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20.07.10 19:42
hallo zusammen,
habe eine möglichkeit gesucht, um meine trauer, machtlosigkeit, wut und verzweiflung loszuwerden.
angefangen hat alles im mai vor 6 jahren, als bei meinem vater( 53 ) lungenkrebs mit metastierung in den nieren festgestellt wurde. er war immer ein kerngesunder agiler mann und somit die diagnose ein schock für ihn und uns 4 kinder. unsere mutter verstarb vor knapp 12 jahren bei einem autounfall und musste dies zum glück nicht mehr miterleben. jedenfalls begann sofort die chemotherapie und bestrahlung. die chemo hat er ganz gut verkraftet. wogegen die bestrahlung der reinste horror für ihn war. der zunehmende körperliche verfall war dramatisch. aber er hat gekämpft und wollte gesund werden. es dauerte nicht lange und es wurden metastasen im hirn festgestellt. wir wussten alle was dies bedeuten würde. mein vater hat uns uneingeschränktes auskunftsrecht bei den ärzten eingeräumt. somit waren wir immer auf dem laufenden. er hat sich zu beginn der krankheit für ein hospiz entschieden, was ich mit ihm auch gemeinsam besichtigte. leider war kein platz frei, als wir diesen brauchten. ich organisierte dann die pflege mit meinen geschwistern und einem pflegedienst zu hause, da wir unseren vater nicht einem pflegeheim überlassen wollten. uns wurde auch vom hospiz eine ambulanter service zur verfügung gesellt, der sich sehr um meinen vater und uns kümmerte. mein vater verstarb ohne schmerzen am 4. tag nachdem wir ihn nach hause holten. es war eine erlösung für ihn, aber ehrlicherweise muss man sagen für uns auch.
mir gehen die intensiven gespräche aber auch der körperlich verfall seitdem nicht mehr aus dem kopf. mal ist es mehr mal weniger schlimm. ich habe meine eltern das letzte mal vor 5 jahren auf dem friedhof besucht. ich schaffe es nicht, weil ich an diese zeit nicht erinnert werden möchte. gleichzeitig komme ich mir aber auch schäbig vor und habe ein schlechtes gewissen. wie geht ihr damit um? hat jemand tipps für mich?
danke das ihr bis hier hin gelesen habt, aber das musste mal raus.
lg Mucki74
23.07.10 20:32
Liebe Mucki,
das alles zu verarbeiten dauert lange, sehr lange. Solche Bilder und solche intensiven Gespräche verschwinden nicht so schnell aus dem Kopf, das brennt sich ein. Gerade Krebs ist eine sehr, nennen wir es, undankbare Krankheit. Am Tumor alleine stirbt man nicht gleich, da kommt es erst zur Metastasierung, die oft erhebliche Probleme verursachen. Und das sind genau die Sachen, die man als Angehöriger nicht verarbeiten kann, dass es keine Hilfe mehr gibt, obwohl alles versucht wird. Dass die Chemotherapie und die Betrahlung keine Wirkung tun, obwohl man so fest daran geglaubt hat und dass der Körper immer mehr zerfällt. Man geht ja immer zuerst einmal davon aus, dass doch noch eine Heilung erzielt werden kann, sonst würde man die Therapie ja gar nicht erst starten. Da hinein setzt man all seine Hoffnung und hält sich an jedem Zweig fest. Wenn man dann einsehen muss, dass das alles nichts gebracht hat, ist das wohl der furchtbarste Moment. All diese Erfahrungen, die man mit so einer Erkrankung macht, sind furchtbar, die brennen sich ein, aber man lernt auch etwas daraus, was man sonst nie gelernt hätte. Das ist das, was du dir für dein Leben mitnehmen musst, Mucki. Dann hatte es wenigstens irgendeinen Sinn, auch wenn der Schmerz noch so groß ist.
Übrigens muss dir das nicht peinlich sein, dass es auch für dich betrachtet eine Erlösung war, als dein Vater gegangen ist. Er ist zu Hause gestorben, das was sich jeder wünscht, ganz ohne Schmerzen. Das ist das allerwichtigste. Irgendwann kann man es nicht mehr mitansehen, wenn es einem Menschen, den man liebt, so schlecht geht. Na klar geht es dir dann auch nicht gut und allzulange kann man diesen Trancezustand nicht aushalten, ohne dauerhaften Schaden zu nehmen.
Ganz wichtig ist, dass du deinen Vater so in Erinnerung behältst, wie er war, als er noch keinen Krebs hatte, als es ihm noch gut ging. Solang du ihn nur mit der Erkrankung siehst und dich nicht an schöne Zeiten erinnern kannst, wird es auch dir nicht richtig gut gehen.
Auf den Friedhof kann ich übrigens auch nicht gehen, weil ich hinterher den ganzen Tag vergessen kann. Wenn du dich wirklich dazu bereit fühlst, kannst du dir ein paar Stunden Zeit nehmen und in netter Begleitung, in der du dich wohl fühlst, auf den Friedhof gehen. Alleine ist das immer ein bisschen schwierig, weil es ganz wichtig ist, nach so einer langen Zeit mit jemandem darüber zu sprechen. Am Anfang ist es vllt. besser, alleine zu gehen und einfach alle Gefühle heraus zu lassen. Bei dir wär es aber sicher besser, eine liebe Person mitzunehmen, wenn du alleine solche Angst hast. Ich persönlich finde es aber nicht so wichtig, auf den Friedhof zu gehen, man kann auch zu Hause seinen Liebsten gedenken, vllt. sogar manchmal besser als auf dem Friedhof. Also geh nur hin, wenn du wirklich möchtest, sonst bringt es nichts.
