» »

Die Professionalität von Therapeuten auf der Beziehungsebene

Fpunke'lstxein


Saldo

Ich habe eine Therapie immer als Verarbeitung gesehen, nicht als eine Sache, die permanent läuft. Vielleicht gehe ich da zu technisch heran, aber ich habe für mich eine Therapieform gefunden, die meine Probleme aufgelöst hat.

Ich bin versucht, dir in diesem Punkt zu widersprechen, denn ich sehe das nicht ausschließlich so. Heilung und Problemlösung als Therapieziel? Ja, ganz bestimmt, aber vielleicht nicht pauschal in jedem Fall und für jeden Patienten und dessen individuellen Hintergrund? Im Laufe dieses Fadens habe ich bereits beschrieben und erklärt, was Therapie für mich bedeutet. Vielleicht habe ich angesichts meines Problems (oder meiner Probleme) allerdings auch einen falschen Ansatzpunkt, eine falsche Sichtweise und sollte meine Perspektive diesbezüglich versuchen zu ändern.

Denn obwohl ich mir in meinen Ansichten und Standpunkten meistens sehr sicher bin, habe ich vor exakt dem von dir benannten:

Für mich waren all die anderen die Geisterfahrer.

Angst.

Ich habe Angst, dass ich meine Situation und mich selbst auf allen Ebenen (Charakter, Persönlichkeit, Empfinden, Verhalten, etc.) zur Gänze falsch bewerte und einschätze.

Eigentlich weiß ich, dass dem nicht so ist, aber vielleicht kann ich es einfach nicht sehen und drehe mich die ganze Zeit über nur im Kreis?

Sie redet nämlich sehr häufig davon, dass sie sich Gedanken über etwas bestimmtes machen muss und will, dass sie eine Überlegung für interessant hält und ihr nachgehen will.

Aber gab es da irgendeine Erkenntnis, an der sie uns hat teilhaben lassen?

Das stimmt, ich schrieb hier oft, darüber nachdenken zu wollen. Das entspricht auch der Wahrheit. Ich nehme alles, was hier zu meinen Beiträgen geschrieben wird, dankbar auf und denke sehr, sehr intensiv darüber nach.

Natürlich erscheinen mir manche Hinweise interessanter oder für mich relevanter als andere, aber grundsätzlich mache ich mir zu jeder Idee, jeder Meinung hier Gedanken.

Du hast allerdings recht, an einer Erkenntnis ließ ich euch nicht teilhaben. Das liegt vor allem daran, dass ich für mich noch gar nicht zu einer oder dieser - wie man möchte - großen Erkenntnis gefunden habe. Es sind hier vielmehr mehrere kleine Denkanstöße, die mir auf verschiedenen Eben und auf unterschiedliche Themen bezogen die Augen geöffnet haben und mir Dinge bewusst werden ließen, auf die ich alleine niemals geachtet hätte.

Du hast recht, es ist nicht die aufschlussreiche, lebensveränderte Wahnsinnserkenntnis. Nein. Dennoch bewirken auch kleine Dinge etwas in mir, selbst wenn sie keine großen Schritte, große Veränderungen nach sich ziehen.

Meinst du, für mich sind große Schritte, große Veränderungen nötig? Mich interessiert ehrlich, was du dazu denkst. Ich selbst sehe offenbar manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht.

esta1

funkelstein: ich habe das gefühl mich macht das verhalten deines therap. wütender als dich

Das weiß ich nicht, esta. Vielleicht, ja. Aber glaub mir, in mir hat das Verhalten des Therapeuten auch sehr viele, zum Teil sehr intensive und starke Gefühle ausgelöst. Bestimmt auch Ärger und Wut. Ich kann das bloß nicht gut verbalisieren oder zeigen und ein Teil von mir möchte das auch gar nicht.

Energya

Es ist sogar so, dass ich recht glücklich sein kann, auch wenn gerade etwas Schlimmes in meinem Leben abläuft, weil ich das supergut wegpacke – egal ob nun in geschnürten Päckchen, schwarzen Kästen oder Schubladen.

So ist es bei mir auch. Das heißt, nein, nicht immer. Mir ist eigentlich bewusst, dass Verdrängung (meistens) nicht gut für mich ist. Mir gelingt es auch immer wieder, Erlebnisse an mich heranzulassen und sie "pur" zu erleben, zu erfühlen, um sie verarbeiten zu können. Mit therapeutischer Unterstützung ist das einfacher, man fühlt sich gestützter und beschützter. Alleine ist für mich nicht nur der leichtere, sondern auch der sicherere Weg, die "Dinge" weit weg zu schieben und nicht mehr hinzusehen.

