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Epilepsie und Psychose

hhirnxi hat die Diskussion gestartet


Besteht ein Zusammenhang zwischen Epilepsie und Psychose? Also, könnte es sein, daß prozentual mehr Menschen mit Epilepsien im Laufe ihres Lebens auch an einer Psychose erkranken als der Prozentsatz von Psychotikern in der Normalbevölkerung ist?

Wenn inzwischen ein Zusammenhang zwischen den beiden Erkrankungen nachgewiesen worden ist, sind das zwei Krankheiten, die einfach oft zusammen auftreten, wie es wohl z.B. bei Epilepsie und Migräne sein soll, oder kann es sein, daß über den Umweg der Reaktionen des sozialen Umfelds auf Anfälle der Epilepsie-Kranke sich quasi (vor Schreck über dieses Geschehen, das sich in den Augen der Umgebung widerspiegelt) sich so stark zurücknimmt, daß praktisch irgendwann später im Leben eine psychotische Reaktion vorprogrammiert ist?

":/ ":/

Antworten
R emingto2n Stexele


Deinen Beitrag habe ich mit Interesse gelesen.

Vorab: Ich habe keine Epilepsie, hatte aber vor 7 Jahren einen epileptischen Anfall. Deshalb bin ich der Auffassung, zu Deinem Eröffnungsbeitrag etwas aussagen zu können.

Ich sehe keinen direkten (biologisch-mechanischen) Zusammenhang zwischen Epilepsie und Psychose.

Es besteht auch kein erklärbaren Zusammenhang zwischen Migräne und Epilepsie. Vielmehr gibt im statistischen Vergleich bei an Epilepsie erkrankten Patienten einen erhöhten Anteil an Migräne-Patienten.

Beide Erkrankungen (Migräne und Epilepsie) treten aber sehr häufig autonom auf.

Sehr interessant ist Deine Frage – These wäre übertrieben (die gilt es zu überprüfen) – ob sich Psychosen als Folge der Reaktionen im Umfeld des Betroffenen einstellen, also eine Kontakt- bzw. zwischenmenschliche Isolation?

Das ist gut denkbar und auch wohl generell übertragbar.

Eine andere von mir hier nun angestoßene Überlegung wäre, daß man sich (einen Anfall vorstellend) ausgeliefert vorkommt. Es besteht überdies auch noch die Gefahr von (schweren) Verletzungen.

Ein weiteres Problem für das von Dir erwähnte "sich_zurück_nehmen" (Abwärtsspirale) könnten auch (fehlende) Partnerschafts- oder Freundschaftsbeziehungen darstellen.

Dies als diskutierbarer Denkanstoß.

hrir\nXi


Hallo Remington Steele!

Es gibt viele Menschen, die zumindest einmal im Leben einen epileptischen Anfall haben – es gibt auch nicht die Epilepsie, sondern sehr viele unterschiedliche Epilepsien, die alle unter dem Sammelbegriff "Epilepsie" zusammengefaßt werden. "Epilesie" ist also längst nicht gleich "Epilepsie"!

Ich hatte bisher immer gehört, daß Epilepsie und Migräne zwar zueinander nicht wie "Schwestern", aber wie "Cousinen" stehen. Das entspricht ja auch Deinem Satz: "Im statistischen Vergleich gibt es bei an Epilepsie erkrankten Patienten einen erhöhten Anteil an Migräne-Patienten." Man weiß nicht, warum diese Korrelation auftritt, man weiß nur: Sie tritt auf. ( ~~Ist Korrelation das richtige Wort? |-o ~~ )

Ich meine, irgendwo gelesen zu haben, daß zwischen Epilepsie und Psychose insofern ein Zusammenhang besteht, als Psychosen etwas häufiger bei Epilepsie-Kranken als bei der "Normalbevölkerung" auftreten.

Und ich habe mich gefragt, warum das wohl so ist.

Bis Anfang der 80er Jahre wurde Epilepsie noch als Geisteskrankheit angesehen. :-X Epilepsie-Kranke wurden im 3. Reich ermordet, und auch nach dieser Zeit fiel das Stigmata, geistig krank zu sein, nicht so von alleine von den Epileptikern ab! Es brauchte für die Ärzte weitere 35 Jahre :°( , um zu erkennen, daß Epilepsie keine Geisteskrankheit ist.

