@Trento

G ras-Hxalm


Guter Text (ohne Spoiler!!)

Multiple Persönlichkeiten haben als Kind oft extreme körperliche,

sexuelle oder seelische Gewalt erlitten

Von Claudia Ruby und Uschi Baaken

Eifrig beugen sich die Schüler der Klasse 3a über ihre Hefte. Sie

sollen einen Aufsatz über den Klassenausflug schreiben. Wie alle

füllt die neunjährige Luca Seite um Seite. Und doch ist bei ihr

vieles anders als bei den anderen Kindern. Ihre Handschrift wechselt

von Absatz zu Absatz: Mal schmiert sie die Buchstaben schnell dahin,

dann wieder sieht der Schriftzug aus wie gemalt. Das ist ein Hinweis.

Doch er bleibt übersehen, wie so viele andere Zeichen.

Je älter Luca wird, um so deutlicher werden die Signale. Immer wieder

fängt sie scheinbar grundlos an zu weinen. Und sie beginnt, sich

selbst zu verletzen. Auf dem Schulhof findet Luca eine Glassscherbe,

mit der sie sich während des Unterrichts die Unterarme

aufschneidet. "Wasch das ab", sagt der Lehrer und schickt Luca zur

Toilette. Sonst passiert nichts. "Es wollte niemand sehen, was mit

mir los ist", sagt Luca heute, viele Jahre später. Ihre Lehrer

verschlossen die Augen vor einer Tatsache, die offensichtlich wurde:

Luca ist multipel. In ihrem Körper leben mehrere Persönlichkeiten,

jede mit ihrem eigenen Alter und Geschlecht, mit unterschiedlichen

Erinnerungen und Erfahrungen.

"Multiple Persönlichkeiten - da denkt man an Dr. Jekyll und Mr. Hyde,

an Menschen, die sich in Monster verwandeln", sagt die Psychologin

Michaela Huber. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Die meisten

Multiplen sind Frauen, die als Kind extreme körperliche, sexuelle und

seelische Gewalt erlitten haben. Die kindlichen Seelen halten das

nicht aus. Sie zersplittern.

Genau das ist Luca passiert. Seit frühester Kindheit wurde sie schwer

sexuelle missbraucht, auch von ihren Eltern. Es gab keine Hilfe. Das

kleine Mädchen konnte nur nach innnen flüchten.

Die Flucht nach innen

Wenn die Schmerzen unerträglich wurden, ist Luca verschwunden. Die

Gewalt erlebte nicht sie; es traf andere: Silvia, Vera oder Jan. Nur

so konnte Luca weiterleben. Wenn sie morgens mit ihren Eltern am

Frühstückstisch saß, erinnerte sie sich an nichts. Mit den Jahren

wurde Lucas Leben chaotischer. "Oft konnten wir uns an Stunden,

manchmal an Tage aus unserem Leben nicht erinnern, " erzählt Luca,

die von sich selbst im Plural spricht.

Amnesien sind typisch für Menschen mit multipler

Persönlichkeitsstörung, kurz MPS. Die verschiedenen Identitäten

kontrollieren abwechselnd Denken, Handeln und Fühlen. "Multiple

Menschen sind bis in ihre körperlichen Funktionen gespalten", sagt

Arne Hoffmann, Leiter der Ambulanz für Gewalt- und Unfallopfer an der

Universitätsklinik Köln. Das führt immer wieder zu Problemen - etwa

wenn die Patienten eine normale medizinische Behandlung

brauchen. "Die verschiedenen Identitäten reagieren unterschiedlich

auf Medikamente", sagt Hoffmann. "EEG-Werte und Hormonspiegel können

sich unterscheiden." Oft würden die Patienten daher mit einem Stapel

verwirrender Befunde von Arzt zu Arzt geschickt. "Multiple

Menschennsind häufig nicht in der Lage, aufwendige wissenschaftliche

Experimente über sich ergehen zu lassen", erklärt Ursula Gast, Ärztin

für Psychotherapeutische Medizin an der Medizinischen Hochschule

Hannover. Sie fordert eine bessere Versorgung der multiplen

Patienten - sowie eine bessere Ausbildung der Ärzte und Therapeuten.

