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Ständiges Lügen/Erfinden von Geschichten - was ist das?

S"taJlf7yxr hat die Diskussion gestartet


Ich gebe mir heute mal die seltene Ehre einen Faden zu eröffnen. ;-)

Ich hoffe das Forum ist richtig, aber ich denke schon.

Es geht um einen guten Freund von mir, den ich nun schon einige Jahre kenne.

Dieser gute Freund hat eine mitunter anstrengende Angewohnheit: er erzählt Lügen bzw. erfindet Geschichten. Das fängt bei ganz alltäglichen Dingen an und endet bei Storys, die Hollywood nicht besser hingekriegt hätte.

Dass es sich um Lügen handelt weiß ich bzw. wissen wir (Freundeskreis), weil:

1. die Geschichten so haarsträubend sind, dass kein Mensch sowas quasi mehrmals wöchentlich erlebt

2. dieser Mensch vom Charakter her ein völlig anderer ist als in seinen Geschichten (dort stellt er sich eher dar wie er gerne wäre)

3. die Geschichten inhaltlich stark widersprüchlich sind (er diese Widersprüche aber nicht auflösen kann)

4. er mitunter ein- und dieselbe Geschichte zwei Leuten erzählt, wobei eine Version aber plötzlich in einem wesentlichen Punkt abweicht (er erzählt sie dann aber sogar im Beisein der Person, der er die Geschichte zunächst anders erzählt hat, scheint dafür also gar kein Bewusstsein zu haben)

5. er häufig von Dingen berichtet, die wir besser wissen

(klassisches Beispiel: Er erzählt mir "Ich habe mich bei XYZ für Stelle beworben und habe dort in einer Woche ein Vorstellungsgespräch", obwohl ich, da im selben Bereich arbeitend, genau weiß, dass Einstellungsverfahren dort ganz anders ablaufen. Damit konfrontiert weicht er dann aus mit "Keine Ahnung, muss wohl was schief gelaufen sein" o.ä.).

Am Anfang, als man sich kennenlernte, kamen solche Sachen sporadisch vor. Mittlerweile kann man ihn nicht ein einziges Mal treffen ohne dass es solche Geschichten hagelt.

Inhaltlich sind vor allem zwei Bereiche betroffen: ein Bereich behandelt meistens berufliche/wirtschaftliche Erfolge ("da und da neue bessere Stelle", "habe jetzt einen Studienplatz", "habe mir eine Eigentumswohnung gekauft"), der andere zielt auf Erfolg bei Frauen und One Night Stands ab. In diesen Geschichten ist er dann oft der tragikomische Antiheld, der nach einer durchzechten Nacht (dieser Mensch ist NIE besoffen) neben einer hässlichen Frau aufwacht, die ihn Schatz nennt und heiraten will, wahlweise wird er auch mal vom nach Hause kommenden Ehemann überrascht und und und. Also typische Hollywood-Comedy-Szenen.

Er lügt dabei wie gesagt nicht durchdacht-intelligent, sondern eher spontan-diffus, wie aus einem Drang heraus, ohne zu beachten, dass das Gesagte gar keinen Sinn ergibt (so kann es z.B. auch vorkommen, dass er um 19 Uhr erzählt, er habe heute Mittag schon was mit einer Frau in Stadt ABC gehabt, während er zwei Stunden später berichtet, dass er beruflich den ganzen Tag in Stadt XYZ beschäftigt war o.ä.).

Darauf habe ich ihn natürlich schon mehrfach angesprochen. Seine Reaktion sind pendelhaft. Mal gibt er offen zu, dass jetzt mal Schluss sein muss mit den Geschichten.

Meist kommt dann aber keine Woche später die nächste Geschichte dieser Art, dann mit dem Zusatz "Das stimmt jetzt aber wirklich" versehen. %-|

Das hat bei ihm Ausmaße angenommen, die über normale Prahlerei weit hinausgehen.

Anfangs habe ich das abgewunken, irgendwann hatte ich aber keinen Bock mehr, so zu tun als würde ich ihm glauben (damit bezieht er mich ja letztendlich in seine Lügenwelt mit ein, weil ich ihm vorspiele, das ernst zu nehmen).

