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Und täglich grüßt die Panikattacke

PUhysaikxa hat die Diskussion gestartet


Guten Abend liebe med1-Nutzer,

eben hatte ich wieder eine. Eine Panikattacke. Seit einem halben Jahr geht es mir verdammt bescheiden. Seit einem Monat bin ich in Psychotherapie. Die zweite in meinen 25 Lebensjahren.

Damals war ich wegen Depressionen, Flashbacks und Dissoziativen Verhaltens in Behandlung. Ich wollte psychisch gesund werden und mir ein 'normales' Leben aufbauen. Dafür habe ich gekämpft, gekämpft, gekämpft. Gegen Selbstmordgedanken. Gegen Leere. Gegen Einsamkeit. Ich holte mein Abitur nach. Ich beendete die Therapie als stabiler, runder und starker Mensch. Ich packte meine Koffer und zog in eine neue Stadt, um zu studieren.

Seitdem sitze ich in einem sehr stressigen Studium, das ich aber sehr gerne auf mich nehme. Meine Zwischenprüfungen musste ich aufgrund meines gesundheitlichen Verlaufes allerdings schieben. Es ging im vergangenen Wintersemester los. Grundzustand: Gestresst. Grundproblematik: Immer wiederkehrende Gastritis. Nichts, was sich nicht mit Omep oder Pantoprazol jedes Mal in den Griff bekommen ließ. Dazu eine sich verschärfende, familiäre Situation. Eine Tante lag wochenlang im Koma, nachdem eine Krebsoperation bei ihr schief gelaufen war und meine Eltern beschlossen, dass sie sich trennen und meine Mutter zog aus. Die existenziellen Probleme meiner Eltern sind der Wahnsinn. Schulden, Einsamkeit, stressige Jobs. Auf beiden Seiten.

Ich war so stabil. Hatte meine Kindheit 'verarbeitet'. Hatte Vertrauen und Autonomie gelernt. War vollkommen unabhängig von meinen Eltern. Ich fühlte mich im Hier und Jetzt. Körpernah, zeitnah, unter Kontrolle, stabil, erwachsen.

Das alles brach mir ganz plötzlich weg. An einem Nachmittag im Oktober fühlte ich mich "komisch". Flatterig. Mir war übel. Ich war wie benebelt. Und dann bekam ich Angst. Angst davor, mich übergeben zu müssen. Die Emetophobie ist ja leider auch so ein alter Freund von mir. Ich schlief die ganze Nacht neben dem Klo. Ich musste 15 Mal abführen. Brennend, unter Krämpfen. Aber der Stuhl war von der Konsistenz normal. Ich übergab mich nicht, obwohl mir furchtbar, furchtbar übel war. Ich wurde dann auf Gastritis behandelt. Eine Magenspiegelung während der Pantoprazoltherapie ergab nichts. Seitdem keine Besserung. Und das war im Oktober.

Seitdem ist mein Grundgefühl eine mal mehr mal weniger unterschwellige Übelkeit. Mal ist das Würgegefühl, der Kloß im Hals, der Brechreiz stärker, mal vergesse ich ihn.

Meine Therapeutin hat mit mir den 'Teufelskreis der Panikattacke' aufgemalt und diesen Zustand des "Mir ist übel" als Vorstufe zur Panikattacke bezeichnet. Manchmal reißt es dann nämlich aus und ich denke plötzlich wirklich, dass es mir hochkommt, dass ich brechen muss, dass ich nie wieder gesund werde, dass ich schwer krank bin... mir werden Strategien an die Hand gegeben, wie ich den Kreis unterbreche (Akzeptanz des Übelkeitgefühls, Sport, Rituale, Akzeptanz der Panikattacke u.s.w.) und ich muss sagen, dass ich mich brav auf all das einlasse und alles befolge, was man mir sagt. Weil ich gesund werden möchte.

Aber in manchen Stunden – so wie jetzt gerade, weshalb ich mir den ganzen Kram von der Seele schreibe – treibt es mich in die Verzweiflung. Gute Tage sind die, an denen mir für 4 bis 6 Stunden nicht schlecht ist. Überwiegend ist mir direkt nach dem Aufstehen und ab dem späten Nachmittag übel. Die Panikattacken kommen abends oder wenn ich draußen unterwegs bin und mich mit Freunden treffe. Rückblickend weiß ich, dass ich im November, Dezember und Januar mitunter 3 bis 8 Panikattacken am Tag hatte. Ich glaubte einfach, ich sei krank und unterdrückte die Krankheit mit Pantoprazol, MCP Tropfen, Vomex, Schonkost, Tee, Wärmflaschen...