Aber in den Köpfen der Ärzte war noch viel länger die Vorstellung: Epilepsie=Geisteskrankheit.

Vorab: Ich habe keine Epilepsie, hatte aber vor 7 Jahren einen epileptischen Anfall.

Epilepsie ist eine menschliche Krankheit, kann jeden Menschen treffen! Man muß sich deswegen nicht erklären :|N

Ich denke auch nicht, daß es biologisch-mechanische Zusammenhänge zwischen Ep. und Psychose gibt! Das bedeutet dann also, daß das Auftreten einer Psychose sich als Folge von psychosozialen Hintergründen darstellen könnte. Das könnte dann erst in der Zukunft beantwortet werde, nämlich dann, wenn es(zumindest hier in der westlichen Welt!) keinen Epilepsie-Kranken mehr gibt, der die Ausgrenzung und Diskriminierung, die es bis Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts den Epilepsie-Kranken gegenüber gab, erleben mußte.

Die Ausgrenzungen können durchaus seehr subtil und fast nicht feststellbar gewesen sein! Wenn zum Beispiel ein Kind mit den "inneren Ablehnungen" der Eltern aufgewachsen ist, woher soll das Kind wissen, daß so eine "innere Ablehnung" der Eltern nicht einem pädagogisch wertvollen Erziehungsstil entspricht? ":/

Entsprechend wird es sich "zurücknehmen". Ich hatte da nicht so sehr das Bild einer "Abwärtsspirale" vor Augen. Sondern vielmehr dachte ich, ein Kind, ein Jugendlicher mit Ep. will diese Krankheit auch nicht haben, will alles tuen, um gesund zu werden, will nicht auffallen, und gesteht sich später u.U. keine eigene Entwicklung zu. Mit der sexuellen Entwicklung fällt man auf – das darf nicht sein – der Jugendliche nimmt sich immer mehr zurück. Er führt ein Leben wie es von den Eltern und den Ärzten vorgeschlagen und nahegelegt wird. Eventuell ist es aber nicht wirklich sein Leben.... >:(

Naja, und dann ist natürlich in späteren Jahren, wenn die Eltern und evtl. die Ärzte wegfallen, eine Psychose vorprogrammiert %:| , wenn "sein Leben" nämlich irgendwann die Kontrolle über den Ep.-Kranken übernimmt, und der "Patient" selber hat keine Kontrolle mehr über die unterdrückten Triebe %:| , da er sich in jüngeren Jahren so einen Triebausbruch verboten hat.

Deine Frage, ... ob sich Psychosen als Folge der Reaktionen im Umfeld des Betroffenen einstellen. ... Eine andere von mir hier nun angestoßene Überlegung wäre, daß man sich (einen Anfall vorstellend) ausgeliefert vorkommt

Das kann schon sein, daß man sich nach einem Anfall ausgeliefert vorkommt. Aber so ein Ereignis alleine reicht m.E. nach nicht aus, um in späteren Jahren eine Psychose auszulösen! Für das Auftreten einer Psychose reichen auch nicht 10 Anfälle aus. Auch nicht 50. Anfälle sind Anfälle und verursachen keine Psychosen.

Wenn zwischen Ep. und Psychose kein biologisch-mechanischer Zusammenhang besteht, und es aber wohl inzwischen eine Häufung von Psychose-Erkrankungen bei Ep. Patienten nachgewiesen ist Häufigkeit einer Erkrankung = Inzidenz?. , dann muß diese nachgewiesene Häufung psychische Hintergründe haben. Anfälle alleine sind kein Grund für psychische Krankheiten. Was der Epileptiker erlebt, ist zum einen die Reaktion der Umwelt nach einem Anfall und zum anderen – vor allen Dingen bis vor 30 Jahren – das Verhalten von Ärzten und Familienangehörigen ohne einen Anfall (nicht alle "Anfälle" sind für die Umgebung als solche erkennbar! Es gibt ganz kleine Anfälle, Absencen, wo der Patient, wie das Wort schon sagt: Nicht anwesend ist. Aber trotzdem auf beiden Beinen stehen bleibt!).

