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Übles Temperament

Srhhojxo hat die Diskussion gestartet


Mann.

Eben war so ein bisschen Gedränge an der Ampel, ein Typ stand mit seinem Lieferwagen so, dass niemand sehen konnte, obs nun grün wurde oder nicht. Schon blöd genug, finde ich, da noch draufzufahren, aber seis drum, ich fahre nicht Auto, vielleicht kann man das verpeilen (obwohl ein Lieferwagenfahrer ja nun beruflich ... na, egal). Jedenfalls löst sich der Ministau, Lieferwagen fährt weg, alle wollen rüber, auch ich mit Hund. Da rast noch so eine hirnamputierte Pottsau rüber und erwischt fast das Köterchen. Über megaknallgrün, wohlgemerkt, der stand blöde halb auf der Kreuzung und wollte da wohl noch schnell weg - hätte da allerdings niemanden behindert. Aber einfach druff aufs Gas.

Dass einem da der Puls hochgeht - geschenkt. Aber ich? Hatte gerade Gemüse gekauft, und eh ich michs versehe, zimmere ich dem wegfahrenden Auto (eilig übrigens, gemerkt hat ders durchaus, dass es nicht koscher war) einen Sack Kartoffeln hinten drauf. Latscht der auf die Bremse, Tür geht auf, knallrotes Gesicht taucht auf. Nun stelle ich mir die normale Reaktion eines Menschen schon eher so vor, dass der gar nicht erst Kartoffeln schmeißt. Wenn es aber "passiert" und dann so ein Typ aussteigen will, stinksauer, dann sollte man doch meinen, dass man da irgendwelche Größenverhältnisse bedenkt. Automatisch oder so.

Ich weiß nicht mehr genau, was da für ein Film abging, aber ich habe eben noch eine Verkäuferin aus einem Laden in der Straße gefragt. Ich habe wohl die Einkäufe einfach fallen gelassen und bin auf den Typen zu. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn wir aufeinandergetroffen wären. Vielleicht k.o. gegangen, weil er mir eins übergebügelt hätte. ;-D Ich weiß nur noch, dass er auf einmal weg war und ich da stand, elf Meter dreißig groß und voller Blutdurst. Ich habe wirklich knallrot gesehen, die Welt war eingefärbt, alles hat pulsiert, und ich wollte das trockene Knacken eines Genicks unter meinen Händen hören. Ich sitze hier immer noch und habe Mühe, die Lippen über die Zähne zu kriegen, also den Mund zu, statt die Zähne zu fletschen. Völliger Neandertaler-Modus. Jedenfalls war der Typ laut Verkäuferin nicht einfach weg, der hat den Mund aufgemacht, ich habe etwas gebrüllt, aber unartikuliert, kein verständliches Wort, und da ist er ganz fix und blass wieder ins Auto und hat Vollgas gegeben.

Ich habe richtig nen Filmriss. Ist mir jetzt das dritte Mal passiert - das erste Mal, als ich einen Typen getroffen habe, am hellichten Tag mitten auf der Straße, der mich ein paar Wochen davor überfallen und mit einem Messer rumgefuchtelt hat, da hab ich zwar zugeschlagen, und es ist mir nichts passiert, trotzdem war das ganz schön heftig traumatisch, ich war da auch erst fünfzehn. Auf den bin ich genauso los, da waren zwei Freundinnen dabei, ich hab den verfolgt wie ein Stier auf Dope, ganze Straße runter, über eine Kreuzung und in einen Laden rein, und mir fehlen gut zehn Minuten, die in meiner Erinnerung nur aus so einem fiebrigen Heißhunger darauf bestehen, ihn umzubringen, zu spüren, wie unter meinen Händen was kaputtgeht. Habe jahrelang geträumt, wie ich ihn umbringe, und bin aufgewacht, als hätte ich Drogen genommen, in einem Zustand, der sich völlig schräg und auf unheimliche Art großartig angefühlt hat. Das zweite Mal war auch mit einem Hund, nicht demselben, den jemand völlig ohne Anlass getreten hat. Auch der ist gerannt, als ich angekommen bin. Die Frau, die dabei war, hat gesagt, sie hätte auch Fersengeld gegeben, in meinen Augen hätte man ganz klar gesehen, dass es mindestens einen Toten gibt. Sie war ziemlich erschrocken. Und ich bin es auch. Außerdem muss ich jetzt noch mal neue Kartoffeln kaufen.

Nein, im Ernst - dass ich sehr jähzornig bin, weiß ich, das war schon immer so. Ich sitze hier nur gerade und grüble, ob das nicht doch behandlungsbedürftig ist. Bis zu einem gewissen Maß mag ich meine Wut. Aber Blackouts sind schon krass. Und ich überlege zum ersten Mal ernsthaft, was passiert, wenn ich mal auf jemanden treffe, der nicht wegrennt.

