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Münchhausen-Syndrom, wie damit leben?

Alias 672891 hat die Diskussion gestartet


Ich schreibe heute über ein Thema, das mir schon lange auf der Seele liegt. Da es mir furchtbar peinlich ist, habe ich mich für die Variante mit dem Alias-Namen entschieden.

Ich habe berichtigte Befürchtungen, dass ich am Münchhausen-Syndrom leide. Die Anfänge gehen bis in meine frühe Schulzeit zurück und haben sich schleichend gesteigert.

Es begann auf einer Klassenfahrt in der ersten Klasse. Ich wollte nicht mit, hatte schon im Vorfeld schlimmes Heimweh und wünschte mir, krank zu werden. Das traf nicht ein, ich musste mit. Eine Nacht habe ich durchgehalten, dann ging es nicht mehr. Ich sprach mit meiner Lehrerin, die nicht wirklich verständnisvoll war. Ich musste bleiben, obwohl uns zugesichert worden war, dass wir auf jeden Fall abgeholt werden, wenn es nicht geht. Die Unterkunft war 20km vom Heimatort entfernt. Ich hatte keine Freunde, denn diese durften zu Hause bleiben. Ich rief heimlich meine Eltern an und flehte sie an, mich abzuholen. Nein, ich müsse durchhalten, solle aufhören zu heulen und mich gefälligst zusammenreißen. Meine Eltern sagten, dass sie sehr, sehr enttäuscht von mir seien. Die zweite Nacht war ebenfalls furchtbar, ich war nur am Weinen, aß nichts mehr und lag nur noch im Bett.

Dann kam ich auf die Idee, eine Krankheit vorzutäuschen, um nach Hause zu können. Ich täuschte eine Tierhaarallergie vor, da es dort sehr viele Tiere gab. Ich war sieben Jahre alt und das Vortäuschen gelang mir sehr gut, das finde ich mit Abstand betrachtet, echt erstaunlich. Meine Eltern sollten kommen. Sie kamen, waren aber furchtbar sauer und wütend. Wir fuhren ins Krankenhaus, dort wurde eine allergische Bindehautentzündung diagnostiziert :-o . Einen Tag durfte ich zu Hause bleiben, während dieser Zeit sprachen meine Eltern nicht mit mir und brachten mich sogar wieder hin. Aber immerhin, einen Teilefolg hatte ich errungen, auch wenn ich zwei weitere Nächte aushalten musste.

Zwei Jahre später ging es wieder auf Klassenfahrt und bei mir war das gleiche Problem vorhanden. Heimweh und die Angst, es nicht zu schaffen. Es war wieder sehr schlimm für mich, da meine Eltern von Anfang an sagten, dass sie mich niemals eher abholen würden und ich gar nicht erst nach Hause kommen müsste, wenn ich wieder so ein Theater am Telefon machen würde. Ich heulte stundenlang, es war grausam. Meine Lehrer (andere als bei der ersten Fahrt, da neue Schule) waren nur genervt. Dann, am dritten Tag spielten wir auf dem Spielplatz. Ich sprang von der Schaukel und verdrehte mir leicht den Fuß. Ein bisschen geplant war das schon, bin bewusst doof abgesprungen. Es tat minimal weh, aber ich habe dann ein bisschen übertrieben, weil ich auf einmal Aufmerksamkeit hatte |-o :=o Der Lehrer fuhr mit mir ins Krankenhaus, das war so gar nicht geplant, ich wusste ja, dass ich nichts Schlimmes hatte. Aber ich hab mich nicht getraut, das zuzugeben. Im Krankenhaus schwankte ich dann zwischen Panik und Wohlfühlen, weil die Leute so nett waren. Kurzfristig wünschte ich mir sogar, dableiben zu können, weil die Leute nett waren, es sauberer war als in unserer verschimmelten Jugendherberge die eine Woche später vom Gesundheitsamt geschlossen wurde und auch, weil dann meine Eltern kommen würden. Ich musste natürlich nicht dableiben, aber ich glaube, die Ärztin sah meine Not, sie bestand darauf, ohne meinen Lehrer mit mir sprechen zu können. Sie verpasste mir einen dicken Verband und Krücken und der Arztbrief war ein bisschen übertrieben (hab ihn neulich beim Aufräumen gefunden). Die restliche Woche hatte ich sehr viel Aufmerksamkeit von Mitschülern, die mich sonst ignorierten, und Lehrern.

