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Heimatlos - wer kennt das Gefühl

S~mwaragdaWugze hat die Diskussion gestartet


Hallo,

seit geraumer Zeit ist mir klargeworden, dass ich heimatlos bin, und mich würde interessieren, ob es hier Menschen gibt, denen es ähnlich ergeht bzw die dieses Gefühl kennen.

Die ersten 10 Jahre bin ich mit beiden Eltern aufgewachsen, nette Wohngegend, 2.000qm-Grundstück, Swimmingpool, großes Auto, freundliche Nachbarn mit Kindern, mit denen ich gerne zusammen gespielt habe. Dann kam, für mich aus heiterem Himmel, die Scheidung mit Rosenkrieg, und ich bin mit meiner Mutter weggezogen, in eine Gegend, wo sie aufgewachsen ist, am anderen Ende der Republik.

Das war ein Sturz ins kalte Wasser, schlechte Wohnverhältnisse, da damals akute Wohnungsknappheit herrschte, die Leute in dem Kuhdorf haben die alleinstehende Lehrerin mit Kind mißtrauisch beäugt, und das eine oder andere Kind (vom Dorfmetzger oder reichen Bauern) hat mir gesagt, seine Eltern hätten ihm verboten mit mir zu spielen, ohne dass ich wusste warum, so blieb es mir nur, mit "sozial benachteiligten" Kindern zu spielen. Diese Zeit dort war schlimm, vor allem in der Schule, in diesem Kaff war man einfach nur ausgegrenzt und würde nie dazu gehören. Allerdings hatten wir nette Nachbarn, und ich denke gerne zurück an die Zeit, wo man abends im Garten gesessen hat, bei Kaffee und Kuchen oder abends auch bei einer Bowle.

Nach weiteren 10 Jahren war ich dann soweit, dass ich meine Sachen gepackt habe und weggezogen bin. Das war in der Mitte der Republik, weltoffen, ich hatte dort Arbeit gefunden, hatte einen Freund, später nach der Trennung hatte ich einen Wochenend-Freund und eine nette Freundin. Wirklich heimisch habe ich mich dort aber nicht gefühlt. Die Nachbarn waren nett bis neutral, wirklich engeren Kontakt hatte ich aber nicht.

Als ich ein interessantes Jobangebot in einer großen Stadt ca. 500km entfernt bekam, hab ich angenommen. Zu dieser Zeit habe ich meinen Mann kennengelernt, und alles war gut, solange wir zusammen waren. Die Stadt war nett, aber sie blieb uns fremd, ich hatte eine nette Freundin. Unsere Familien wohnten ca. 500km entfernt, wir haben sie immer wieder mal besucht. Die Nachbarschaft war in der ersten Wohnung dort ziemlich boshaft, in der zweiten Wohnung neutral bis freundlich-distanziert. Irgendwann hatte ich die Stadt über, ich fühlte mich einzementiert, und wir sind nach Norddeutschland gezogen, in eine etwas ländlichere Gegend, die Landschaft gefällt mir sehr gut.

Das ist nun ein paar Jahre her, und ich muss sagen, ich werde nicht warm mit den Leuten, zum ersten Mal keine Freundschaften, unsere Familien noch immer weit weg, mein Schwiegervater ist mit den Jahren problematisch geworden, was ich sehr bedauere, aber wir gehen seitdem etwas auf Distanz. Die eine Hälfte der Nachbarn ist neutral, die andere Hälfte grüßt bewusst nicht, wobei wir nur mit einer Mietpartei eine Auseinandersetzung hatten und die anderen z.T. noch nicht mal kennen. In der Siedlung gibt es Grüppchen, aber die meisten machen nur ihr Ding für sich selbst.

Mir fällt rückblickend auf, dass ich immer weniger Wurzeln schlagen konnte, was früher in den ersten 10 Lebensjahren für mich normal war, etabliert zu sein, Freunde zu haben, nette Nachbarn, die einem Sympathie und Wohlwollen entgegengebracht haben... all das ist von Jahrzehnt zu Jahrzehnt weniger geworden, und ich weiß nicht, woran das liegt. Vielleicht an den Umzügen, vielleicht daran, dass man kein Party-Tier ist, vielleicht daran, dass die Familien in Gegenden wohnt, wo man selbst nicht wohnen möchte.

Kennt das jemand, dass man sich eigentlich Zeit seines Lebens heimatlos fühlt?

Antworten
bZeBl6ltagixa


Hallo Smaragdauge,

ja, ich kenne das Gefühl sehr gut.

Ich bin über 15 Mal umgezogen im Leben. Geweint habe ich nur beim ersten Mal im Alter von sechs Jahren.

