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Wie das Leben wieder an mich ranlassen?

S^etzezn6 hat die Diskussion gestartet


Es kostet mich eine immense Überwindung, dies zu schreiben. Zumal ich hier bei med1 "Stammkunde" bin und mich mancher wohl "kennt" aus den vielen Beiträgen. Aber ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich ehrlich sein möchte. Dazu gehört auch, unter meinem Nick zu schreiben.

Ich bin Setzen6, 25 Jahre alt und weiß nicht, wie ich mit mir und meinem Leben umgehen soll.

Ich hatte eine Kindheit, wie sie jeder hat: Eine schwierige. Meine Eltern waren nicht glücklich miteinander, weil meine Mutter psychisch krank (schwere bipolare Störung) war und ist. Mein Vater ging deshalb fremd, was die Krankheit meiner Mutter verstärkte. Ich habe zwei Mütter quasi und beide scheinen nichts voneinander zu wissen. Anfangs (seit 1993) wechselten sich die Stimmungen monatlich ab, seit etwa 2001 täglich, das heißt, sie ist einen Tag weinerlich und am anderen Tag aggressiv. Sie hat diese Krankheit in großer Regelmäßigkeit, sie hat in den vergangenen 10 Jahren nur drei Mal gegen diese Regelmäßigkeit verstoßen.Dies ist so selten, dass ein Psychiater ein Buch über sie geschrieben hat.

Ich hatte eine Mutter, die sich über alles lustig machte (egal was: Tod, Krankheit, Fremdgehen meines Vaters) und eine Mutter, die wegen allem weinte, die sich in Melancholie einem Weltschmerz hingab, der für mich über unerträglich war.

2004 ging endlich mein Vater. Mein Bruder trank zu diesem Zeitpunkt bereits, da er das Geschehen so verarbeitete.

Meine Mutter zog uns mit Leidensmine groß: Für euch ertrage ich diese Ehe, für euch gehe ich durch diese Hölle, für euch schlafe ich mit diesem Mann, für euch habe ich mein Leben gegeben.

Meine Mutter erzog uns dazu, nichts vom Leben zu erwarten. Männer sind böse, Männer wollen nur Sex, Freundschaften gibt es nicht, das Leben lauert nur darauf wieder Schaden anzurichten. Freude war ihr fremd, ebenso jegliches Bemühen um Glück. Es gab keine Familienfeste, keine Anwesenheit auf Schulfesten, kein Anfeuern am Fußballplatz. Das Leben einfach nur aushalten war die Devise. Und so wurde stillschweigend jegliches Unglück in Kauf genommen – man hatte es ja erwartet.

Ich wurde stiller, meine mündlichen Noten gingen in den Keller. Freundschaften gab ich (bis auf eine) nach und nach alle auf. Ich saß erschöpft in der Schule und in meinem Kopf die Gedanken an meine Mutter. Ich schwang bei jeder ihrer Stimmungen mit.

Dann 2004 die Trennung, ich half meinem Vater auszuziehen, tröstete meine Mutter. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie unser Haus behalten wollte, ließ Notartermine im Zuge ihrer Erkrankung platzen. Letztendlich wurde es verkauft.

Ich zog weg um zu studieren, weiter als nötig. Trank viel, schlief mit zu vielen Männern. Und überall nur Stille. Emotionale Erschöpfung.

Keine Beziehung lief wirklich gut, ich hatte Verlustängste in Kombination mit Näheproblemen. Lag nächtelang wach und vermisste das Gefühl, ihn zu spüren, weil sie mir alle so fern erschienen. Die fehlende Nähe kompensierte ich durch Alkohol und Sexexzesse. Wollte irgendwas spüren, egal was. Die Gefühle kamen auch, aber zu heftig. Trennungen überwand ich kaum.

Ich kam in die Psychiatrie, weil ich vor Schmerz weder ein- noch aus wusste. Meine Familie war zerbrochen, meine Mutter krank und alkoholabhängig, mein Bruder alkoholabhängig, mein Vater hatte wechselnde Partnerinnen. Mein Gewicht schwanke zwischen 48 und 112 Kilo.

Nach der Psychiatrie machte ich 2 Jahre eine Therapie und bekam Medikamente. Ich begriff, dass meine Familie Vergangenheit war und dass ich nicht mehr mit den Schwankungen meiner Mutter schwingen durfte.