Ausgeblendete Erinnerungen

Eine größere Untersuchung läuft derzeit in den Niederlanden. An der

Universitätsklinik Amsterdam erforscht Ellert R. S. Nijenhuis, wie

das Gedächtnis von multiplen Menschen funktioniert. Er konnte zeigen:

einige der Innenpersonen von multiplen Patienten erinnern sich nicht

an die erlebte Gewalt. Nijenhuis konfrontiert sie für seine Studien

mit traumatischen Erlebnissen. Er unterscheidet dabei zwei

grundsätzlich verschiedene Persönlichkeitszustände: Den einen nennt

er "emotional", den anderen "scheinbar normal". Das erstaunliche

Ergebnis: Im "scheinbar normalen Zustand" reagieren die Patienten

nicht auf die traumatische Erzählung. Herzfrequenz und Blutdruck

bleiben unverändert. Ganz ander im "emotionalen Zustand": Der

Blutdruck beginnt zu rasen. "Eine typische Reaktion für

traumatisierte Menschen", sagt Nijenhuis. Dass die selben Patienten

im "scheinbar normalen Persönlichkeitszustand" nicht auf die

traumatischen Erinnerungen reagieren, erklärt sich Nijenhuis

so: "Dieser Persönlichkeitsanteil hat das Traume nicht miterlebt."

Solche Studien sind nur mit Menschen möglich, die relativ stabil sind

und kontrolliert zwischen ihren verschiedenen Identitäten hin- und

herwechseln können. In Deutschland steht die Forschung noch am

Anfang. Einige Mediziner bezweifeln gar, dass es MPS gibt. Für sie

handelt es sich um eine Modekrankheit aus Amerika.

"Dabei sprechen wir von einem traditionellen psychiatrischen

Krankheitsbild", sagt Ursula Gast. Schon im vergangenen Jahrhundert

wurde das Phänomen ausführlich diskutiert. Seit Mitte des 20.

Jahrhunderts beherrschten dann Sigmund Freud und seine Theorien die

Debatte. "Das Wissen über Dissoziation geriet in den Hintergrund",

sagt Gast. Erst in den vergangenen Jahrzehnten änderte sich das: Nach

dem Vietnamkrieg beschäftigte sich die westliche Welt mit

Kriegstraumatisierungen. Auch die Frauenbewegung leistete einen

Beitrag, indem sie die Gewalt in der Familie zum Thema machte.

"Wir wissen heute, daß MPS gar nicht so selten ist", berichtet Gast.

In einem Forschungsprojekt der Medizinischen Hochschule Hannover hat

sie festgestellt: Ein bis drei Prozent aller Patienten in der

Psychiatrie leiden an einer dissoziativen Identitätsstörung;

innerhalb von zwei Jahren waren das 27 Frauen und drei Männer. Ein

Zahlenverhältnis wie aus dem Lehrbuch: Nein von zehn multiplen

Menschen sind Frauen. "Mädchen werden häufiger Opfer von Gewalt", so

erklärt das Ursula Gast.

Derzeit werden in Deutschland Leitlinien für die Behandlung von

dissoziativen Patienten erarbeitet. Dass das erst jetzt passiert,

liegt für Ellert Nijenhuis auch an den Ursachen der multiplen

Persönlichkeitsstörung. "MPS ist ein Tabu", sagt Nijenhuis, "denn wir

wollen nicht glauben, dass die Gewalt, von der multiple Menschen

berichten, tatsächlich passiert - und zwar nicht irgendwo weit weg,

sondern mitten unter uns."

Diese Erfahrung musste auch Luca machen. Erst als die Spuren der

Gewalt überhaupt nicht mehr zu übersehen waren, schaltet eine

Lehrerin das Jugendamt ein. Die Behörden reagieren und starten ein

Verfahren. Am Ende wird den Eltern das Sorgerecht entzogen und Lucas

Vater wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt. Verurteilt wird er

nicht, denn Luca bricht im Gerichtssaal zusammen. Im Beisein ihrer

Eltern kann sie nicht aussagen. Das Verfahren wird eingestellt. Die

folgenden Jahre verbringt Luca in Heimen, Kliniken, Psychiatrien und

Zufluchtsstätten.

