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Verändern Antidepressiva den Charakter?

LWeviastha]n8x2 hat die Diskussion gestartet


Hallo,

ich habe eine Frage die mir wirklich wichtig ist. Ich bin im Moment mal wieder in ein Loch gestürzt und weiß nicht so recht mehr heraus. Gestern war ich dann in der Notfallaufnahme einer Klinik (weil ich woanders auf die schnelle nichts fand, nicht weil ich aus dem Fenster springen wollte). Dort wurde mir geraten dieses Loch eventuell mit Antidepressiva zu überbrücken bis ich wieder etwas auf den Beinen stehe. Der Arzt empfahl mit Mirtazapin 30mg. Jetzt habe ich etwas darüber nachgelesen und sehe, daß die meisten davon sehr träge oder müde werden. Das kann ich aber garnicht gebrauchen. Nebenher habe ich gelesen, daß mancher schreibt, er nehme ein Antidepressiva und erkenne sich nach einer Weile garnicht wieder.

Nun möchte ich einerseits irgendwie wieder aus diesem Loch herauskommen und denke es könnte tatsächlich helfen eine medikamentöse Unterstützung zu nehmen. Andererseits habe ich wirklich sehr große Angst, daß ich dadurch nicht mehr ich selber bin. Daß ich dann, obwohl ich es jetzt überhaupt nicht mag, vor dem Fernsehr sitze und mich über Big Brother freue, einfach weil mir dann alles egal ist. Oder, ich lese gerne tiefgründigere Bücher wie Hesse oder gerade Stiller von Max Frisch. Kann ich dann diesen Büchern noch folgen und darüber nachdenken oder werde ich durch diese Medikamente oberflächlich?

Ich möchte bitte eure Erfahrungen oder Meinungen wissen. Das würde mir schon sehr weiterhelfen. Gibt es vielleicht ganz leichte Antidepressiva die einen nicht gleich total vernebeln als Alternative?

Antworten
Uglcexra


Ads verändern nicht den Charakter. Ich bin sehr froh über diese Medikamente. Es gibt unzählig viele verschiedene Ads. Manchmal muss man mehrere ausprobieren, um eine zu finden, was wirkt. Die volle Wirkung zeigen ADs meist nach 2-4 Wochen der Einnahme. Eventuelle Nebenwirkungen verschwinden meist schnell. Ich kann dir nur raten:"Ein Versuch ist es wert, du hast nichts zu verlieren."

Bkarckeloneta


Ich würde dir einen Gang zu einem guten Psychiater empfehlen. Ich nehme selbst seit langem ADs und komme gut damit klar. Was ich aber sagen würde, also das Mirtazapin ist zum Schlafen echt super, aber nicht gerade für seine durchschlagende antidepressive Wirkung berühmt. Und wenn du sagst, Müdigkeit könntest du nicht brauchen, leidest du wohl auch unter Antriebsschwäche. Da gibt man meistens morgens antriebssteigernde ADs. Daher würde ich mich an deiner Stelle mal im Internet nach empfohlenen Psychiatern in deiner Nähe schlau machen und mich mit diesem Zusammensetzen.

Kkira.th


Nun möchte ich einerseits irgendwie wieder aus diesem Loch herauskommen und denke es könnte tatsächlich helfen eine medikamentöse Unterstützung zu nehmen. Andererseits habe ich wirklich sehr große Angst, daß ich dadurch nicht mehr ich selber bin. Daß ich dann, obwohl ich es jetzt überhaupt nicht mag, vor dem Fernsehr sitze und mich über Big Brother freue, einfach weil mir dann alles egal ist. Oder, ich lese gerne tiefgründigere Bücher wie Hesse oder gerade Stiller von Max Frisch. Kann ich dann diesen Büchern noch folgen und darüber nachdenken oder werde ich durch diese Medikamente oberflächlich?

