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Asperger-Diagnose steht bevor, was erwartet mich (danach)?

E1rdberermixnze hat die Diskussion gestartet


Hallo,

ich bin 25 und werde mich bald einer Asperger-Diagnose unterziehen. Ich war vor kurzem in einem Autismus-Therapiezentrum (wo man keine Diagnose stellen darf und kann), und dort hat man mich darin bestätigt, dass die Diagnose bei mir unbedingt durchgeführt werden muss.

Ich könnte jetzt meine ganze Biographie und all die Probleme aufschreiben, die mich schon mein ganzes Leben begleiten, aber das würde ein halber Roman werden. Ich war jedenfalls von Kleinkind an durchaus auffällig, aber alles wurde immer als Eigenart hingenommen bzw. versucht abzutrainieren.

Ich habe große soziale Defizite und mich mit diesen Problemen mehr schlecht als recht durch die Schule durchgeboxt (zu Beginn, in der Grundschule, galt ich als sehr begabt, Lesen und Schreiben kamen bei mir ganz natürlich und sehr früh, hatte Gymnasialempfehlung). Ich war in jeder Schule, mit Ausnahme der Berufsschule, wo ich einfach nur ein Außenseiter war, Opfer von Mobbing. Als Teenager war das Mobbing so heftig (und kam auch teilweise von Lehrern), dass meine Leistungen in der Schule sehr darunter litten. Mein Abschluss ist deshalb bestenfalls mittelmäßig, doch in geliebten Fächern (Englisch, Deutsch, Informatik, Textverarbeitung, etc.) schaffte ich 1er-Noten, ohne je dafür gelernt zu haben.

Ich habe einen kaufmännischen Beruf gelernt und sowohl in der Ausbildung als auch im anschließenden Job einfach Glück gehabt (sehr kleines Büro, recht wenig Kundenkontakt, sehr viel schriftliche Arbeit, Chefs und Mitarbeiter eher distanziert), denn in allen anschließenden Jobs war ich mit der Situation hoffnungslos überfordert (habe u.a. als Kassiererin gearbeitet und musste aufhören, weil ich an Herzrasen litt (Ruhepuls von 130) und in einem anderen Büro bin ich, natürlich ungewollt, mit dem Chef aneinander geraten und konnte z.B. Aufgaben wie Werbeanrufe nicht ausführen, sie machten mich regelrecht panisch).

Ich habe leider viele typische Asperger-Eigenschaften. Ich kann meinem Gesprächspartner nicht in die Augen sehen, mein Blick fällt immer zum Mund, da es mir hilft ihn zu verstehen. In Situationen wie Vorstellungsgesprächen fixiere ich meinen Blick auf den Punkt zwischen den Augen, damit ich nicht negativ auffalle. Ich kann nicht wirklich beschreiben warum ich anderen nicht in die Augen sehen kann. Es ist mir einfach unglaublich unangenehm.

Ich habe auch ein Problem damit, Gesichter zu erkennen. Nur markante Gesichter oder Leute mit auffälligem Schmuck oder besonderer Haarfarbe sind für mich leicht zu erkennen. Es passiert mir oft, dass ich z.B. Leute zwei Mal grüße. Als Kind habe ich sogar Mutter und Oma nicht erkannt (weil sie eine andere Haarfarbe hatten oder Arbeitskleidung trugen).

Ich kann die Emotionen anderer kaum bis gar nicht erkennen, habe auch einen ziemlich ausgeprägten Mangel an Empathie, auch wenn ich z.B. die Trauer anderer durchaus rational nachvollziehen kann. Als etwa eine Arbeitskollegin erfuhr, dass ihre Mutter einen Schlaganfall erlitten hatte und immer wieder zu weinen anfing, konnte ich kein Mitgefühl ausdrücken. Es gab auch andere Vorfälle, bei denen ich auch sehr negativ aufgefallen bin – aber ich kann es nicht ändern.

Ich habe allgemein wenig Interesse am Umgang mit anderen. Seit ich aus der Berufsschule raus bin hatte ich keine Freundschaft mehr – in meinem Leben hatte ich ohnehin immer nur eine/n Freund/in, nie mehrere. Eine intime Beziehung hatte ich noch nie. Der Umgang mit meiner Familie reicht mir vollkommen.