Dann wieder nach zwei Jahren, dann nach einem halben Jahr, nach 3,5 Jahren, nach einem Jahr, nach 2 Jahren.

Dann war ich volljährig und zog von zu Hause aus.

Irgendwie war es dann schon so drin, dass ich nach jeder gescheiterten Beziehung und bei jedem Jobwechsel umzog. Meist brach ich alle Brücken hinter mir ab.

Zu Anfang steckte ich in jeden Neuanfang Hoffnung, irgendwann hörte auch das auf.

Geblieben sind eine Hand voll Freunde, über ganz Deutschland verteilt und eine verstreute Familie, die mir aber wichtig sind.

An meinem jetztigen Wohnort habe ich dann durch unseren Sohn etwas Fuß gefasst... und nun reden wir leider schon wieder von Umzug (nach nun immerhin 12 Jahren)

Ich will nicht, ich hoffe es wird nicht wahr, oder zumindest nicht zu weit.

Meinem Sohn wünsche ich die Wurzeln, die ich nie hatte.

Ich stelle es mir einfach schön vor, mit seinem zu Hause Kindheitserinnerungen zu verbinden und Leute schon eeewig zu kennen.

*:)

F:unkeDlstexin


Kennt das jemand, dass man sich eigentlich Zeit seines Lebens heimatlos fühlt?

Ja. Was du beschreibst, kenne ich sehr gut.

Als Kind bin ich ständig umgezogen. Kaum fühlte ich mich an einem Ort angekommen und nicht mehr ganz so fremd, mussten wir wieder woanders hin. Dieses Muster zieht sich bis in mein Erwachsenenleben, denn Hand in Hand mit der Sehnsucht nach einem Zuhause geht bei mir auch ein großer Freiheitsdrang. Wenn ich lange an einem Ort bin, wird es mir oft zu eng, zu nah, zu persönlich. Ich fühle mich schnell gefangen.

Im Studium nutzte ich deshalb jede Gelegenheit für Auslandsaufenthalte, Praktika und Reisen weit weg von der Stammuniversität und auch später im Job verbrachte ich phasenweise mehr Zeit in fremden Städten und Ländern als zu Hause.

Seit einigen Jahren ist das etwas besser geworden. Ich liebe meine Wahlheimatstadt. Ich habe hier meine Freunde, meine geheimen Lieblingseckchen und meine Stammkneipe, weiß, wo es den besten Kaffee und den schönsten Apfelbaum gibt. Ja, ich glaube, hier bin ich zu Hause.

Was mir wohl immer fehlen wird – dir vielleicht auch? – sind Wurzeln. Meine Eltern und ihre Eltern kamen aus gänzlich verschiedenen Ländern und Kulturkreisen, ich spreche fast ein Dutzend Sprachen, während ich meine Muttersprache nicht schreiben kann. Ich war immer ein Niemandskind. Manchmal wiegt das im Herzen sehr schwer, obwohl ich schon lange groß bin.

Was war, versuche ich zu akzeptieren und als Teil meines Lebens anzunehmen. Was ist und was kommt, versuche ich zu gestalten, wie es mir gut tut. Das soll heißen: wenn es dir da, wo du jetzt bist, nicht gut geht, ist es vielleicht nicht der Ort, der deine Heimat werden könnte.

Alles Liebe dir! @:)

Sxmarahgdauxge


Ich stelle es mir einfach schön vor, mit seinem zu Hause Kindheitserinnerungen zu verbinden und Leute schon eeewig zu kennen.

Ja, und ich glaube, dass Menschen, die in der Gegend, in die sie praktisch hineingeboren wurden, bleiben, eine Art "Bonus" haben für Einheimische haben. Das sind nicht nur die Buddelkastenfreunde, die z.T. ebenfalls in der Nähe bleiben sondern auch die Tanten und Onkels aus der Nachbarschaft sind, die man eben auch kennt und die einen kennen, die Metzer-Frau, die einem immer eine Wiener gratis geschenkt hat oder die Kindergartentante, die Lieblingslehrerin, der Hausarzt, der einen schon als Kleinkind betreut hat.... all das verankert einen Menschen doch irgendwie. Wenn man wegzieht, wenn man weit wegzieht, fällt das alles weg, und man bekommt nie wieder so einen Zugang zu Menschen wie dort, wo man aufgewachsen ist. Auch zu den örtlichen Gegebenheiten hat man nicht mehr so den Zugang wie zu dem Ort, wo man aufgewachsen ist, wo man jeden Stein, jeden Baum, jeden Schuppen kannte....

