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Taube Lippe und neuropathische Schmerzen nach Zahn-OP

aksmCanxa hat die Diskussion gestartet


Dieser Eintrag soll allen helfen, die wie ich vor ca. 2 Monaten nach einer Zahn-OP mit einer tauben Lippe, tauben Kinn und tauben Zähnen und Zahnfleisch zu kämpfen haben. Damals war ich verzweifelt und auf der Suche nach Informationen, um zu wissen, woran ich bin und worauf ich mich einstellen muss. Mein Zahnarzt meinte nur lapidar: Das kann schon mal passieren, in fast allen Fällen gibt sich das wieder innerhalb 2 - 12 Monaten. Mehr Info gab es nicht. Ich habe mir dann mühsam mit Hilfe von verschiedenen Ärzten, die ich aufgesucht habe, und x-Quellen, die ich im Internet gelesen habe, die wichtigsten Dinge zusammen getragen, um einfach meiner Panik, dies den Rest meines Lebens ertragen zu müssen, Herr zu werden. Damit euch das erspart bleibt hier alles Wissenswerte kompakt zusammengetragen:

Bei einer Wurzelspitzenresektion im Unterkiefer wird die Wurzelspitze in der Nähe des Kiefernervs (Nervus mandibularis) abgeschnitten. Hierfür muss dieser Nerv freigelegt werden, damit der Arzt ihn sieht und nicht verletzt. Bei einem sehr geringen Prozentsatz von Menschen (hauptsächlich Frauen) reicht dies bereits aus, um den entsprechenden Nerv zu traumatisieren. D.h. die OP kann ganz normal verlaufen und der Nerv ist trotzdem angegriffen. Je nachdem welcher der Äste des Nervs betroffen ist (insgesamt gibt es drei und es hängt davon ab an welchem Zahn die OP war) kann z.B. die Zunge betäubt sein und keinen Geschmack mehr empfinden oder aber wie bei mir die Zähne des Unterkiefers, die Unterlippe und das Kinn taub sein.

Leider kann man nicht anhand des Grades der Taubheit unterscheiden, ob bei der OP der Nerv nur traumatisiert wurde, tatsächlich verletzt (z.B. angeschnitten) oder gar komplett durchtrennt wurde. Mein Nerv z.B. ist nicht durchtrennt worden, aber ich hatte überhaupt kein Gefühl mehr in der Lippe, auch nicht, wenn man mit einer Nadel reingepiekst hat. Es kann auch sein, dass der Arzt bei der Betäubung versehentlich direkt in den Nerv gespritzt hat und ihn somit längerfristig (bis zu 10 Wochen) betäubt hat. In allen Fällen bis auf den der kompletten Nervdurchtrennung besteht eine sehr hohe, fast 100% ige Chance, dass der Nerv sich regeneriert und die Betäubungen zurückgehen!!! Ob dies immer komplett ist oder ob kleinere Areale betäubt zurückbleiben ist nicht vorhersagbar. Es gibt nichts, was man tun kann, um diesen Prozess zu beschleunigen! In einigen Quellen findet man hierfür zwar Vitamin B12 genannt, aber dies ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen. Der Nerv soll allerdings keinen starken Erschütterungen ausgesetzt werden, d.h. z.B. Sport wie Zumba oder auch Joggen meiden. Der Prozess kann zwischen 3 Monaten und 12 Monaten dauern, wobei er in den ersten 3 Monaten am schnellsten voranschreitet und nach 6 Monaten nur noch sehr langsam.

Ist der Nerv bei der OP durchtrennt worden, besteht kaum eine Chance, dass dieser sich wieder von alleine regeneriert. In diesem Fall können die beiden Nervenenden aber wieder zusammen genäht werden. Passiert dies in den ersten 3 Monaten nach der Durchtrennung, besteht eine 50%-ige Wahrscheinlichkeit für eine Heilung. Passiert es später, werden die Chancen deutlich geringer.

D.h. was ihr als Betroffene tun könnt, ist so schnell wie möglich klären, ob der Nerv durchtrennt wurde. Falls dies dem Zahnarzt passiert ist, hat er es euch sicher gesagt. Ist er sich nicht sicher oder traut ihr der Aussage nicht, könnt ihr die Leitfähigkeit des Nervs bei einem Neurologen messen lassen. Ist diese vorhanden, dann ist der Nerv nicht durchtrennt. Ich habe dies z.B. in der neurologischen Abteilung der Uniklinik in Frankfurt machen lassen. Dabei kam heraus, dass der Nerv leitet, aber mit einer gewissen Latenzzeit gegenüber dem gleichen Nerven auf der nicht betäubten Seite. Schlussfolgerung war, dass der Nerv nicht durchtrennt ist, aber offensichtlich traumatisiert oder eventuell sogar verletzt (die Latenzzeit kann beides bedeuten). Die Messung ist übrigens schmerzlos.