Ich habe einige Interessen, die mein Leben richtig einnehmen. Mein zurzeit größtes Interesse (sie wechseln durchaus mal) ist die Botanik, und zwar ein sehr spezielles Gebiet. Ich könnte stundenlang Gärten planen und über die einzelnen Pflanzen und ihren Anbau lesen. Schon als Kind hatte ich sehr spezielle Interessen, und auch wenn sie manchmal in den Hintergrund rücken, gebe ich sie nie ganz auf. Mit 14 z.B. war das Programmieren ein großes Hobby, ich habe ein Textadventure programmiert. Mit 20 wollte ich unbedingt das Stricken lernen. Mit 21 habe ich in zweimonatiger, anstrengender Arbeit eine selbst entworfene Weste handgestrickt.

Mein Tagesablauf ist immer gleich. Ich hasse Unterbrechungen, Termine machen mich unglaublich nervös. Andere würden verrückt werden wenn jeder Tag dem anderen gleiche – ich bevorzuge es.

Ich hasse Lärm. Ich kann es kaum ertragen. Orte wie Supermärkte sind der Horror für mich. Habe noch nie eine Disko von innen gesehen, noch nie eine Party besucht, bei Familienfeiern habe ich mich oft nach kurzer Zeit zurückgezogen. Allgemein sind Geräusche ein Störfaktor für mich. Ich kann z.B. nicht telefonieren, wenn jemand in der Nähe gleichzeitig spricht. Und das Telefonieren an sich mache ich auch höchst ungerne, eben weil ich mein Gegenüber kaum verstehe (ich bin nicht schwerhörig, das habe ich ärztlich abklären lassen!) Als Kind habe ich ebenfalls Lärm verabscheut, Veranstaltungen z.B. habe ich absolut gehasst, wollte immer nach Hause gehen. Auch Veranstaltungen wie Karneval waren mir zuwider.

Ich bin auch körperlich sehr empfindlich, zumindest stellenweise. Meine Ellenbogen sind das Schlimmste. Blutabnehmen endet bei mir immer in einer Ohnmacht, obwohl es mir an sich nichts ausmacht, denn ich bin allgemein eher unempfindlich, was Schmerzen angeht. Ich muss beim Haarewaschen den Duschkopf ganz nah an den Kopf halten, sonst kommt es Nadelstichen gleich (das war schon als Kind ein riesiges Problem!) – gehe deshalb nur sehr selten zum Friseur, auch weil ich beim Kämmen/Bürsten sehr vorsichtig sein muss.

Mein Puls ist ständig erhöht. Meist über 100. Unter Einfluss von Lärm ist er sogar höher, kann dadurch teilweise bis 150 und höher steigen. Ich habe Normalgewicht, mein Blutdruck tendiert ganz leicht ins Niedrige, und ich war deswegen auch schon beim Kardiologen, der keine Erklärung für meinen hohen Puls finden konnte (und das war vor 7 Jahren)

Ich reiße mir seit 21 Jahren die Fingernägel ab, kann mir es vielleicht mal für ein Vorstellungsgespräch kurzzeitig abgewöhnen, kann es aber nicht lassen...es sieht furchtbar aus und ist auch quälend, weil es so ein starker Zwang für mich ist.

....und, und, und...

Beruflich kann ich einfach keinen Fuß fassen, und meine Einschränkungen (Bus und Bahn z.B. sind für mich undenkbar, Auto fahre ich nur von A nach B, um nach C fahren zu können muss ich ganz genau wissen, wie ich dort hin komme, ich kann z.B. nicht einfach so mit vagen Wegbeschreibungen an einen fremden Ort fahren) sind leider recht zahlreich. Ich wohne auch noch bei meinen Eltern. Obwohl ich ein sehr reinlicher Mensch bin und auch jeden Tag bei den Reinigungsarbeiten helfe und auch sehr gut kochen kann (war zeitweise ein sehr großes Interesse von mir!) würde ich an Dingen wie etwa dem Einkaufen scheitern, denn selbst ein kleiner Supermarkt ist für mich unerträglich, wenn dort sehr viele Menschen sind (und an schlechten Tagen reichen schon viel weniger).

Nun, nachdem ich doch einen halben Roman geschrieben habe, zu meinen Fragen:

Wie sieht so eine Diagnose aus, was passiert genau?

Ich habe mich mit meiner Mutter schon intensiv unterhalten und viel zusammengetragen, vor allem Dinge aus der frühen Kindheit, an die ich mich nicht mehr erinnere. Ist es hilfreich, solche Notizen mitzubringen? Meine sind inzwischen sehr umfangreich geworden.

