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Goodbye Paroxetin!

kWsoZmcischx2 hat die Diskussion gestartet


Guten Abend ,

Ich möchte euch meinen Weg und die Erfahrungen mit Paroxetin 20 mg schildern. Ich benutze dieses Forum um dem Medikament endgültig goodbye zu sagen. Ich habe es von einem auf den anderen Tag abgesetzt ohne mit meinem Psychiater Rücksprache zu halten oder ihn gar um Rat zu fragen. Es ist mir bewusst, dass es vielleicht nicht der beste Weg ist mit solchen Dingen abzuschließen aber ich empfinde diesen Weg als den einzig richtigen für mich. Seit etwa 3 Tagen bin ich "clean" und bisher geht es mir prächtig. Ich glaube aber nicht dass diese ganze Sache an mir so spurlos vorbeiziehen wird, also erwarte ich demnächst noch starke Entzugserscheinungen , jedoch bin ich fest entschlossen.

Die Geschichte fing vor einem halben Jahr an. Ich war damals Anfang 19 und es war kurz vor den Sommerferien. Das Schuljahr endete und das letzte Jahr des Abiturs stand vor der Tür.

Ich habe meinen Führerschein einige Monate vor den Sommerferien gemacht und war in bester Laune , ich dachte mir ,dass das Leben jetzt richtig anfängt. Man hatte alles was man sich erträumt: ein Auto, Freunde und all die vielen Partys und die Nacht. Jedoch zerrte diese neugewonnen Schnelllebigkeit an mir sehr und mir ging es jeden Tag zunehmend schlechter. Ich verlor meine innere Ruhe und das Leben bestand nur noch aus irgendwelchen Feiern, Liebesaffären und die Unklarheit verschlang einen von Tag zu Tag immer mehr.

Die Depression äußerte sich in meinem Tinitus welchen ich schon seit Jahren habe. Jedoch wurde dieser stärker und immer störender. Ich konnte Nachts keine Ruhe mehr finden und an Schlaf war nicht mehr zu denken. Das leben ähnelte einem Schwarzweissfilm in welchem der Hauptcharakter raucht , trinkt und nicht an Morgen denkt. Ich habe auch nicht an Morgen geglaubt und so lebte ich auch.

Eines Tages bin ich mit meinen Problemen zum Psychiater gegangen. Ich habe gedacht, dass er mir vielleicht helfen könnte. Ich war voller Hoffnung und recht zuversichtlich. Jedoch hatte die Sache einen Hacken... Er könnte mich erst in fünf Monaten behandeln, was unserem Gesundheitssystem zur Last gelegt werden darf. Der Psychiater hatte etwa fünf Minuten Zeit für mich und in diesen fünf Minuten hat er unglaubliches gesagt: " Du versuchst dein Leben alleine in den Griff zu kriegen, dies wird dir jedoch nicht gelingen. " so verschrieb er mir die Tabletten .

Es war ein recht guter Plan die "Behandlung" am Anfang der Sommerferien zu beginnen, da alle Störfaktoren wie Schule usw. nicht vorhanden waren.

Nun es waren sechs Monate die ich mit der Einnahme verbracht habe. Ich könnte jeden einzelnen Monat schildern, da jeder dieser Monate sehr unterschiedlich für mich verlaufen ist und meine Psyche mehrere "Stufen" durchlief welche mich jetzt hierhin geführt haben.

Die ersten zwei Wochen waren wahrscheinlich wie für alle Menschen welche dieses Medikament nehmen die schlimmsten Wochen ihres Lebens. Vielleicht ist es leicht übertrieben aber so empfand ich es. Die Depression wurde immer stärker und ich kam kaum mehr aus dem Bett. Fürs aufstehen habe ich zwei bis drei Stunden gebraucht und als ich wach war, lag ich im Wohnzimmer auf der Couch. Man könnte eigentlich sagen, dass ich die ersten zwei Wochen meiner Sommerferien wirklich komplett im Bett verbracht habe. Die Depression nahm nach den zwei Wochen ab und ich wurde ruhiger. Jedoch habe ich die Müdigkeit nie in den Griff Bekommen... Es war für mich bis vor drei Tagen ein Kraftakt aufzuwachen. Ich verschlief regelmässig und kam immer seltener zum Unterricht . Die sechs Monate der Einnahme haben an der ganzen Sache nichts geändert. Vielleicht wurde es sogar schlimmer . Ich fing an immer intensiver zu träumen und die Träume wurden immer komplexer und verwirrender.