An dieser Stelle machst Du Dir etwas vor.

Ja, du hast recht. Manchmal will ich mich offenbar selbst austricksen, obwohl ich gar nicht weiß, wofür das gut sein soll und warum ich das tun muss.

Geht es nun um das Bild, ob Schubladen oder Kästen?

Nein. Nein, darum geht es nicht. Es sollte nur eine Metapher sein, um zu erklären, dass es mir eigentlich, ganz grundsätzlich und insgesamt gut geht.

Du möchtest einfach nicht schlecht dastehen, Dich nicht klein sehen.

Ja. Ich möchte das wirklich nicht. Es geht mir nicht darum, einen schlechten Status bei anderen zu haben. Nein, darum geht es nicht. Dass ich mich nicht klein sehen möchte und von anderen klein gesehen werde, trifft es eher. Ich will das wirklich nicht. Daher die Selbstbeherrschung, die Fassade und das Bedürfnis, gewisse Emotionen und Gedanken in mir zu behalten.

Aber darum geht es nicht. Es geht allein um Deinen persönlichen Fortschritt und Deine Selbst-findung, was Dich weiterbringt.

Ich weiß. Eigentlich weiß ich das. Ich kann dieses Wissen bloß nicht umsetzen.

Macht es Dich nicht stutzig, dass hier so viele merken, wie sehr Du neben Dir selbst und Deiner Gefühlswelt stehst, die Du analytisch reflektierst, aber nicht mehr richtig fühlst?

Doch. Sehr sogar. Was für mich so schlimm ist: mir ist durchaus bewusst, dass ich versuche meine Gefühle zu kontrollieren. Allerdings bewerte ich das für mich selbst nicht negativ, sondern notwendig. Das finde ich schlimm, auch angesichts der Meinungen hier. Ich weiß, dass es nicht gut ist. Trotzdem fühlt es sich für mich als einzig richtige Option an. Das ist nun eine Erkenntnis. Allerdings keine gute.

Ich kann Dich verstehen, wirklich. Aber ob es richtig ist? Ich weiß nicht. Nur eines hab ich begriffen: Es kommt alles wieder, bis man es gelernt hat, immer wieder dieselbe Lektion. Und ich persönlich möchte nicht ewig in der ersten oder zweiten oder dritten Klasse bleiben. Ich möchte mich weiterentwickeln, für mich. Egal, ob das nun Schubladen oder ganze Schubkarren und Möbellieferwagen sind. Es ist meine Entscheidung, ich tue das für mich. Ich bin es mir wert.

Danke für diese Zeilen. Ich kann das erneut nur sehr undeutlich formulieren, aber was du hier geschrieben hast, geht mir irgendwie sehr nahe. Ich will es mir auch gerne wert sein. Ich weiß nur nicht, was ich tun soll und wie.

nlajaunMaguxt


Hallo funkelstein,

ich habe bisher nur still mitgelesen, aber sehr interessiert verfolgt, worüber geschrieben wurde.

Ein Zitat aus deiner Antwort auf Energya

Macht es Dich nicht stutzig, dass hier so viele merken, wie sehr Du neben Dir selbst und Deiner Gefühlswelt stehst, die Du analytisch reflektierst, aber nicht mehr richtig fühlst?

Doch. Sehr sogar. Was für mich so schlimm ist: mir ist durchaus bewusst, dass ich versuche meine Gefühle zu kontrollieren. Allerdings bewerte ich das für mich selbst nicht negativ, sondern notwendig. Das finde ich schlimm, auch angesichts der Meinungen hier. Ich weiß, dass es nicht gut ist. Trotzdem fühlt es sich für mich als einzig richtige Option an. Das ist nun eine Erkenntnis. Allerdings keine gute.

Das, was man gewohnt ist, fühlt sich meistens gut an. Es war sicher auch mal gut, sonst hätte man sich das Verhalten nicht so angewöhnt. Trotzdem darf man seine Gewohnheiten hinterfragen. Vielleicht ist deine Situation ja jetzt so anders, dass ein anderes Verhalten möglich ist.

Das ist etwas, was ich selbst nur schwer gelernt habe – es hat sich für mich nach einem Verlust von Macht und Kontrolle angefühlt, aber es war richtig, diesen Panzer aufzugeben.


Ich bin mir auch relativ sicher, dass du irgendwo einen großen schwarzen Kasten stehen hast, den du (noch?) nicht aufmachen willst.