Dann kamen dieses Jahr zwei Krebsdiagnosen bei meiner Mutter. Erst Hautkrebs, dann Brustkrebs. Ich besuchte sie im Klinikum, stand an ihrem Bett, tröstete. Ich war die Einzige, die nicht weinte. Immer tapfer. Und irgendwie ganz weit weg. Betrank mich schrecklich, wenn ich alleine war. Flüchtete immer wieder aus dem Zimmer und weinte dann.

Niemand in meiner Familie hat mich schwach, weinend oder betrunken erlebt. Immer nur gefasst.

Nun kann sich meine Mutter nicht für oder gegen eine Bestrahlung entscheiden, die aber lebensnotwendig ist. Sie schwankt.

Und ich? Ich stehe da, ganz weit weg. Fühle nichts mehr. Gehe arbeiten, mache meinen Job sogar gut. Pflege Freundschaften, aber in mir nur Stille.

Ich fühle nichts mehr. Erst wenn ich Wein getrunken habe, kann ich weinen oder lachen. Selbst Musik gibt mir nichts mehr. Ich will keinen Orgasmus haben, will nicht essen, will nichts unternehmen.

Es fühlt sich an, als sei ich in mir gefangen und fände keinen Ausweg heraus. Erkenne mich nicht wieder, wenn ich in den Spiegel sehe: Ein müdes junges Mädchen.

Ich kann damit leben, dass meine Familie zerbrochen ist. Ich bin versöhnt damit. Aber ich bin nicht versöhnt mit all den Schäden, die es hinterlassen hat. Mit meiner Unfähigkeit, Gefühle zuzulassen und zu zeigen. Mit meiner Unfähigkeit, meine Rechte einzufordern, Grenzen zu ziehen, für mich selbst einzustehen.

Kurioserweise: Manchmal empfinde ich Glück und Dankbarkeit für mein Leben, wenn ich etwas Schönes sehe. Lächel still in mich hinein. Aber ich würde niemals wagen, es mit jemandem zu teilen.

Ich lasse niemanden mehr teilhaben, zeige niemandem meine Gefühle oder fordere etwas von jemandem.

Ich bin nur da.

Gestern abend lag ich im Bett und fühlte mich plötzlich gefangen in mir selbst. Die Dunkelheit erdrückte mich und ich dachte: "Ich muss raus aus mir!", aber es gab keinen Weg.

Und so laufe ich weiter als wandelndes Schloss durch das Leben, alles eingekesselt, verkeilt, verborgen.

Antworten
STetzxen6


Und jetzt ärgert mich schon wieder, dass ich das geschrieben habe, weil ich gezeigt habe, was ich fühle.

Ich will mich abwenden und so tun, als wäre nichts gewesen.

Lächeln und sagen: "alles ok".

Ist doch scheisse sich einzugestehen, dass man nicht weiter weiß.

f{rag7nu.rsxo


Ich glaube die Kunst ist es die Balance zu wahren, zwischen Dingen die einem nicht gut tun auf Abstand halten und schöne Dinge an sich heranlassen.

Mit deiner Mutter bist du zu sehr emotional mitgegangen das hat dir nicht gut getan. Für ein Kind ist es aber auch schwer sich emotional von der Mutter zu lösen, deshalb solltest du dir da im Nachhinein keine Vorwürfe machen. In der jetzigen Situation solltest du deiner Mutter klar machen was sie zu tun hat und keinen Widerspruch dulden. Manche Menschen die krank sind brauchen jemanden der sie führt.

Vielleicht solltest du alles etwas entspannter und langsamer angehen, keine Hektik, dir läuft nichts weg. Du bist jung das Leben liegt vor dir.

g\atvo


Ich möchte dir gerne schreiben und etwas sagen, was es leichter macht, aber mir fällt nichts ein, was nicht oberflächlich, mitleidig oder ahnungslos und unwissend klingt. :-(

Ich lasse niemanden mehr teilhaben, zeige niemandem meine Gefühle oder fordere etwas von jemandem.

Gab bzw. gibt es denn Menschen in deinem Leben, die sich wirklich für dich interessieren und für dich da sein wollten und auch waren?

S^etz/enx6


Danke fragnurso.

In der jetzigen Situation solltest du deiner Mutter klar machen was sie zu tun hat

Man kann es ihr nicht klarmachen, da ihre Einsicht immer nur exakt (!) 24 Stunden anhält und sie dann das Gegenteil tut. Erst nach 24 weiteren Stunden hat sie wieder die Meinung der Ausgangssituation. Ein Arzt verweigert mittlerweile die Behandlung. Er hat uns nahegelegt, sie entmündigen zu lassen.

und keinen Widerspruch dulden.

