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Tramadol gegen Zwangsstörungen/ Ocd und Depressionen

jcs0 hat die Diskussion gestartet


Die anerkannte Behandlungsform dieser Erkrankungen ist ja Verhaltenstherapie und ergänzende Medikamentenvergabe (Luvox, Omega3 etc.) je nach Fall. Nun gibt es Patienten, die auf Psychopharmaka nicht gut ansprechen, oder wo diese von Glauben oder Familienprägung her problematisch sind. Auch bei Leuten, die negative Erfahrungen mit der klinischen Therapie machen mußten, oder zu große Nebenwirkungen entwickeln.

An der University of Cincinnati (UC) wurden 2002 Ergebnisse zur Wirksamkeit von Tramadolhydrochlorid bei OCD und verwandten Störungen veröffentlicht ([[http://healthnews.uc.edu/news/?/472]] + [[http://patentstorm.us/patents/6387956/fulltext.html)]], die vielen Patienten Hoffnung machten. Das Präparat wirkt binnen kurzer Zeit, ist aber unter Medizinern sehr umstritten wegen des Suchtpotenzials von T. bei leichtfertiger Anwendung. Soweit bekannt gab es keine Folgestudie, was jedoch nicht ungewöhnlich ist für alternative Behandlungsmethoden.

Nun ist mein Anliegen, hier in diesem Thread für Betroffene, die ebenfalls auf dieses Medikament setzen, eine kleine Insel des Erfahrungsaustausches freizuhalten: es gibt hunderte Fäden, die Tramadol mit Sucht gleichsetzen und das Medikament stigmatisieren, aber soweit mir bekannt keinen Einzigen im Netz, der konstruktiv die Heilerfolge bei psychischen Erkrankungen diskutieren würde.

Ich möchte unerfahrene Patienten dringend verweisen sich bei anderen Fäden einzulesen bzgl. des Suchtpotenzials.

Besonderes Anliegen dieser Diskussion sollte sein, zusammenzufinden bzw. Medizinern mit der Ausrichtung Gelegenheit zu geben, Probanten für Testreihen zu finden, damit wir Grundlagen schaffen können für eine zumindest teilweise Anerkennung dieser Behandlungsform in besonderen Fällen (wie oben beschrieben). Das heißt, wer sich hier beteiligt, sollte die Beiträge kurz und sehr neutral fassen. Ich beginne gleich im nächsten Posting mit meinen Erfahrungen, um ein Beispiel zu setzen.

Antworten
jxsx0


Ich gehöre zu den Patienten, die T. seit 2001 gelegentlich eingenommen haben, nachdem sich bei der Schmerztherapie positive Nebeneffekte ergaben. Meinen Hintergrund kann man hier lesen in einem netten Thread ([[http://www.med1.de/Forum/Psychologie/403429/10373763/)]], ich könnte wohl keine konventionelle Therapie aufnehmen.

Mir erscheinen die Werte der Studie als sehr hoch, ich schätze sie sind bezogen auf schwere klinische Fälle. Soweit ich es bestimmen kann erreicht die Dosis von 100mg 1x täglich bereits die größtmögliche Wirkung, zuweilen genügen 50mg. Maximal 2 Tage in Folge, danach mindestens 1 Tage Sicherheitsabstand, den man auch gerne hat, weil das Präparat nur bei angenehmer Umgebung alltagstauglich ist, ansonsten die Welten aufeinanderprallen und eher zu Selbstreinigungsritualen führen, welche OCD verschlimmern. Auf einer Skala von 10 erreicht man Verbessungen in recht kurzer Zeit von zirka 3, auch nach Abbruch der Behandlung tritt 1-2 Wochen nach der letzten Einnahme ein positiver Schub ein der fast zum normalen Lebensgefühl führt.

Ich habe Tramadol Tropfen mit den Retard verglichen. Letztere werden lieber von Ärzten verschrieben, weil sie größere Kontrolle und Sicherheit vermitteln wegen der versprochenen gleichmäßigen Abgabe des Wirkstoffs über mindestens 12 Stunden. Nach 12-16 Stunden jedoch löst sich der Restwirkstoff scheinbar auf einmal, was sehr unangenehm ist, ein brennendes Gefühl nahe dem Drogenrausch, und die Heilwirkung ist ungleich schwächer wie bei den Tropfen. Anders als unterstellt ist auch der von Abhängigen präferierte plötzliche Wirkungseinsatz der Tropfen direkt nach Einnahme nicht bei allen Patienten gleich, zum Teil dauert es 4 Stunden.