Soll ich Zeugnisse mitbringen? In der Grundschule war ich der Schützling meines Lehrers, die Beurteilungen sind sehr positiv. Aber kaum ging ich auf das Gymnasium, wurden die Beurteilungen ziemlich vernichtend. In einem Zeugnis stehen Dinge wie "...kann sich nur auf Fächer konzentrieren, die sie interessieren..." oder "...isoliert sich komplett von den anderen...", etc. Wäre das für die Diagnose hilfreich?

Reicht es dass ich den Ärzten mitteile, dass ich Eventualitäten wie Herzerkrankungen und Schwerhörigkeit schon abgeklärt habe, oder sollte ich schriftliche Diagnosen mitbringen?

Was kommt nach der Diagnose? Ändert sich etwas für mich? Kann mir die Diagnose helfen, beruflich doch Fuß zu fassen (was ich unbedingt möchte, ich arbeite nämlich sehr gerne im Büro und habe trotz meiner Einschränkungen sehr gute Arbeit geleistet und entsprechende Zeugnisse bekommen, möchte meinen Beruf ungern aufgeben müssen)

Gibt es hier vielleicht jemanden, der schon eine Diagnose hinter sich hat?

Wäre für jede Antwort sehr dankbar!

Erdbeerminze

Antworten
Kdongo-xOtto


Liebe Erdbeerminze,

ja, was erwartet Dich danach? Das ist schwer zu sagen. Was genau erhoffst Du Dir denn? Wie stellst Du Dir Deine Zukunft vor?

Ich kann schlecht sagen, was nach einer Diagnose kommt. Aber ich kann erzählen, wie es mir ergangen ist und wie ich heute mit der Diagnose Asperger-Syndrom umgehe.

Auch ich war schon als Kind auffällig: Unruhig, zappelig, große Probleme damit, Freunde zu finden und zu halten – nur kannte man zumindest hierzulande das Wort "Asperger" noch kaum, unter Autismus stellte der gemeine Hausarzt sich vermutlich Menschen wie "Rain Man" vor. Daher wurde bei mir Hyperaktivität diagnostiziert und weiter nichts unternommen. Ich wurde mit meinen Problemen alleine gelassen, war selbst Schuld daran, nicht normal zu sein, sollte mich ändern und anpassen.

Aber so sehr ich das auch versuchte, ich konnte es nicht. Ich konnte nicht normal sein. Ich konnte anderen nur schwer in die Augen sehen, aus Angst, sie könnten meine Unvollkommenheit und "Behinderung" erkennen und sich über mich lustig machen – so, wie das viele andere taten. Daher konnte ich kaum tiefere Bindungen oder Freundschaften aufbauen. Mein Eltern brachten mir nur sehr wenig Verständnis entgegen, so hatte ich lange zeit keine richtigen Ansprechpartner für meine Probleme.

Auch wenn ich mich in vielem in deinem Text wiedergefunden habe, so war eines bei mir anders: Ablehnung und Mobbing von Mitschülern und Lehrern spornten mich dazu an, meine Leistungen zu steigern – z. B. der Chemielehrer, der mich auf dem Kieker hatte und mir in einer Klausur eine 4 gab, obwohl es eine 3 hätte sein müssen. Ein Jahr später musste er mir zähneknirschend eine 1 im Zeugnis geben ;-) Heute weiß ich, dass diese sehr guten schulischen Leistungen nur eine schale Ersatzbefriedigung für alles andere waren, was fehlte.

Ich machte ein sehr gutes Abitur und fing an, zu studieren, doch auch dort war ich Opfer meiner massiven sozialen Defizite. Gespräche mit Kommilitonen (und den vielen hübschen Studentinnen :-/) verliefen schleppend oder eben gar nicht, Partys und Discos waren mir zuwider, mit der "Oberflächlichkeit" meiner Mitmenschen konnte ich wenig anfangen (ich war und bin ein recht tiefsinniger und phantasievoller Mensch).

Eines Tages – es ist ungefähr 13 Jahre her – wurde mir bewusst, dass ich so nicht mehr weiterleben wollte. Das "Leben", das ich führte, war keines mehr, es war nicht mal ansatzweise das, was ich mir erhoffte. Ich wollte ich selbst sein und auch als dieses "ich" leben können und akzeptiert werden. Und so entschied ich mich, es zu versuchen – raus aus meinem Schneckenhaus zu treten und zumindest zu versuchen, meinen Platz in der Welt und unter den Menschen zu finden.