Man kann sie nicht zwingen. Zumal sie aus zwei Personen besteht.

Manche Menschen die krank sind brauchen jemanden der sie führt.

1) Man kann sie nicht führen, weil sie zwei Personen ist.

2) Wenn ich das versuche, kann ich definitiv nicht deinen folgenden Rat befolgen

Vielleicht solltest du alles etwas entspannter und langsamer angehen

Das widerspricht sich in sich. Ich kann nicht entspannt eine durch und durch kranke Frau zu einer Einsicht führen wollen, die sie schlichtweg nicht erlangen kann.

keine Hektik, dir läuft nichts weg.

Meine Mutter stirbt gerade an Brustkrebs, weil sie keiner Behandlung zustimmen kann. Ich habe Hektik. Und ich habe auch Hektik, weil ich nicht noch mehr Lebenszeit verlieren will.

Du bist jung das Leben liegt vor dir.

Fraglich nur, wie ich wieder "in dieses Leben" hereinkomme.

F4lacCk


Manches erinnert mich an meine eigene Mutter. Zum Beispiel:

Meine Mutter zog uns mit Leidensmine groß: Für euch ertrage ich diese Ehe, für euch gehe ich durch diese Hölle, für euch schlafe ich mit diesem Mann, für euch habe ich mein Leben gegeben.

Männer sind böse, Männer wollen nur Sex

Kenne ich genau. (Nur bin ich ein Mann, meine Schwestern kennen die andere Seite.)

Fühle nichts mehr. Gehe arbeiten, mache meinen Job sogar gut.

Mit meiner Unfähigkeit, Gefühle zuzulassen und zu zeigen. Mit meiner Unfähigkeit, meine Rechte einzufordern, Grenzen zu ziehen, für mich selbst einzustehen.

Geht mir auch so. Ich lerne das jetzt.

"Ich muss raus aus mir!", aber es gab keinen Weg.

Und so laufe ich weiter als wandelndes Schloss durch das Leben, alles eingekesselt, verkeilt, verborgen.

Ich weiss, ist echt Scheisse, sich so zu fühlen. Und die Scham, dass es so ist, kenne ich auch gut. Nun, vielleicht hilft Dir das auch nicht. Wenn zwei im Graben liegen, geht es dem einen ja nicht unbedingt besser.

Dennoch, sich mal das ganze Ausmass einzugestehen, den ganzen Schmerz darüber, dass man unverschuldet einen Teil seines Lebens lebendig begraben verbracht hat, dies ist schon ein wichtiger Schritt. Und es ist schön, dass Du das hier geschrieben hast. Es war schon richtig – Dein wahres "Ich" hat hier geschrieben, nicht das angepasste, brave, und das soll ja jetzt freigelassen werden!

S-etzexn6


@ Gato

Ich möchte dir gerne schreiben und etwas sagen, was es leichter macht, aber mir fällt nichts ein, was nicht oberflächlich, mitleidig oder ahnungslos und unwissend klingt.

Ich finde, dass das ein sehr angemessener, taktvoller Satz ist. Danke. @:)

Gab bzw. gibt es denn Menschen in deinem Leben, die sich wirklich für dich interessieren und für dich da sein wollten und auch waren?

Ich denke ja. Ich habe eine beste Freundin seit 25 Jahren (!), die alles mitbekommen hat und auch immer da war. Aber auch ihr gegenüber schaffe ich es in den letzten Jahren nicht mehr, meine ganze Schwäche zuzulassen. Ich erzähle ihr alles. Allerdings sehr distanziert, so als beträfe es mich nicht. Dadurch wird mein Leidensdruck natürlich nicht deutlich. Ich spiele alles herunter.

fJraggnuYrso


Besprich dich mit deinen Geschwistern was zu tun ist.

Das mit der Entmündigung ist vielleicht der letzte Weg, es müsste ja auch nicht für immer sein, nur solange bis die Behandlung abgeschlossen ist.

Ich weiß sowas tut weh, da zuzusehen und nicht zu der Person durchdringen zu können.

S#etzien6


Ein Beispiel:

Meine beste Freundin fragt mich: "Wie hat sich deine Mutter entschieden? Für Bestrahlung oder dagegen?"