Als Denkanstoß dazu: Es muss nicht jeder Kasten aufgemacht werden – das ist immer noch deine freie Entscheidung. Es gibt Menschen, die sind so schwer traumatisiert, dass kein Therapeut ihre Erlebnisse mit ihnen aufarbeitet. Stattdessen geht es um Stabilisierung, ums Damit-Leben-Lernen. Auch das ist ein erlaubter Weg – Hauptsache, du gehst deinen Weg.

I6nd`ividua_lixst


@ Saldo

Weil ich – offensichtlich anders als Du – Funkelstein nicht mit Samthandschuhen anpacken möchte.

Och, das wäre ja eigentlich auch nicht unbedingt meine Art. Aber du hast schon Recht: ich mag hier nicht "bohren" und an tatsächlichen oder vermeintlichen "schwarzen Kisten" kratzen. Bei anderen vielleicht schon, hier aber nicht. Warum?

Um im Bild der schwarzen Kiste zu bleiben: diese scheint wie im Museum auf einem mit rotem Samt bezogenen Podest zu stehen, geheimnisvoll in Szene gesetzt, von allen Seiten gut angestrahlt, aber verschlossen. Darum herum ist in einigem Abstand eine dicke Absperr-Kordel aufgestellt: Anschauen ja, Berühren verboten. Wer bin ich denn, dass ich einfach hinter die Kordel gehen darf? Und warum sollte ich das wollen?

Daneben steht der Künstler und gibt Interviews.

Sya?ldxo


Ich weiß. Eigentlich weiß ich das. Ich kann dieses Wissen bloß nicht umsetzen.

Das heisst, es fehlt nur noch der Weg vom Kopf zum Herzen bei Dir.

Zumindest in dieser Beziehung.

Und da das mit einer Verhaltens- und (was war das andere nochmal?) ...therapie nicht geht, musst Du halt neue Wege versuchen. Trau Dich.

Aber nur, wenn Du es wirklich willst. Und davon sind ich und noch ein paar andere hier nicht sooo überzeugt. (Müssen wir zwar auch nicht, aber es wäre ja blöd, jetzt eine neue Therapieform anzufangen, wenn Du dir das eigentlich sparen kannst, weil dein inneres Ich gar nicht mitmachen will, das meine ich.)

Daneben steht der Künstler und gibt Interviews.

Bzw die Künstlerin. ;-D

Meine Frau und ich haben unseren Kasten aufgemacht. Es war viel Geflenne dabei, aber es hat unsere Ehe gerettet, weil wir beide zu uns gefunden haben. Es hat meiner Karriere weitergeholfen, weil man jetzt nicht mehr diesen bissigen Tiger spürt, wenn man mit mir arbeitet. Ich weiß natürlich auch, dass es keine Garantie gibt, schon gar nicht muss für andere erfolgreich sein, was mich weitergebracht hat.

Schon klar.

Aber ich sage frech, es lohnt sich für jeden Menschen, den Kasten aufzumachen, die häßlichen, stinkenden Seitenwände loszuwerden und sich den glänzenden Inhalt anzuschauen. Natürlich ist das schwer und man braucht Werkzeug. Aber man kriegt etwas.

Man muss eigentlich nur ehrlich die Fragen stellen, die einem schon immer durch den Kopf gingen und die Antworten finden.

Und wenn Du mich fragst, warum ich das tue? Warum ich das vielleicht sogar hier tue?

Weil ich es total toll fände, wenn außer mir noch andere den Weg zu sich fänden.

Funkelstein,

tja, was brauchst Du??

1. Den Willen, tatsächlich an deine(n) schwarzen Ka(ä)sten zu gehen. Absolute, schonungslose Ehrlichkeit. Daran geht kein Weg vorbei, das ist Vorbedingung.

2. Die richtige Therapieform für Dich, die nicht nur an der Oberfläche kratzt und Dir deine Muster aufzeigt, die dich seit Deiner Kindheit bestimmen, sondern die diese auch auflöst. Ich sage nur: Robert Betz oder eine(r) seiner Schüler(innen). 8-)

F~unkels~texin


najanagut

Das, was man gewohnt ist, fühlt sich meistens gut an. Es war sicher auch mal gut, sonst hätte man sich das Verhalten nicht so angewöhnt. Trotzdem darf man seine Gewohnheiten hinterfragen. Vielleicht ist deine Situation ja jetzt so anders, dass ein anderes Verhalten möglich ist.

