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Ich bin so stinkig auf die Ärzteschaft

AZ_Pleam_Fo@r_Eros


Dass was aus vielen Berichten in diesem Thread hervorgeht, ist ja nicht das mangelnde Lächeln oder das was hier mit dem wirklich unsäglichen Wort "Gutmenschentum" bezeichnet worden ist, sondern mangelnde Bereitschaft Patient_innen ernstzunehmen, sie als Expert_innen für ihre eigene Körperwahrnehmung, Körperveränderungen, Schmerzen etc. zu verstehen – was negative Auswirkungen auf den sachlichen Aspekt medizinischer Betreuung hat: bis zu Fehldiagnosen.

D.h. wie ein Arzt seine Patienten sieht, wirkt sich mMn nicht nur über den Umweg der Psyche auf die Gesundheit/den Körper des Patienten aus, sondern auch ganz direkt auf den Körper. Kunstfehler sind da die tragische Spitze des Eisbergs.

In jedem Fall bin ich die einzige Person, die diesen Körper immer im Blick hat. Wenn ein Arzt nicht versucht, jede Information über diesen Körper, die ich ihm geben kann, herauszufinden, nimmt er auf einer rein sachlichen (im Unterschied zur "menschlichen") Ebene ein wichtiges Instrument zur "Wahrheitsfindung" (mich) nicht wahr und nicht ernst.

Wenn mir eine bestimmte körperliche Erscheinung neu ist, sie mich beunruhigt, und mich der Arzt mit irgendeinem ('hoffentlich nicht schädlichen') Medikament abspeist, damit ich schnell Platz mach für "richtige" Patienten, dann weiß ich beim nächsten Mal immer noch nicht, wie ich diese Erscheinung einordnen soll. Dann werde ich wieder hingehen, wieder irgendwas verschrieben bekommen, wieder nicht schlauer sein.

Man hat einen Mund zum Reden.

Ärzte sind nur Menschen. Patienten aber auch. Und in Arztbesuchsituationen normalerweise auch irgendwie "ausgeliefert", abhängig, verletzlich. Natürlich hab ich einen Mund zum Reden. Aber kann es sein, dass mensch mehr als ein bisschen Standing beweisen muss, Hartnäckigkeit, Eloquenz, Schlagfertigkeit und Geschwindigkeit, um eine Chance auf befriedigende Informationen von Ärzt_innen zu haben?

Sollte das nicht zur ärztlichen Standardroutine gehören, im Patienten einen Menschen, der selbst aktiver Teil des Heilungsprozesses ist, und keinen zu reparierenden Gegenstand zu sehen?


Darin, dass medizinische Suchanfragen einen der großen Teile der Internetsuchanfragen darstellen, seh ich übrigens nicht vorrangig ein einseitiges Misstrauen gegenüber Ärzten, sondern eben auch einen Wunsch nach Information und Mündigkeit als Patient.


Disclaimer: An diesen Beitrag geknüpft ist keine Schätzung über das Verhältnis zwischen "guten" und "nicht so guten" Ärzten. Auch keine Bewertung des Berufsstandes an sich.

a?.=fisxh


A_Plea_For_Eros :)=

AZ_Ple.a_FHor_Eroxs


Danke, a.fish (nachdem ich jetzt schon den ganzen Tag jeden meiner Beiträge vorm Abschicken gelöscht hab, weil du, was ich meinte, in der Zwischenzeit schon besser formuliert hattest %-| ;-D @:)).

S_unflowe}r_x73


@ Mirsanmir:

Ich weiß jetzt nicht, ob du mal wirklich krank und zutiefst verunsichert mit heftigsten Schmerzen vor einem Arzt gesessen bist, der dir erzählt, was dir fehlt oder eben nicht fehlt. Ein kranker Mensch geht nicht cool mit seinen Mitmenschen um, der ist relativ hilflos, weil sein Denken um seine Schmerzen kreist. Hier wurde von Fieber gesprochen, wer verhält sich mit Fieber normal? Du sitzt drin, bist relativ dankbar, wenn da einer ist, der sich kümmert, denkst vielleicht noch in deinem Inneren, hm, was der erzählt, kann doch nicht stimmen, aber der einzige Gedanke, der dich wirklich interessiert, ist der, wo das nächste Bett ist und die nächste Schmerztablette. Hinterher kommst du schon drauf, dass der dir erzählt hat, dass dir nichts fehlt, bzw. dass das Schmerzen sind, die du aushalten musst, weil man eh nichts machen kann oder was dergleichen Fehldiagnosen mehr sind.

Nach über OP's in 10 Jahren, nach mehreren notfallmäßigen Krankenhausaufnahmen wg. Schmerzen, Verdacht auf Lungenembolie, Teilerblindung nach Betzhautablösung weiß ich SEHR gut, was es heißt, ängstlich und angeschlagen in der Notaufnahme zu sitzen und durch die Maschinerie "Krankenhaus" gereicht zu werden.