Die Freundin meines Cousins, die aber nicht wusste, dass ich ein Medikament nehme, meinte, als wir uns das erste mal seit langer Zeit wieder gesehen haben (das war ca. 1 Jahr, nachdem ich angefangen habe, Venlafaxin zu nehmen), dass ich im Vergleich zu früher viel offener bin und viel mehr von mir erzähle. In meinem Fall war es eher so, dass die Depression mich verändert hat und mich gleichgültig gemacht hat.

Ich würde eher behaupten, dass die AD mir geholfen haben, wieder ich selbst zu sein. ;-)

Zywacxk44


ADs ändern nicht den Charakter, aber sie können z.B. müde machen. Mirtazapin ist ein solcher Kandidat, der oft stark sedierend wirkt. Das Schwierige bei ADs ist, dass man seine Erfahrungen selbst machen muß, weil jeder Patient anders reagiert. Ich habe über 20 ADs probiert; manche haben nicht so gewirkt, wie sie sollten; manche hatten inakzeptable Nebenwirkungen; aber meinen Charakter verändert, hat keines. Was aber Menschen zu ihrem Nachteil verändert, sind DEPRESSIONEN.

SLinnesPtätexr


Andererseits habe ich wirklich sehr große Angst, daß ich dadurch nicht mehr ich selber bin. Daß ich dann, obwohl ich es jetzt überhaupt nicht mag, vor dem Fernsehr sitze und mich über Big Brother freue, einfach weil mir dann alles egal ist. Oder, ich lese gerne tiefgründigere Bücher wie Hesse oder gerade Stiller von Max Frisch. Kann ich dann diesen Büchern noch folgen und darüber nachdenken oder werde ich durch diese Medikamente oberflächlich?

Ich kann dir diese Angst nicht wirklich nehmen, nur so viel: Wenn das passiert, dann ist das keine bleibende Änderung, sondern bildet sich nach Beendigung der Einnahme wieder zurück.

Ich habe bei mir eine deutliche Interessensverlagerung durch ADs festgestellt, hin zu weniger weniger kreativ, weniger denkend, und weniger wahrnehmend. Was ja durchaus auch der gewünschten Wirkung entspricht – weniger Kreativität, Denken und Wahrnehmung in die falsche Richtung bedeutet ja eine Verbesserung. Daß dadurch die angenehmen Seiten dieser Dinge gleich mitbeschränkt werden, liegt eben in der Natur der Sache.

Aber: Es ist im Prinzip doch eigentlich egal, was du im Moment tust, und was dir im Moment gefällt – Hauptsache, es gefällt dir. Ob du gerade Spaß an Hesse hast, oder an Stephenie Meyer, ist doch eigentlich völlig unerheblich.

L4eviatuhan82


Da du die Kreativität ansprichst. Mir liegt viel daran mich künstlerisch auszuleben, ich kann mir ehrlich gesagt nichts anderes Vorstellen. Ich möchte mich auch nochmal im September versuchen an einer Kunstschule zu bewerben. Dafür müßte ich aber noch ein paar Dinge anfertigen. Und was ich künstlerisch eben darstellen möchte sind keine Blumen oder bunte Tiere. Ich beschäftige mich nun mal sehr mit dem Leben und denn Sinn der Dinge. Ich habe einen Hang dazu und finde darin auch gewisserweiße Befriedigung. Wenn das nicht mehr ist, ich über soetwas nicht mehr nachdenke, wie kann ich dann weiter meine Bilder machen?

Ich bin nicht mein Leben lang depressiv gewesen. Ich bin halt nunmal anders und beschäftige mich auch gerne mit schwereren Dingen. Ich kann das so nicht so einfach beschreiben und es scheint auch für viele schwer zu sein, daß zu verstehen. Aber jeder Mensch ist nun mal anders und ich bin eben so. Was bleibt noch übrig wenn ich quitschvergnügt durchs Leben laufe und das nicht mehr fühlen und denken kann? Ich mache das auch nicht erst seit ein paar Monaten, ich beschäftige mich schon viele Jahre mit solchen Dingen.

B#arcxelonxeta


Was bleibt noch übrig wenn ich quitschvergnügt durchs Leben laufe und das nicht mehr fühlen und denken kann?