Auf der anderen Seite missfällt mir die Rolle, ihm ständig sagen zu müssen, dass er jetzt gerade wieder Scheiße erzählt. Sagt man ihm deutlich, dass er mit den Märchen aufhören soll bessert es sich meist einige Tage, dann geht es wieder los ("dieses Mal stimmts aber wirklich").

Was ist das für ein Symptom? Kennt ihr sowas? Was kann man tun, damit das endlich mal aufhört (kann man das als Laie überhaupt oder ist da schon ein Profi gefragt)?

Antworten
F"ia%llxe


Ich glaube, es könnte eine Störung sein, die wahlweise Mythomanie oder Pseudologie heißt. "Mythomanie (auch Lügensucht, Pseudologia phantastica) ist die systematische Tendenz eines Menschen zu lügen und zu fabulieren, ohne dass es ihm tatsächlich bewusst wird. Die Mythomanie gilt als Zeichen für kognitive und psychoaffektive Unreife. Den Betroffenen fällt es mesit schwer, reale Erlebnisse von imaginären Vorstellungen zu unterscheiden. (...) Bei Kindern und Jugendlichen sind solche Phasen durchaus normal und vergehen nach einiger Zeit. Bei Erwachsenen spricht die Mythomanie für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, für einen mangelndes Selbstwertgefühl oder für blühende Phantasie und Geltungsdrang." (aus einem Online-Lexikon)

Was Du machen kannst... tja... ich denke, Du solltest ihn immer wieder darauf hinweisen, dass er lügt. Wenn es ihm jedesmal peinlich ist, überführt worden zu sein, entsteht ein Leidensdruck – und dann beginnt er hoffentlich zu handeln, also entweder das Problem selbst in den Griff zu bekommen oder sich in Therapie zu begeben. Wenn Du so tust, als würdest Du ihm glauben, bestärkst Du ihn nur in dem Verlangen, solche Geschichten zu erzählen.

Sptal)fxyr


Danke für deinen Beitrag, diese Störungen waren mir als solches nicht bekannt. Das werde ich gleich mal nachlesen. *:)

L*ewiaxn


Stalfyr

Gerade gesehen:

[[http://de.wikipedia.org/wiki/Don_Juan_DeMarco]]

In diesem Film kommt ein junger Mann in die Psychiatrie wegen eines Selbstmordversuches und Wahnvorstellungen (er sei Don Juan de Marco, der groesste Liebhaber der Welt).

Der Film handelt von der Frage, inwiefern das Leben in einer Scheinwelt diesen Menschen nicht gluecklicher macht und ihm der Umstand, sich gewisse Faehigkeiten und eine Geschichte dazu einzureden, nicht auch dabei hilft, diese Faehigkeiten tatsaechlich zu haben. Der Psychiater laesst sich jedenfalls letztlich vom jungen Mann und seiner "Realitaet" anstecken, ohne dabei seine eigenen Realitaet zu verlieren.

Unklar bleibt, inwiefern der jungen Mann seine eigenen Geschichten wirklich glaubt; oder inwiefern er sie auch z.T. bewusst "benutzt".

Ich will jetzt nicht behaupten, dass dein Freund ein solcher Fall ist und dass du dich darauf einlassen sollst; du bist ja nicht sein Psychiater und was dir selber gut tut, musst du selber entscheiden. Aber jedenfalls, du bist nicht aus irgendwelchen Gruenden verpflichtet, ihm seine Illusionen/Geschichten zu nehmen, ausser dem, dass sie dir vielleicht auf den Keks gehen.

Warum musst du ueberhaupt ihm gegenueber sie entweder glauben oder nicht glauben, und ihm das kommunizieren? Gibt es nicht die Moeglichkeit, sie als Geschichten zu nehmen, die wenigstens fuer dich keinen Anspruch auf Wirklichkeit haben?

Sut.al%fyxr


Aber jedenfalls, du bist nicht aus irgendwelchen Gruenden verpflichtet, ihm seine Illusionen/Geschichten zu nehmen, ausser dem, dass sie dir vielleicht auf den Keks gehen.

Das ist schon richtig. Genau das ist es auch, dass es mir ziemlich auf den Keks geht, weil ich mir sage, dass er das doch nicht nötig hat, schon gar nicht im engeren Freundeskreis, wo man sowieso ganz schnell weiß und merkt, ob das nun stimmt oder nicht. Er hat auch (materiell gesehen schon etwas erreicht im Leben (Ausbildung, Job, Auto...), ist gar kein "Versager" der außer seinen Geschichten nichts hat o.ä. .