Wie behandelt man denn so was - ich meine, ruft man da einen Therapeuten und sagt dem, hey, manchmal werfe ich mit Kartoffeln nach Leuten, und ich habe die Befürchtung, dass ich jemanden umbringe? Hat jemand schon mal Erfahrung mit Therapien bei Jähzorn gemacht und kann mir irgendwas dazu sagen, wie das abläuft? Ich glaube, ich hab auch Schwierigkeiten, da jemanden ranzulassen - bei dem Typen, der mich überfallen hat, hat mir diese Kompromisslosigkeit das Leben gerettet, und überhaupt empfinde ich Zorn als integralen Bestandteil meiner Persönlichkeit. Ich bin gerade wirklich ein bisschen ratlos. Aber eben auch ziemlich erschrocken. In mir vibriert immer noch dieses tiefe Blutrot, und ich fletsche noch immer die Zähne, und nur meine Ratio hat Angst davor, der Rest findet das Gefühl ausgesprochen heiß. Ich kühle auch nicht wirklich ab, das weiß ich, da kommt keine tiefe Reue und kein Entsetzen. Nur sagt mein Verstand: es sollte aber. Und mein Verstand sagt auch: Das geht zu weit. Und er fragt: Was, wenn der nächste nicht rennt? Und weil mein Verstand eigentlich nicht völlig doof ist, habe ich beschlossen, ich denke diesmal darüber nach, statt den abklingenden Rausch zu genießen, mich wie eine unbesiegbare Killermaschine zu fühlen, das Ganze als mentalen Sieg über einen anderen und unerfreulichen Menschen zu empfinden und mich nachher wohlig unter die Decke zu schmiegen in freudiger Erwartung von Träumen, in denen ich Menschen töte. Zum ersten Mal in meinem Leben wird mir das wirklich unheimlich. Weil ich mich zum ersten mal wirklich frage - was, wenn er nicht rennt, würde ich dann (so ich denn nicht einfach selbst Prügel beziehe) wirklich jemanden schwer verletzen?

Antworten
SnhYojxo


Der Fadentitel ist irgendwie etwas verharmlosend, sorry. Und der Text ist ganz schön lang, auch dafür meine allerdemütigste Bitte um Nachsicht.

M=artiLenchexn


Ich glaub, das ist normal. Ich hab grad keine Zeit, sonst würde ich mehr schreiben.

aw.f?ixsh


Wie behandelt man denn so was – ich meine, ruft man da einen Therapeuten und sagt dem, hey, manchmal werfe ich mit Kartoffeln nach Leuten, und ich habe die Befürchtung, dass ich jemanden umbringe?

Ja, so kann man das machen. Es gibt verschiedene Behandlungsarten, das weißt Du vielleicht – grob: Gesprächstherapie oder Verhaltenstherapie, das eine legt den Fokus mehr darauf, die Gründe für ein als problematisch empfundenes Verhalten zu finden, die andere geht weniger in die Vergangenheit, sondern legt den Schwerpunkt auf konkrete Verhaltensänderungen in der Gegenwart, die dann eine Veränderung im Empfinden nach sich ziehen.

Aber natürlich geht das nicht streng getrennt. Wenn Du jedoch Hilfe für konkrete Situationen suchst und gar nicht so viel Wert darauf legst, dass jemand en detail in in dieser Thematik herumpopelt, wäre eine Verhaltenstherapie vielleicht die richtige Wahl.

Dein Temperament wird Dir keiner aberziehen können. Beherrschung bedeutet ja nicht, keine Wut mehr zu empfinden.

TXravis Boicklxe


Wenn Du Pech hast, kriegste im nächsten Bierzelt, wenn Dir einer krumm kommt, n Glas zu fassen, und wirst wegen gefährlicher Körperverletzung drangekriegt. (Möglicherweise zurecht.) Sämtlichen Arbeitgebern, die ein Führungszeugnis verlangen darfste dann aus dem Weg gehen. Ich würde da schon lieber 20- 30 Stunden in irgendeine Verhaltenstherapie oder Aggressionstraining oder sowas investiern.

Abgesehen davon sind KAmpfsportvereine ne ganz gute Sache. Nicht zu "abreagieren" oder sowas, sondern um eben die Trigger ein bisschen zu normalisieren.

B[ärcBhenT8x0


Wow das hat wirklich schon psychopathische Züge. Ich muss da gleich an die letzte Doku denken in denen Hunde vorgestellt wurden die keine Grenzen kennen. (Soll keine Beleidigung sein, ich möchte dich auch nicht auf diese Stufe stellen). Dein Benehmen in diesen Situationen hat etwas animalisches was wohl in allen von uns steckt aber dank Erziehung und Umfeld nicht zum Vorschein kommt.