Nach dem ersten Monat mit den Tabletten fing ich an mich selbst mehr zu lieben und gewann neues Selbstvertrauen welches mir bisdato einfach nur gefehlt hat. Das leben schien immer besser zu laufen und die Frauenwelt lag mir scheinbar mit meinem neuen Selbstwertgefühl zu Füßen.

Ich wurde zu einem ganz anderem Menschen . Ich wurde egozentrischer , selbstverliebter, arroganter und stumpf gegenüber jedem menschlichem Gefühl. Ich verstand nicht wieso es meinem besten Freund schlecht ging und ich verstand nicht, dass ich jemanden mit meiner neuen Art verletzen könnte...

So ging es die ersten vier Monate. Ich wurde immer "stärker" und kälter bis die Sache ihren Traurigen Höhepunkt erreicht hat. Ab einem bestimmten Moment schenkte mir meine Lebensweise keinen Trost mehr. Ich lebte in einer kompletten Traumwelt in welcher es nur mich und meine Bedürfnisse gab. Meine Freunde haben mich nicht mehr gemocht, sie haben mich gefürchtet. Sie wussten, dass ich kein Blatt vor den Mund nehme und dass ich ohne Rücksicht auf Verluste alles zerstöre was mir nicht passt. Ich wurde der "perfekte" Mensch. Ein Mensch ohne jegliche Gefühle , vollkommen rational. Also alles in allem : eckelhaft. Ich wurde zu dem Menschen welchen ich immer verachtet habe. Ein Mensch der keine Schwäche und Gnade kennt. Kein Mitgefühl und keinen Schmerz.

Ich verstand eine Sache: wo es kein Leid gibt wird es auch nie die richtige , die vollkommene Freude geben. Wir Menschen sind geschaffen um beide Gefühle empfinden zu können. Am ende meiner Reise konnte ich leider beides nicht. Es war ein böser Traum ohne Erwachen. Ich habe nicht gelebt , ich habe existiert.

Ich habe mir fest vorgenommen, dass ich lieber jeden Tag weinend einschlafe als garnichts zu fühlen. Nun bin ich da wo ich sein wollte . Am ende dieser Odyssee und ich hoffe es wird ein gutes Ende finden und ich finde meine Menschlichkeit zurück.

Ich könnte noch hunderte Seiten zu meinem Empfinden schreiben aber ich hoffe ich habe euch einen Einblick in meiner Erfahrungen mit diesem Medikament ermöglicht.

Wie seht ihr das, sind diese Medikamente ein Ersatz für das echte Leben?

Antworten
DMillexs


Du hast von deinem Psychiater einen sogenannten Serotoninwiederaufnahmehemmer SSRI bekommen. Er bewirkt das sich in den Synapsen der Botenstoff Serotonin anreichert. Da bei der Depression zu wenig davon da ist, die Nervenübertragung in den Hirnzellen daher gemindert ist. Die Synapsen produzieren irgendwann wieder selbst genügend Botenstoff und man braucht diese Mittel nicht mehr, man hat durch diese Mittel keinen Entzug , da sie nicht süchtig machen. Man muss sie nur langsam ausschleichen um feststellen zu können ob die Depression wiederkehrt, denn dann wird diese noch heftiger. Manche können das Medikament nach ein paar Monaten ausschleichen und bleiben gesund manche nehmen es über Jahre weil die Absetzungsversuche die Depression wiederkehren lassen, manche müssen sie ein Leben lang nehmen , da die Synapsen endgültig nicht mehr richtig Botenstoffe produzieren.

Unten ein Spiegel Artikel über Lindsey Vonn die schon seit Jahren diese Mittel nimmt.