Ich hinterfrage. Ich glaube, mein Problem liegt eher an meinem Umgang mit dem Ergebnis. %:| %-|

Individualist

So siehst du das?

Saldo

Das heisst, es fehlt nur noch der Weg vom Kopf zum Herzen bei Dir.

Trau Dich.

Aber nur, wenn Du es wirklich willst. Und davon sind ich und noch ein paar andere hier nicht sooo überzeugt. (Müssen wir zwar auch nicht, aber es wäre ja blöd, jetzt eine neue Therapieform anzufangen, wenn Du dir das eigentlich sparen kannst, weil dein inneres Ich gar nicht mitmachen will, das meine ich.)

Hmm. Ja, hierbei gebe ich dir recht. Ich weiß noch nicht, ob ich will. Also, ich meine: ob ich es wirklich will.

Was die Therapieform betrifft, habe ich ja aber schon diverses ausprobiert und einige gute, als auch schlechte Erfahrungen gesammelt.

1. Den Willen, tatsächlich an deine(n) schwarzen Ka(ä)sten zu gehen. Absolute, schonungslose Ehrlichkeit. Daran geht kein Weg vorbei, das ist Vorbedingung.

Ich fürchte, da fehlt es mir (derzeit) nicht nur an Wille, sondern auch an Mut. Auf der anderen Seite, habe ich auch keine Lust, weiterhin um irgendetwas "herumzutanzen", wie du sagtest. ":/

Ich sage nur: Robert Betz oder eine(r) seiner Schüler(innen).

Ich werde das mal googeln.

Ifndivi)ddualxist


@ Saldo

tja, was brauchst Du??

1. Den Willen, tatsächlich an deine(n) schwarzen Ka(ä)sten zu gehen. Absolute, schonungslose Ehrlichkeit. Daran geht kein Weg vorbei, das ist Vorbedingung.

2. Die richtige Therapieform für Dich, die nicht nur an der Oberfläche kratzt ...

Da ist es wieder: das, was ich als anmaßend empfinde. :(v Denn du unterstellst stillschweigend, dass Funkelstein unehrlich war, 20 Jahre Therapie nutzlos vertan und nur an der Oberfläche gekratzt hat. Wie kommst du darauf? Weißt du etwas, was wir nicht wissen? :|N

Aus der Tatsache, dass sie die vermutete "Kiste" hier bei med1 nicht aufmachen will, lässt sich weder ableiten, dass da ein schwerwiegendes und bisher unbearbeitetes Problem vorliegen muss, noch, dass sie Kiste nirgendwo aufmachen will oder aufgemacht hat. Es lässt sich nur eins daraus ableiten: wir wissen zu wenig, um das beurteilen zu können.

Man sollte seine Grenzen kennen. Mit Samthandschuhen hat das rein gar nichts zu tun. Soviel Bescheidenheit sollte schon sein – selbst wenn man seinen Guru gefunden hat und sich erleuchtet wähnt. Das ist aber nicht der allein selig machende Weg für alle Menschen.

S;aldo


Ich werde das mal googeln.

Sehr gut. :)=

Lass Dich bloß nicht von dem Esoterik-Geschwafel abschrecken, daran muss man nicht glauben und es funktioniert dennoch.

K&leixo


Individualist

Da ist es wieder: das, was ich als anmaßend empfinde.

Ich empfinde es als respektlos, hingegen die TE scheinbar nicht so sehr. Es ist das eine, dass Saldo für sich seinen Weg gefunden hat. Es sei ihm gegönnt. Es heißt noch lange nicht, dass dieser Weg auch für Funkelstein der richtige ist. Das muss sie schon selbst für sich herausfinden.

Man sollte seine Grenzen kennen. Mit Samthandschuhen hat das rein gar nichts zu tun. Soviel Bescheidenheit sollte schon sein – selbst wenn man seinen Guru gefunden hat und sich erleuchtet wähnt. Das ist aber nicht der allein selig machende Weg für alle Menschen.

Auch hier, volle Zustimmung. Allerdings empfinde ich Funkelstein als sehr kritisch und vertraue voll darauf, dass sie dies nicht nur bei sich ist, sondern auch bei den Beiträgen, die hier geschrieben werden. Sie kann sehr gut reflektieren und weiß sofort, was gar nicht auf sie passt und was überlegenswert ist. Nur weil sie gewisse Fakten nicht erwähnt, bedeutet es nicht, dass sie sie nicht sieht. Manchen fält es schwer eine aufgestellte Grenze zu respektieren, geschweige zu akezptieren, dass das alles schon seine Richtigkeit so hatte. Es ist ganz völlig egal, ob es hier jemand für richtig hält. Es geht doch darum, was Funkelstein für richtig hält.