Kann man daraus schließen, daß, wenn sich Jahrzehnte nach Auftreten einer Epilepsie ein psychotisches Erleben einstellt, praktisch die damalige Umwelt (Ärzte, Eltern etc.) so auf den Patienten gewirkt hatten, daß der es als besser und sicherer ansah, sich "zurück zu nehmen", und so die Psychose vorprogrammiert war?

h8ir}nxi


Eine andere von mir hier nun angestoßene Überlegung wäre, daß man sich (einen Anfall vorstellend) ausgeliefert vorkommt. Es besteht überdies auch noch die Gefahr von (schweren) Verletzungen. – Ein weiteres Problem für das von Dir erwähnte "sich_zurück_nehmen" (Abwärtsspirale) könnten auch (fehlende) Partnerschafts- oder Freundschaftsbeziehungen darstellen.

Das Auftreten eines psychotischen Erlebens meine ich zeitlich lange nach wirklich schweren Anfällen!! Denn Anfälle alleine oder auch mögliche (schwere) Verletzungen verursachen sicher keine Psychose!

Zuerst ist die epileptische Erkrankung. Dann nimmt der Patient sich zurück (weil er Angst hat, etwas falsch zu machen und einen erneuten Anfall zu provozieren). Als Folge hat er keine Partnerbeziehungen. Daraus folgt Isolation. Das führt aber jetzt noch nicht zwangläufig zur Psychose! %:|

S*un1f"lower_x73


Eine Psychose wird NICHT durch irgendwelche Lebenserfahrungen ausgelöst (Ausnahme: drogen- & entzugsinduzierte Dinge). Da gibt es v.a. eine genetische Komponente und es ist die einzige psychische Erkrankung, wo gleich viele Frauen wie Männer betroffen sind (normal ist immer ein höherer Frauenanteil).

Die kognitiven Veränderungen bei einer (chronischen) Psychose sind auch anderer Art als kognitive Defizite durch langjährige, unbehandelte bzw. medikamentenresistente Epilepsie.

Epileptischer Anfall bedeutet, dass alle Hirnzellen im Gleichklang feuern (was normal nicht der Fall ist). Bei einer Psychose gibt es keine EEG-Veränderungen.

Eine Psychose hat auch nichts mit (un)bewusstem Sicht-Zurück-Nehmen zu tun! Also all die hier genannten Vermutungen bzlg. Psychose treffen schlichtweg nicht zu! Eine Psychose ist zwar eine psychische Krankheit – aber keine, die direkt durch Lebensereignisse ausgelöst wird. Sie ist auch nicht psychotherapeutisch behandelbar, sondern lediglich psychiatrisch mit entsprechenden Medikamenten.

Was allerdings durchaus mit einer Epilepsie einhergehen kann: Depressionen und/oder Ängste. Ängste vor Anfällen, vor Situationen wo ein Anfall peinlich/gefährlich wäre,... Depression aufgr. evtl. vorhandener Einschränkungen (best. Berufe, Führerschein, Medikationsnebenwirkungen, evtl. Flackerlicht in der Disco,...) und Ausgrenzungen.

Kurzum:

Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Epilepsie und Psychose.

hoirnxi


Uups! Da war ich wohl etwas zu schnell gewesen ;-)

[[http://www.epilepsie-netz.de/11d94/Aktuelle_Faelle.htm]]

Ich hoffe, daß das Reinkopieren geklappt hat ???

"Schon lange ist ein verstärktes gemeinsames Auftreten von Epilepsie und Psychose (Comorbidität) bekannt."
Ich hatte die Info, daß es ein häufiges Auftreten von Ep. und einem psychotischen Erleben gibt, so verstanden, daß Jemand an Ep. erkrankt ist und irgendwann später im Leben etwas Psychose-Ähnliches erlebt.
Es sind aber gleichzeitige mögliche Erkrankungen gemeint.....

*:)

R]emin}gton Stexele


hirni:

Danke für Deine Ausführungen, zu denen ich noch einige Anmerkungen machen möchte – wissentlich der Tatsache, daß die Eröffnungsfrage geklärt ist.

Es gibt viele Menschen, die zumindest einmal im Leben einen epileptischen Anfall haben – es gibt auch nicht die Epilepsie, sondern sehr viele unterschiedliche Epilepsien, die alle unter dem Sammelbegriff "Epilepsie" zusammengefaßt werden.