Eben hatte ich eine. Die schlummerte schon seit etwa 16 Uhr in mir. Es ging mir aber gerade nichts durch den Kopf, es gab da nichts, was ich bereden oder durchdenken wollte, deswegen wurde ich aktiv, fuhr Rad, ging einkaufen, fing an zu kochen. Klappte alles gut. Während des Kochens nervte mich der Brechreiz im Hals hinten immer mehr. Ich probierte meine Strategien, akzeptierte den Reiz, hinterfragte mich, ob mir gerade in dem Moment etwas auf dem Herzen lag, aber es gab nichts Akutes.

Dann ein Bericht, den ich beim Kochen im Hintergrund laufen ließ, über das verschollene Flugzeug. Es wurde in den Raum geworfen, ob der Pilot Selbstmord begangen haben könnte, da seine persönliche Situation sehr verzweifelt gewesen sei. Ein Blitz. Ich denke an meinen Vater. Denke daran, dass auch seine Situation verzweifelt ist. Ich kriege irrationale Angst davor, dass er sich selbst das Leben nehmen könnte.

Während des Essens bricht die Panikattacke dann aus mir heraus. Diesmal nicht schleichend, stumm, leidend. Sonst habe ich immer erst nach dem Gipfel der Panik weinen und mich entspannen können. Diesmal ging es sehr flott. Ich sprach mit meinem Freund darüber, dass es mir nicht gut ginge. Ich erzählte von den Gedanken um meinen Vater. Mein Freund versuchte mich zu beschwichtigen. Schlechte Idee. Und auf einmal konnte ich nur noch sagen: Achtung! Panikattacke! Und ich fing heftig an zu atmen, weinte und hielt mir die Hände vor das Gesicht. Ich probierte es mit Atemtechniken, die meine Therapeutin mir in der letzten Therapiestunde mitgegeben hatte.

Sonst sitze ich immer die 20 Minuten aus, die so eine Attacke dauert. Sie dauert bei mir wirklich immer so lange. Heute war sie nur knapp 5 Minuten lang. Sie war heftig, dafür kurz. Danach war mir erstmal nicht mehr schlecht, obwohl sich das Gefühl von Übelkeit langsam wieder bemerkbar macht.

Dieses Spiel spiele ich nun jeden Tag. Aus dem Zustand der Dauerübelkeit habe ich herausgefunden, indem ich Dynamik, Zusammenarbeit und Auseinandersetzung mit meiner Panikstörung geschaffen habe. Aber dieses Spiel geht nun in leicht abweichenden Variationen Tag für Tag so. Und immer dann, wenn ich denke, dass ich den Bogen raus habe, dass ich kapiert habe, wie's läuft, wenn ich die eine Bombe entschärft habe – dann überfällt sie mich wieder aus dem Hinterhalt, aus Gründen, die ich so noch nicht wahrgenommen habe und auf die ich mich wieder neu einstellen muss.

Es ist so anstrengend. Es ist so demotivierend. Es ist so hart. Ich will wieder mein hart erkämpftes, normales Leben zurück.

Danke fürs Lesen. Vielen, vielen Dank.

Ich würde mich sehr freuen, von irgendwelchen Menschen zu lesen, denen es auch so geht oder die das kennen. Ich will wissen, ob das für eine Panikstörung normal ist. Ich will wissen, wie die Heilungschancen sind. Ich will einfach nicht mehr allein damit sein.

*:)

Antworten
s`chne>ckje1985


Hallo liebe Physika!

Es tut mir aufrichtig leid, dass es dir gerade so schlecht geht. :°_ :)* :°_ ich kenne das Gefühl der Verzweiflung, des Ausgelaugt-Seins vom ewigen Kampf...

Zwei kurze Fragen:

1. Nimmst du Psychopharmaka? Vielleicht wären Medikamente eine Möglichkeit, um diesen Kreislauf zu durchbrechen :)*

2. Kannst du dir vorstellen, einen ganz radikalen Schnitt zu machen, um aus diesem Kreislauf wieder rauszukommen? Damit meine ich z.B. ein Urlaubssemester, eine stationäre Aufnahme oder sowas?

Ich glaube, wenn man erstmal in dieser Spirale drin ist, dann braucht es einen ganz, ganz starken Stimulus, um das zu unterbrechen. Mich hat letztlich die Einweisung in die Psychiatrie gerettet. Das war so, als wäre ich einfach weg, weg von diesem ganzen Mist, musste mich um nichts kümmern, hatte medikamentöse Unterstützung und ein Umfeld, in dem ich mich endlich nicht mehr verstellen musste. Dazu endlich richtig medikamentös eingestellt.

Vorher hatte ich ein halbes Jahr mit aller Macht gekämpft: Jede Nacht nur 3 Stunden Schlaf, alle Bewältigungsstrategien (rausgehen, Basteln, Puzzeln, Familienunternehmungen) haben rein gar nichts gebracht.

