» »

Angst vor Konflikten und mehr

D_erJ~axy hat die Diskussion gestartet


Hallo,

ich kämpfe schon seit langem mit gewissen Verhaltensmustern von mir, die mich allmählich mehr und mehr in unangenehme Situationen bringen. Der Text wird gewiss recht lang, weshalb also nur diejenigen weiterlesen sollten, die gewillt sind, mir nen Rat zu geben oder ihre Meinung zu schildern.

Grundsätzlich hab ich auch nur zwei Fragen:

1. Wie schätzt ihr meine Situation ein? (außergewöhnlich genug, um professionelle Hilfe zu bedürfen?)

2. Wäre ein Gang zum Psychologen möglich / eine Hilfe oder etwas anderes?

Meine Situation:

Zuerst einmal, ich bin 25 Jahre alt, männlich und wohne Leipzig, wo ich auch bisher noch Student bin.

Ich habe alles in allem 3 große Probleme, die irgendwie auch alle miteinander zusammen hängen.

A) Angst vor Konflikten/Konfrontation -> Vermeidung unangenehmer Situationen

- Seit jeher komme ich nicht damit klar, wenn sich nahestehende Personen streiten. Ich mag das einfach nicht hören bzw. verschließe mich davor und tue oft so, als bekäme ich es nicht mit. Ganz besonders betrifft das meine Eltern. Wenn ich hörte, dass diese sich streiten, verhielt ich mich schon immer in meinem Zimmer ganz ruhig und zeigte mich dann auch erst wieder, wenn ich sicher war, dass der Streit vorbei ist. Kam so ein Familienzwist mal am Esstisch vor, starrte ich einfach auf meinen Teller oder auf den Fernseher und verschloss mich innerlich so sehr es ging.

(Auf diesen Punkt komm ich später nochmal zurück.)

Ich grenze eben solche Konflikte lieber komplett aus, als mich damit auseinanderzusetzen. Die häufigste Ursache für solche Streits war auch schon immer der Alkoholkonsum meines Vaters. Wenn dies mal in nem normalen Gespräch zur Sprache kam, ignorierte ich dies, schaute weg, beschäftigte mich mit etwas anderem etc. Ich hasse dieses Thema und will damit nicht konfrontiert werden.

Ganz allgemein will ich eben solche unangenehmen Situationen vermeiden. Zum Beispiel betrifft dies auch Telefonate. Mit Freunden telefonieren, ist alles kein Thema aber wichtige Dinge wo vielleicht mal etwas behörden-mäßiges geklärt werden muss, das ist mir unangenehm und schiebe ich so gut es geht vor mir her. Stattdessen suche ich lieber den Weg, eine eMail zu schreiben, da ich da die nötige Distanz hab. Wenn eine unangenehme Situation unvermeidbar ist, dann schiebe ich diese in der Regel so lange vor mir her (auch indem ich mich mit anderen Dingen ablenke, "wichtigeres" zu tun hab), bis es endlich getan werden muss. Dies deutet auf mein nächstes Problem:

B) Ständiges Aufschieben (mental-)stressiger Sachen

- Selbst das Schreiben einer Mail, wie eben beschrieben, schiebe ich oft vor mir her, da eben dies in Verbindung mit einer Angelegenheit steht, die mir in irgendeiner Weise unangenehm ist. Auch das Erledigen notwendiger Aufgaben für Studium oder Arbeit schiebe ich vor mir her, in der Regel so weit, bis es endlich getan werden muss. (Prokrastination ist hier das Stichwort.) Bei all dieser Aufschieberei hab ich dann immer den Gedanken "Das mach ich dann nachher, genau nachdem ich dies und das gemacht hab oder Morgen, da geh ich dann frisch ans Werk und bin motiviert" usw.

Ein weiteres Beispiel für eine solche Aufschieberei im Alltag: Ich muss meinen Handyvertrag kündigen, damit er sich nicht automatisch wieder um 2 Jahre verlängert, sonst kann ich keinen anderen abschließen. Ich schieb dies dann vor mir her und immer weiter, obwohl es nur einer viertel Stunde Aufwand bedarf, dies zu regeln. Doch es ist für mich eine lästige Aufgabe (irgendwie auch, weil ich nicht vorher ganz genau weiß, was ich tun muss – denn ich muss mich ja erstmal schlau machen, wie ich den Vertrag kündige) und daher schieb ich es vor mir hier und, schwupps, ist die Frist verstrichen. (So geschehen vor 1 Jahr).