Lange Zeit war nichts mehr in dieser Hinsicht. Dann, Jahre später wieder eine Klassenfahrt ;-D . Da war ich älter und hatte richtig Lust dazu. Wie das Leben so spielt, auf dieser Klassenfahrt verletzte ich mich wirklich. Und nicht mal wenig, das Handgelenk war gebrochen. Und wieder war mir die Aufmerksamkeit der Klasse sicher.

Diese Sache mit dem Handgelenk hab ich ziemlich ausgenutzt, um mir ein bequemes Leben zu machen. So habe ich mich mit dieser Begründung dauerhaft vom Sport befreien lassen. Schließlich habe ich, und das ist mir wirklich sehr unangenehm, sogar einer OP zugestimmt, um diesen Bonus beizubehalten. Ich hatte zwar noch leichte Beschwerden, aber diese hätten eigentlich nicht operiert werden müssen, so von meinem Gefühl her. Der Befund sagte zwar etwas anderes, das hat mich ziemlich schockiert.

Okay, dann war wieder sehr lange Zeit gar nichts, ich war zwar häufiger als der Durchschnittsmensch beim Arzt, jedoch waren die Besuche immer nötig und die Beschwerden vorhanden und nicht manipuliert. Aber ich habe es schon ein bisschen genossen, da ich immer noch Außenseiter war und in der Schule mehr beachtet wurde, wenn ich mal wieder eine Verletzung hatte (die sind aber wirklich immer unbeabsichtigt entstanden!)

So, vor einigen Jahren habe ich es dann wirklich übertrieben. In der Schule stand eine sehr, sehr unangenehme Sache an und ich hatte tierische Angst. In meiner Verzweiflung habe ich mich dann selbst verletzt und war mit dieser Verletzung auch im Krankenhaus, damit es "anerkannt" ist. Dazu hab ich mir eine Geschichte ausgedacht, konnte ja nicht zugeben, das selbst gemacht zu haben, damit ich mich vor einer Sache drücken kann. Ich kam mit dieser Geschichte durch, konnte mich zwar nicht vollständig vor der unangenehmen Sache drücken, sie wurde mir aber durch die Verletzung sehr vereinfacht.

Diese "Technik" habe ich dann im Laufe der Zeit noch ab und zu eingesetzt, wenn ich mir keinen Ausweg aus komplizierten Situationen wusste. Ich bin sehr konfliktscheu und traue mich nie, mal meine Meinung zu sagen oder dazu zu stehen, wenn es schwierig wird. Eine Krankheit bzw. bei mir eher eine Verletzung erscheint mir da einfacher.

Mittlerweile ist es so, dass ich mehr oder weniger regelmäßig so Anfälle kriege, mir mal wieder eine Verletzung (mir geht es nur um Verletzungen, eine Krankheit würde ich mir niemals ausdenken oder freiwillig zufügen!) zuzufügen. Was ich damit bezwecke, weiß ich gar nicht so genau. Auf jeden Fall gehe ich dann auch meist damit zum Arzt oder sogar ins Krankenhaus |-o und habe furchtbare Angst, dableiben zu müssen. Auch will ich keine aufwendigen Behandlungen bekommen. Aber wenn ich dann wieder zu Hause bin, dann bekomme ich wenigstens etwas positive Aufmerksamkeit meiner Eltern. Normal bekomme ich keinerlei oder nur negative Aufmerksamkeit von meinem Umfeld.

Diese Anfälle habe ich meist einmal im Monat, aber ich kann sie meist unterdrücken. Umsetzen tue ich sie leider noch so alle sechs Monate, aber das will ich eigentlich gar nicht. Ich schäme mich dann furchtbar und es ist mir hinterher sehr, sehr peinlich. Auslöser dieser Anfälle, die ich nicht unterdrücken kann, sind minimale echte Verletzungen (wie z.B. beim Laufen umgeknickt). Dann "brauche" ich das irgendwie.

Was ich auch bemerkenswert finde, ich habe schon seit meiner frühen Kindheit eine sehr, sehr hohe Schmerztoleranz, ich spüre kaum Schmerz und kann ihn wunderbar aushalten. Als Kind bekam ich daher nie Aufmerksamkeit, wenn ich mal verletzt war, weil ich ja kein Theater machte. Auch litt ich wohl unter Wahrnehmungsstörungen, besagt ein Gutachten des Kindergartens.

