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12.03.10 09:52
Hallo,
das Thema ist ja im Moment hochaktuell. Insofern denke auch ich darüber wieder nach (ich bin Jahrgang 1956). Schläge oder im Keller eingesperrt werden usw. gehörte früher "einfach" dazu. Es gab kaum jemand, der zu Hause nicht geschlagen wurde. Und auch in der Schule gehörte das dazu. Es gab unwahrscheinlich sadistische Lehrer. Ich konnte es nicht verstehen, dass es meine Schönschrift verbessern sollte, wenn ich mit dem Bambusstock über die Finger bekam und die dann so schmerzten, dass ich den Füller nicht mehr halten konnte (Grundschule).
Oder später in der Realschule: Manche Jungs wurden von Lehrern so gequält. Am Haaransatz hochgezogen und dann durch den Raum gezerrt.
Und so weiter und so fort. Mobbing (den Begriff gab es noch nicht) war an der Tagesordnung. Schüler mobbten untereinander, Lehrer mobbten Schüler.
Und weil in letzter Zeit immer so auf die 68-iger eingedroschen wird: Dieser Wahnsinn hörte erst durch deren Bemühungen auf. Die höheren Klassen lehnten sich gegen die schlimmsten Lehrer auf. Es gab ja auch noch viele Nazis in der Lehrerschaft. Schlimm! Und nach und nach setzte sich die Idee durch, dass Gewalt eben nicht die ultima ratio der Erziehung sein kann.
Ich bin in einem Klima von Angst aufgewachsen. Angst vor Gewalt und Unterdrückung und Sanktionen. Das Leben war die reinste Tretmine. Und zwar betraf das das Elternhaus und die Schule. Und ich weiss, ich war kein Einzelfall, es war Normalität.
Und immer noch hat sich das Thema nicht erledigt, wie man weiss....
LG
12.03.10 09:59
Ich finde es auch schlimm, mit welcher Normalität damals Kinder gequält wurden. Von daher finde ich es auch nicht gut, dass sowas verjährt. Bei vielen kommt das ja zur Zeit wieder hoch und sie würden ihre Lehrer doch gerne noch anzeigen, es geht aber nicht. Damals, z.B. in der DDR, konnte man ja niemanden anzeigen. Erstmal war es ja "normal" und dann war das eh ein Unrechtsstaat... und wenn man gar nicht auf die Idee kommt, dann ist es natürlich schwer...
Ich versteh einfach nicht, wie sowas verjähren kann, finde es genauso schlimm wie Mord (ich will z.B. nicht wissen, wieviele dadurch krank geworden sind und sich vielleicht umgebracht haben... ).
12.03.10 10:01
Wo bist Du denn groß geworden? 
Ich bin 1975 in die Grundschule gekommen und sowas habe ich nie erlebt. Ich glaube auch nicht, dass das die Eltern geduldet hätten.
Damals gabīs zwar noch nicht dieses in meinen Augen unnötige Antiprügelgesetz, aber deshalb wurden doch nicht alle blutig geschlagen. 
12.03.10 10:06
Das was der TE beschrieben hat ist nicht verjährt, da es zum Zeitpunkt der Tat kein Straftatbestand war (Rückwirkungsverbot)
Ansonsten verjähren Straftaten wie Mißhandlungen Minderjähriger erst ab dem 18 Lebensjahr; frist 30 Jahre; wer es bis zu seinem 38 Lebensjahr nicht geschafft hat jemanden anzuzeigen, wird es jetzt vermutlich auch nicht mehr machen.
12.03.10 10:07
oh ja. meine mutter erzählte mir oft von ihrer kindheit.
( sie ist jahrgang 50). einfach nur schlimm.für sie war als kleines kind schon klar, dass ihre kinder später das schönste leben haben.wie oft meine mutter schläge bekommen hat, wenn sie sich mal einen friseur gegönnt hat oder einen freund hatte. sie hatte keine kindheit. musste schon immer auf ihre kleineren geschwister aufpassen, war kaum in der schule und wenn dann gab es dort auch noch eine drauf weil sie nicht regelmäßig kam. (dank oma und opa).musste damals ihr ganzes geld das sie verdient hat, zuhause abgeben. durfte kaum raus, musste mit 16 heiraten nur weil sie ledig schwanger war und der typ sie genauso betrogen und geschlagen hat.meine mutter hat mir erzählt, damals als sie schwanger war, hat meine oma meine mutter heiß baden lassen, damit sie das kind verliert. was nicht gelungen ist. 
was war das damals für eine grauenvolle welt? 