Komischerweise bin ich ansonsten nicht gänzlich faul: Ich räume daheim gern mal den Geschirrspüler aus/ein, um meinen Eltern diese Arbeit abzunehmen oder hänge auch die Wäsche ab, aus demselben Grund. (Vielleicht ist dies nur ne Art der Kompensation der sonstigen Dinge)

Verbunden mit dem Aufschieben unangenehmer Dinge ist womöglich mein drittes Problem:

C) völlig verkorkster Schlaf

Ausnahme: Am Wochenende bin ich meist nicht in Leipzig, sondern in der Heimat (nur ne Stunde entfernt). Da arbeite ich manchmal nebenher in ner Tankstelle, u.a. Frühschichten. Da muss ich 6 Uhr aufstehen, ist aber kein Problem. Selbst wenn ich erst 2/3 Uhr schlafen gehe, weckt mich der Wecker zuverlässig und ich gehe ohne Probleme zur Arbeit. Steht am Nachmittag und Abend dann was mit den Kumpels an, ist das kein Problem, ich ziehe durch und schaffe sogar ne erneute Frühschicht am Sonntag und auch dann bin ich gern zum Nachmittag wieder für ne Unternehmung mit den Kumpels zu haben – logisch, denn das alles ist ja sehr angenehm und die Arbeit, da hab ich ein Pflichtbewusstsein, denn würde ich verschlafen, würde die Tankstelle zu bleiben und es gäbe ne SEHR unangenehme Situation. Das zur Arbeit gehen ist in dem Fall also das kleinere Übel. (und Geld gibts ja auch dafür) ... dies also die Ausnahme, doch in der Woche in Leipzig:

Müdigkeit, Antriebslosigkeit. Meist bin ich bis spät wach, oft bis 2 oder 3 Uhr und zwar auch aus dem Grund, dass ich irgendwie nicht schlafen gehen will, weil dies bedeutet, dass unmittelbar der neue Tag mit seinen lästigen Aufgaben bevorsteht. Doch a propos lästige Aufgaben:

Wenn ich dann 2 oder 3 Uhr schlafen gehe und ich mir den Wecker auf 10:30 stelle, dann wären das gut und gern 7-8 Stunden Schlaf. Völlig ausreichend eigentlich, um ausgeschlafen zu sein. Aber falsch: ich werde vom Wecker wach, schalte ihn aus (selbst wenn er weit weg im Zimmer steht) und schaffe es einfach nicht wach zu bleiben. Ich leg mich wieder hin. "n halbes Stündchen" usw. man kennt das ja. Das hört sich nun banal an aber eben so läuft es IMMER. Ich schaffe es bei Gott in 90% der Fälle nicht, mich zum Wachbleiben zu überwinden. Ich fühle mich so müde, dass ich gar nicht anders kann, als weiter im Bett zu liegen. Das Ergebnis: Ich liege manchmal bis 14/15/16 Uhr im Bett (Extremfall). Das sind dann also manchmal um die 11 Stunden Schlaf!!! Dies passiert mir jedoch nur in Leipzig. Wenn ich mal auch in der Woche in der Heimat war, passiert mir dies kaum (nur selten). Daher hab ich es in Leipzig schon mit anderen Schlafpositionen etc. versucht aber kein Erfolg.

Durch diese oft verpennten Tage ergeben sich natürlich oft aufgeschobene, unerledigte Dinge, die widerum zu A und B führen, was widerum die Abneigung vorm Schlafengehen (weil dann neuer Tag mit Aufgaben etc.) verursacht usw.

(im nächsten Beitrag gehts weiter...)

Antworten
DwerJaxy


Dies also die 3 großen Probleme. Wozu führt das Ganze? Na klar, zu größeren Problemen.

Durchs Studium bin ich mit Licht und Schatten gekommen. Hausarbeiten / Referate waren meist gut, Klausuren oft nicht bestanden, weil ich das Lernen aufgeschoben hab (zum Glück meist durch gute Hausarbeiten wettgemacht). Dennoch hab ich dadurch viel Zeit verloren, weswegen ich nun im 11. Semester bin.