Und ich antworte: "Dagegen. Heute. Morgen vielleicht dafür. Wechselt doch ständig, weißte doch.". Dann lache ich kurz verbittert und versuche das Thema zu wechseln.

Sie sagt: "Ich finde es erstaunlich, dass du so darüber reden kannst."

Und ich sage: "Ich kann darüber nur so reden."

Dann legen wir auf, das Telefonat ist beendet und ich sitze fassungslos am Tisch, schüttel mit dem Kopf und denke: Ich bin mir selbst so fremd.

Und was immer ich dann tue: Ich gehe mit Freunden essen, gehe in die Schule und unterrichte, telefoniere, lache, räume auf...aber alles ist weit weg und alles ganz still.

Es ist, als würden die Mauern immer höher und ich stehe ratlos hier und zucke mit den Schultern.

So will ich nicht sein.

Ich will lachen und weinen und Orgasmen haben und wüten und streiten und verlieren können und gewinnen wollen. Ich will das volle Programm.

SEetzgen6


Besprich dich mit deinen Geschwistern was zu tun ist.

Mein Bruder trinkt. Meine Schwester hat das Beste getan, was getan werden konnte: Sie ist ganz früh schon ausgezogen, hat das Schlimmste nicht miterlebt, hat einen Mann, eigene Kinder und lebt ihr Leben.

Das mit der Entmündigung ist vielleicht der letzte Weg, es müsste ja auch nicht für immer sein, nur solange bis die Behandlung abgeschlossen ist.

Sie ist allerdings noch zu zurechnungsfähig. Beide ihrer Persönlichkeiten sind zurechnungsfähig. Nur in der Kombination nicht. Das ist ja das Verhexte.

Ich weiß sowas tut weh, da zuzusehen und nicht zu der Person durchdringen zu können.

Es tut nicht mehr weh. Früher hat es wehgetan. Jetzt lässt es mich nur noch verstummen und vereinsamen.

n$obod,ylove<dyou


Ha, dies Gefangenheit in einem selbst kenne ich zu gut. Man wird eine gute Schauspielerin.

Ich habe auch eine einzige Freundin seit 33 Jahren (ich bin älter als du), die nicht alles von mir weiß.

Bist du auch so eine, die ihrem Therapeuten immer etwas vorgelogen hat? ich ja...

Ich habe leider keine Ahnung, wie man da raus kommt.

Vor 3 Jahren habe ich ein Kind bekommen, dadurch bin ich jetzt von mir selbst abgelenkter.

:)* :)* für dich

F'la}ck


Ich will lachen und weinen und Orgasmen haben und wüten und streiten und verlieren können und gewinnen wollen. Ich will das volle Programm.

JA! Es wird passieren. Du hast alles in Dir.

MwaryExllen


Aber auch ihr gegenüber schaffe ich es in den letzten Jahren nicht mehr, meine ganze Schwäche zuzulassen.

Meinst du, dass es mit etwas innerlicher Vorarbeit möglich ist, dass du dich das trotzdem traust? Oder wenn das nicht geht: Weißt du, wovor du Angst hast? Das musst du hier nicht schreiben, nur für dich erfahren. Wenn dir das klar ist, kannst du vielleicht etwas daraus schlussfolgern ... Aber vielleicht hast du das alles auch schon mal durchdacht. @:)

S$e1tzenx6


Bist du auch so eine, die ihrem Therapeuten immer etwas vorgelogen hat?

Gelogen nicht. Ich hab nur dankend angenommen, wenn er in anderen Problemen (Essstörung, SVV) rumstocherte. Auf gut Deutsch: Ich habe abgelenkt vom Wesentlichen.

Vor 3 Jahren habe ich ein Kind bekommen, dadurch bin ich jetzt von mir selbst abgelenkter.

Das würde bei mir definitiv auch funktionieren. In der Schule bin ich auch abgelenkt, sogar offen für jegliches Gefühl. Ich bin ein offener, kommunikativer, empfindsamer Mensch im Umgang mit meinen Schülern. Vermutlich wäre ich es auch bei meinem Kind.

Aber ich will so kein Kind haben. Ich will mit mir ins Reine kommen.

Ich will auch nach der Schule fühlen.

f%ragnuFrsxo


Auf gut Deutsch: Ich habe abgelenkt vom Wesentlichen.

Das kenne ich, ich habe ich am Beginn einer Stunde immer nach dem Stand der Restauration seines Segelbootes erkundigt, weil ich nicht von den Dingen sprechen wollte die mich bedrückten.

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