Warum ich hier schreibe? Ich will diesen ganzen Mist nicht mehr! Ich habe gemerkt, wie furchtbar krank mein Verhalten doch ist. Bin auch schon auf der Suche nach einem Therapeuten, doch vor dem Sommer wird das leider nichts. Im Moment habe ich wieder so eine Phase, in denen der Wunsch größer wird. Noch habe ich mich aber gut im Griff.

Danke fürs Lesen dieses irrelangen Textes :-o @:)

Antworten
Alias 672891


Ich schubse den Beitrag mal dezent an, hat denn niemand einen Tipp für mich? hab ich überhaupt das Münchhausen-Syndrom?

MyateMshi


Hallo, ich schreib dir jetzt mal was ich dazu denken. Aber sei bitte nicht enttäuscht, ich bin ja kein Psychologe ;-)

Ich bin mir nicht sicher ob das was du beschreibst Münchhausen ist. Diese Erkrankung verbinde ich persönlich mit Müttern die ihre Kinder krank "pflegen", zumindest hört man davon in den Medien immer mal wieder.

Aber ohne dir zu nahe treten zu wollen, es klingt für mich tatsächlich nach irgendeiner Form von Persönlichkeitsstörung.

Das ist aber ganz bestimmt nichts wofür du dich schämen müsstest!

Wenn Kinder keine Fürsorge und Aufmerksamkeit von ihren Eltern bekommen und mit dem Gefühl aufwachsen komplett allein auf der Welt zu sein, dann ist das fast schon eine logische Konsequenz.

Es liegt glaub ich in der Natur des Menschen zu versuchen seine Bedürfnisse ( in dem Fall dann Beachtung) so gut wie möglich zu befriedigen. Klappt das nicht auf dem "herkömmlichen" Weg, also Bestätigung oder positive Rückmeldung der Eltern/des Umfeldes, dann sucht man sich eben Alternativen.

Menschen in "helfenden" Berufen sind eigentlich eine ganz passable Möglichkeit, denn sie sind im Idealfall Philantropen ;-)

Du hast wohl scheinbar als Kind gelernt, dass Krankheit/Verletzung die einzige Möglichkeit ist um dein (absolut nachvollziehbares und natürliches) Verlangen nach Aufmerksamkeit zu stillen. Getreu dem Motto: "Es hat funktioniert, also ist es richtig!"

Verhaltensmuster die wir als Kinder lernen, werden wir nur sehr schlecht wieder los. Meistens gelingt uns das auch gar nicht. Man kämpft einfach ein Leben lang dagegen an.

Verständlicherweise stört dich dieses Verlangen mittlerweile. Was für ein 7 Jähriges Kind sinnvoll ist, weil es sich nicht anders zu helfen weiß, ist später vielleicht eher belastend und störend, da der älter gewordene Verstand in der Regel alle Konsequenzen erkennen und abwägen kann.

Leider kann ich dir keinen wirklichen Rat geben, außer:

Scheu dich bitte nicht vor einem Besuch beim Therapeuten.

Du musst dich wirklich nicht schämen, die haben schon wesentlich schlimmere Sachen gehört und erlebt als das was du erzählst.

Außerdem wissen die wie man dir dabei helfen kann deine Bedürfnisse anders zu befriedigen. Vielleicht bringt dir aber schon bereits die Tatsache etwas, dass sich jemand regelmäßig deiner annimmt und dir zumindest eine kurze Zeit seine volle Aufmerksamkeit widmet.

Ich hoffe das hier hat dir ein kleines bisschen geholfen :)

Liebe Grüße!

d$evijatixon


Hallo!

Das was du beschreibst klingt (zumindest für eine Erwachsene) nach einer nicht angemessenen Form des Aufmerksamkeitserregens, und du gehörst damit wahrscheinlich in die Hände eines Therapeuten. Hier wird dir weder jemand eine Diagnose, noch eine Behandlung anbieten können, deshalb empfehle ich dir den Besuch bei einem psychologischen Psychotherapeuten oder einem Psychiater. Wenn du nicht so genau weißt, an wen du dich wenden sollst, kann dir auch dein Hausarzt mit Adressen aushelfen.