Das soll heißen: wenn es dir da, wo du jetzt bist, nicht gut geht, ist es vielleicht nicht der Ort, der deine Heimat werden könnte.

Irgendwie mache ich mir da auch meine Gedanken. Aber mit Anfang 40 kann man nicht eben mal einfach so weg, zumal ja auch zwei Jobs an solchen Entscheidungen hängen. Und nur auf Verdacht, dass es einem dort gefallen könnte, irgendwo hinziehen, das möchte ich nicht mehr, wenn ich ehrlich bin. Und dorthin, wo ich hineingeboren wurde.... dort wohnt mein Vater, zu dem ich keinen Kontakt mehr wünsche, das ist eine Gegend, wo die Leute Einfamilienhäuser und schöne Grundstücke haben - da würde ich nicht mehr reinpassen, so bitter wie das klingen mag. Ich glaube, viele wäre mir noch vertraut, das würde wehtun, aber viele Kontakte würde es dort nicht mehr geben, ich habe sozusagen über 30 Jahre dort verloren, das ist eine Lücke, die man nicht ungeschehen machen kann, da entwickelt man sich ganz anders.

Was mir eben so durch den Kopf geht ist, dass mit jedem Umzug immer weniger da ist, was bindet....

F;unkelssteixn


ich glaube, dass Menschen, die in der Gegend, in die sie praktisch hineingeboren wurden, bleiben, eine Art "Bonus" haben für Einheimische haben.

Im Einzelfall kann das durchaus so sein, ja.

Ich weiß aber von verschiedenen Menschen in meinem Umfeld, dass genau das auch als sehr beklemmend und negativ empfunden werden kann. Man wurde in eine Gemeinschaft hineingeboren und war niemals ein unbeschriebenes Blatt, hat mit seinem Namen und der Familie auch eine Rolle und einen Status geerbt, dem man gerecht wird (- werden muss) oder auch nicht. Bestimmt kann eine solche Gemeinschaft bereichernd sein und ein Gefühl von Geborgenheit und Heimat geben, aber ich kann mir genauso gut vorstellen, dass es für manche Menschen in diesem Rahmen schwierig ist sich frei zu entfalten, werden an jeden Teil einer Gemeinschaft doch auch verschiedene Erwartungen gerichtet. Was, wenn man diese nicht immer erfüllen kann oder will?

Natürlich hast du recht, all das von dir beschriebene kann einen Menschen verankern. Es kann aber auch einengen.

Wenn man wegzieht, wenn man weit wegzieht, fällt das alles weg, und man bekommt nie wieder so einen Zugang zu Menschen wie dort, wo man aufgewachsen ist. Auch zu den örtlichen Gegebenheiten hat man nicht mehr so den Zugang wie zu dem Ort, wo man aufgewachsen ist, wo man jeden Stein, jeden Baum, jeden Schuppen kannte....

Bestimmt ist der Ort, an dem man aufgewuchs, etwas ganz besonderes und ebenso die damit verbundenen Gefühle und Erinnerungen.

Ich kann das sicher nicht so nachfühlen, weil ich die längste Zeit meines Kindseins keinen solchen Ort hatte, aber ich glaube schon, dass man sich als Erwachsener mit der Zeit auch an neuen Orten heimisch fühlen kann. Sicher nicht auf gleiche Weise, wie am Ort der Kindheit, aber auf andere, neue Weise. Wenn man den Menschen und sich selbst Zeit gibt und es zulässt. Doch, ich glaube, dass es möglich ist.

Die Stadt in der ich heute wieder lebe, ist z.B. jene in die ich vor etwa 15 Jahren erstmals ganz alleine kam. Ohne Familie, ohne Freunde. Das war anfangs und ist manchmal noch heute aufregend und beängstigend, aber für mich zugleich ein sehr wichtiger Schritt. Ich weiß noch, wie fremd mir in den ersten Wochen und Monaten alles war und wie lange es gedauert hat, bis ich mich hier ansatzweise zu Hause fühlte. Die Menschen, die Sprache, die Straßen. Alles war mir so fremd. Und heute? Heute ist mir alles so verbunden und vertraut.

Aber mit Anfang 40 kann man nicht eben mal einfach so weg

Warum nicht?

Ich kenne eure Lebensumstände nicht und weiß natürlich, dass es welche gibt, die Neuanfänge erschweren oder tatsächlich unmöglich machen, aber grundsätzlich finde ich: es ist nie zu spät, umzukehren oder noch einmal irgendwo abzubiegen. Anfang 40? Ich bitte dich, du hast ein halbes Leben vor dir und es liegt an dir, daraus zu machen, was du dir für dich wünscht.