Jedem der dieses Präparat einnimmt möchte ich empfehlen, seine Einnahmen und Heilerfolge stets zu protokollieren, zugleich ein Nachweis bei Anzweiflungen. Als Depressionspatient muß man sehr stark sein, und erlebt z.T. unschönes Verhalten mancher Ärzte (Verleugnen, Unterstellen von Sucht ohne Diagnose etc.), das sich vor allem in Sorge vor Mißbrauch begründet. Es kommt leider vor, daß Opiatsüchtige versuchen, an T. zu kommen, deswegen herrscht eine gewisse Sorge, die man verstehen sollte.

W&ar Gma"l dDer KOaxter


Ich bin auch der Meinung dass Opiode mit Sicherheit Potential haben das aufgrund ihres sehr zweifelhaften Rufes nicht wirklich ausgeschöpft wird. Als Beispiel tauchte etwa vor kurzem die Meldung auf dass Methadon gegen Leukämie positive Ergebnisse zeigt. Natürlich ist mir klar dass auch Studienergebnisse nicht der Weisheit letzter Schluss sind.

Dass Opiode auch gerade bei psychischen Erkrankungen erhebliche Wirkungen haben können ist ja durchaus bekannt und man geht davon aus dass ein Teil der heute Abhängigen diese Mittel zur Selbstmedikamentation nutzt (was dann leider oft ziemlich in die Hose geht).

Ich wünsche mir natürlich auch dass grundsätzlich ein auf das Individuum ausgerichteter Umgang mit Patienten stattfindet der nicht durch Vorurteile geprägt ist. Und hier ist wohl das Problem, das wird realistisch niemals umzusetzen sein, leider. Nicht umsonst ist etwa die Schmerzbehandlung in Deutschland auf einem immer wieder beklagten schlechten Niveau, die einen Ärzte scheuen die Verschreibung von Btm-pflichtigen Medikamenten und anderen Opioiden wie der Teufel das Weihwasser, andere wiederum verschreiben zu sorglos.

Bei allem sollte aber die Nebenwirkung einer Abhängigkeit nicht zu gering geschätzt werden, auch ein aufgeklärter, selbstkritischer Patient kann sicher Gefahr laufen in Phasen in denen es ihm länger schlecht geht auf diese sehr schnell wirkenden und sehr zuverlässigen Seelentröster zuzugreifen. Und eine Abhängigkeit kann das eigene Leben sehr nachhaltig aus der Bahn werfen. Es ist wie immer eine Nutzen-Risiko-Abwägung, die eben fair ablaufen laufen sollte. Zur Zeit wird dies aber nicht gemacht.

Also wenn sich herausstellt dass etwa Tramadol bei bestimmten Erkrankungen wirklich zu einer nachhaltigen Besserung führt, warum nicht probieren ? Wenn ich lese dass Leute jahrelang Psychopharma mit z.T. starken Nebenwirkungen nehmen und etwa das Absetzen der vielverschriebenen SSRI erhebliche Schwierigkeiten macht kann man doch darüber nachdenken.

Ist wohl ein sehr schwieriges Thema....

Ich finde es aber legitim über dieses Thema zu diskutieren ohne darin sofort die Ausrede einer eigenen Abhängigkeit zu sehen. Ich habe selbst einmal eine Phase mit Zwängen gehabt und kann nachfühlen wie belastend so etwas sein kann. Und ich kenne die Niederungen der Abhängigkeit, würde also nicht leichtfertig die Einnahme von Opioden propagieren.

Kaum jemand würde einem Menschen mit starken Schmerzen Vorhaltungen machen wenn er diese Mittel nutzt um erträglich leben zu können, bei psychischen Schmerzen sieht es dann anders aus.

Aber ich versuche es anders: Ich stelle mir vor ich habe diese Erkrankung und zwar so dass sie mich erheblich einschränkt. Und wer je unter einer psychischen Erkrankung gelitten hat weiß was das bedeutet. Ich suche einen oder mehrere Fachärzte auf und erhalte Psychopharmaka, i.d.R. Antidepressiva, vielleicht Neuroleptika und andere. Ich erdulde, erleide die Nebenwirkunghen in der Hoffnung auf Besserung die aber in manchen Fällen einfach nicht eintreten will. Gut, dann ergänze ich das ganze sinnvollerweise mit einer spezifischen Therapie, noch einer, gehe auch in ein Krankenhaus. Und häufig bringt es auch etwas aber häufig heißt eben nicht immer. Und nicht vergessen, die ganze Zeit leide ich weiter unter sehr sehr belastenden Symptomen. Ich verliere allmählich die Hoffnung und irgendwann erlebe ich zufällig dass ein Medikament eine deutliche Besserung bringt. Aber dummerweise ist es ein Medikament mit zweifelhaftem Ruf, das auch missbraucht werden kann, ohne Frage. Aber ich wünsche mir Informationen, vielleicht Erfahrungen anderer. Ich wünsche mir einen Arzt der mein Erleben damit ernst nimmt.

