jetzt nichts tue dann verletze ich meine Partnerin zu sehr. Oder verliere sogar Partnerin und Kind. Dieses Gefühl kann er vielleicht bekommen wenn du ihm eben zeigst wie schlimm deine Gefühlslage im jeweiligen Moment ist. Was deine Sorgen, Ängste, Verletzungen sind.

Manche Beziehungssituationen bleiben so lang im Stillstand bis ein Partner die Trennung anspricht. Oder sogar androht. Das ist aber kein Mittel das man leichtfertig nutzen sollte. Aber auch nicht erst wenn schon alles zu spät ist. Denn wenn man über Trennung redet muss man auch dazu bereit sein. Leere Worte eskalieren eine Situation nur ohne etwas zu bringen.

k0einOsteixn


Das bedeutet dass man anders miteinander spricht. Das kann auch ruhig einseitig sein, denn man kann nicht erwarten dass der Partner das gleiche zu tun hat wie man selbst. Ein Beispiel. Statt "Geh doch bitte endlich mal zum Therapeuten" finde ich es besser zu kommunizieren "Ich finde es traurig dass du mich so angreifst. Das entfernt uns voneinander und das will ich nicht." Oder als Steigerung "Ich will nicht dass unsere kleine Familie irgendwann auseinanderfällt weil wir uns durch das streiten zu weit von einander entfernen". Das wirklich nur als grobes Beispiel.

Das konterkariert ein echter Depressiver wie folgt:

,,Wenn du nicht willst, dass ich dich angreife, dann hör du doch auf, MICH anzugreifen. DU bist doch diejenige, die anfängt, weil die in Wahrheit schlecht über mich denkst!"

,,DU fängst doch den Streit an, also ist es deine Schuld, wenn die Familie auseinander bricht!"

Wenn die Situation so verfahren ist wie da oben, hilft nur noch Abstand.

sste&ppo2x5


Trotzdem würde ich dem Partner kommunizieren "Dein ständiges Nörgeln macht mich kaputt"

E<voluzz^exr


Was du für dich selbst tun kannst, ist, dich selbst besser abzugrenzen. Du bist du und er ist er.

Nicht in jeder Situation gleich auf ihn eingehen, auch mal eine Situation so stehen oder laufen lassen, einfach bei dir bleiben, dir selber sagen: das hat jetzt nichts mit mir zu tun, das ist seine schlechte Stimmung (die sitze ich jetzt einfach aus).

Die Verantwortung für sich und sein Verhalten liegt bei ihm. Wenn er absolut gar nichts dagegen unternehmen will, dann ist das nicht sehr verantwortungs(liebe-)voll, vor allem, wenn du ihm klar machst, dass er dir und eurer Beziehung damit schadet.

Vielleicht mal mit Stimmungsaufhellern (Johanniskraut etc. ) einen ersten kleinen "Behandlungs"versuch starten.

Außerdem beobachten, ob seine Depressionen ein "Muster" haben, um etwas gegensteuern oder "in Deckung" gehen zu können.

Wollen Sie selber etwas dazu schreiben?

Dann melden Sie sich an bzw. lassen Sie sich jetzt registrieren, das ist kostenlos und innerhalb weniger Minuten erledigt. Interessant sind sicher auch die übrigen Diskussionen des Forums Beziehungen oder aber Sie besuchen eines der anderen Unterforen:

Psychologie · Erziehung · Sexualität · Homo, Hetero, Bi


Nicht angemeldet: Anmelden | Registrieren | Zugangsdaten vergessen? | Hilfe

Startseite | Impressum | Nutzungsbedingungen | Netiquette | Datenschutz | Mobile Ansicht   © med1 Online Service GmbH