Wer weiß, vielleicht verdient es dein aktueller Wohnort doch, ihm eine Chance zu geben und du fühlst dich hier mit der Zeit immer ein wenig mehr heimisch. Wenn nicht: weg hier. Dein Leben ist viel zu wertvoll, um es an einem Ort zu verbringen, an dem man sich nicht wohl fühlt. Ernsthaft.

Sbm<ara'gdaugxe


Ich weiß aber von verschiedenen Menschen in meinem Umfeld, dass genau das auch als sehr beklemmend und negativ empfunden werden kann. Man wurde in eine Gemeinschaft hineingeboren und war niemals ein unbeschriebenes Blatt, hat mit seinem Namen und der Familie auch eine Rolle und einen Status geerbt, dem man gerecht wird (- werden muss) oder auch nicht. Bestimmt kann eine solche Gemeinschaft bereichernd sein und ein Gefühl von Geborgenheit und Heimat geben, aber ich kann mir genauso gut vorstellen, dass es für manche Menschen in diesem Rahmen schwierig ist sich frei zu entfalten, werden an jeden Teil einer Gemeinschaft doch auch verschiedene Erwartungen gerichtet. Was, wenn man diese nicht immer erfüllen kann oder will?

Ja, das stimmt natürlich. Kann sein, dass ich das auch etwas idealisiere, das Gute und Schöne daran sehe, aber sicherlich kann es auch Kehrseiten geben. Ich meinte auch nicht, dass man in dem Ort selbst wohnen soll, wo man aufgewachsen ist, das stelle ich mir eher langweilig vor, man kriegt da vielleicht einen Kochtopfhorizont. Vielleicht eher nur die Gegend, so dass Familie (wenn ein guter Draht vorhanden ist) und auch Freunde in erreichbarer Nähe sind, 50km sind ja nichts heutzutage.

Ich kann das sicher nicht so nachfühlen, weil ich die längste Zeit meines Kindseins keinen solchen Ort hatte, aber ich glaube schon, dass man sich als Erwachsener mit der Zeit auch an neuen Orten heimisch fühlen kann. Sicher nicht auf gleiche Weise, wie am Ort der Kindheit, aber auf andere, neue Weise. Wenn man den Menschen und sich selbst Zeit gibt und es zulässt. Doch, ich glaube, dass es möglich ist.

Das ist halt die Frage, die ich mir stelle: Kann man auch als Erwachsener im mittleren Alter noch Heimat finden? Auch, wenn man seine Heimat quasi verloren hat? Es war für mich schon eine Art "Vertreibung aus dem Paradies", als wir gingen. Nur dass mir das damals als Kind überhaupt nicht bewusst war, was ich da gerade verloren hatte. Damals wollte ich nur weg, egal wohin, nur weg von dem Ort des Rosenkriegs, der wirklich furchtbar war. Jetzt, über 30 Jahre später, wird mir zunehmend klar, dass mir etwas ganz Wesentliches fehlt.

Ich kenne eure Lebensumstände nicht und weiß natürlich, dass es welche gibt, die Neuanfänge erschweren oder tatsächlich unmöglich machen, aber grundsätzlich finde ich: es ist nie zu spät, umzukehren oder noch einmal irgendwo abzubiegen. Anfang 40? Ich bitte dich, du hast ein halbes Leben vor dir und es liegt an dir, daraus zu machen, was du dir für dich wünscht.

Es ist nicht ganz einfach, wobei es sicherlich nicht unmöglich ist. Nur: Ich wüsste nicht wohin. Einfach auf blauen Dunst hin - nein. Aber ansonsten gefällt es mir hier immer weniger. Das Klima (viel Regen, wenig Sonnentage) macht mich fertig, und die Wohnung gefällt mir auch nicht, zu klein (wir haben uns, als wir hergezogen sind, um ein halbes Zimmer verkleinert), durch das feuchte Klima begünstigt müssen wir enorm auf Schimmel achten, viel gegenheizen, Tapezieren traue ich mich gar nicht, also haben wir weiße Wände, was ich gar nicht mag. Dazu eben noch seit Jahren hoffnungslose Versuche, hier Anschluß zu finden, aber die Mentalität im Norden ist eben etwas speziell. Habe sowohl Klima als auch Mentalität unterschätzt.

Aber ich habe mich gefragt, ob das Klima und die Wohnung wirklich das Problem sind - ich glaube, ich würde das alles besser verkraften, wenn man Familie und Freunde hier hätte, und das ist eben nicht der Fall. Heimat ist eben nicht nur ein Ort, es hat auch etwas mit dem sozialen Umfeld zu tun. Aber 35 Jahre ohne Heimat - vielleicht verlernt man das auch :-/

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