12.03.10 10:09
Wo bist Du denn groß geworden?
Das frage ich mich auch gerade. Bin Jg. '66 - gut, 10 Jahre können ein Quantensprung sein, aber trotzdem...weder in meiner Schulzeit noch in meinem Elternhaus hat es das je gegeben. Und ich kann mich auch nicht erinnern, daß gute Freunde von mir sowas erlebt haben.
Vielleicht gab es regionale Unterschiede? Ein Bekannter von mir, Jg. '63, ist im hintersten, schwärzesten Emsland groß geworden - und da wurde zuhause geprügelt wie nix gutes. Aber auch da gab es in der Schule sowas nicht mehr!
12.03.10 10:10
Ich bin Jahrgang 1970 und habe durchaus noch körperliche Züchtigung von meinem Vater erfahren. Ich wurde zwar niemals misshandelt oder verletzt, sondern es blieb bei einer Ohrfeige oder ein paar Schläge auf den Hintern. Trotzdem habe ich es als demütigend und erniedrigend empfunden. Ich hatte auch immer Angst vor körperlicher Züchtigung, wenn ich etwas angestellt habe. Deshalb habe ich für die Erziehung meiner Kinder festgelegt, dass meine Kinder niemals Angst vor mir haben müssen, egal was sie anstellen.
An der Schule habe ich nur in der Grundschule erlebt, dass unsere Lehrerin uns an den Ohren hochgezogen hat.
Laut einem aktuellen Bericht im Radio ist körperliche Züchtigung an Schulen erst ab 2000 untersagt.
12.03.10 10:14
Ich sprach ja nicht von den zur Zeit bekannt werdenden sexuellen Vergehen, die ja bekanntlich oft verjährt sind, darüber wird schon in einer anderen Diskussion gesprochen.
Es ist noch nicht lange her, dass Schläge und Co. im Gesetz verboten worden sind.
Gewalttätige Erziehung hat Tradition. Noch früher war es noch viel schlimmer. Jedenfalls entnahm ich das den Erzählungen des Vaters und Großvaters.
In meiner Kindheit und Jugendzeit gab es keinerlei Anlaufstellen oder Beratungsstellen, wo man sich hätte hinwenden können.
Und die Vorstellung, ins Heim zu müssen, war reiner Horror. Damit wurde auch immer gedroht "wenn Du nicht parierst, kommst du ins Erziehungsheim".
Ich hatte keine konkrete Vorstellung davon. Es war aber sehr bedrohlich. noch schlimmer, als mein damaliger Alltag. Soviel war klar. Mindestens so schlimm wie Gefängnis, so etwa dachte ich mir das.
Man "wusste" es einfach sogar schon als Kind, dass Heime Orte schlimmer Erfahrungen sein müssen (sonst wäre das keine Drohung gewesen).
LG
12.03.10 10:17
Ich bin Jahrgang 1984 und habe auch körperliche Züchtigung von meinen Eltern, meistens von meinem Vater ausgeführt, erfahren. Es gab auch meistens eine körperlicher Züchtigung, wenn ich etwas angestellt hatte. Und gerne auch noch ne weitere Strafe

Von der Familie meines Vaters weiß ich aber, daß Schläge da nie an der Tagesordnung waren, auch bei meinem Großvater nicht. Mein Vater und meine Onkel wurden meines Wissens nach nicht geschlagen.
Deshalb habe ich für die Erziehung meiner Kinder festgelegt, dass meine Kinder niemals Angst vor mir haben müssen, egal was sie anstellen.
Ich auch 
Was bin ich für Wege gegangen, um das, was ich angestellt hatte, zu vertuschen...
12.03.10 10:23
Was bin ich für Wege gegangen, um das, was ich angestellt hatte, zu vertuschen...
Du sagst es !!!
Eigentlich wurde man zur Lüge erzogen. Das hat mir sehr lange zu schaffen gemacht.
Und alle die so eine Erziehung durchlitten haben, wollen wahrscheinlich ihre Kinder anders erziehen und die meisten schaffen das auch.