Ich glaube, du verstehst grundsätzlich etwas an der Wirkung der ADs falsch. Das sind keine Glücklichmacher-Drogen. Sie steigern den Antrieb, setzen aber keine Endorphine frei, durch die man strahlend durch die Gegend läuft. Sie sind mehr so ein Anschubser, damit man überhaupt wieder in die Gänge kommt und sein Leben angehen kann. Ich bin auch mit AD noch ein sehr nachdenklicher Mensch und so kenne ich das auch von allen anderen, die Ads nehmen.

S5inlnest@ätexr


Fakt ist: Wenn das Medikament überhaupt wirkt, dann wird es deine Gedanken- und Gefühlswelt verändern, das ist schließlich sein Einsatzzweck. Du würdest es nicht nehmen, wenn du keine Veränderung wolltest.

Fakt ist auch, daß diese Veränderung nicht stark und abrupt, sondern langsam und schleichend vonstatten geht, über einen Zeitraum von Monaten, oder sogar Jahren. Du wirst keine Pille nehmen, und direkt danach ein anderer Mensch sein – wenn Antidepressiva so potent wären, gäbe es die Krankheit Depression nicht mehr.

Aber es wird dir niemand, auch der erfahrenste Neurowissenschaftler nicht, sagen können, wie sich ein bestimmtes Antidepressivum nun konkret, auf lange Sicht, auf deine Gedanken- und Gefühlswelt auswirken wird – und wie sehr du diese Veränderungen begrüßt, oder eben auch nicht.

Insofern: Mach dir nicht allzu viel Gedanken. Wenn du eine Verbesserung deines Zustandes möchtest, dir deine Ärzte zu einem AD raten, und du ansonsten keine Optionen hast, dann versuche es doch einfach. Während eines Depressions-Schubs ist man in der Regel auch ziemlich unkreativ ;-)

sxchn]eckGe19x85


stern, was du da schreibst ist einfach von hinten bis vorne Quatsch! :|N :(v

[Bezieht sich auf einen zwischenzeitlich gelöschten Beitrag]

ADs sollen die Depression ja auch nicht "heilen" sondern sie sind eine Hilfe um eine therapeutische Aufarbeitung überhaupt zu packen. Wenn man zu depressiv ist, um vor die Tür zu gehen, wie soll man da noch eine Therapie machen? :|N

Auch Persönlichkeitsveränderung habe ich keine gravierende festgestellt. Im Gegenteil, ich fange langsam wieder an zu leben und will auch wieder leben, das ist schonmal ein riesen Fortschritt. Zum Thema Kreativität: ich nehme Venlafaxin und Seroquel und habe das Gefühl, eher wieder den Kopf für Kreativität offen zu haben. Depressionen schränken ja auch die Gedanken ein, machen unfrei, man verschließt sich vor neuen Möglichkeiten. Meine kreativen Hobbies haben für mich einen riesen Stellenwert und irgendwann war die Depression so schlimm, dass ich nichtmal daran mehr Interesse hatte. Das war mit ein Grund, dass ich schließlich eine Therapie angefangen habe, denn die Persönlichkeit verändert sich v.a. durch die Depression (keine Interessen – keine Energie – kein Lebensmut)

S-innesstäteTr


*schmunzel* Da ich schon im Geiste die Folgebeiträge sehe, die ebendies vehement bestreiten, setze ich mal einen [[http://de.wikipedia.org/wiki/SSRI_Discontinuation_Syndrome Link dazu]], und jeder kann für sich selbst entscheiden, ob das für ihn unter "Abhängigkeit" fällt oder nicht.

Z-wacfk4x4


Die Crux des Beitrags von stern24 liegt nicht im Gebrauch des Begriffs "abhängig", sondern vielmehr in der unreflektierten Weise, in der hier persönliche Vorstellungen als Fakten verkauft werden. Wir Betroffenen wissen, dass eigene AD-Erfahrungen nicht 1:1 auf andere Patienten übertragbar sind; deswegen erfolgt die Beratung ja selten produktbezogen. Außerdem hilft der Rat "Langzeittherapie" einem Patienten, der heute in einem tiefen Loch sitzt, absolut nichts. In diesem Zusammenhang möchte ich leise daran erinnern, dass sich 15% depressiver Menschen das Leben nehmen. Auch das hätte stern24 bei ihrem Beitrag berücksichtigen sollen. Offenbar denken schnecke 1985 und ich auf ähnlicher Wellenlänge.

s#chgneckea198x5


da kopier ich doch mal gleich...