Ich weiß dann aber auch, was ich in dem Moment brauche: Klare Aussage, eindeutige Erklärungen, klare Darstellung der Optionen bzw. geplanen Vorgehensweise. Weil mir das die Angst nimmt. Das ist nicht viel, und das kriege zumindest ich auch halbtod hin. Und so äußere ich mich dann auch, wenn ich es nicht bekomme. Freundlich, aber doch deutlich nachfragend.

Ich bin auch immer wieder erstaunt, wie viele Leute mit dem festen Vorsatz, krank zu sein, beim Arzt auflaufen und dann regelrecht enttäuscht sind, dass ihnen nichts fehlt!

Kommt mir auch sehr bekannt vor. Ich bin Psychotherapeutin in Ausbildung – und bei mir sind sich psychologische und ärztliche Kollegen einig: Die schlimmste Seuche ist das Internet. Jeder googlet beim kleinsten Hautpünktchen, viele halten es dann gleich für Krebs und meinen, alles besser zu wissen – und stehen dann beim Arzt. Wenn der dann sagt "oh, harmloser Hautfleck, vielleicht mal beobachten oder Salbe drauf" – dann ist Patient unzufrieden und fühlt sich abgespeist. Das Forum hier ist VOLL von solchen Beiträgen.

Ich spreche mich selber nicht frei davon (je mehr Gesundheitsprobleme ich habe, desto mehr beobachtet man halt). Aber es ist Fakt, dass Leute heute zum Arzt gehen mit "Beschwerden", bei denen früher niemand auch nur über einen Arztbesuch nachgedacht hätte.

Sicherlich sind wir alle Spezialisten für unseren Körper. Ich habe mich auch schon mit Ärzten angelegt, die alles auf Psyche schoben (während ich als Therapeutin sicher war, das es nicht nur Psyche ist!). Aber es gibt heute einfach zu viel vom klugen Laienwissen. Man sollte durchaus mündiger Patient sein – aber nicht die Krankheit schon VOR dem Arzt diagnostizieren und dann irritiert sein, dass man selber falsch gelegen hat und nicht groß weiter behandelt werden muss.

Aber vielleicht liegt das Problem ganz woanders:

Das PATIENTEN immer noch in Ehrfurcht erstarren. Dass Patienten den Arzt zum Halbgott stilisieren, statt ihn als Menschen mit Fachwissen zu sehen – dem man aber ganz normal, mit Respekt und Höflichkeit, aber nicht unendlicher Demut gegenübertreten muss.

Ich gehe jedenfalls NICHT ängstlich dun demütig zum Arzt. Sondern selbstbewusst – vielleicht kann ich darum auch noch nach einer Fahrt im Rettungswagen wg. Verdacht auf Lungenembolie, mit Atemnot und mieser Sauerstoffsättigung noch das vom Arzt bekommen, was ich brauche: Vernünftigen Umgang und v.a. klare Erklärungen.

Aber vielleicht habe ich auch nur das Problem, dass solche Situationen bei mir zum Alltag gehören.

hYurx


@ A_Plea_For_Eros

In jedem Fall bin ich die einzige Person, die diesen Körper immer im Blick hat. Wenn ein Arzt nicht versucht, jede Information über diesen Körper, die ich ihm geben kann, herauszufinden, nimmt er auf einer rein sachlichen (im Unterschied zur "menschlichen") Ebene ein wichtiges Instrument zur "Wahrheitsfindung" (mich) nicht wahr und nicht ernst.

Ist schon richtig, aber: was man dabei berücksichtigen sollte: Nur wenige Diagnosen erfordern wirkliche Detektivarbeit. (Ich bin mir sicher, ganz viele Mitleser haben jetzt wieder Gegenbeispiele, aber der Alltag in einer Arztpraxis sieht definitiv weitaus unspektakulärer aus) Die meisten Diagnosen sind klar. Der Arzt, der ein Ganglion sieht, weiß was es ist und benötigt dafür nicht die Körperwahrnehmung des Patienten. Und die meisten Patienten mit Husten haben eine Erkältung und keinen Lungenkrebs.

Die Aufgabe des Arztes ist es natürlich, den Patienten über seine Erkrankung aufzuklären, was es ist, was es für ihn für Folgen hat und was man dagegen tun kann. Wenn das dann auch noch freundlich geschieht, ist doch eigentlich alles gut, oder?

Klar gibt es Ärzte, die das nicht können oder nicht für nötig halten und man kann trefflich darüber streiten, ob diese Menschen wirklich Ärzte hätten werden sollen. Bringt aber nix. Und manche Patienten wollen gar keine "Anteilnahme", sondern einfach nur Resultate.

Wahrscheinlich treffen sich gerade hier bei med1 die Leute, die besondere Anteilnahme wünschen. Macht Sinn, diese Annahme, oder?

AH_Pl)ea_Flor?_Eroxs


Wahrscheinlich treffen sich gerade hier bei med1 die Leute, die besondere Anteilnahme wünschen.

Ich habe explizit von Information und nicht von Anteilnahme gesprochen.