EQnergzya


@ Funkelstein:

Ja, es braucht schon einen Grund, die Kontrolle freiwillig abzubauen. Ich sage ja nicht, dass Du die Leine über Deine Gefühlswelt ganz loslassen sollst und Dich der Gefühlsflut aussetzt, das wäre auch in psychologischer Hinsicht nicht ratsam.

Ich kann es nur an meinem Beispiel sagen, warum es sich evtl. für Dich lohnen könnte, sofern bei Dir womöglich ähnliche Probleme vorliegen. Ich bin sehr unbeweglich in meiner Mimik durch die Kontrolle meines Verstandes. Es fällt mir schwer, spontan zu reagieren, außer z. B. bei Kindern, die es irgendwie schaffen, mein Verstandeskorsett für einen Moment fallen zu lassen, weil sie kein Risiko darstellen. An der Oberfläche wirke ich relativ behend und charmant, in Wirklichkeit eine weibliche Waffe des Selbstschutzes, aber irgendetwas fehlt und lässt meine Umgebung mich als sehr nüchtern einschätzen. Sie spüren meine wohlwollenden Sympathieempfindungen nicht, weil ich so kontrolliert bin.

Das führt zu Problemen mit der Außenwelt, auch in der Beziehungsfähigkeit. Männer finden das zwar irgendwie auch faszinierend, aber es entsteht einfach nicht mehr. Der Mann, sogar wenn ich echtes Interesse habe und eigentlich sehr viel für ihn empfinde (eine volle Eindeutigkeit lässt mein Verstand allerdings nicht zu), kommt nicht an mich heran und ist sich so meiner nie sicher. Dadurch bin ich wiederum seiner nicht sicher und würde niemals das Risiko eingehen, ihm meine Gefühle zu gestehen, außer harmlosen, risikolosen Zuwendungsbekundungen.

Das wirklich Doofe ist, dass ich starke Liebesbekundungen als sehr extrem zudringlich empfinde, sogar wenn ich Interesse habe. Ich suche dann automatisch die Distanz, auch wenn es mir irgendwo gefällt. Das nur, weil ich diese Gefühlswallungen als unstabil, unkontrolliert und damit unzurechenbar empfinde, als wäre es Zorn, also irgendwo auch eine Schwäche bzw. ein Kontrollverlust. Damit komme ich nicht klar, auch bei mir selbst nicht. Verliebtheit macht mir Angst, denn ich möchte nicht die Kontrolle über meine Gefühle verlieren, also kämpfe ich dagegen an und entliebe mich so weit, dass ich mich wieder freier fühle. So stecke ich dadurch immer in einer gefilterten Gefühlswelt. Ich kann nicht richtig Wut empfunden, auch dort nicht, wo es angemessen wäre und vielleicht sogar notwendig.

Warum ist das so bei mir? Weil ich in meiner Jugend sehr viel Kontrollverlust in meiner Familie miterlebte. Mein Vater war sehr jähzornig und hielt ein Terrorregime über der Familie aufrecht, meine Brüder blieben exzessiv im Drogenrausch verfangen, meine Schwester einer schweren Depression ausgeliefert, die sie in Suizidversuche trieb. Meine Eltern waren komplett überfordert und verloren die Kontrolle, die dann ich übernahm in der Familie.

Das tue ich immer noch. Es war notwendig, diese Kontrolle, auch jetzt ist sie sehr nützlich. Alle lehnten sich an mich. Deshalb ist es auch schwierig, diese "Errungenschaft" des Überlebens in einer Extremsituation als etwas Hinderliches zu begreifen, da es jahrzehntelang funktionierte.

Aber der Preis war sehr hoch: Ich wurde psychosomatisch krank, das alles lief über meinen Körper. Und wie oben beschrieben isolierte ich mich zwar erfolgreich und stabilisierend mit meinem Verstandeskorsett, das mir und meiner Familie Halt gab, aber dafür konnte ich nicht ausreichend Gefühlsmuskeln entwickeln, um ohne Verstandeskorsett auszukommen. Hätte ich diese, könnte ich besser auf intensive Gefühle eingehen, sie würden mir nicht Angst machen. Ich würde den Tiger nicht einsperren, sondern wirklich zähmen.