Nach vier Jahren stellt eine Psychiaterin endlich die richtige

Diagnose: multiple Persönlichkeitsstörung. Den Begriff kennt Luca

nicht, doch das in ihrem Körper zahlreiche Personen leben, hat sie

längst begriffen. "Dass wir viele sind, war nicht das Problem", sagt

sie. "Damit leben wir, seit wir denken können. Trotzdem ist unser

ganzes Leben zusammengebrochen." Viele Innenpersonen haben das

Gefühl, dass sie nur ein Produkt der Gewalt sind. "Das kann doch

nicht der Existenz-Grund sein", sagen sie - Luca versucht, sich

umzubringen.

Sie wird gerettet, kommt schließlich in ein Mädchenhaus. Dort beginnt

sie eine Therapie. Die Erfolgsschancen sind bei multiplen Menschen

sehr gut - vorausgesetzt, sie finden einen Therapeuten, der sich auf

den langen und schweren Weg einlässt- "Zunächst geht es nur darum,

die Patienten zu stabilisieren", erklärt Anne Jürgens, die seit

Jahren mit traumatisierten Menschen arbeitet. Die verschiedenen

Identitäten blockieren sich oft gegenseitig.

Auch in Lucas Therapie geht es dabei manchmal um ganz banale Dinge.

Jan beispielsweise, ein innerer Junge, hasst alles, was typisch

weiblich ist. "Wenn die einen Rock anziehen, komme ich doch nicht

raus", sagt Jan. Am liebsten hätte er einen eigenen Körper. Aber weil

das nicht geht, müssen die Innenpersonen lernen, Kompromisse zu

schließen. In der Therapie trägt Luca neutrale Kleidung, denn dort

sollen alle Innenpersonen mitarbeiten.

Nach vier Jahren hat sie ihr Leben besser im Griff. Nur noch selten

wechseln ihre Identitäten unkontrolliert hin und her. Vor einiger

Zeit hat sie mit einer Freundin die Selbsthilfezeitung für multiple

Menschen Diss-Tanz gegründet. Luca ist stolz, dass sie mehr als 150

Abonentinnen und Abonennten gewonnen haben. Es geht aufwärts, und

Luca macht Pläne.

Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Noch immer können harmlose

Dinge schreckliche Erinnerungen auslösen. Bestimmte Gerüche oder

Worte, und Luca versinkt in einem Gefühlsstrudel. Und es gibt Krisen.

Innenperson Marlene etwa ist zwölf Jahre alt und möchte am liebsten

zurück zu den Eltern. Sie hat früher nur die schönen Seiten erlebt.

G2rasB-HaDlm


Dem Täter treu ergeben

"In den meisten multiplen Menschen gibt es sogenannte täterloyale

Innenpersonen", sagt Anne Jürgens: "Nur wenn wir sie gewinnen, kann

die Therapie Erfolg haben." Erst wenn die Patientin im Alltag stabil

ist, beginnt die Traumaarbeit. Bei einem traumatischen Ereignis wird

das Gehirn überflutet. Die Reize können nicht mehr verarbeitet

werden. "Sie bleiben wie abgekapselt im Gehirn gespeichtert", erklärt

Ursula Gast. Durch kleine Auslöser können sie jederzeit abgerufen

werden. Die Patientin erlebt dann einen Flashback. "Der Film läuft

immer wieder ab."

Eine Erfahrung, die auch Unfallopfer kennen. Multiple Menschen haben

aber nicht nur ein schreckliches Ereignis erlebt. Sie wurden oft über

Jahre immer wieder traumatisiert. Und all das ist ihnen in frühester

Kindheit passiert. "Die Schäden gehen deshalb besonders tief", sagt

Gast.