Ich finde es mutig darüber nachzudenken und zu schreiben und sich eben nicht zuhause still und heimlich damit zu behandeln.

Es gibt ein furchtbares und grausames Wort in der Medizin: Austherapiert. Ich würde mich als Betroffener niemals mit diesem Wort abfinden wollen.

Viele Grüsse

m:eeres=tixer


@ js0

sehr interessant,werde diesen Thread mitlesen..mir gefällt das Niveau! :)^

@ Kater

..SUPER-Beitrag! :)^

jCsx0


Dankeschön an Euch beide (@Kater, ich liebe Deinen Beitrag!) :)

Möchte hier in dem Posting mal den eigenen Background skizzieren als Beispiel für Patienten, denen Tramadol vielleicht helfen kann. Meine Zwangsstörungen gehen zurück auf mindestens 5 psychiatrische Gutachten, die über mich als damals kleines Kind bei einem Sorgerechtskrieg im Alter von 3-8 Jahren angefertigt wurden. Zu der Zeit gab es ja vor Gericht noch keinen Schutz für Kinder, die ihre Gutachten dann bewußt mitbekamen, bis heute ist das ja ein Problem wenngleich sich viel gebessert hat. Traumata wurden nicht berücksichtigt (Kinder könnten sich an häusliche Gewalt doch eh nicht erinnern), Cholerik von Männern blieb unbehandelt und spielte obgleich kausal verantwortlich keine Rolle. Als Legitimation für die Gutachten mußte in meinem Fall Asthma herhalten, das laut Ansicht meines Vaters 'eingebildet' und ein Hinweis auf schlechte Umgebung sei, womit er und die Psychologen/Psychiater im Gegensatz zu behandelnden Klinikärzten standen. Irgendwann tendiert die betroffene Familie zu Antipsychiatrie; Psychotherapeuten und Medikamente werden abgelehnt, und so eine Vorprägung ist später wenn überhaupt nur schwer aufzuarbeiten.

Wartelisten für Patienten von 1/2 Jahr auf einen Therapieplatz sind heute durchaus normal. Die Zeit bis dahin wird ja häufig von Hausärzten überbrückt z.B. mit Antidepressiva, die bei dem Typus immer nach hinten losgehen weil sich die Leute dagegen innerlich wehren. Eine Kurzzeittherapie wird zu weiten Teilen ihre Zeit damit 'verschwenden', überhaupt Vertrauen aufzubauen zwischen Patient und Therapeut. Das heißt alternative Behandlungsansätze sind für solche Patienten als Ergänzung mitunter wichtig. Hält man sich vor Augen, daß Tramadolhydrochlorid ein eher günstiges Präparat ist und das einzige unmittelbar wirksame Medikament gegen OCD, stellt sich die Frage, ob man damit nicht Schlimmeres auch auf der Kostenseite verhindern könnte.

jxs0


Mit dem Posting will ich in recht kurzer Form ein bißchen zur Dosierung und einige Erfahrungen nachreichen; der vorige Beitrag war ja mehr zu der Frage, warum Leute Schwierigkeiten mit konventioneller Behandlung haben können.

Ich kenne T. seit 2001, wo ich Retard Tabletten bekam für eine Wurzelentzündung über Nacht. Erst 2007, ohne die Studie zu kennen, benutzte ich es mehr oder weniger systematisch. Die Ergebnisse sind insofern vielleicht interessant, weil ich in einem Sektor gearbeitet hab, wo viele Menschen nach spätestens 2 Jahren berufsbedingt Zwangsstörungen entwickeln.

Q2+3/2007 hatte ich 4 Wurzelentzündungen deren Behandlung teils lange dauerte, d.h. das Schmerzmittel war verfügbar. Ich zu der Zeit beschäftigt in einer üblen Sweatshop-Hotline. Die 'betont preisbewußten' Kunden waren eine ziemliche Pein und schrien unser Team wirklich zusammen, eigentlich hatten alle Kollegen Probleme (im Zug bis zu 10x umsetzen weil man Gerede der Mitpendler nicht ertragen kann, etc.). Einer schlief unter Antidepressiva bei der Arbeit ein und wurde gekündigt. Ich hatte gerade eine Lebenskrise, und fuhr mit Tramadol besser.

