Forum » HIV und Aids »
23.09.05 23:28
Hallo an alle Betroffenen,
13 Wochen habe ich nun hinter mich gebracht mit dem Gedanken, mich mit dem HI-Virus infiziert zu haben. Da ich häufig in diesem Forum unterwegs war, habe ich mir vorgenommen, nach Erhalt meines Ergebnisses einen Betrag zu leisten und zusätzlich allen zu danken, die hier regelmäßig vielen, teilweise verzweifelten Schreibern Hoffnung spenden und hilfreich zu Seite stehen.
Heute Vormittag habe ich mein Ergebnis beim Gesundheitsamt abgeholt und es ist negativ. Aber ich fange mal vorn an.
Vor 13 Wochen hatte ich 2x durch Kondom geschützten Vaginalverkehr mit einer Einheimischen in Thailand. In der selben Nacht noch brachen sämtliche Ängste über mich herein und ich versuchte, jede Minute und jede Handlung in Gedanken nochmal nachzuvollziehen, um mein Gewissen zu erleichter und die sich mir nähernde Flutwelle von Ängsten abzubremsen. Zu Beginn entdeckte ich gleich, dass die Kondome ca. 1 Jahr über dem Verfallsdatum waren. Jedoch hatte ich beim Abziehen keine Schäden an den Gummis entdeckt, aber ich hatte auch in dem Moment nicht darauf geachtet. Zusätzlich wußte ich um meine seit Wochen brennende, entzündete Harnröhre, wobei mir die Ursache unbekannt war. Weiter wurde mir klar, ich hatte mehrfach beim "Aufeinanderliegen" mit meiner Eichel bzw. mit meinem Penis ihre Lippen berührt, wußte jedoch nicht, ob dabei Scheidenflüssigkeit an evtl. entzündete Stellen gelangt war. Ich hatte immer die Hoffnung, dass noch keine Flüssigkeit aus ihrer Scheide ausgetreten war. Weiter hatte ich mich beim Rasieren am Übergang von Penis zum Hodensack verletzt und befürchtete, beim GV könnte dort sicherlich Scheidenflüssigkeit in die 24 Stunden alte Verletzung geraten sein, da die Kondome bis dahin nicht reichten.
Schon am nächsten Tag führten mich mein Weg immer wieder ins Internetcafe und ich fing an zu "googlen". Es gelang mir zwar, mich durch die Tatsache, dass ich im Urlaub war, immer wieder abzulenken, trotzdem konnte ich die 3 restlichen Wochen nicht mehr geniessen. Nach einiger Zeit hatte ich mir einiges an Wissen über die Akutsymptome der HIV Infektion angelesen. In der letzten Nacht meines Aufenthaltes wachte ich auf, war schweissgebadet und hatte Fieber. Dies hielt sich bis in den nächsten Tag und es ging mir ganz dreckig. Mir war es furchtbar schlecht, übel, mein Bauch schmerzte und ich erbrach mich mehrfach. Danach ging es mir körperlich besser und ich konnte nochmal schlafen bis zum Abend. Das Fieber war dann weg und ich fühlte mich besser.
Seit diesem Tag war ich mir ganz sicher - ich habe mich mit dem HI-Virus infiziert.
Wieder daheim war ich viele Stunden im Internet unterwegs, um möglichst viele Informationen zu sammeln, die irgendwie meine Überzeugung abschwächen konnten. Dabei erzielte ich für mich, mein Empfinden und meine Gedanken aber häufig genau das Gegenteil und die dauernde Beschäftigung mit Thema HIV förderte zusätzlich meine Ängste und die dadurch beginnende depressiven Phasen. Die wiederum führte dazu, dass ich mich immer mehr in das Thema HIV hinein stürzte, bis nahezu nichts mehr sonst in meinen Gedanken war. Viele Symptome stellten sich in diesen Tage und Wochen ein. Ich hatte eine Pharyngitis (evtl durch Klimaanlage im Flieger), Schluckbeschwerden durch Schwellung von Lymphknoten am Hals und Nacken (hatte ständig danach gesucht und herum gedrückt), ich hatte Hautausschlag (dachte ich...ganz normale Pickel, vermutlich Hautreaktion auf den Stress und die stetige Angst), ständig schliefen meine Beine ein, meine Arme fingen an zu kribbeln (durch die immer gleiche Haltung vor dem Rechner), ich war immer müde und schlapp, meine Augen brannten unentwegt (Müdigkeit oder vom Monitor). Ich bekam Schmerzen in der Leiste und schob dies natürlich auf einen mit Sicherheit geschwollenen Lymphknoten. Ich konnte nicht mehr richtig schlafen, wachte ständig auf. Hatte vor lauter Kummer kaum noch gegessen und somit auch meinen Gewichtsverlust gehabt. Mir taten sämtliche Gelenke weh und ich hatte komische Schmerzgefühlem wie ein Stechen immer mal wieder in verschiedenen Muskeln (Arthralgien und Myalgien). Auch eine Infektion der Mundschleimhaut durfte nicht fehlen. Diese Symptome traten alle nacheinander auf, also immer, wenn ich mich mit einem dieser Erscheinungen besonders auseinandersetzte. Ich bin wohl ein richtiger Psychosomatiker! Viel Tage war ich ohne soziale Kontakte.
