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Unsicherheit und Redeangst in Gruppen

_:del3ilaxh_ hat die Diskussion gestartet


Hallo ihr Lieben,

ich wende mich heute mit einem Problem an euch, das mich im Grunde schon mein ganzes Leben lang begleitet.

Ich war schon immer ein eher zurückhaltender und schüchterner Mensch. Mündliche Prüfungen, Referate und Vorträge haben mich immer wahnsinnig nervös gemacht, in Gruppen frei zu sprechen oder selbstbewusst meine Meinung zu vertreten fiel mir schon immer schwer.

Mir fällt es bis heute schwer, einen – MEINEN- Standpunkt zu einer Sache zu vertreten, eine eigene Meinung zu haben. Natürlich HABE ich sie im Normalfall – aber ich fühle mich selten sicher genug, um sie auch auszusprechen, oder ggf.mit jemandem darüber in Diskussion zu treten. Oft reicht auch schon ein "Gegenargument", um mich aus der Bahn zu werfen oder gleich meine eigene Meinung gedanklich als "schlecht", und die andere Meinung als "höherwertiger" und damit "gut" zu befinden.

(Ich brauche lange, um mir eine wirkliche, feste Meinung von etwas zu bilden – das ist vielleicht per se nicht das schlechteste, aber führt auch dazu, dass ich eben oft das Gefühl habe, gar keine richtig ausgereifte Meinung zu etwas zu haben.)

Ich hatte dieses Problem schon zu Schulzeiten – ich habe mich fast NIE gemeldet, und bis ich mir wirklich sicher war, dass das, was ich sagen möchte, stimmt, war schon wieder alles vorbei – ich hatte dementsprechend meist schlechte Mitarbeitsnoten, war dafür schriftlich immer gut und habe auch das Abi mit einer guten Note bestanden. Ich habe dann ein Studium abgeschlossen – auch hier habe ich mich bei Referaten, Gruppendiskussionen etc. immer sehr zurückgehalten, dies war während des Studiums auch leider recht gut möglich.

Nun arbeite ich seit 2 Jahren in einem sozialen Beruf – also einem Berufsfeld, in dem es sehr wichtig ist, frei und offen sprechen zu können.

Es ist nun so – zu Hause oder unter Freunden habe ich überhaupt kein Problem damit, mich frei zu äußern, meine Meinung vorzutragen, oder mit meinem Freund zu diskutieren. ;-)

Auch im Rahmen meiner Arbeit gelingt es mir gut, mit den Menschen umzugehen, auch größere Gespräche mit verschiedenen Fachkräften, Vorträge oder ähnliches gelingen mir mittlerweile recht gut, wenn zwei Kriterien erfüllt sind: Ich muss mich darauf vorbereitet haben, und ich muss ungefähr wissen, wovon ich spreche.

Sobald ich allerdings spontan etwas sagen soll, meine Meinung äußern soll, es zu Diskussionen kommt...versagt alles bei mir.

Wir haben nun aber im Rahmen der Arbeit verschiedene Arbeitsgruppen, in denen es gerade darauf ankommt, dass jeder einen Teil beiträgt, dass es zu einem lebendigen Austausch und zur Diskussion kommt. Es geht meist um einen Austausch bezüglich verschiedener Erfahrungen, methodischer Ansätze, um Hypothesen und Lösungsvorschläge zu vorgetragenen Sachverhalten...

Ich bin immer dabei, aber ich bin leider IMMER diejenige, die mit Abstand am wenigsten sagt. Das Schlimme ist, es sind wirklich sehr nette Kollegen, und rational gesehen weiß ich, dass ich im Grunde gar nichts wirklich "falsches" sagen könnte, bzw. es nicht schlimm wäre.. aber ich kann nur ganz schwer über meinen Schatten springen.

Ich fühle mich gehemmt, ich habe Angst, dass mein Standpunkt "nicht gut ankommt", dass ich direkt nach einem Gegenargument nicht mehr weiß was ich sagen soll, dass meine Ideen "schlechter" sind als die der anderen, dass die anderen alles sprachlich viel besser ausdrücken können, dass sie das fachlich und methodisch viel besser beschreiben als ich...