Nachdem ein Zahnarzt etwas übertrieben vor dem Suchtpotenzial von T. gewarnt hatte las ich im Internet nach, um sicherzugehn. Ich fand dabei Patientenmeinungen, die es verglichen mit Downern, und schilderten, es verhielte sich recht neutral während Letztere depressiv machen. Oder Berichte, wo es Leute als ideale Medizin für psychische Probleme bezeichneten, weil Managerdroge und gesellschaftsfähig, es nicht behindere. Für Telefonisten sind andre Mittel eine Katastrophe, weil Du mußt den ganzen Tag über fit und Deine Äußerungen über Verträge sollten wasserdicht sein; viele Kunden nutzen Widersprüche von Beratern aus, um Preisvorteile zu erzwingen.

Die negative Seite gab es auch: T. ist nichts für Konflikte, d.h. im Beruf muß man zusehn, möglichst zu Feierabend die 100mg zu nehmen, damit eine euphorische Wirkung am nächsten Morgen garantiert weg ist, denn sonst treffen die Welten aufeinander und es würde extrem depressiv machen (Negativerlebnisse brennen sich unter Tramadol ein). Gleiches gilt für alltägliche Mißklänge (wie stundenlange Handygespräche mithören zu müssen, bei denen Nervensägen sich hundertmal mit blödem Geschwätz wiederholen). Z.T. nahm ich nur 50mg in wöchentlichen Abständen auch wenn das zuwenig war. Aber es half die schwere Zeit zu überstehen. Es wäre interessant zu wissen, warum die Hälfte der länger lindernden Wirkung erst ~5 Tage nach der letzten Einnahme ist.

Man könnte natürlich hier einen Medikamentenmißbrauch unterstellen, aber für mich ist T. bis heute ein Mittel, Zwangsstörungen (mit reinspielender Depression und Folgen von Mißbrauch in der Kindheit, folglich eine Mischform) nicht zu stark werden zu lassen. Ein Konflikt ist oft Auslöser einer Verstärkung der Zwänge, sodaß man um diese wieder herunterzufahren das Medikament einnimmt, aber dies niemals um Konfliktsituationen zu überdecken. Eine solche Unterscheidung ist in der Praxis von Beratungsgesprächen schwierig zu vermitteln, aber das Medikament eben auch nur etwas für verantwortungsvolle Patienten.

In der letzten Woche gab es ein Erlebnis, das ein wenig zeigt, wie leistungsfähig das Präparat in Extremsituationen sein kann. Ich habe Gerichtsakten aus meiner Jugend eingesehen, sexuell angeschnittene psychiatrische Gutachten von Quacksalbern der 80s, die heute als Kindesmißbrauch gelten. Ich hatte sie im Alter von 7 Jahren schonmal in kleinen Auszügen mitbekommen müssen und traumatische Erinnerungen daran; sie nun zu lesen war schwer! Zirka 18 Stunden nach der Konfrontation mit dem Material begann ich meine entsprechenden Probleme (ziemlicher Drang zu Ritzen, gelegentliches Zittern, Zuziehen/Asthma etc.) mit T. zu mindern. 1. Tag 100 mg, 8 Stunden später weitere 100, 2. 100 gesamt, 3. (Montag dieser Woche) 100+50 nach 6 Stunden. Die nervlichen Probleme ließen sich damit binnen Stunden abstellen, die Zwänge um 50% runterfahren, mit nur 3 Tagen Einnahmezeit. Länger würde ich es nicht nehmen wollen.

Ich hab bislang immer aus dem Stand abgesetzt ohne Ausschleichen, womit ich nicht gut klarkomme, und durch natürliches Baldrian ersetzt.

Soweit meine kleine Seite mit Erfahrungen. Als Optimum für die Einnahme würde ich 2x 100mg in einem Abstand von 8-12 Stunden sehn, vielleicht die zweite Einnahme nur 50. Aber genau festlegen kann man das nicht, manchmal haben 50mg eine viel stärkere Wirkung. Während in der oben genannten Studie wohl klinische Fälle höhere Dosen brauchten.

jhs0


Möchte hier nach längerer Zeit ein kleines Update schreiben. So wie es aussieht ist es schwierig, Kontakt zu bekommen. Was sicher kein Wunder ist, denn heute überhäufen Patienten die Kliniken mit Anfragen zu US-Studien. Von privaten bekommt man immer eine Antwort, allerdings haben die keine Kapazitäten für sowas. Ich betreibe gerade Networking auf anderem Feld, evtl. könnte davon die Sache hier mit profitieren. :)*

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