Ich kann meine Gefühle immer noch nicht gut zeigen, aber ich sage sie nun wenigstens, das hat auch schon sehr positive Ergebnisse gebracht. Ich fühle mich dabei zwar etwas "übertrieben überschwänglich", aber mein Gegenüber braucht das einfach, um mich nicht als Kühlschrank zu erleben, was ich auch nicht bin. Es kommt der Wahrheit näher, wenn ich mir da Mühe gebe, auch wenn es mir schwerfällt. Ich fühle mich wie jemand, der eine Gesichtslähmung hat und deshalb seine Gefühle mimisch zu wenig ausdrücken kann. Trotzdem habe ich Gefühle, auch wenn sie schön verpackt sind in Ordnern, Boxen, Schubladen, Kisten, schwarzen, grauen und fast transparenten.

Wer mich gut kennt, nimmt mich natürlich trotzdem wahr, aber gerade in einer anbahnenden Beziehung wird es schwierig, damit überhaupt mehr daraus werden kann. So fällt es mir auch schwer, die Gefühlsäußerungen von anderen richtig einzuschätzen, sie wirken oft etwas aufgesetzt für mich. Es braucht viel, bis ich Vertrauen fassen kann.

Es hat eben schon Nachteile, mit denen ich mich nicht abfinden mag. Aber einen totalen Kontrollverlust möchte ich auch nicht. Ich hätte gerne mehr "Muskeln", um spontan und geschickt mit der Gefühlswelt umgehen zu können, ohne zimmern zu müssen. Ich möchte nicht mehr ein Krieger in voller Rüstung sein, weil es mich starr, unbeweglich und unbeholfen macht. Ich möchte lieber ein wendiger Gefühlssportler werden, der mit Gefühlen adäquat umgehen und situationsgebunden Risiken eingehen kann, weil er entsprechend wendig darauf reagieren kann. Dann wäre ich spontan.

So aber in voller Rüstung bin ich in allem, was ich tue, starr und kontrolliert, exakt, korrekt, perfektionistisch, aber eben nicht wirklich wendig und angepasst, was mich auch in meiner Leistungsfähigkeit einschränkt. Ich kann in diesem Kontrollkostüm nicht hüpfen oder klettern, Sachverhalte nicht so gut im Überblick wahrnehmen, denn ich bleibe am Boden der Sachgegenstände, seziere die Details und kann diese nicht weglassen, auch wenn sie unwichtig sind, habe aber trotz dieser Genaugikeit einen blinden Flecken durch den Helm meines Verstandes. Ich kann nicht nach links oder rechts schauen, sondern nur geradeaus, was gerade ansteht. Ich bin nicht flexibel und auch nicht multitaskfähig, denn das (zwanghafte) Kontrollregime lässt derart viel Gleichzeitigkeit nicht zu, weil dadurch etwas unkontrolliert durchgehen könnte bzw. es ist nicht möglich, derart viel auf einmal zu kontrollieren, also muss fokussiert und vor allem Gefühle gefiltert werden.

Frun"kelsNtexin


Individualist und Kleio

Da ist es wieder: das, was ich als anmaßend empfinde.

Ich empfinde es als respektlos, hingegen die TE scheinbar nicht so sehr.

Beim Lesen eurer Kommentare bemerkte ich etwas:

Vielleicht kommt hier nämlich erneut zutage, wie ich mit meinen Empfindungen umgehe. Beim Lesen jedes Beitrages tauchen bei mir diverse Gefühle auf, sei es nun, weil mich der Inhalt auf verschiedenen Ebenen positiv oder aber auch negativ berührt.

Wie ich etwas empfinde – Inhalt, Wortwahl, etc. – behalte ich aber in der Regel bei mir, es sei denn, ich sehe eine deutliche Grenzüberschreitung oder ein großes Missverständnis.

Wenn ich einen Kommentar hingegen "nur" als "anmaßend" oder ähnliches empfinde, habe ich a) erstmal Zweifel, ob ich mit dieser Bewertung überhaupt richtig oder nicht doch vollkommen daneben liege und b) das Gefühl, es steht mir gar nicht zu, das anzumerken.

Ich möchte auch nicht, dass sich jemand in seinen Meinungsäußerungen beschränken muss. Vielleicht bemühe ich mich aus diesem Grund, über kleine anmaßende, respektlose Bemerkungen hinwegzusehen, obwohl ich sie als solche empfinde.