Das große Stichwort Bachelorarbeit: Anfangs alles gut, sehr viel recherchiert und zusammen gesammelt, doch dann eine Durststrecke, wo ich wieder den ganzen Berg vor mir hergeschoben hab (der mir immer größer erschien) und dann noch eine familiäre Tragödie (Vater mit Herzinfarkt) und verbunden damit eigene gesundheitliche Probleme (die meinen beschriebenen Problemen natürlich noch eins drauf setzten) – somit die finale Bearbeitung der Arbeit unter schlechtesten Voraussetzungen innert zu kurzer Zeit. Letztlich dachte ich, dennoch alles gut hinbekommen zu haben. Doch das Ergebnis: Plagiatsvorwurf! Ich weiß noch nicht, wo und wie genau, doch irgendwas scheine ich komplett verbockt zu haben. Nun bin ich natürlich ersteinmal am Boden.

Ich hab noch niemandem davon erzählt, denn siehe A und möchte vorher wissen, ob ich eine neue Arbeit schreiben darf oder aber ausgeschlossen werde. Wenn dies geschieht, hab ich erstmal keinen Plan, wie es weiter gehen soll. 5 Jahre Studium umsonst und ich müsste es irgendwie meinen Eltern etc. erklären.

Aber wozu führte es außerdem? Mit der Nachricht bezgl. der Arbeit kamen sie hoch: leichte Suizidgedanken. (nur leicht "ich könnte jetzt hier vor den Baum fahren" oder "wenn alles wirklich ausweglos erscheint, bleibt mir nur Selbstmord" und dergleichen) Doch diese hab ich nicht zum ersten Mal. Schon seit meiner Pubertät hatte ich solche Gedanken manchmal, denn in diesem Zeitraum begann auch die Ursache für meine heutigen Verhaltensprobleme, denke ich:

Ständig Streit in der Familie (ich sagte ja im ersten Absatz unter A, dass ich nochmal darauf zurück komme):

Ich weiß nicht genau, ob es schon vorher so war, doch bereits ab meinem 12. Lebensjahr kann ich mich entsinnen, dass mein Vater ein häufiger Biertrinker war. Und eigentlich schon immer gingen meine Eltern Donnerstag oder Freitag Abend in die Gaststätte zum Stammtisch. Oft war da nichts dabei, doch ebenfalls oft genug bekam ich dann spät Abends im Bett liegend mit, wie sie heim kamen und sich stritten. Manchmal wenn ich früh als erstes munter wurde, entdeckte ich auf dem Küchentisch einen von meiner Mutter geschriebenen Zettel für meinen Vater im nüchternen Zustand, wo dann immer stand, es müsse sich etwas ändern etc. Früh morgens beim Frühstück war dann meist gedrückte Stimmung und sobald ich fertig und wieder im Zimmer war, bekam ich die fortführende Diskussion mit. Davon abgesehen gab es natürlich auch so oft nachmittags Streit.

Außerdem ging mein Vater Sonntags vor dem Mittagessen auch immer zum "Frühschoppen" – also in der Kneipe sitzen und trinken. Ein mal saß er danach total betrunken am Mittagstisch. Meine Mutter beherrschte sich offensichtlich, um die Situation ruhen zu lassen und ich wollte einfach nur schnell fertig essen und in mein Zimmer verschwinden. Am Nachmittag gabs natürlich Streit deswegen.

Manchmal musste ich den Streit nicht einmal mitbekommen. Ich wusste schon dadurch bescheid, dass ich heim kam und sah, dass meine Mutter mit roten Augen und zerknülltem Taschentuch in der Hand im Wohnzimmer saß. Ich grüßte nur kurz und ging schnell in mein Zimmer, um mich damit nicht beschäftigen zu müssen, obwohl ich es natürlich dann innerlich tat.