Er sieht sich aber, beruflich wie privat, noch nicht am Ziel, während einige Leute im Freundes- und Bekanntenkreis das aber schon in Teilen oder auch komplett erreicht haben (fester Job (ohne Weiterbildungs- oder Umschulungsabsichten), eigene Wohnung, Partnerin, alternativ Erfolge beim Aufreißen etc.).

Und irgendwie sehe ich es als meine freundschaftliche Pflicht, ihm da aufzuzeigen, dass sein Gelüge (mit dem er sich auch viele Möglichkeiten in zwischenmenschlicher Hinsicht verbaut) kontraproduktiv ist, anstatt diesen abstrusen Unfug mitzuspielen und ihn noch zu ermutigen, damit weiterzumachen. :-/

Warum musst du ueberhaupt ihm gegenueber sie entweder glauben oder nicht glauben, und ihm das kommunizieren? Gibt es nicht die Moeglichkeit, sie als Geschichten zu nehmen, die wenigstens fuer dich keinen Anspruch auf Wirklichkeit haben?

Hmm, gute Frage. ":/ Die Geschichten sind ja oft nicht irgendwas Entrücktes, dass man von Wunschträumereien oder ähnlichem ausgehen kann oder die er irgendwie irgendwo schildert, sodass ich es ignorieren könnte, sondern direkt (an den Empfänger, z.B. mich) geschilderte "Tatsachen", auf die man in einem Gespräch normalerweise auch reagiert (und die er, so merkt man, ja auch erzählt, weil er eine Reaktion beabsichtigt). Da ich auf Erzählen seinerseits ja nicht nicht antworte, muss ich auf irgendeine Art und Weise reagieren.

Interessant....den Film kenne ich gar nicht. Liest sich sehenswert.

FZial]lxe


Ich würde jeweils mit einem Augenzwinkern sagen: Bist du sicher, dass das stimmt? Oder, wenn es mal stärker nervt, auch sagen: Du, diese Geschichte stimmt nicht, warum erzählst du immer wieder so etwas?

LBew!iaxn


Stalfyr

Und irgendwie sehe ich es als meine freundschaftliche Pflicht, ihm da aufzuzeigen, dass sein Gelüge (mit dem er sich auch viele Möglichkeiten in zwischenmenschlicher Hinsicht verbaut) kontraproduktiv ist, anstatt diesen abstrusen Unfug mitzuspielen und ihn noch zu ermutigen, damit weiterzumachen.

Also du glaubst, besser zu wissen, was gut fuer ihn ist als er selber?

Von "ermutigen" hat ja keiner geredet. Ich kann das schon nachvollziehen, dass du das deinetwillen und seinetwillen nicht einfach geschehen lassen willst. Bloss: Es ist ja jetzt schon so, dass du es bereits ausfuehrlich versucht hast, und das nicht geholfen hat. Und jetzt? Mehr desselben?

S(talfxyr


Also du glaubst, besser zu wissen, was gut fuer ihn ist als er selber?

Mag schon sein. Man sieht/merkt schon recht deutlich dass es ihn so irgendwie auch nicht zufriedenstellt. Es ist nur als könnte er eben nicht anders.

Es ist ja jetzt schon so, dass du es bereits ausfuehrlich versucht hast, und das nicht geholfen hat. Und jetzt? Mehr desselben?

Ich habe es versucht, aber nicht unbedingt ausführlich (also es gab zwei, drei Gesprächssituationen dazu, aber in der überwiegenden Anzahl der Fälle habe ich auch abgewunken, weil mir ab und zu auch die Motivation fehlte, rumzudiskutieren. Aber dieses Vortäuschen, man würde es glauben, ist eben auch nicht zufriedenstellend. Damit werde ich selber unehrlich durch und für seine Uneherlichkeit. Deshalb wäre so die Frage: nützt es was wenn ich es tatsächlich noch öfter erkennen lasse? Ihm bei jeder dieser Storys sage:

Du, diese Geschichte stimmt nicht, warum erzählst du immer wieder so etwas?

(so in etwa hab ich es bisher auch geäußert, ich denke das ist eine recht sachliche und nicht zu nahe tretende Form :)z )

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