In der Therapie geht es darum, die traumatische Erinnerung zu

verarbeiten, sie in das Gedächtnis zu integrieren. Die Patientin muss

sich noch einmal den Bildern und Gefühlen von damals aussetzen.

Dieses Mal allerdings in einem kontrollierten Rahmen und mit der

Gewissheit: Es ist vorbei.

Bei der Traumatherapie vereinen sich oft spontan Innenpersonen. Für

die meisten Therapeuten ist die vollständige Integration der

Persönlichkeit das Zeil der Therapie. Viele Betroffene jedoch

empfinden den Prozess als quälend: Plötzlich können sie unangenehme

Gefühle nicht mehr abspalten. "Die Haut ist auf einmal viel dünner",

beschreibt das eine multiple Patientin. Auch Luca kann sich nicht

vorstellen, daß sie irgendwann nur noch eine ist. Ihr Ziel sieht

anders aus: "Die ganze Gewalt haben wir gemeinsam überstanden - jetzt

möchten wir auch alle zusammen schöne Zeiten erleben."

Glras-VHalxm


Text aus nem Forum...krass. :-o

ok, der vorfall gestern hat mal wieder anlass dazu gegeben, dass ich es manchmal bis aufs tiefste verfluche, multipel zu sein.

gestern bin ich nämlich ganz normal schlafen gegangen, nix schlimmes oder so, alles ok. und dann wach ich davon auf, dass mir mein freund seinen ellenbogen in die seite gestossen hat [kommt ja vor (;], wollt mich umdrehen und ich denk mir nur 'warum ist mein kopf so leicht?'... tja... an den kopf gepackt und... meine haare sind ab!!!

ich hatte gut einen meter lange haare und jetzt sind sie nur noch kinnlang!!! ))): wer auch immer das war wird einen heiden ärger mit mir bekommen.

zum glück hab ich keine glatze oder die haare sind voll verhaun, sie sind einigermassen gleichmässig und immernoch kinnlang... wenigstens das...

aber sowas sind gründe, warum ich es manchmal hasse, multipel zu sein...

NxacshtwYesexn


Ach du scheisse ... solche Geschichten kenn ich sonst nur von Leuten, die sich ein paar Pillen zuviel gegeben haben :-

Gxra>s-~Hxalm


tja. leider ist hier alles wahr...

N,achtwLesexn


Hm, das soll nicht respektlos klingen oder so ... ich merk in letzter Zeit zu oft, dass ich manchmal so in der Art wirke ...

N5achtwecsen


ist wohl eine Strategie, mit den Emotionen fertig zu werden ... :-

Gdras-\Halxm


ist wohl eine Strategie, mit den Emotionen fertig zu werden ...

Es ist eine Strategie, zu überleben...

NTaIc$htwQesexn


... und die Erlebnisse auf Drogen sind genauso real wie die Welt hier, in der wir am Computer sitzen ... das hab ich kürzlich erfahren dürfen :-/ soll keine Entschuldigung oder sowas sein ...

NBacFhtw>esen


nur, dass eine Droge nach ein paar Stunden vorbei ist und eine MPS nicht ...

G|ras-/Hxalm


ja, nur dass die Leute, die multipel sind, dies nicht durch Drogen o.ä. sind.

[[http://www.beepworld.de/members46/littlesoul/mps.htm]]

N5achtwjesexn


In Deutschland gibt es schätzungsweise 40.000 Frauen und Männer, die multiple Persönlichkeiten entwickelt haben.

Hm :-|

GRrams-Ha,lxm


ja...das hat mich auch erschrocken..vor allem wegen der Tatsache, wie die mps entsteht... :-|

NPachqtweXsexn


vor allem wegen der Tatsache, wie die mps entsteht...

Das wusste ich vorher schon ... und ist halt immer so, dass mich sowas jeweils nur ein Mal trifft, wenn es "neu" ist ... und vor allem, wenn mir direkt jemand erzählt, der was selbst erlebt hat ... naja. Irgendwie bin ich sehr emotional und gleichzeitig kann ich absolut kalt sein ... aber hier geht es nicht um mich.

Hab Dort am Fenster gefunden :-) lädt grad runter ...

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