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Hätte ich Anwalt werden sollen? – Zweifel am Berufsweg

bcr"uxma hat die Diskussion gestartet


Hallo Forum,

ich war mir mit dem Unterforum nicht sicher. Aber da es eher um ein Kopf-"Problem" geht, ist das hier vielleicht ganz gut aufgehoben.

Vor Kurzem habe ich meine Abschlussarbeit abgegeben. Bewertet wurde sie schon. Nun bin ich also ein Master of Irgendwas. Und ich frage mich, ob ich die letzten sechs Jahre eigentlich permanent in die falsche Richtung gelaufen bin.

Als Jugendliche hatte ich mal den Wunsch, Anwältin zu werden. Ich habe mir das immer wahnsinnig spannend vorgestellt. "Bist du verrückt? Das Studium ist ja nur Theorie und Auswendiglernen", sagten ein paar Menschen in meinem Umfeld. Mein Abischnitt war dann sowieso zu schlecht. Um 0,6 habe ich den NC verfehlt an der Uni verfehlt. Ich hätte mich vielleicht an einer anderen Uni bewerben können, irgendwo anders in Deutschland. Aber ich war damals in einer Beziehung mit einem Kerl, der nur auf einen superschlechten Realschulabschluss zurückgreifen konnte. Mit meiner Unterstützung bekam er die Chance auf nachträgliches Abitur an einer bestimmten Schule. Dafür war es (finanziell) notwenig, dass wir in dieser Region zusammenziehen. Und das bedeutete, dass mir "nur" noch zwei Hochschulen zur Auswahl standen. Ich wollte ihm das nicht versauen.

Später sagte ich mir dann "Es ist gut, dass ich etwas anderes studiert habe. Für eine Anwältin bin ich viel zu schüchtern und wortkarg." Ja. Ich hatte wahnsinnige Angst davor, vor Menschen zu sprechen und ich konnte mich mündlich auch nur schlecht ausdrücken. Damals.

Dass mein Studium nicht so wirklich das ist, was ich mal machen möchte, merkte ich während eines mehrmonatigen Praktikums. Aber da war ich schon im 5. Semester und Hinschmeißen kam mir irgendwie blöd vor, auch wenn ich immer wieder Lust drauf hatte. Das Studium hat mich interessiert, weil ich generell gern Neues lerne. Aber es hat mich auch genervt, weil es mich kaum gefordert hat.

Nach dem Bachelor wollte ich mir einen Job suchen. Nebenher schaute ich aber auch, ob ich nicht vielleicht noch einen zweiten Bachelor machen könnte. Irgendetwas, was mich mehr interessierte. Ich erinnere mich an den Tag, als mein Vater anrief. Ich saß in der Küche und er redete sicher eine gefühlte Ewigkeit auf mich ein. Ich solle den Master machen, denn ich hätte doch das Zeug dazu. Es wäre schade, wenn ich meine Chance auf einen höheren Bildungsabschluss vertue. Es würde mich später ärgern. Also machte ich den Master. Für Jura war mein Schnitt so ganz ohne Wartesemester sowieso immer noch zu schlecht. Außerdem studierte mein neuer Partner an meiner Bachelor-Hochschule und brauchte mich... Hm.

Schon im ersten Master-Semester dachte ich oft daran, abzubrechen. Die Hochschule mit dem ach so guten Ruf entpuppte sich als lustiges Schauspiel. Die Professoren redeten etwas von "Elite" und dass wir so gut ausgebildet wären. Wahrscheinlich um unsere Kompetenz zu unterstreichen, gaben sie uns immer nur gute Noten. bis auf ein paar Ausnahmen unter ihnen Eins muss ich zugeben: Ich habe dort viel Neues gelernt. Gleichzeitig fühlte ich aber stets, dass ich weit unter meinen Möglichkeiten bleibe und konnte die Notengebung nicht ernst nehmen. Was war die Alternative? Ich wäre mir wie ein Versager vorgekommen, wenn ich abgebrochen hätte. Wie sollte ich das meinen Eltern erklären?

Vor etwa zwei Jahren bat mich ein Bekannter um Hilfe. Er hatte ein Anwaltsschreiben erhalten und wollte selbst darauf antworten. "Selbst" im Sinne von ohne Anwalt. Er war sich keiner Schuld bewusst und sicher, deshalb keinen zu benötigen. Stattdessen sollte ich ihm helfen. Ich warnte ihn, ich wäre für sowas nicht ausgebildet. Er bestand darauf, dass ich seine Schreiben korrigiere, auch inhaltlich. Es klappte ziemlich gut. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nie Post eines "echten Anwalts" beantworten müssen uns war erstaunt über dessen schlechte Argumentation und den miserablen Schreibstil. Es machte mir trotzdem Spaß, mich mit ihm zu "duellieren".