Was auch möglich ist, ist dass immer noch etwas auf den Nerv drückt und die Betäubung auslöst wie z.B eine Entzündung oder ein Bluterguss. Um dies zu klären, kann man ein MRT oder CT machen. Dort sieht man, ob irgendetwas den Nerv einengt. In dem Fall muss nämlich auch schnell gehandelt werden, damit der Nerv keinen längerfristigen, echten Schaden nimmt.

Jetzt noch etwas zum Thema Regenerierungsprozess des Nerven und Schmerzen. Ich habe bereits nach wenigen Tagen plötzlich eine starke Spannung in den betäubten Zähnen gehabt, die dann immer stärker und richtig schmerzhaft wurde, aber mit Ibuprofen gut im Griff zu halten war. Nach ca. einer Woche waren die Schmerzen vorbei, aber dafür ging es mit sehr unangenehmen Gefühlen in den betäubten Arealen los. Es war, als würde mir jemand versuchen, die Zähne aus dem Kiefer zu drücken oder manchmal auch als ob die Lippe verdreht würde. Zuerst war es nur unangenehm, aber im Lauf von ca. 2 Wochen wurde es zu starken, brennenden Schmerzen insbesondere am betäubten Zahnfleisch. Da half auch kein Ibuprofen oder ähnlich starkes mehr. Meine Hausärztin hat mir dann Novalgin verschrieben. Das hat ca. eine Woche in der höchsten Dosis geholfen, um die Schmerzen weitestgehend zu betäuben. Dann hat auch die doppelte Tagesdosis nicht mehr geholfen. In der Uniklinik in Mainz Abteilung Kieferchierurgie habe ich dann erfahren was los ist. Die Schmerzen, die ich hatte, waren sogenannte neuropathische Schmerzen, die aufgrund der Regeneration des verletzten Kiefernervs entstanden sind. Bei 90% aller Menschen verläuft diese Regeneration völlig schmerzfrei, 10 % bekommen unterschiedlich starke neuropathische Schmerzen. Diese verschwinden wieder, wenn der Nerv sich regeneriert hat! In der Zwischenzeit helfen nur die passenden Schmerzmittel. Die normalen Medikamente gegen z.B. Zahnschmerzen helfen hier überhaupt nicht. Es gibt allerdings 4 verschiedene Arten von neuropathischen Schmerzmittel, die zum Einsatz kommen können. Hilft also das erste, dass ihr bekommt nicht, gibt es immer noch weitere zum Ausprobieren. Eines wird ganz bestimmt anschlagen! Ich habe Pregabalin (Nachfolger von Lyrica) bekommen und obwohl Novalgin in der doppelten Tagesdosis nichts genützt hat, waren bei dem Medikament in geringer Dosierung nach einer Stunde die Schmerzen praktisch fast weg. Die Nebenwirkungen waren eher gering. Am Anfang habe ich mich ein bisschen wie leicht betrunken/ benommen gefüllt bis zu 2-3 Stunden nach der Einnahme. Aber das hat sich dann nach 3-4 Tagen gegeben. Alles nichts gegen das wunderbare Gefühl, endlich keine zermürbenden Schmerzen mehr zu haben! Inzwischen (nach ca. drei Wochen Einnahme) habe ich das Medikament schon wieder angefangen herunter zu dosieren, da die Schmerzen inzwischen deutlich geringer sind. Meine Lippe, die Zähne und auch das Kinn sind an vielen Stellen schon wieder mit Gefühl, so dass alles auf einem guten Weg ist (nach jetzt etwa 2 Monaten). Was für eine unglaubliche Erleichterung!

Also, ich hoffe diese Informationen helfen euch, um im gleichen Fall nicht wie ich erstmal in Panik zu verfallen und sich völlig verzweifelt und hilflos zu fühlen. Klärt ab, ob euer Nerv durchtrennt (Messung Nervenleitfähigkeit) oder eventuell noch gequetscht ist (MRT oder auch CT). Ist dies nicht der Fall, versuchen Ruhe zu bewahren! Der Nerv wird sich mit fast 100%-iger Wahrscheinlichkeit in den nächsten Monaten regenerieren. Wenn ihr dabei Schmerzen bekommt, sucht einen Neurologen auf und lasst euch ein neuropathisches Schmerzmittel verschreiben. Dann wird alles letzten Endes gut.

Ich wünsche allen Betroffenen eine baldige Besserung!

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