Dieser "Versuch" dauert jetzt schon 13 Jahre, er wurde vor vier Jahren durch eine Psychotherapie ergänzt, da mich mein Beruf ((ich bin Programmierer geworden – das kommt meinen intellektuellen Fähigkeiten sehr entgegen)) zu stark stresste. Im Rahmen der ersten Sitzungen stellte meine Therapeutin dann auch die Diagnose Asperger-Syndrom. natürlich hätte man das noch mit ärztlichen Gutachten und Fragebögen untermauern können – aber was solls? Für mich stimmt es, ich wusste immer, dass ich anders bin – und letztendlich sind Autismus-Spektrums-Störungen noch recht wenig erforscht, so dass Asperger und Autismus eigentlich nur Bezeichner sind. und trotzdem hat es bis letzten Sommer gedauert, bis ich diese Diagnose wirklich annehmen konnte und endlich akzeptiert habe, dass ich anders bin und immer anders als "die anderen" sein werde. Aber deshalb bin ich nicht besser oder schlechter als sie, sondern ich bin so, wie ich bin – einzigartig. Ich habe meine Fähigkeiten, ich habe meine eigene Sicht der Welt, und ich bin gut so, wie ich bin. Das scheinen auch andere zu denken, denn auch wenn meine Kommunikationsprobleme nie ganz verschwunden sein werden, bin ich doch ein gern gesehener Gesprächspartner geworden, der zu vielen Themen fundierte Dinge sagen kann.

Letztendlich gibt das Schicksal jedem von uns gute und schlechte Karten mit, wenn es uns an den Pokertisch des Lebens setzt. daran können wir nichts ändern – wir können uns aber entscheiden, ob wir über die schlechten Karten jammern und uns selbst das Leben dadurch vermiesen, oder ob wir uns auf die guten Karten konzentrieren und so auch mit einem eher mauen Blatt eine herausragende Partie hinlegen. Ich sage nicht, dass es einfach ist, aber meiner Meinung nach lohnt es sich.

Jetzt habe ich jede Menge geschrieben. Ich hoffe, zumindest einiges ergibt für Dich irgendeinen Sinn ;-) Zum Abschluss vielleicht noch das:

Was erwartet dich mit der Diagnose? Nun, meiner Meinung nach eine Chance...

...zu lernen, wer Du eigentlich bist

...zu erkennen, was Dir im Leben gut tut

...zu erfahren, worin Deine Berufung leigt

...zu lernen, wie Du Dinge vermeiden oder ertragen kannst, die Dir nicht gut tun

...und zu guter Letzt: zu leben!

EIrdTbe]ermi|n1zxe


Danke für die Antwort.

Was ich mir erhoffe? Ich würde sagen – eine Nische. Ein Platz im Leben. Ich möchte nicht mein ganzes Leben lang dem Staat oder meinen Eltern auf der Tasche liegen müssen (habe ich trotz ständiger Arbeitslosigkeit, da ich inzwischen einige Jobs (Kassiererin, Verkäuferin, Bürokraft, etc.) hinter mir habe, nie getan, greife dann lieber auf Erspartes zurück), möchte nicht nutzlos herumsitzen und gar nichts tun, möchte nicht dazu gezwungen sein, von Job zu Job zu springen, weil ich es nicht lange aushalte. Meine Ausbildung und mein erster Job waren welche, die ich sehr gut gemeistert habe. Leider habe ich beide verloren, habe nicht selbst aufgehört. Bedauerlicherweise sind solche Stellen nach meiner Erfahrung inzwischen selten in meinem Berufsfeld.

Ich möchte einfach eine Chance bekommen...und ich hoffe, dass die Diagnose mir vielleicht eine Chance geben kann. Ich versuche jetzt schon seit Jahren verbissen einen festen Job zu finden und endlich zur Ruhe kommen zu können, aber die Ruhe währt immer nur sehr kurz.

Erdbeerminze

slportfxan


Bei deiner Fragestellung kann ich dir leider nicht helfen, aber auch ich habe selbst auch schon mal über Asperger nachgedacht. In manchen Symptomen würde ich mich wiederfinden, in manchen aber auch nicht. Auf jeden Fall vermute ich eine Prosopagnosie, wenn es auch nicht nur Gesichter betrifft bei mir. Aber ich bin dem nie nachgegangen.

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