Um so entsetzter bin ich, dass die heutigen Kids in der Pubertät teilweise sooo brutal drauf sind. Wie kommt das nur?
LG
12.03.10 10:30
Also vorweg, ich ( Jahrgang 56 ) habe das auch so erlebt, wie die TE es beschreibt. Ein unglaubliches Ausmaß an Gewalt sowohl zuhause, als auch in der Schule. Mobbing - also Ausgrenzung einzelner Schüler, die den Lehrern nicht in den Ar... gekrochen sind etc...will das hier gar nicht im einzelnen ausführen.
Ich kann natürlich nur für meine Familie sprechen, aber ich könnte mir vorstellen, das viele der Eltern durch die Kriegs- und Flüchtlingserlebnisse traumatisiert waren. ( und auch keine Beratungsstellen hatten, an die sie sich hätten wenden können. )Die Psychologie steckte ja noch in den Kinderschuhen, wenn man so will.
Na ja, und da gibt es dann halt die, die sich sagen " ich habe so unter der Gewalt gelitten, das tue ich meinen Kinder nicht an" und die, die diese Gewalt weitergeben.
Eins der wenigen Dinge, auf die ich heute wirklich stolz bin , ist die Tatsache, dass ich meine Tochter nie geschlagen habe - sie ganz sicher nie Angst vor mir hatte.
12.03.10 10:34
Und alle die so eine Erziehung durchlitten haben, wollen wahrscheinlich ihre Kinder anders erziehen und die meisten schaffen das auch.
Das ist leider ein Irrglaube. Viele Menschen, die als Kinder geschlagen wurden, tun dies auch bei der "Erziehung" ihres eigenen Nachwuchses. Das nennt man dann "Gewaltspirale"... 
Eine (allerdings schon etwa 10 Jahre alte) Studie ergab sogar, dass 84% derjenigen, die früher geschlagen wurden, behaupten, es habe ihnen nicht geschadet.
Kein Wunder, dass sie dann die gleichen "Strafen" einführen...
12.03.10 10:37
ja das kann ein auslöser davon sein. meine mutter hat mir 1 mal in ihrem leben eine backpfeife gegeben, sie hat mehr geweint wie ich. aber sonst hat sie mich nie geschlagen. 
die, die gewalt in der familie und schule erlebt haben, denkt ihr oft darüber nach? meine mutter hat bis heute noch ab und zu albträume davon. kennt das jemand von euch? wenn ja, wie oder mit was helft ihr euch dabei? würde mich mal nebensächlich interessiern. lg 
12.03.10 10:38
Und alle die so eine Erziehung durchlitten haben, wollen wahrscheinlich ihre Kinder anders erziehen und die meisten schaffen das auch.
Um so entsetzter bin ich, dass die heutigen Kids in der Pubertät teilweise sooo brutal drauf sind. Wie kommt das nur?
Weil es eben nicht alle schaffen - leider.
Weil es vielleicht auch gar keine körperliche Gewalt braucht, um Kinder/Jugendliche aggressiv zu machen - desinterresse und
verbales beschämen reicht vielleicht auch schon aus. Wie viel Kinder werden auch heute vernachlässigt, sitzen stundenlang vor PC oder TV.
Es ist ein sehr trauriges Thema, das auch in unserer Zeit, wo es doch eigendlich genug Aufklärung darüber gibt, wie schnell man Kinderseelen verletzen kann, noch immer soviel Gewalt - egal in welcher Form - als Erziehungsmittel genutzt wird.
12.03.10 10:41
Waterli
Ich finde es auch schlimm, mit welcher Normalität damals Kinder gequält wurden.
Aus der Sicht von heute finden wir das schlimm. Bei dem Versuch, das zu verstehen, führt die Sicht von heute allerdings nicht zum Ziel. Wie du ganz richtig feststellst, war es seinerzeit "Normalität". Und das seit Generationen!! Die Mütter und Väter kannten es nicht anders. Ihnen wurde als Wissen über Erziehung vermittelt, dass körperliche Züchtigung dazugehört. Es ist schwer, sich das vom Standpunkt 2010 aus vorzustellen, aber nur wenn es einem gelingt, sich in die damalige Zeit zu versetzen, wird man es verstehen.
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