Durch die Ruhe in der Klapse wurde diese Spirale aufgehalten und ab da ging es endlich aufwärts.

Rückblickend habe ich gemerkt, dass ich oft zu viel gekämpft habe... ich habe immer geglaubt, ich muss die Angst durchbrechen, dann geht es besser. Letztlich entstand damit noch viel mehr Druck, Angst, Unsicherheit. Ich weiß jetzt nicht, ob ich die richtigen Worte gefunden habe, ob meine Vorschläge für dich auch praktikabel sind. Ich wollte nur einfach nicht, dass dein Text unkommentiert stehen bleibt. :°_ :°_ :°_ :)* :)* :)* :)*

P-hYysikxa


Danke liebe schnecke1985,

erstmal tut es gut, überhaupt eine Antwort zu bekommen. :-D

1. Ich nehme keine Psychopharmaka. Bisher hatte auch sonst noch keiner die Idee, dass ich ja welche nehmen könnte. Weder Hausarzt noch Psychologin. Vermutlich, weil die Rückfallquote in die Panikstörung unter medikamentöser Therapie größer sein soll. Ich werde aber dennoch mal das Gespräch dahingehend suchen! :)^

2. Meine Psychologin hat so ein Urlaubssemester auch schonmal ganz dezent in den Raum geworfen. Im Sinne von "Da könnte man mal drüber nachdenken". Ich selbst tendiere eher dazu, das kommende Semester mit den Pflichtveranstaltungen durchzuziehen und auf die Klausuren zu verzichten. Egal, ob ich dann ein weiteres Semester länger mache – zumindest wären dann alle Pflichtkurse abgehakt.

Wenn wirklich gar nichts mehr geht, dann werde ich allerdings um die Klinik nicht herumkommen, denke ich. Man weiß nur immer nicht, wie schlimm es noch werden kann. Momentan sitze ich in den Semesterferien und kann mein Leben um die Panik herum leben. Sobald die Pflichtveranstaltungen wieder losgehen, werde ich mal wieder gucken müssen, wie ich klarkomme.

skc1hneck7e&1985


Also der richtige Ansprechpartner für Medikamente wäre der Psychiater/Neurologen. Psychotherapeuten dürfen nämlich keine Medikamente verschreiben. Hausärzte tun das zwar, aber es ist nunmal nicht ihr Fachgebiet und dementsprechend sind sie nicht wirklich empfehlenswert.

Einen Termin zur Beratung kannst du ja mal machen, denn letztlich entscheidest immer noch du, was du tun willst. Ich habe zwar primär keine Angststörung, aber als es bei mir so schlimm war, da haben mir die Medikamente echt rausgeholfen. Ich konnte ewig kaum mehr aus dem Haus gehen, Verabredungen und Verpflichtungen waren eine Tortur - Panik, Angst, irgendwann Angst vor allem, vor dem Leben.

Ich kann jetzt nur für mich sprechen: Ich wollte zwischendurch, als es mir nicht gut ging, ein Urlaubssemester nehmen. Letztlich habe ich mich aber dem Druck meiner Familie gebeugt und weitergemacht. Bis es nicht mehr ging. Danach habe ich 3 Jahre gebraucht, um wieder "normal" zu werden. Hätte ich vielleicht früher mehr auf mich geachtet, dann wäre es erst gar nicht so schlimm geworden. Das muss jetzt natürlich nicht für dich auch zutreffen, bei mir war es leider so.

Jetzt bin ich im zweiten Anlauf im Studium, es ist saustressig gerade, aber mir geht es blendend. Es war ein langer Weg, aber es kann besser werden... nein, ich glaube sogar ganz fest, dass es auch bei dir besser wird. :)* ich nehme immer noch Medis und im Hinterkopf habe ich auch die Gefahr eines Rückfalls. Aber ich versuche, mir zwischendurch Freiräume zu schaffen, den Stress abzubauen und manche Dinge auch mal hintenan zu stellen.

Psychisch Kranke sind nicht faul oder inkompetent, wie es oft dargestellt wird. Meistens ist es sogar das Gegenteil, Leute, die sich immer weiter durchbeißen, pflichtbewusst bis in den Zusammenbruch. Will heißen: Pass gut auf dich auf... denn du bist es dir wert, dass es dir gut geht. Du verdienst es, glücklich zu sein und keine Angst mehr zu haben.

Man muss zwar sehr viel Geduld mit sich selbst haben, aber Fortschritte machen kann man ein ganzes Leben lang. :)*

z^ipfe$l


Ich hatte schon massig Panikattacken, Ängste ohne Ende, sozial Phobie, Zwangsgedanken, besuche beim notarzt, Krankenwagen...

Citalopram 40 mg hat fast alle diese Probleme besiegt, es ist ein sehr gutes mittel bei Panik. Nebenwirkungen sind selten.

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