Ich hoffe, ich konnte dir ein bisschen helfen 
Ich wünsche dir alles gute, Mucki 
Liebe Grüße 
Elyse
23.07.10 20:41
Ich versteh sich gut und manchmal kommts mir so vor, als wäre um mich herum nur noch diese verdammte Krankheit.
Ende Juni ist ein guter Freund an seier Krebserkrankung verstorben und meine Schwester ist nun zum 2. mal an Krebs erkrankt. Seit März diesen Jahres erleben wir gute und schlechte Zeiten, Angst, Verzweiflung, nicht mehr können (wollen), da man denkt wir ertragen das nicht. Ich habe alle Möglichen Phasen bis her durch gemacht, gerade heute habe ich den neuen Befund gelesen und wußte nicht wie ich damit umgehen soll, meine Schwester diesen Bericht von mit übersetzt haben will, ich sage ich, was verschweige ich. Auch ich kam mir in den letzten Monaten wie ferngesteuert vor, und weiß oft auch nicht wie ich mit dem Druck umgehen soll. Es ist schwer und mnachmal weiß man keinen Rat, aber ich versuche mir Freiräume zu schaffen, irgendwie....
23.07.10 20:57
Ich machte derselbe durch,und kann Dich gut verstehen..
Mein Mann starb auch an diese schlimmer Krankheit..
Ich pflegte ihn 2 Monate zuhause,und kenne diese tiefe traurigkeit mit ansehen zu müßen wie ein kräftiger gesunder mann langsam immer weniger wird bis nur fast haut und knochen ubrig bleiben..
Ich fand Trost indem ich so oft wie möglich zum Friedhof ging,fühlte mich nah,obwohl ich wüßte er kommt nie wieder..
Aber Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben,jeder Mensch trauert anders,und es kann sein das der Tag kommt wo Du dann soweit bist das Du das Grab besuchen kannst..
Du hast dein Papa in Herzen,und kannst immer mit ihn "reden",es ist das selbe...
Ich wünsche Dir viel Kraft,und nehme Dir so viel Zeit,zum Trauern wie Du brauchst.
Reden mit Familien Angehörigen oder gute Freunde,sind auch ein großer Hilfe,nur nicht Alles in Dir hinein schlucken...
Ich wünsche Dir viel

10.08.10 23:51
hallo ihr drei,
danke für eure lieben und mitfühlenden worte.
hätte mich schon viel früher wieder zu wort gemeldet, aber dieser lungenkrebs, so scheint es, frisst sich durch unsere ganze familie.
am mittwoch vor zwei wochen ist mein onkel (bruder meines vater) an lungenkrebs verstorben.
das wäre jetzt von elf geschwistern meines vaters der vierte bruder, der wegen dieser krankheit dahin siecht. die anderen wegen diverser krebskrankheiten. von 12 sind jetzt noch 4 übrig.
ehrlich gesagt bekomme ich es mit der angst zu tun.
man schaut sich um und fragt sich wer der oder die nächste sein wird.
alles ist unfassbar, die richtigen worte zu finden unmöglich.
bei jedem der geht, stirbt ein kleines stück von einem selbst mit.
aber das ist wohl der lauf der zeit und damit muss ich mich abfinden.
ich habe für mich beschlossen einen psychologen aufzusuchen, um das alles verarbeiten zu können. momentan bestimmt die angst und traurigkeit mein leben. diesen zustand will ich ändern. mein mann und mein kind brauchen mich. oft haben sie in den letzten jahren auf mich verzichten müssen. habe mich in die arbeit gestürzt, damit ich den schmerz nicht zulasse. damit ist uns allen nicht geholfen.
selbst wenn es mich auch irgendwann mal treffen würde, möchte ich auf ein erfülltes und glückliches leben mit meinen beiden liebsten zurückblicken können.
ich habe hier viele geschichten gelesen und muss sagen, das ich euch alle bewundere wie ihr eure angehörigen bzw. freunde durch diese krankheit begleitet.
lg Mucki
13.08.10 20:30
Hallo Mucki 
Zuerst einmal möchte ich dir mein herzliches Beleid aussprechen 
bei jedem der geht, stirbt ein kleines stück von einem selbst mit.
Du sagst, die richtigen Worte zu finden ist unmöglich. Gerade mit diesem Satz da oben hast du es aber sehr genau analysiert und genau richtig formuliert. So ging es mir auch sehr lange Zeit. Beim ersten Mal in einer solchen Situation weiß man noch nicht, was einen genau erwartet, da ist man unheimlich hilflos und geschockt, wenn der Angehörige dann wirklich stirbt. Wie schon gesagt, an eine Heilung denkt man ja zuerst einmal trotzdem immer. Wenn man dann aber schon mehrmals das Gegenteil erlebt hat, wird man immer stumpfer, der Schmerz wird aber nicht kleiner, sondern ist von Anfang an gleich voll da, weil man die wahrscheinliche Folge ja kennt.
ich habe für mich beschlossen einen psychologen aufzusuchen, um das alles verarbeiten zu können.
Das finde ich super von dir
Viele trauen sich nicht, diesen Schritt zu gehen. Ich wünsche dir alles, alles Gute, dass du es schaffst, denn Schmerz zuzulassen und verarbeiten zu können. Manchmal hilft ein Schlüsselerlebnis, um sich wieder einigermaßen gut zu fühlen. Ich habe es auch nie geglaubt, dass ich jemals wieder normal denken kann, aber nun geht es mir richtig gut, weil ich etwas getan habe, von dem ich niemals geglaubt habe, dass ich es schaffen kann mit diesen Erlebnissen im Hinterkopf. Ich bin der Überzeugung, dass du es auch schaffen wirst, alles zu verarbeiten, den ersten Schritt hast du ja schon selbst in die Wege geleitet.
Ich denk an dich, Mucki 
Liebe Grüße 
Elyse
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