Man bezeichnet dies als Gelegenheitsanfall, er zählt nicht zu den Epilepsien und wird auch nicht medikamentös behandelt. Natürlich erfolgen neurologische Untersuchungen, unter anderem soll das Vorhandensein eines Hirntumors ausgeschlossen werden.

Man weiß nicht, warum diese Korrelation auftritt, man weiß nur: Sie tritt auf. ( ~~Ist Korrelation das richtige Wort? ~~ )

Paßt schon, der Begriff. Gesucht wird eine dritte Größe, die Kausalität, die den Zusammenhang begründet.

Wenn zum Beispiel ein Kind mit den "inneren Ablehnungen" der Eltern aufgewachsen ist, woher soll das Kind wissen, daß so eine "innere Ablehnung" der Eltern nicht einem pädagogisch wertvollen Erziehungsstil entspricht?

Nun, hier denke ich eher, daß das Kind den Erziehungsstil als "standardisiert" betrachtet. Ihm fehlt ja zum Vergleich: Welcher Erziehungsstil wäre denn pädagogisch wertvoll…

ein Kind, ein Jugendlicher mit Ep. will diese Krankheit auch nicht haben, will alles tun, um gesund zu werden, will nicht auffallen, und gesteht sich später u.U. keine eigene Entwicklung zu.

Soweit kann ich Dir folgen.

Mit der sexuellen Entwicklung fällt man auf – das darf nicht sein – der Jugendliche nimmt sich immer mehr zurück. Er führt ein Leben wie es von den Eltern und den Ärzten vorgeschlagen und nahegelegt wird.

Das verstehe ich nicht. Warum schlagen Eltern oder Ärzte eine sexuelle Enthaltsamkeit vor?

Ersetzen wir doch im folgenden Psychose durch Depression.

Insofern ist mir auch dies hier unverständlich, da es auf dem weiter oben beschriebenen basiert:

Naja, und dann ist natürlich in späteren Jahren, wenn die Eltern und evtl. die Ärzte wegfallen, eine Psychose vorprogrammiert , wenn "sein Leben" nämlich irgendwann die Kontrolle über den Ep.-Kranken übernimmt, und der "Patient" selber hat keine Kontrolle mehr über die unterdrückten Triebe , da er sich in jüngeren Jahren so einen Triebausbruch verboten hat.

Nun noch zu Deiner abschließenden Frage:

Kann man daraus schließen, daß, wenn sich Jahrzehnte nach Auftreten einer Epilepsie ein psychotisches Erleben einstellt, praktisch die damalige Umwelt (Ärzte, Eltern etc.) so auf den Patienten gewirkt hatten, daß der es als besser und sicherer ansah, sich "zurück zu nehmen", und so die Psychose vorprogrammiert war?

Das kann ich nicht beantworten. Ich sehe in der Frage auch zu sehr die Tendenz der Schuldzuweisung an die damalige "Umwelt".

Unerwähnt blieb bis dahin auch die Wirkung der medikamentösen Behandlung bei Epilepsie auf die Psyche.

Zuerst ist die epileptische Erkrankung. Dann nimmt der Patient sich zurück (weil er Angst hat, etwas falsch zu machen und einen erneuten Anfall zu provozieren). Als Folge hat er keine Partnerbeziehungen. Daraus folgt Isolation. Das führt aber jetzt noch nicht zwangläufig zur Psychose!

Der Isolation kann eine Depression folgen. Zu einer Psychose wird das – wie von Sunflower erklärt - nicht führen.

Sunflower_73:

Was allerdings durchaus mit einer Epilepsie einhergehen kann: Depressionen und/oder Ängste. Ängste vor Anfällen, vor Situationen wo ein Anfall peinlich/gefährlich wäre,... Depression aufgr. evtl. vorhandener Einschränkungen (best. Berufe, Führerschein, Medikationsnebenwirkungen, evtl. Flackerlicht in der Disco,...) und Ausgrenzungen.

Das trifft es m.E. gut und könnte man als Begründung für das "sich zurück nehmen" sehen ohne über Schuldtendenzen zu spekulieren.

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