Seit einem halben Jahr benötigt ein Familienmitglied in einem ähnlichen Fall rechtlichen Beistand. Dieser junge Mann hat einen Anwalt beauftragt und gleichzeitig mich gebeten, die Korrespondenz mit dem Anwalt zu übernehmen (da LRS). Auch diesmal bin ich halbwegs entsetzt über die Argumentation der Gegenseite, noch mehr aber über die Schreiben des "eigenen" Anwalts. Gleichzeitig wächst in mir mit jedem Brief der Wunsch, selbst der Jurist zu sein.

Nun frage ich mich, ob das dieses typische "Auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner"-Denken ist. Oder ob ich wirklich glücklicher wäre, wenn ich mich irgendwie und irgendwann doch noch in diese Richtung orientiere. In Wirklichkeit habe ich ja nicht wirklich Ahnung von diesem Beruf. Ich habe hier die Fäden zu verfolgt, in dem es um diese Studienrichtung ging und Absolventen über ihre Erfahrung berichteten. Das klingt alles toll. Aber sonst? Vielleicht müsste ich dann auch Briefe mit schlechten Argumenten in üblem Deutsch verfassen und wäre damit unglücklich. Vielleicht bin ich für den Beruf aus irgendwelchen Gründen gar nicht geeignet.

Im Moment bin ich auf Jobsuche. Ich lese die Stellenanzeigen und könnte heulen. Ich wusste ja, was mich in etwa erwartet. Ich habe interdisziplinär studiert und habe mehrere Möglichkeiten. Es sind einige Dinge dabei, bei denen ich denke "Ja, das könnte ich machen – vorübergehend". Mein Partner hat sein Studium inzwischen abgebrochen und sich auf ein neues beworben. Es ist am anderen Ende von Deutschland. Er fragte mich, ob ich mitkomme, denn ohne mich würde er nicht gehen. Na gut. Eine Fernbeziehung kommt nicht (mehr) in Frage. Das heißt, entweder ich finde eine Arbeit in der Umgebung oder wir müssen uns trennen.

Ich male mir gerade aus, wie das laufen könnte. Ich verdiene Geld und er studiert drei oder vier Jahre. Danach arbeitet er und ich studiere Rechtswissenschaften. Wann bin ich dann fertig? So mit 35? Jung genug?

Woran merkt man, dass der Beruf, den man macht bzw. gelernt hat, der richtige ist? Ist das wie mit dem Verlieben?

Mache ich mir etwas vor, ist das so eine Absolventendepression, die wieder vergeht, sobald ich im Berufsleben stehe? Oder werde ich dem anderen Job vielleicht doch immer nachweinen und mich bei jedem Anwaltsbrief, der mir in die Hände kommt, ärgern, dass das nicht mein Briefkopf ist?

Meine Gedanken schwirren ganz wirr umher. Ich würde mich freuen, wenn ihr mir helft, sie zu ordnen.

Antworten
k2aumik:azxe


Ich würde mich freuen, wenn ihr mir helft, sie zu ordnen.

Schwierig.

Aus eigener Erfahrung kann ich Dir sagen, dass Anwalt ein sehr schöner Beruf ist – allerdings hat der Job auch seine Schattenseiten, wie jeder andere Beruf auch. Dieses heroische "sich mit der Gegenseite duellieren" trifft es wirklich nur zu einem sehr kleinen Teil.

Ich male mir gerade aus, wie das laufen könnte. Ich verdiene Geld und er studiert drei oder vier Jahre. Danach arbeitet er und ich studiere Rechtswissenschaften. Wann bin ich dann fertig? So mit 35? Jung genug?

Kannst Du nicht früher mit dem Studium anfangen? Vier Jahre sind das Minimum bei Jura, danach kommen noch zwei Jahre Ref. Was ist mit der Familienplanung bei einem Einstieg ins Berufsleben erst mit Mitte/Ende 30?

b3rumxa


Hallo kamikaze,

danke für deine Antwort!

Aus eigener Erfahrung kann ich Dir sagen, dass Anwalt ein sehr schöner Beruf ist – allerdings hat der Job auch seine Schattenseiten, wie jeder andere Beruf auch. Dieses heroische "sich mit der Gegenseite duellieren" trifft es wirklich nur zu einem sehr kleinen Teil.

Magst du mir ein bisschen mehr dazu erzählen? Wie hast du gemerkt, dass das zu dir passt?