Die Ursachen liegen vielleicht in Traumatas aus deiner Vergangenheit aber das sind wilde Vermutungen. Irgend einen Grund muss es geben der dich so ausrasten lässt.

Bitte begib dich in psychotherapeutische Behandlung bevor eine Situation eintritt die in Form von Körperverletzung eskaliert.

Du kannst dir damit auch wenn du in einem Zustand der Umnachtung warst dein ganzes Leben versauen.

Alles Gute ! @:)

Sqch|ildukrxöte007


Spürst du dann eigentlich auch keine Schmerzen mehr, wenn es zu solchen Situation kommt?

aGv ant=i


Hmm, ich bin da zweigeteilter Meinung. Alle Situationen die du beschrieben hast, rechtfertigen Wut, auch extreme. Du liebst deinen Hund (und das eigene leben) und jemand anders hat das gefährdet, da wird man wütend.

Ich selbst werde selten wütend, verarbeite alles eher mit Trauer, Angst oder Freude (ausgehend von diesen 4 Grundgefühlen, alles andere sind Abstufungen), aber wenn ich wütend werde, wird mir erst schlecht und danach geh ich so steil, das ich Blut im Mund schmecke. Und ganz am Ende fühl ich mich beschissen.

Mein Mann ist wie du eher. Der ist selten traurig oder ängstlich, sondern geht so ab, das ich nichts mehr sage. Nicht, weil ich Angst vor ihm hab, sondern weil jedes weitere Wort nicht hilfreich wäre.

Und ich würde auch jedem raten, sich im Wutfall nicht mit ihm anzulegen, ich würde da für nichts garantieren. Und er findet sich nicht behandlungsbedürftig, sondern fühlt sich sehr wohl. Ich hingegen finde schon, das er (und du) durchaus mal hingucken könnte, weswegen er wie reagiert und ob das in dem Fall wirklich ein hilfreiches Gefühl ist. Denn wenn es hilft, war es sinnvoll. Wenn nicht, dann wäre evtl ein anderes Gefühl angebrachter und es stellt sich die frage, wieso nicht ein anderes Gefühl als Reaktion gewählt wird.

aP.fisxh


Ich finde nicht, dass es darum geht, welches Gefühl das 'richtige' ist, sondern um Selbstbeherrschung damit einhergehend Souveränität.

Ich kenne das Gefühl, aus die Zuschauerbank verbannt zu werden, während auf der Bühne irgendein ungutes Programm abläuft, und ich finde es abscheulich. Weil es mir meine Freiheit nimmt.

aNvalntxi


A.fish, ich denke nicht, das es nur um Selbstbeherrschung geht. Sonst könnte man "einfach" sich nicht aufregen und fertig.

Mit welchem Gefühl man auf was reagiert ist für das eigene (langfristige) Wohlbefinden sehr wohl entscheidend. Ich rede auch nicht von richtig, dann müsste ich ja auch von falsch sprechen, sondern von hilfreich.

MKar*tieNnchen


Ich denke schon, dass es um Beherrschung geht. Ich hatte solche Aussetzer früher viel viel öfter. Und bei mir liegt dier Kick gerade darin, die Beherrschung und alles antrainierte Sozialverhalten freiwillig vollkommen aufzugeben.

at.fiEsh


Ich rede auch nicht von richtig, dann müsste ich ja auch von falsch sprechen, sondern von hilfreich.

Mea culpa, das hab ich falsch gelesen. Mh, ich verstehe, was Du meinst, aber ich meine doch, dass Shojo mehr der Kontrollverlust zu schaffen macht und nicht die Reaktion "Wut". Und ich weiß nicht, ob so eine 'Umschulung' nicht genau das wäre, was ihr Unbehagen bereitet.

aE.fixsh


Und bei mir liegt dier Kick gerade darin, die Beherrschung und alles antrainierte Sozialverhalten freiwillig vollkommen aufzugeben.

Du meinst jetzt, im Gegensatz zu früher? Weil, "Aussetzer" kommen mir gerade so überhaupt nicht freiwiilig vor.

a^van>ti


Ja, es geht auch um selbstbeherrschung, aber eben nicht nur, meiner Meinung nach.

Es ist shojo ja völlig freigestellt, ob sie sich über Gefühle Gedanken machen möchte oder nur über selbstbeherrschung. Ich meine das nicht dogmatisch und ich bin auch nicht sauer, enttäuscht oder sonstwas, wenn ich das Thema verfehlt hab und mein Beitrag nicht hilfreich war.

Es KÖNNTE aber interessant sein und dafür ist es geschrieben. Nicht mit dem Anspruch der Weisheit letzter Schluss zu sein.

d~an0ae8x7


shojo

Ich kenne das und schrieb dir später in ruhe mehr dazu. Die Wut ganz aberziehen kann man nicht, wäre auch nicht gesund, aber dafür sorgen das die Blackouts weg bleiben geht.

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