Was in dem Fall der Grund dafür ist, dass ich meine Empfindungen bevorzugt für mich behalte und nicht äußere? Ich habe mir nun eine ganze Weile lang Gedanken darüber gemacht und bin leider zu keinem Schluss gekommen. Mir fällt es im Alltag oder etwa im Beruf eigentlich nicht schwer, meine Meinung zu äußern und dazu zu stehen – auch wenn sie auf konträre Ansichten oder Widerstand stößt. Angst vor Konfrontationen habe ich auch nicht.

Wahrscheinlich ist hier der Knackpunkt einmal mehr, dass es nicht um thematische Inhalte geht, sondern um Emotionen und nicht nur um irgendwelche Emotionen, sondern um meine eigenen. Denen traue ich ganz offensichtlich nicht über den Weg und/oder habe nicht ausreichend Mut, emotional-verbal die Hosen runterzulassen und anderen zu sagen oder zu zeigen, was ich warum fühle.

%:| %:| Ich finde mich selbst im Augenblick sehr, sehr gruselig und blöd und merkwürdig...

FXunkel}stexin


Energya

Ich erkenne mich in einigen deiner Beschreibungen sehr deutlich wieder, in anderen allerdings gar nicht. Zum Beispiel das

Ich bin sehr unbeweglich in meiner Mimik durch die Kontrolle meines Verstandes. Es fällt mir schwer, spontan zu reagieren

ist bei mir ganz anders. Als ich aus persönlichem Interesse vor einiger Zeit Menschen aus verschiedenen Bereichen meines Lebens (engerer und weiterer Freundeskreis, Kollegium, etc.) fragte, mit welchem Adjektiv sie mich beschreiben würden, wurden u. a. solche wie "aufgeschlossen", "outgoing", "fröhlich", "charmant", "witzig", etc. genannt.

Im alltäglichen Umgang mit anderen habe ich wirklich keinerlei Probleme, solange die emotionale Ebene nur auf der Oberfläche behandelt wird und nicht in die Tiefe geht. Da zeige ich mich in meinem Verhalten weder kontrolliert, noch kühl. Ich lache viel, aber man kann mir auch ansehen, wenn ich mich ärgere oder unglücklich bin, allerdings – und das ist wohl der Punkt -, nur wenn es um rein oberflächlichen Krams geht. Geht es auch nur minimal tiefer oder persönlicher: Shutdown, ich erfriere, ich erstarre und kann null Gefühl zeigen. Dann bin ich auch unbeweglich, aber halt "nur" dann.

[...] aber dafür konnte ich nicht ausreichend Gefühlsmuskeln entwickeln, um ohne Verstandeskorsett auszukommen. Hätte ich diese, könnte ich besser auf intensive Gefühle eingehen, sie würden mir nicht Angst machen. Ich würde den Tiger nicht einsperren, sondern wirklich zähmen.

Dein Vergleich gefällt mir sehr und dein Werdegang bewegt mich auf gewisse Art und Weise. Was ich bewundere ist, dass du dir mit der Zeit eine so detaillierte und exakte Einschätzung deiner selbst erarbeitet hast.

Als ich deine Zeilen las, hatte ich das Gefühl dich mir vorstellen zu können und in der Lage zu sein, zu verstehen, warum du bist, wie du bist und wieso du machst, was du machst. Du beschreibst dich selbst als unbeweglich, an anderen Stellen als "Kühlschrank" und "Krieger in voller Rüstung", aber du erklärst auch deine Hintergründe und bist dir über deine Wirkung auf andere bewusst, siehst positive und negative Aspekte an dem Kühlschrankdasein und dem langsamen, vorsichtigen Auftauen, kennst deine Möglichkeiten und Grenzen.

Ich bewundere das und schätze es als etwas sehr wertvolles ein, weil mir das – so fühle ich – fehlt. Gewisse Teile meines Selbst und meines Handelns sind sogar für mich selbst "Grauzonen", die ich nicht analysieren, erklären und verstehen kann. Da hilft alles an Reflexionsfähigkeit und Wille, mich selbst zu verstehen, nicht.

Darf ich dich fragen, wie du in und mit dir selbst mit deinen Gefühlen umgehst? Behältst du dein "Korsett", deine "Rüstung" immer an? Macht es einen Unterschied ob du alleine bist oder andere Menschen um dich hast? Gibt es Momente, in denen du dir bewusst erlaubst, das "Korsett" abzulegen oder brichst du manchmal ungewollt und unvorhergesehen aus ihm aus?

Alles Liebe für dich! @:)

IIndivmid@ualist


@ Funkelstein

Das akute Überschriftsthema dieses Fadens hat sich ja einstweilen erledigt, bzw. ist auf unbestimmte Zeit ad acta gelegt. Worum soll es im weiteren Verlauf des Fadens gehen? Was möchtest du?