Ich mache mich selbst einfach immer schlechter als ich bin, und tue mir so total schwer damit, einfach mal frei raus zu sagen, was mir so durch den Kopf geht. Ich möchte mir immer alles so "perfekt" wie möglich zurechtlegen, und mir in dem, was ich sage, zu 100% sicher sein...da ich mir das aber selten bin, sage ich entweder nichts, oder jemand anderes ist sowieso schneller wie ich.

In Summe traue ich mir wohl viel weniger zu, als ich wirklich kann, und fühle mich so nur selten so sicher, dass ich für mich selbst das Gefühl habe, nun "guten Gewissens" etwas sagen zu können.

Es ist eine eigentlich völlig unbegründete Angst davor, dass die eigene Meinung, die eigenen Ideen abgelehnt werden, dass man belächelt wird, dass meine Sichtweise nicht "professionell" genug ist, gepaart mit dem Gefühl, dass die anderen mehr wissen, mehr können, ihre Meinung mehr wert ist.

Sobald ich mich in einem Arbeitsfeld aber wirklich gut auskenne und mich sicher fühle, trage ich auch etwas bei – ich fühle mich dann nicht mehr so angreifbar. Deswegen habe ich im Normalfall in meiner alltäglichen Arbeit oder in größeren Gesprächen auch keine Schwierigkeiten, solange ich mich auf für mich halbwegs sicherem Terrain bewege.

Sobald ich aber in solche Gruppensituationen komme, werde ich zu einem nervösen, unsicheren Menschen, fühle mich eher als "Zuschauerin" oder "Praktikatin", denn als vollwertige Mitarbeiterin.

Ich möchte daran WIRKLICH etwas ändern, es zermürbt mich, es ärgert mich, und ich setze mich selbst -auch wenn ich weiß, dass mir das nicht hilft- mittlerweile sehr unter Druck. Ich bin zwar noch eher jung, aber nun doch nicht erst seit ein paar Monaten im Beruf, und auf die Kollegen, die mich nicht so gut kennen, könnte es auch so wirken, als sei ich einfach eine farblose, graue Maus ohne eigene Meinung und ohne wirkliches Wissen. Natürlich MUSS ich auch noch viel dazulernen – aber trotzdem habe ich ja Gedankenansätze, muss mich mit einbringen...

Wer kennt so etwas auch, bzw. habt ihr Ideen, wie ich das Ganze angehen könnte?

Freunde sagen oft "Fang einfach an, mehr zu reden, dann geht es von alleine" – aber es ist so schwer. Dieser erste Schritt...ich sitze dann da, mein Herz klopft, ich bin nervös, ich sage mir "JETZT musst du aber auch mal was sagen!!! LOS! SAG JETZT WAS!", und das klappt so natürlich überhaupt nicht.

Vielleicht habt ihr ja Tipps....oder Literaturvorschläge...oder anderes...ich bin für alles offen. :-)

Liebe Grüße!

*:)

Antworten
B7ellaSswant-Cullxen


Freunde sagen oft "Fang einfach an, mehr zu reden, dann geht es von alleine" – aber es ist so schwer. Dieser erste Schritt...ich sitze dann da, mein Herz klopft, ich bin nervös, ich sage mir "JETZT musst du aber auch mal was sagen!!! LOS! SAG JETZT WAS!", und das klappt so natürlich überhaupt nicht.

so geht es mir auch...obwohl ich sehr sicher spreche....

Vielleicht habt ihr ja Tipps....oder Literaturvorschläge...oder anderes...ich bin für alles offen. :-)

Liebe Grüße!

vielleicht kannst du mal ein oder zwei gute fortbildungen zu dem thema besuchen..... :)=

bRewi8ld,ereWd


Oh ja, das kenne ich sehr gut! (Bei mir war es eine ausgewachsene soziale Phobie.)