Aq_nPleCa_CFor_PEros


Macht Sinn, diese Annahme, oder?

Das seh ich nicht. Nein.

h,urx


Ich habe explizit von Information und nicht von Anteilnahme gesprochen.

Ich weiß, und Dein Beitrag war wohltuend objektiv geschrieben.

Dieser Teil meines Beitrages bezog sich nicht mehr direkt auf Dein Posting.

Slhojxo


Wahrscheinlich treffen sich gerade hier bei med1 die Leute, die besondere Anteilnahme wünschen. Macht Sinn, diese Annahme, oder?

Möglich. Ich aber beispielsweise bevorzuge leicht knurrige, knacksachliche Ärzte, die nicht drumrumreden und auf den Tisch knallen, was Sache ist (und damit auch nach Möglichkeit richtig liegen, weil sie können, was sie tun). Ich möchte auch keinen Arzt, der mir bei einer unangenehmen Diagnose erst mal eine heiße Schokolade hinstellt und mir dann das Händchen hält. Aber ich möchte schon als Gegenüber wahrgenommen werden, nicht als Gegenstand. Und ich will einen Arzt, der Interesse an der Gesundheit seiner Patienten hat – und das signalisiert man eben nicht, indem man etwa die Krankenakte nicht liest, bevor man Medikamente verschreibt, da wird es nämlich nicht selten wirklich gefährlich. Ruppigkeit: meinetwegen. Gleichgültigkeit: darf nicht sein.

Snho]jo


Oh, Crossposting. ;-D

M4irNsan-mir


Klar habe ich vor vielen Jahren zum ersten Mal das Internet konsultiert, als die Ärzte mir nicht mehr weiterhalfen. Was sonst hätte ich tun sollen? Still weiter leiden? Das Internet hat mir in vielen Bereichen geholfen, gerade weil mir die Infos zeigten, was ich bestimmt NICHT habe. Ich habe mir dadurch so manchen Gang zum Arzt erspart. Hier im Forum tummeln sich Leute, die Beschwerden haben und andere suchen, denen es ähnlich geht. Denen die Ärzte nicht unbedingt geholfen haben, mit Anteilnahme hat das finde ich weniger zu tun.

Das ist irgendwie auch so ein "Patienten sind grundsätzlich Hypochonder" Satz:

Aber es ist Fakt, dass Leute heute zum Arzt gehen mit "Beschwerden", bei denen früher niemand auch nur über einen Arztbesuch nachgedacht hätte.

Früher starben die Leute nicht an Krebs. Sie wussten gar nicht, dass sie einen hatten. Ich glaube mich auch zu erinnern, dass früher die Menschen in jüngeren Jahren starben, gibt es da nicht eindeutige Statistiken? Was also ist schlecht daran, zum Arzt zu gehen, wenn man den Verdacht hat, etwas stimmt nicht? Ich gehe nächste Woche auch, weil ein Muttermal ständig blutet und erhoben ist. Und nein, ich befürchte nicht Krebs zu haben, ich will nur vom Arzt bestätigt bekommen, dass es keiner ist. Ich will einfach auf der sicheren Seite sein.

h>urxx


Das seh ich nicht. Nein.

Ein Forum dient dem Austausch. Ein wichtiger Aspekt des Austauschs ist der Wunsch nach Anteilnahme am eigenen Schicksal.

MBirscasnxmir


Ach und jetzt fällt mir noch eine Geschichte einer Bekannten ein. Sie hatte ständig Kreuzschmerzen. Sie war etwas über 50. Sie hatte auch so seltsame "Hügelchen" am Rücken, also wie Beulen sah das aus. Im Mai sagte ein Arzt zu ihr, Frau Sowieso, Ihnen fehlt nichts, trinken Sie vor dem Schlafengehen noch ein Bier, dann tut Ihnen nichts mehr weh.

Ende Juni war sie tot, weil der Weichteil Krebs schon überall gestreut hatte. Aber der Krebs wurde tatsächlich gleich nach der Bieraussage diagnostiziert, für die dieser Arzt bei uns nun traurige Berühmtheit erlangt hat.

Es war nichts mehr zu machen... Vielleicht bei rechtzeitiger Diagnose, man weiß nicht, sie war jedenfalls jahrelang wegen Kreuzschmerzen gegangen, keine Ahnung, warum da nichts gefunden wurde.

MNirsamnmir


Ein wichtiger Aspekt des Austauschs ist der Wunsch nach Anteilnahme am eigenen Schicksal.

Ein Aspekt mag das ja sein, der wichtigste ist m.E. aber der "was hat dir bei ähnlichen Beschwerden geholfen?" Die Suche nach Erfahrungen anderer...

AG_Ple a_(For_Exros


Wahrscheinlich treffen sich gerade hier bei med1 die Leute, die besondere Anteilnahme wünschen.

Dass sich hier gerade 'die Leute' treffen, seh ich nicht, nein.

Ein wichtiger Aspekt des Austauschs ist der Wunsch nach Anteilnahme am eigenen Schicksal.

Für manche, ja.

;-) *:)

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