So siehst du das?

Das war eine spontane Assoziation, während ich eigentlich gerade dabei war, eine weniger metaphorische Antwort an Saldo zu verfassen. Ich erlag dann der Versuchung, den langatmigeren Text zugunsten der Metapher zu verwerfen.

Spontane Assoziationen sind ja meist unzensierter als bewusste Gedanken; bei mir gehen sie jenen oft voraus. Insofern wird wohl was dran gewesen sein. Ich muss dem Impuls nochmal nachgehen – und vielleicht doch versuchen, ihn in rationale Sprache zu übersetzen...

LZouisi%axna


20 Jahre Therapie....

.... finde ich extrem viel. Mag sein, dass Menschen mit akuten und extremen Problemen tatsächlich ihr Leben lang Begleitung brauchen, weil eine schwere seelische Erkrankung nun mal nicht so einfach vom Partner, von Freunden, von der Familie, die meist allesamt Laien sind, abgefangen werden können.

Ich habe nicht den ganzen Faden gelesen sondern bin beim Ursprungspost geblieben (ich geb's zu). Und da hab ich das Gefühl, dass da eine Abhängigkeit zu Therapeuten besteht, nicht zu einem speziellen, sondern ganz allgemein. Wie ein Kind, dass, wenn es erwachsen wird, die Hand der Mutter nicht loslassen will, weil es sich noch immer vom Leben überfordert fühlt.

Auch wenn ich da keine Erfahrung habe, ich könnte mir vorstellen, dass - bei aller nötigen Professionalität des Therapeuten - nach mehreren Jahren eine Bindung entstehen kann, die für eine Therapie nicht günstig ist, weil die jeweilige Form der Therapie so einen Zeitrahmen vielleicht gar nicht vorsieht.

Raten kann ich nichts. Außer, wenn kein dringender Therapiebedarf besteht, den Therapeuten loszulassen. Irgendwann muss man ein eigenes Leben wagen - mit Partner, mit Freunden... und nicht mit jemandem, der dafür bezahlt wird.

S;alWdo


Individualist

Denn du unterstellst stillschweigend, dass Funkelstein unehrlich war, 20 Jahre Therapie nutzlos vertan und nur an der Oberfläche gekratzt hat.

Das ist nicht richtig. Wo unterstelle ich das?

Aus der Tatsache, dass sie die vermutete "Kiste" hier bei med1 nicht aufmachen will, lässt sich weder ableiten, dass da ein schwerwiegendes und bisher unbearbeitetes Problem vorliegen muss, noch, dass sie Kiste nirgendwo aufmachen will oder aufgemacht hat.

Wer sagt denn, dass sie sie (hier) nicht aufmachen will? Und wo habe ich geschrieben, dass da ein ein schwerwiegendes und bisher unbearbeitetes Problem vorliegen muss? Sie hat geschrieben, dass sie daran gearbeitet hat und ich bin der Meinung, dass eine Gesprächstherapie einem Muster erklären, sie aber nur schwer beseitigen kann. Und ich gehe nach wie vor davon aus, dass man seine Probleme beseitigen möchte, wenn man eine Therapie macht.

Nett, dass Kleio und Du Funkelstein so vor meinen Anmaßungen schützen wollt, ich habe nicht den Eindruck, dass sie das braucht.

Wieso macht ihr das eigentlich?

e!sntaf1


Saldo

Wieso macht ihr das eigentlich?

du wirst lachen, diese frage habe ich mir auch schon gestellt. nach meinem empfinden finde ich deine aussagen sehr klar und deutlich, ob die TE sie annehmen möchte ist ja ihre Entscheidung. aber ich bin auch ein mensch der klartext liebt. was individualist und kleio da machen, ist nach meiner wahrnehmung pseudointellektuelle wortklauberei (sorry ]:D ). aber das sieht vermutlich jeder anders.

Wollen Sie selber etwas dazu schreiben?

Dann melden Sie sich an bzw. lassen Sie sich jetzt registrieren, das ist kostenlos und innerhalb weniger Minuten erledigt. Interessant sind sicher auch die übrigen Diskussionen des Forums Psychologie oder aber Sie besuchen eines der anderen Unterforen:

 ·  ·


Nicht angemeldet: Anmelden | Registrieren | Zugangsdaten vergessen? | Hilfe

Startseite | Impressum | Nutzungsbedingungen | Netiquette | Datenschutz | Mobile Ansicht   © med1 Online Service GmbH