Kannst Du nicht früher mit dem Studium anfangen? Vier Jahre sind das Minimum bei Jura, danach kommen noch zwei Jahre Ref. Was ist mit der Familienplanung bei einem Einstieg ins Berufsleben erst mit Mitte/Ende 30?

Ich bin jetzt einfach mal davon ausgegangen, dass ich sowieso nicht gleich einen Studienplatz bekommen würde. Außerdem sollte ich ein bisschen Geld verdienen, um meine Bafög-Schulden zurückzuzahlen... :-/ Kinder möchte ich nicht.

Meine erste Idee war, das Studium neben der Arbeit zu beginnen und diese dann nach und nach aufzugeben... Ich habe von Leuten gelesen, die das wohl gemacht haben, allerdings nur Hören-Sagen-Informationen ("wir hatten auch jemanden im Studiengang, der nebenher berufstätig war") und weiß daher nicht, wie sinnvoll das wäre :-/

k}amikaxze


Wie hast du gemerkt, dass das zu dir passt?

Erst während der Praktika im Studium bzw. im Ref.

Eigentlich wollte ich Musik studieren, fand das dann aber zu brotlos und habe mich komplett ins Blaue hinein für Jura entschieden.

Bei mir gabs übrigens keinen NC, mein Abi ist äußerst mittelmäßig.

Magst du mir ein bisschen mehr dazu erzählen?

Naja, wenn Du nicht gerade in einer Großkanzlei landest (mit einer 60+ Stundenwoche) bist Du eben – wie ich – in einer Feld-Wald- und Wiesenkanzlei, hast z.T. umfangreiche Fälle mit kleinen Streitwerten, dazu kommen stressige Mandanten, die meinen, sie wüssten alles besser und so weiter. Gerichtstermine können nerven, vor allem wenn sie weiter weg sind und eine Unterbevollmächigung sich nicht lohnt, es gibt Mandanten, die Deine Kostennote nicht zahlen wollen/können bzw. es Dir ankreiden, wenn ein Rechtsstreit nicht so läuft, wie sie sich das vorgestellt haben. Das sind so die Schattenseiten.

m9uskaDtnuss


Woran merkt man, dass der Beruf, den man macht bzw. gelernt hat, der richtige ist? Ist das wie mit dem Verlieben?

Tja, das ist wirklich schwer zu beantworten, weil das jeder etwas anders sieht. Im Großen und Ganzen sollte ein Beruf einen schon interessieren, glücklich machen, erfüllen, fordern,...Man sollte ihn schon ganz gerne machen.

Aber ich war mit einem ähnlichen Thema mal in Psychotherapie. Ich war auch an dem Punkt, dass ich weder vor noch zurück wusste und ob der gewählte Beruf/Studium überhaupt das Richtige ist (kann man nicht mit dir vergleichen, Grundprobleme, Ursachen, etc. waren völlig verschieden). Aber ich habe gelernt, dass der Beruf nur ein kleiner Baustein im Leben ist. Ich habe mir überlegt, wie mein Leben aussehen soll. Wo ich lebe, wie ich lebe, um wieviel Uhr ich aus dem Haus gehe, was ich so ungefähr auf der Arbeit mache, ob ich verheiratet bin, ob ich Kinder habe,... etc...

Das Leben ausmalen und den Baustein "Arbeit" da mit hineinsetzen. Das Gesamtkonstrukt muss so ungefähr passen. Ob das ausgemalte Leben wirklich so eintritt wird sich dann zeigen, aber so hat man Ziele im Leben und die Arbeit ist ein Mittel um diese Ziele verwirklichen. Aber es gibt auch Menschen die sagen "der Beruf ist mein Leben". Für die ist das verwirklichen des Berufs das Lebensziel und die denken vollkommen anders.

Aber du bist vielleicht auch an einem Punkt, wo du dir über Lebensziele und Wege klarwerden musst. Du sagst sehr lapidar, dass wenn dein Freund woanders einen Studienplatz bekommt die Beziehung beendet ist (was ja in Ordnung ist). Klingt alles sehr nach umplanen und Neustrukturierung von deinem Leben.

Werd dir über Ziele klar und wie dein Leben aussehen soll. Dann weißt du auch was du beruflich machen willst. Generell bei Träume oder Wünsche finde ich, dass es das Schlimmste ist in irgendwelchen Traumwelten gefangen zu sein. Das man die ganze Zeit immer nur sagt und denkt "Das wollte ich ja schon immer"..."das war schon immer mein großer Traum"...Träume verwirklichen ist niemals der bequemste Weg, man sollte realistisch einschätzen ob man das kann und man muss die Konsequenzen kennen, aber es ist sehr viel gesünder als später irgendwelchen verpassten Chancen hinterher zu trauern. ;-)

*:) @:)

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