» »

Depressiver die Freundschaft kündigen - moralisch vertretbar?

m%ang;omi,lch123 hat die Diskussion gestartet


Hallo!

Meine beste Freundin und ich kennen uns bereits von Kindesbeinen an, also schon Jahrzehnte. Wir haben alles zusammen durchgestanden und trotz neuer Lebenssituationen, sind wir immer ein Herz und eine Seele geblieben.

Doch momentan gibt es einen Punkt, wo ich nur noch verzweifelt bin.

Seit 2012 ist sie depressiv, was wir leider erst sehr spät als das erkannt haben, was es wirklich ist. Ihre gesamte Persönlichkeit hat sich unter der Depression gewandelt und sehr stark geändert. Sie ist mit nichts mehr zufrieden, sieht überall und an jedem nur das Negative. Will keinen Besuch und nur noch "ihre Ruhe", bricht Kontakte wegen Kleinigkeiten ab und legt sich mit jedem an wegen Lappalien. Sie verkriecht sich vorm DVD Player oder auch vor dem PC. Sie hat einen regelrechten Hass aufgebaut auf Leute, die das Leben lieben und optimistisch angehen. Da reichen schon Kleinigkeiten, die sie aufregen, etwa die Aussage, dass man am Wochenende shoppen gewesen ist. Sie ist nur noch am Nerven.

Dadurch sind wir im Laufe der 2 Jahre auch oft aneinander geraten. Sie hat oft gedroht, sich umzubringen oder ist fasziniert von Geschichten über Sterbehilfe, Selbstmord usw., hängt sogar Zeitungsberichte darüber auf. Mit ihrem sozialen Umfeld (Familie, Freunde, Arbeitskollegen) hat sie wie gesagt gebrochen. Andere haben schon längst nur noch abgewunken und melden sich nicht mehr bei ihr, weil sie so anstrengend ist.

Ich bin ihr in der Zeit immer treu geblieben. Allerdings werde ich permanent der Pressblock für ihre miese Laune und Stimmung. Immer und immer wieder überträgt sie ihren Frust auf mich, zeigt mir das entweder durch miese Beschuldigungen oder durch runterziehend-lethargisches Verhalten. Ich werde auch manchmal bestraft durch spontane Kontaktabbrüche ihrerseits, die das Ziel haben, dass ich mir Sorgen machen soll. Ich sitze dann zu Hause und mache mir den schlimmsten Kopf um sie :-/

Eine stationäre Therapie wurde von ihr einmal angefangen, aber abgebrochen. In die Medikation bin ich mit eingeweiht, sie erhält u.a. Fluvoxamin Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Leider nimmt sie diese unregelmäßig bis gar nichts, was alles verschlimmert. Eine Psychotherapie wurde begleitend verschrieben, doch die hat sie ebenfalls abgebrochen nach 2 Stunden.

Problem: Keine Krankheitseinsicht.

Es sind die anderen, die ihrer Meinung nach Schuld ist. Z.B.: Sie "sucht" sich nicht das Negative im Leben, nein, das sei eben zu ihr. Nicht sucht sie die Fehler bei anderen, die anderen machen diese Fehler usw. Und die Medis würden die Ärzte nur verschreiben, um Geld zu machen.

Ich hab so viel probiert...ich glaube in der letzten Zeit war ich sowohl ihre Freundin, Schwester, ihre Mutter, Psychotherapeutin und Motivationshilfe zusammen...aber es wird immer unerträglicher für mich, sie auszuhalten. Es geht mir auch völlig an die Substanz und macht mich zu Hause traurig und lässt mich auch nicht schlafen.

So dass ich wirklich überlege, die Freundschaft aufzugeben...ich sehe keine Besserung, da keine Einsicht besteht.Ich reiße mir ein Bein aus und mache doch alles falsch aus ihrer Sicht.

Aber ist sowas moralisch überhaupt vertretbar? Ich habe schlimme Angst, dass sie sich danach etwas antun könnte.

Antworten
dKe%ep bclu~e sxea


Hallo mangomilch!

Ich kann das nachvollziehen. Ich bin/war selbst depressiv und war sicherlich auch eine Riesenbelastung - in dem Falle für meinen Exfreund.

Man hat als Mensch immer das Recht, sich zurückzuziehen, wenn einem ein Mensch oder eine Situation nicht gut tut. Klar, es ist nicht fein, wenn die Freundin über Liebeskummer heult, aber das ist ja noch eine Beanspruchung im "üblichen" Maße und sowas macht man gerne für seine Freundin, auch wenn es nicht fein ist.