Versuch vielleicht mal, Dich nicht unter Druck zu setzen. Du bist gar nicht so im Fokus der andern. Du bist für sie nicht so wichtig. Was Du sagst ist nicht so wichtig. Nur für Dich selbst ist das so, weil Du die ganze Aufmerksamkeit darauf lenkst. Diese Erkenntnis nimmt schon Druck. Versuch, Dich auf das Thema zu konzentrieren, zu der Du etwas beitragen kannst und willst, weil dieser Aspekt bisher noch nicht bedacht wurde.

_-deliblah!_


@ bellaSwan-Cullen:

Ja, die Idee mit der Fortbildung kam mir auch schon...ich muss mich mal umsehen, ob es diesbezüglich gute Seminare gibt...

@ bewildered:

Ja, da hast du Recht...man nimmt sich selbst immer so in den Fokus, aber die anderen nehmen das gar nicht so wahr. So geht es mir selbst ja auch, ich achte ja auch nicht akribisch darauf, was genau die anderen sagen, und selbst, wenn sie sich mal verhaspeln, oder sonstiges...mich stört das überhaupt nicht, aber man legt bei sich selbst dann ganz andere Maßstäbe an...ich werde versuchen, mir das verstärkt ins Gedächtnis zu rufen. Hast du deine soziale Phobie in den Griff bekommen? (bin da auch ein wenig "vorbelastet", meine Mutter hat das ganz stark, schon seit ihrer Jugendzeit)

mwaravLillxosa


ich weiss gar nicht, ob ich meinen Tipp weitergeben soll, denn der ist mehr als grenzwertig. Jedenfalls hatte ich beim Lesen von _delilah_ 's Thread einen hohen Wiedererkennungseffekt! Weil mein Mann krank war, musste ich seinen Job übernehmen und einen Vortrag vor grösserem Publikum halten. Alle Tipps wie 'stell Dir die Zuhörer in Unterhosen vor' und ähnlich dämliches Zeug hatte ich zum dem Zeitpunkt bereits erfolglos getestet. Kurz zuvor hatte ich aufgrund von Nackenproblemen ein kleines Blister mit Valium von meinem Hausarzt bekommen, weil ich Schmerzmittel wie Voltaren schlecht vertrage. Jedenfalls habe ich vor dem Vortrag eine Valium eingeworfen – anders wusste ich mir nicht zu helfen. Der Vortrag lief hervorragend, ich war locker und so gab es keine meiner üblichen Probleme wie Atemnot, Stottern, etc. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis. Aus diesem Erlebnis tankte ich derart viel Selbstbewusstsein, dass ich seither (selbstverständlich ohne Valium) vor Publikum sehr gut sprechen kann.

Ich sehe allerdings die Gefahr der Abhängigkeit und glaube, dass man sich selbst kritisch betrachten sollte, bevor man zu diesem Schritt greift.

Wkölfin< xNo.1


Das Problem hatte ich auch, bis zur.. ich glaube 9ten Klasse, heute auch noch manchmal, aber es ist kein Vergleich zu früher.

Bei mir hat es sich abgelegt, nach dem ich meinen Freund 2008 kennenlernte.. wenn ich so darüber nachdenke, habe ich eine extreme Wendung genommen seid dem.

Gutes Training- ich arbeite in einer KiTa und da muss man sich auch öffentlich zum Deppen machen, hilft auch sehr (: naja..

Dich dazu zwingen darfst du auf keinen Fall, weil es dann wirklich nichts wird. Versuch dich sicherer und als Teil der Gruppe zu fühlen, wenn das so klappt, kommt das reden fast wie von selber, da darf man dann bloß nicht verkrampft vorher drüber nachdenken, denn dann bekommt man gar nicht erst den Mund auf :/

Wie du mehr Selbstsicherheit bekommst ist ja von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Ich wurde früher zur Vertrauenslehrerin gezwungen, musste dämlich Übungen machen, die mir extrem peinlich waren und das hatte zur Folge, dass ich noch unsicherer wurde als vorher..