Das Mittel hat dir doch außerordentlich gut geholfen und ohne dieses Mittel würdest du vielleicht heute nicht mehr leben, da eine Depression oft in einen Suizid mündet.

Ich selbst habe ein SRNI genommen , da mir SSRI nicht geholfen hat, das hilft zusätzlich noch beim Botenstoff Noradrenalin , ich war auch in 2-4 Wochen wieder der Alte leider gingen die Ausschleichversuche nicht gut und ich nehme sie bereits 4 Jahre . Ohne diese Mittel wäre ich und auch Lindsey Vonn depressiv und das ist ein Leben , daß ich nicht führen möchte, da sind mir alle Nebenwirkungen egal. Eine schwere Depression ist wohl mit das schlimmste was einem passieren kann. Man fühlt sich wie ein lebender Leichnahm und macht sich am Schluss zu einem Richtigen, damit diese Gefühlswelt ein Ende hat.

Sei froh, dass dir die Mittel geholfen haben und du sie inzwischen nicht mehr brauchst, was immer das Ziel ist. Es gibt aber Menschen die können ohne nicht leben, weil es dann kein Leben ist.

[[http://www.spiegel.de/panorama/leute/lindsey-vonn-skirennlaeuferin-spricht-ueber-ihre-depressionen-a-872911.html]]

SPinn{estätexr


Ich kenne (unter vielen anderen) auch Paroxetin aus Eigenerfahrung, und kann dir eigentlich nur eine Sache sagen: Zum Themenkomplex ADs weiß jeder betroffene Laie, jeder Hausarzt, und jeder Psychiater etwas zu sagen – und bei allen diesen Aussagen schwankt der Wahrheitsgehalt zwischen Halbwissen, Glaubenssätzen, völligem bullshit, und Vermutungen.

Fest steht nur, SSRIs und Konsorten verändern etwas an deiner Hirnchemie, wie sich diese Veränderung allerdings ganz konkret bei dir auswirkt, das kann dir niemand vorhersagen. Auch der beste Profi kann da nur raten, er kann zwar auf seinen Erfahrungsschatz und ein paar Bücher zurückgreifen, aber er kann nicht in deinen Kopf hineinsehen.

Leider vergessen Ärzte das regelmäßig, und so werden vor allem psychische Neben- und Nachwirkungen gerne mal auf die angegriffene Psyche, auf ein Zurückkehren der Depression, die falsche Einnahme, die falsche Dosierung, ein plötzlich aufgetauchtes, weil vorher unterdrücktes neues Krankheitsbild, auf die Sonnenfleckenaktivität oder dein Tierkreiszeichen geschoben, aber selten auf das Medikament. Hat ja anderen schließlich auch geholfen, und nie solche Probleme verursacht.

Du wirst Dinge hören wie "man darf nicht abrupt absetzen, sondern muß ausschleichen", aber es kann problemlos sein, daß ein langsames Ausschleichen von sehr unangenehmen Entzugserscheinungen, pardon, Absetzerscheinungen begleitet wird, während ein sofortiges Weglassen überhaupt keine Probleme verursacht.

Letztlich das Allerbeste für dich ist es, wenn du es schaffst, trotz Krankheit, die dich extrem in die Tunnelblick-Subjektivität presst, dich selbst versuchst so objektiv wie möglich zu beobachten. Trennen zu können, was ist es, was das Medikament mit mir macht, was ist es, was die Krankheit mit mir macht, und was wäre der gewünschte, vorher erlebte Normalzustand.

Viel gutgemeinter Rat, den man entgegen seinen eigenen Beobachtungen annimmt, weil man verzweifelt ist, weil man sich selbst (aus gutem Grund) nicht traut, richtet mehr Schaden als Nutzen an. Man sollte auf alles hören, alle Information aufsaugen, aber sich zu allem seine eigenen Gedanken machen, mit seinen Erfahrungen verbinden, und daraus eigene Entscheidungen treffen. Das sind üblicherweise die besten.

In diesem Sinne, viel Erfolg auf deinem Weg.