Aber was, das sie dir abverlangt, ist sehr viel. Und solange sie nicht einsieht, dass sie Medikamente und Psychotherapie braucht, wird sich die Situation auch nicht bessern.

Achte auf dich selbst. Du bist nicht ihr Stressball, den sie herumwerfen kann wie sie möchte. Wenn man in einer Beziehung zu einem/einer psychisch Kranken steht, ist das enormer Stress für einen selbst. Man kann nicht verlangen, dass du dich krank machst, weil sie krank ist und sich nicht helfen lassen möchte.

@:)

d`eep bluex sea


Nachtrag:

Ich habe schlimme Angst, dass sie sich danach etwas antun könnte.

Das ist nachvollziehbar. Aber sie hat dich damit voll in der Hand. Ob ihr das bewusst ist oder nicht, ich weiß es nicht. Wahrscheinlich aber schon.

Es ist IHRE Verantwortung, nicht deine. Bürde dir die Verantwortung nicht auf!

Aoiygavnax89


Aber ist sowas moralisch überhaupt vertretbar?

Ja. Du bist nicht gezwungen eine Freundschaft nur deswegen aufrecht zu erhalten, weil es moralisch besser wäre. Natürlich ist es eine große Hilfe für Depressive, wenn sich nicht jeder abwendet, sondern zu einem hält, aber man sollte sich selbst nicht damit aufreiben. Fakt ist: Du kannst eh nichts tun, außer immer wieder die gleichen Dinge anzuhören und einfach da zu sein.

Falls sie sich etwas antun sollte: Es liegt nicht in deiner Verantwortung! Also bitte zieh dir nicht diesen Schuh an.

Aber ich würde nicht die Freundschaft "kündigen" (sowas halte ich generell für komisch etwas derartiges auszusprechen). Sondern ihr eher erklären, dass es dich auch massiv belastet, du nicht mehr weißt wie du noch für sie da sein kannst und das du erst mal etwas Abstand brauchst. Vielleicht geht es ihr irgendwann wieder besser und dann bereut ihr diesen Bruch zwischen euch vielleicht.

GLrotti|g


Jeder Mensch hat seine Grenzen und deine scheint erreicht. Ich finde es durchaus vertretbar und legitim, dass du dich zurückziehst. Nur das Wort "kündigen" gefällt, mir persönlich, nicht. Ich würde es eher eine Pause einlegen. Und das kannst und darfst du ihr auch ruhig sagen und dementsprechend begründen. Und wenn ein Depressiver sterben will, verschwendet er keinen Gedanken an die anderen, die sind einem letztlich nämlich egal.

Es kann nicht sein, dass du immer nur der Fussabstreifer bist. Da solltest du auf dich achten.

Wenn ich schwere Schübe habe, verprelle ich auch "gerne" alle Leute/Freunde. Eine Pause, hat Freundschaften aber keinen Abbruch getan.

Also mein Fazit:Denk ruhig an dich und wahre deine Grenzen.

D5afenxa


Ich bin/war ebenfalls deppressiv und eine Belastung für mein Umfeld, so wie du deine Freundin beschrieben hast, kommt mir vieles Bekannt vor, dennoch glaube ich das ich doch nicht ganz so extrem gewesen bin.

Was mich runtergezogen hat war mein Medikament, ich bekam Citalopram ist auch ein Serotonin Wiederaufnahmehemmer. Es hat mich nur noch depressiver und aggressiver gemacht. Erst nach einem Medikamenten wechsel auf Opipramol war es bei mir, ging es mir besser und ich begann die Tabletten auch regelmäßig zu nehmen.

Aber wie deep blue sea geschrieben hat, achte auf dich selbst und nehme dir die Freiheit dich zurückzuziehen, und wenn es erstmal nur für eine Weile ist, damit du selbst wieder kraft tanken kannst.

dFeep \blue sxea


Du kannst ihr auch sagen, dass sie sich melden kann, wenn es ihr besser geht. Vielleicht, wenn sie die Therapie macht und ihre AD nimmt.

Das klingt nach Ultimatum, und vielleicht auch nach "du bist mir so zu schwierig, wenn du "einfacher" bist darfst du dich melden." Aber es ist ja auch so... Du kannst das sicher sensibel genug verpacken.

m:angomVilcLh1x23


Hallo danke für eure Rückmeldung!

Ich habe tatsächlich gleich Nägeln mit Köpfen gemacht. Wir haben uns getroffen (sie wollte erst gar nicht) und ich habe ihr gesagt, dass ich mich in der nächsten Zeit pausieren will, was unseren Kontakt angeht. Dass es mir nicht mehr gut dabei geht und von ihr auch nichts mehr kommt. Ich nicht mehr für sie tun kann, aber wieder für sie da bin, wenn es ihr besser geht.