Nun muss ich dazu sagen: Das alles begann in meiner Kindheit so und führt sich bis heute fort, wenngleich es inzwischen nicht mehr so drastisch ist. Entweder streiten meine Eltern inzwischen nicht mehr so viel (zumindest trinkt mein Vater gewiss nicht mehr so viel wie früher) oder aber ich bekomme es weniger mit. Wenn es aber dann doch mal so ist, dass ich am WE daheim und in meinem Zimmer bin und ich einen Streit höre oder irgendwie mitbekomme, dann ist es noch heute – mit 25 Jahren – das alte Muster: leise verhalten und so tun, als bekäme ich nichts mit.

Ich weiß also genau, das mein Verhalten falsch ist und kenne wohl auch die Ursache aber dennoch kann ich es nicht abstellen. Weder A, noch B, noch C ... daher erneut meine 2 Fragen vom Anfang:

1. Wie schätzt ihr meine Situation ein? (außergewöhnlich genug, um professionelle Hilfe zu bedürfen?)

2. Wäre ein Gang zum Psychologen möglich / eine Hilfe oder etwas anderes?

Ich danke für jedwede Meinung.

Im Übrigen spreche ich über all diese Probleme mit niemandem, denn das widerum wäre eine sehr unangenehme Situation für mich, in der ich mich total schwach fühlen würde und Angst vor Ablehnung hätte etc. Deswegen behielt ich dies bisher immer für mich, auch gegenüber engen Freunden. Vor allem die Sache mit meinen Eltern traue ich mich nicht mit Freunden oder gar meiner Familie zu besprechen.

Aber irgendwie muss es ja mal ein Ende haben, daher dieser Thread.

Ekqu8iliz&er


A) Angst vor Konflikten/Konfrontation -> Vermeidung unangenehmer Situationen

Dass läßt sich leider nicht immer vermeiden. Besonders im späteren Berufsleben wirst du immer wieder mal mit unangenehmen Situationen konfrontiert werden. Auch wenn du selbst garnicht an dieser unangenehmen Situation Schuld hast, du solltest lernen damit umzugehen.

B) Ständiges Aufschieben (mental-)stressiger Sachen

Wer ständig irgendwelche Sachen aufschiebt, hat meist keinen geregelten Tagesablauf. Ich würde an deiner stelle einen festen Tagesplan aufstellen, vor allem mit Punkten die erledigt werden müssen. Auch wenn sie unangenehm oder stressig sind.

C) völlig verkorkster Schlaf. [......]und verbunden damit eigene gesundheitliche Probleme

Dagegen hilft eine gesunde Lebensweise. Ausgewogene Ernährung, viel Bewegung an der frischen Luft und feste zu Bett-Geh-Zeiten.

Wie schätzt ihr meine Situation ein? (außergewöhnlich genug, um professionelle Hilfe zu bedürfen?)

Sie ist garnicht so schlecht wie dargestellt. Was du brauchst ist ein geordneter Tagesblauf. Und mit 25 Jahren würde ich mir übelegen ob es nicht besser wäre, von Zuhause auszuziehen. Zum Beispiel in eine WG. Was den Plagiatsvorwurf deiner Bachelorarbeit angeht, da würde ich erst mal abwarten und nicht gleich in Panik verfallen.

Wäre ein Gang zum Psychologen möglich / eine Hilfe oder etwas anderes?

Natürlich wäre der Gang zu Psychologen möglich. Ich glaube aber (noch) nicht dass du ihn brauchst. Bedenklicher sind da schon eher deine Suizidgedanken. Wenn sich diese Gedanken häufen, wäre der Gang zum Psychologen vielleicht anzuraten. Was du seit deiner Kindheit bis heute erlebt hast, ist sicher nicht schön. Aber ein gewissere Abstand zu deinen Eltern würde dir echt gut tun. Denk auch mal an dich selber und an deine Zukunft. :)*

Wollen Sie selber etwas dazu schreiben?

Dann melden Sie sich an bzw. lassen Sie sich jetzt registrieren, das ist kostenlos und innerhalb weniger Minuten erledigt. Interessant sind sicher auch die übrigen Diskussionen des Forums Psychologie oder aber Sie besuchen eines der anderen Unterforen:

 ·  ·


Nicht angemeldet: Anmelden | Registrieren | Zugangsdaten vergessen? | Hilfe

Startseite | Impressum | Nutzungsbedingungen | Netiquette | Datenschutz | Mobile Ansicht   © med1 Online Service GmbH