Entzugserscheinungen beim Absetzen von Antidepressiva indizieren nicht Sucht im allgemeinen Sinn, sie sind mehr das Ergebnis der Versuche des menschlichen Gehirns, erneut ein neurochemisches Gleichgewicht nach dem Absetzen des Medikaments zu erzeugen. Die Entzugserscheinungen können meist durch Ausschleichen (langsames Verringern der Dosis) über die Dauer von Wochen oder Monaten vermindert oder gänzlich verhindert werden. Auch diese Methode ist aber speziell bei Patienten mit Langzeitbehandlung nicht immer erfolgreich.

s8chnencken198t5


@ Zwack :)_

Ich muss dich mal für deine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft hier im Forum loben. Mir haben deine Beiträge auch in meiner vor-therapeutischen Zeit geholfen zu erkennen, wie gravierend meine Probleme eigentlich waren. Dafür ein dickes danke an dich @:) :)*

fqire4fightexr80


@ stern24

ich weiss nicht, ob du selber schon jemals in einer richtigen Depression gesteckt bist (was ich nicht hoffe und nach deinem Bericht zu folge auch nicht glaube). Wenn es so wäre würdest du wissen, dass es Situationen bzw. Krankheiten im Leben gibt, die durch bloses Reden während einer Therapie nicht überwunden werden können. Für solche Situationen gibt es ADs. Ich selber war nie ein Freund dieser Art von Medikamenten bis ich irgendwann selber mal in genau eine solche Situation gekommen bin und glaub mir - ich kenne auf der Welt nichts was noch schlimmer ist als eine richtige Depression. Wie schnecke1985 schon so treffend beschreibt: Man hat während einer Depression keine Interessen mehr, keine Energie, keinen Antrieb und keinen Lebensmut mehr. Das kann von heute auf morgen kommen, wenn gewisse Botenstoffe im Gehirn ausser Kontrolle geraten. Sicherlich spielt dabei ein gewisser Erbfaktor auch eine Rolle.

Spätestens aber wenn man nur noch dahin vegetiert und der Alltag für einen zum unlösbaren Problem wird sollte man sich in die Hände von erfahrenden Ärzten geben und die Hilfe die es zum Glück ja gibt auch annehmen.

Meine persönliche Erfahrung mit ADs ist, dass sie keineswegs den Charakter eines Menschen verändern. Da sie die Botenstoffe im Gehirn wieder ins Gleichgewicht rücken sorgen sie sogar dafür, dass man wieder "der Alte" wird, der man vor der Depression auch war. Auch ich schließe mich ohne Einschränkung dem bereits weiter oben stehenden Satz an: "Es sind nicht die ADs die den Charakter eines Menschen verändern - es sind die Depressionen." Warum wohl bringen sich so viele Depressive um? Weil sie einfach keinen Ausweg mehr sehen und sie nicht mehr der sind, der sie früher mal waren. Hätte die Krankheit ihren Charakter nicht geändert, würden sie niemals auf die Idee kommen sich das wichtigste zu nehmen was sie haben - nämlich ihr eigenes Leben.

@ Leviathan82

ich würde dir raten: Versuche das Loch mit ADs zu überbrücken. Es sind doch längst keine so brutalen chemischen Hämmer mehr wie vor 40 Jahren. Gerade die neueren ADs weisen ein sehr sanftes Nebenwirkungsprofil auf. Probier es auch - auch wenn das erste oder vielleicht auch das zweite Medikament nicht gleich das ist, was bei dir am besten wirkt. Aber Kopf hoch - es gibt Hilfe. Du musst es nur zulassen. Alles Gute!

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