Sie konnte das zunächst gut verstehen.

Sie meint, sie hätte sich eh gewundert, dass ich noch zur Verfügung gestanden hätte, sie selbst wäre umgekehrt schon länger weg vom Fenster gewesen. Sie äußerte auch, dass es ihr sehr schwer falle, sich in andere reinzuversetzen. Sie sei aber eh wieder auf Psychotherapeutensuche und hätte da "jemanden an der Angel". Sie selbst ging davon aus, dass sie aktuelle Episode schon so gut wie überwunden sei, auch wenn sie nicht sagen kann, wann die nächste kommt.

Wir waren dann so verblieben, dass wir keine harte Trennung auf Ewig machen, sondern erstmal 3 Monate ins Land ziehen lassen und dann sehen, wie es uns damit geht und ob wir nach einer Pause vielleicht wieder besser aufeinander zu gehen können...

Ich war einverstanden, fand das eine gute Kompromisslösung.

Wir haben sogar schon ein Datum vereinbart und wie wir uns nach dieser Pause wieder treffen wollen.

Jetzt lag allerdings heute Nachmittag (dieses Treffen war heute morgen!) eine Mail von ihr in meinem Postkasten. Darin schrieb sie, dass ich sie stresse und ich zu viel von ihr verlange und ich sie in Ruhe lassen soll.

Ich bekomme also einen tritt in den Rücken, obwohl ich immer für alles den Kopf hingehalten hab...echt hart.Naja wundern tuts mich auch nicht.

L$ebku)chenhe]rzchxen


Zur Moralfrage möchte ich mich kurz äußern, da dich dieser Punkt anscheinend sehr beschäftigt. Ich finde, es kann in manchen Fällen moralisch verwerflicher sein, bei der Person zu bleiben, weil ihr dann vermittelt wird, dass sie so weitermachen kann wie bisher und ihr das Ausmaß ihrer psychischen Probleme vielleicht weiterhin nicht bewusst wird. Wenn man sich dagegen (zumindest eine Zeit lang) abwendet, wenn es wirklich nicht mehr geht, sieht die Person vielleicht mal das Ausmaß ihrer Probleme und ist eher motiviert, sich endlich Hilfe zu holen.

Ich denke da bspw. an Fälle von Alkoholikern, wo die Frau brav bei dem Mann bleibt, obwohl er sie beleidigt, schlägt, das ganze Geld für Alkohol ausgibt. Die Frau fährt dann immer noch brav mit ihm, um mehr Alkohol zu kaufen. Dadurch steht sie weiterhin zu ihm und macht alles mit, aber das hilft ihm überhaupt nicht, im Gegenteil. Es ist eigentlich moralisch verwerflicher, bei dem psychisch Kranken zu bleiben, weil es auch demjenigen selbst viel mehr schadet, wenn ihn keiner aus seinem Umfeld mal richtig aufrüttelt und ihm die Konsequenzen seines Handelns zeigt, sondern brav bei ihm bleibt und alles weiter mitmacht.

Das Verhalten, sich in schweren Fällen abzuwenden, kann auch eine Art Verständnis/Hilfe sein, finde ich, da man das Ausmaß der Krankheit versteht und weiß, dass man der Person wahrscheinlich nicht mehr anders helfen kann als mit so einem drastischen Schritt, der vielleicht die letzte Möglichkeit ist, denjenigen endlich aufzurütteln.

Über Moralisches würde ich mir in dem Fall also nicht allzu viele Sorgen machen, denn auch Abwendung kann für den Kranken im Endeffekt etwas Positives bedeuten. Und mal abgesehen davon sind sonst am Ende zwei Menschen kaputt, also du vielleicht selbst auch psychisch krank. Das kann ja auch nicht der richtige Weg sein.

Wollen Sie selber etwas dazu schreiben?

Dann melden Sie sich an bzw. lassen Sie sich jetzt registrieren, das ist kostenlos und innerhalb weniger Minuten erledigt. Interessant sind sicher auch die übrigen Diskussionen des Forums Psychologie oder aber Sie besuchen eines der anderen Unterforen:

 ·  ·


Nicht angemeldet: Anmelden | Registrieren | Zugangsdaten vergessen? | Hilfe

Startseite | Impressum | Nutzungsbedingungen | Netiquette | Datenschutz | Mobile Ansicht   © med1 Online Service GmbH