Irgendwann las ich hier im Forum, dass es vielen Btroffenen so geht und versuchte, nach den gegebenen Ratschlägen zu handeln. Mit der Zeit ging es mir dadurch dann auch deutlich besser.
Ich traf mich so oft es ging mit Freunden, telefonierte viel, ging inzwischen auch wieder zur Arbeit, versuchte, immer etwas zu tun, nur nicht mit HIV beschäftigen. Je länger ich dies tat, desto besser ging es mir und desto weniger dachte ich an das Thema.
Dies will ich unbedingt jedem ans Herz legen. Ganz wichtig!! Mit der Sucherei schafft man sich zusaätzlich all die Symptome und es macht einen echt kaputt. Gerade weil ja durch wochenlange Ängste und Sorgen und sein Leben durchaus andere Erkrankungen entstehen können, psychische wie auch körperliche.
Nun hatte ich es letzte Woche geschafft, zu Test zu gehen. Ein Tag zuvor ging es mir echt wieder schlechter und mein Körper reagierte nochmals mit verschiedenen Erscheinungen, die gesamte Woche hindurch bis zum Ergebnis heute. Und ich hätte mich fast darum gedrück, heute früh zum Gesundheitsamt zu gehen und mich zu konfrontieren. Es war furchbar schwer aufzustehen und loszugehen. Dort fragte die Dame in der Anmeldung noch nach meiner Testnummer und als ich ihr diese zeigte, schien sie diese Nummer ganz genau zu kennen und sagte: "Ja ja, das Ergebnis dieses Testes ist inzwischen da." Bittere Minuten im Wartezimmer folgten. Als die Sozialarbeiterin mir strahlend mein Ergebnis vortrug, hätte ich sie echt umarmen können. Wieder draußen fing ich spontan an zu weinen und alle Last der letzten 3 Monate fielen von mir ab, so auch alle Beschwerden. Nichts mehr da von all den Symptömchen!!
Ich habe Glück gehabt, vielleicht war es auch eine nicht so sehr risikobehaftete Situation, die ich da geschildert habe. Aber sie hat für mich und 13 Wochen furchtbaren Stress und viele Ängste ausgereicht...
Nun hoffe ich, der eine oder andere Leser kann meinen Text nutzen und kann evtl. dadurch manches anders oder besser machen als ich. Ich weiss, der Text ist recht lang geworden...
Und bitte für die Suche nach Gewissheit zum Test gehen. Symptome sind keinerlei Beleg. Denn auch ohne diese kann eine Infektion eingetreten sein.
Ich drücke alle Daumen, dass es nicht so ist !!
Alles Gute für, für jeden da draußen !!
24.09.05 10:02
super geschrieben!!!
Das ist das was wir hier den ganzen Angsthasen versuchen zu mitteln und zwar lebt optimistisch.
Das Risiko ist kleiner als man denkt, aber man sollte deswegen nicht leichtsinnig werden!
Wobei ich mir bei dir sicher bin, dass du zu keinem Zeitpunkt einem Risiko ausgesetzt warst!
Danke und Gruss
25.05.08 11:08
Ja, super geschrieben!! - Drei Tage habe ich es ausgehalten, nicht zu "googeln" nach dem Entdecken dieses Forums und den guten Ratschlägen darin, jetzt schaffe ich vielleicht drei Wochen! Naja, nicht übertreiben: vielleicht erst einmal eine! 
Herzlichen Dank allen, die hier schreiben und viele Grüße!
29.05.08 18:04
Wow ... besser könnte ich meine derzeitige situation nicht schildern. Falls du mit diesem Erfahrungsbericht wirklich versuchst Leuten, welche z.Z. die gleichen Ängste plagen wie dich damals (bin einer davon), dann ist dir dies genial gelungen. 
Vielen Dank 
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