Bitte scheue diesen Weg nicht, keiner wird dich auslachen! :)*

@ Mateshi

Was du meinst (Mütter, die ihre Kinder "krank reden/machen"), ist das Münchhausen-by-proxy-Syndrom.

BEerndxMas


@ Mateshi

Was du meinst (Mütter, die ihre Kinder "krank reden/machen"), ist das Münchhausen-by-proxy-Syndrom.

Oder auf Deutsch: Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom (da man nicht eigene Krankheiten erfindet oder herbeiführt, sondern dafür einen Dritten verwendet).

Alias 672891


Danke für eure Antworten :-)

Ich bin schon seit längerem auf Therapeutensuche, Hausarzt und Krankenkasse sind eingeschaltet. Leider habe ich erst einen Termin für den Sommer bekommen, bis dahin muss ich irgendwie durchhalten Kostenerstattungsverfahren sowie mein Widerspruch wurden abgelehnt

Mir geht es besonders um die Frage, wie kann ich dem Impuls widerstehen und wie kann ich mir die Aufmerksamkeit (die ich bis heute dringend brauche und nicht in angemessener Form bekomme) auf "sozial verträgliche Weise" holen. Meine Eltern sehen nur das Negative an mir, Freunde habe ich dank einer depressiven Phase verloren und Hobbys aus Geldmangel gestrichen.

Ich danke euch sehr, ich bin wirklich am Ende meiner Kräfte.

daeviaEtixon


Hallo!

Mir geht es besonders um die Frage, wie kann ich dem Impuls widerstehen und wie kann ich mir die Aufmerksamkeit (die ich bis heute dringend brauche und nicht in angemessener Form bekomme) auf "sozial verträgliche Weise" holen.

Das wird das zentrale Thema deiner Therapie sein, und ich denke, dass wir dir hier nur sehr begrenzt helfen können, auch weil das Erlernen neuer Strategien nicht von heute auf morgen klappt.

Kannst du den Kontakt zu deinen Freunden wieder forcieren, bzw. wo liegen denn deine Interessen? Kannst du ein neues Hobby finden, das vielleicht nicht viel Geld kostet? Spontan würden mir da beispielsweise diverse Literaturclubs, oder Lauf- und Wandergruppen einfallen.

Alias 672891


Den Kontakt zu meinen alten Freunden kann ich leider nicht wieder aufleben lassen, das hab ich mehrmals versucht, habe mich entschuldigt, mein Verhalten erklärt und bin eiskalt abgeblitzt :°(

Hmm, andere Hobbys? Ich habe es schon oft probiert, aber irgendwie bin ich nicht bereit, mich darauf einzulassen, da mir mein altes Hobby so fehlt.

Sport ist auch so eine Sache, denn dabei verletzte ich mich in schönster Regelmäßigkeit. Nicht mit Absicht, das passiert einfach so unbewusst vielleicht Auf jeden Fall führt das dann wieder in den Kreislauf aus Verletzung und Aufmerksamkeit

Was ich noch interessant finde, wenn ich mal wirklich krank bin, dann hasse ich diesen Zustand und verfluche mich dafür, krank zu sein. Abnormal, oder?

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Hallo,

du verletzt dich also selbst, um die Aufmerksamkeit der Anderen auf dich zu ziehen oder unangenehmen Dingen aus dem Weg zu gehen..ok, das ist wohl deine "Durchs-Leben-Wurscheln-Strategie" geworden. Es hat einmal funktioniert und du hast es erkannt und benutzt diese Taktik fleißig weiterhin. Jetzt würdest es gerne ändern. Ich denke eine Psychotherapie würde die am besten dabei helfen! Vor allem weil du es selbst ändern willst, stehen die Chancen gut, es in Gruff zu bekommen. Alleine kommst du da nicht mehr raus, da du es schon jahrelang machst.

Wenn dich deine alten Freunde abgeblitzt haben, obwohl du dich entschuldigt hast, dann kannst du gut auf sie pfeiffen. Das waren keine echten Freunde, so traurig es sich anhören mag.

Ansonsten bleibt dir nichts anderes übrig als bis zum Sommer mit der Therapie zu warten , ist ja nicht mehr soo weit hin .

:)* :)*

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