Wünsche dir viel Glück & Erfolg dabei :-)

Wölfin

bMewidldexred


@ _Deliah_

Ja, es ist besser geworden. Ein AD hat geholfen, und dann der berufliche Erfolg. Ich habe noch immer Probleme, vor allem gegenüber Autoritätspersonen, und gegenüber Frauen, die ich attraktiv finde (vor allem beim zweiten Schritt).

b~ewXilduerexd


Valium half mir nicht bei Vorträgen. Ich wurde zwar ruhiger vor öffentlichen Vorträgen, dafür war auch das innere Feuer weg. Das gleiche bei Propanolol, einen Betablocker, der häufig von Musikern benutzt wird bei Lampenfieber.

grokxyo


Puuh, Valium oder AD, find ich schon ganz schön heftig für solche Anlässe ":/ Ich denke aber das ich schon etwas von dieser Anspannung nachvollziehen kann...ich hatte auch, durch einiges erlebtes, Probleme mit meinem "Nervenkostüm" diesbezüglich.

Versuch es doch mal homöopatisch mit Aconitum D6, schaden kann es nicht und ist vielleicht "ehrlicher" zu Dir als so eine Keule die Dir auch "Dein Feuer" nimmt. *:)

bkewil8derexd


@ gokyo

Die typischen homöopathischen Mittel, die man sich so selber gibt (Aconit, Bar c, Ambra, Arg nit) haben bei mir nicht geholfen, am ehesten noch Gels.

_ddelfilaxh_


Hallo ihr Lieben,

tut mir leid, dass ich jetzt erst schreibe, ich hatte über das Wochenende nicht viel Zeit.

Danke Wölfin für deinen Ratschlag – dass ich versuchen sollte, mich als Teil der Gruppe zu fühlen, ist richtig und wichtig.

Bei mir wurde es auch schon besser – wie gesagt, in der täglichen Arbeit geht es mir auch meist gar nicht mehr so, früher hat sich diese Unsicherheit noch auf mehr Bereiche ausgedehnt gehabt.

Medikamente würde ich übrigens auf gar keinen Fall nehmen. Ich bin sowieso überhaupt kein Fan von Medis und nehme ganz ganz selten mal irgendwas (da kommt dann zusätzlich noch ne leicht hypochondrische Ader von mir zum Tragen – nachdem ich mir die möglichen Nebenwirkungen eines Medikamentes durchgelesen habe, möchte ich es zu 99% nicht mehr zu mir nehmen ;-)) – eigentlich nur, wenn ich wirklich alle paar Jahre mal z.B. durch Kranksein zur Antibiotikaeinnahme gezwungen bin, das kommt aber wirklich sehr selten vor.

Nein, und ich würde diese Problematik auch nicht mit Medikamenten angehen wollen, auch wenn ich nachvollziehen kann, dass es dir, maravillosa, in der Situation geholfen hat. :-)

So ein "Schlüsselerlebnis" hätte ich auch gerne – aber wie gesagt, definitiv ohne irgendwelche Mittelchen.

Wenn ich es mir recht überlege, gab es ja auch schon einige Situationen (inkl. sämtlicher Vorträge und Referate, die ich jemals gehalten habe), welche als "Schlüsselereignis" fungieren könnten...im Grunde bekam ich schon immer positive Rückmeldungen zu Vorträgen jeglicher Art, auch im Studium...ich wurde auch nie schlechter als 2,0 benotet, Außnahme meine mündliche Prüfung im Hauptdiplom, aber auch die war eine 2,3...aber dummerweise hilft mir diese Erkenntis kein Stück. ;-) Wobei Vorträge, wie geschrieben, ja gar nicht mehr so das Problem sind, sondern eben eher dieses "spontane" Redenmüssen und sich Einbringen in Diskussionen und Teamgesprächen.

Naja, in wenigen Tagen ist es wieder soweit, und ich werde mir die Tipps auf jeden Fall zu Herzen nehmen.

Ich werde dann mal berichten, wie es gelaufen ist... :-)

Wenn ihr noch weitere Ideen habt, dann freue ich mich natürlich! @:)

*:)

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