DMi`llexs


Ein abruptes Absetzen von SSRI oder SNRI kann fatal sein aber auch gut gehen. Das Fatale ist die Depression kehrt schlimmer zurück, fast schon suizidal und ist dann auch schwerer zu behandeln. Deshalb immer Ausschleichen statt abrupt Absetzen, beim Ausschleichen ständig Termine beim Psychiater machen um die Stimmung zu prüfen. Sofort wieder aufdosieren wenn diese schlechter wird und nach einem halben Jahr nochmal versuchen, manche müssen es über Jahre immer wieder versuchen, bei einem gewissen Prozentsatz muss man die ADs lebenslang nehmen.

Der Schriftsteller David Foster Wallace hat abrupt abgesetzt, er lebte gut mit ADs, aber er wollte für sich wissen wie sich das Leben ohne ADs anfühlt, er hat sich kurz nach dem Absetzen aufgehängt.

Jeder der von diesen ADs abrät sollte mit Leuten reden , denen diese ADs zu einem neuen Leben verholfen und sie oft vor einem Suizid gerettet haben.

Es gibt fast keine Alternativen, ich habe bedauernswerte Menschen kennengelernt denen die Mittel nicht halfen. Die wurden mit schweren Tranquilizern ruhig gestellt und ich hatte einen Mitpatienten dem half nur noch eine Elektrokrampftherapie. Dabei wird unter Vollnarkose alle 14 Tage das Hirn mit Stromstössen malträtiert um den Stoffwechsel (Botenstoffe) anzuregen. Es war ein schreckliches Bild wie er im Rollstuhl vom EKT Raum zu uns wieder hochgeschoben wurde. Der wusste dann einen halben Tag nicht mehr wie wir heissen.

S4innerstätexr


Jeder der von diesen ADs abrät

Nur mal zur Erläuterung: Das tue ich nicht. Ich sehe nur viele absolute Aussagen in diesem Themenkomplex sehr skeptisch. Beispiel:

Deshalb immer Ausschleichen statt abrupt Absetzen, beim Ausschleichen ständig Termine beim Psychiater machen um die Stimmung zu prüfen.

Wenn Ausschleichen mehr Probleme verursacht als abrupt Absetzen, plus der Wahrscheinlichkeit daß der Psychiater alle paar Monate mal Termine vergibt, die Stimmung sich aber tagesweise ändern kann, dann ist das "immer" in dieser Aussage halt nunmal Käse, sorry.

In aller Regel kommt man mit einem ein bewußt durchgeführten trial-and-error weiter. Dh. wissen, daß es i.d.R. besser ist, auszuschleichen, probieren, wenns nicht taugt, langsamer absetzen, abrupt absetzen, wieder aufdosieren, schlicht: spielen, experimentieren, beobachten, den richtigen Umgang finden. Das ist doch keine Raketenwissenschaft.

Man verändert die Dosis, registriert das Resultat, verändert wieder die Dosis (mit einer gewissen Zeitverzögerung um nicht auf Tagesform-Schwankungen hereinzufallen, und innerhalb des Rahmens, welcher auf dem Beipackzettel steht), um so ein optimales Ergebnis zu erzielen. Nichts anderes macht der Doc auch, nur viel langsamer, und durch den Filter Kommunikation verfälscht. Was bringt es denn, zum Psychiater zu rennen, der dann verordnet "X Milligramm, die Woche darauf Y, die Woche darauf Z" – und während dieses Prozesses geht es einem hundmiserabel? Wie gesagt, der Psychiater weiß das doch nicht, der geht nach Schema F vor, und kann gar nicht zeitnah reagieren.

Auch beim Ausschleichen nach Lehrbuch kann es zu plötzlicher Suizidalität kommen, was wäre in so einem Fall vernünftiger: Eigenmächtig wieder aufdosieren, oder auf den nächsten Psychiater-Termin warten, damit der dann grünes Licht für die Aufdosierung gibt? Bis dahin kann der Patient auch schon tot sein, oder in einem Loch, aus dem er lange nicht mehr herauskommt.

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