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Isolation eines Mitmenschen - wie helfen?

r?edmo&on{lighxt hat die Diskussion gestartet


Moin liebe Leserinnen, liebe Leser,

ich komme mit einem Anliegen einer Arbeitskollegin.

Meine Arbeitskollegin leidet an psychischer oder seelischer Erkrankung. Sie nahm vom Arzt verschriebene Tabletten und ihre Symptome waren unterdrückt, nach freiwilliger Absetzung brach ihre Erkrankung langsam und immer deutlicher hervor und es zeigten sich sehr unschöne Störungen. Es hat einige Zeit gebraucht ihre Situation zu verstehen. Das Ganze hängt zum Teil mit einem Kindheitstrauma und den schweren Folgejahren zusammen. Anfangs lies sich die Kollegin helfen, sprach viel und oft über ihre Erlebnisse und versuchte ihre Situation ohne Tabletten in den Griff zu bekommen. Von emotionalen Ereignissen in jüngster Familiengeschichte gezeichnet, kam Verfolgungswahn und Todesangst dazu. Glücklicherweise ist diese Angst abgeklungen. Der Vater und ein Facharzt vom Gesundheitsamt sind informiert. Die Arbeitskollegin ließ nur den angekündigten Besuch vom Facharzt mit sich reden. Weil keine akute Gefahr für ihr oder das Leben eines anderen Menschen besteht, wird sie nicht in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

Sie war bereits in früheren Jahren in der Klinik.

Gibt es nach eurer Erfahrung einen oder mehere Wege, ihr helfen zu können?

Sie lässt leider keinen Kontakt zu Freunden und Familie mehr zu. Damit meine ich, dass sie ihre Mobilnummer gesperrt oder erneuert hat und bei Besuchen niemandem die Tür öffnet. Seit 3 Wochen ist dies nun so. Möglicherweise leidet sie an der Boderline Persönlichkeitsstörung, ich werde mich damit aber nicht festlegen.

Vielen Dank für eure Antworten.

Antworten
S&ojrBomaxn


ich komme mit einem Anliegen einer Arbeitskollegin.

Eigentlich kommst du ja mit deinem Anliegen. Und ich finde das auch getrennt passender: deiner Kollegin kannst du dieses Forum nennen (z.B. per Brief oder E-Mail, wenn sie nicht mehr auf Arbeit kommt) und sie kann hier zu ihren Problemen was eröffnen. So kommt sie auch ein bisschen aus der Isolation raus, wenn sie will, bewahrt aber ihre Anonymität.

Du hast aber offenbar auch ein Problem mit deinem Verhalten, und ich finde, das lohnt es, getrennt davon zu betrachten. Dein Problem ist eher: du möchtest so gern helfen, weißt aber nicht wie, wenn diese Hilfe nicht angenommen wird.

Das typische wäre, dass sich Angehörige (wie du in diesem Fall) anbieten als Zuhörer (erstmal nicht als Tippgeber, sondern nur zuhören), aber die eigentliche Motivation und Initiative von der anderen Person kommen muss. Oder für sie eine Liste mit Anlaufstellen zusammenstellen: Telefonseelsorge, Adressen von Psychiatern / Psychotherapeuten, Sozialpsychiatrischer Dienst, Selbsthilfegruppen, psych. Kliniken mit Notfalldienst, Angebote der Krankenkasse (Kurse), sowas. Unabhängig von eventuellen Verdachtsdiagnosen. Im Gesundheitsamt gibt's da so Infomaterial.

Kommt die Kollegin denn noch auf Arbeit? Klang ja nicht so. Hält sie die arbeitsrechtlichen Formalsachen ein (z.B. Krankmeldung oder Urlaub)? Denn sonst wird ihr gekündigt werden. Damit kann ein Teufelskreis beginnen (hin zu Verlust der Wohnung), aber auch ein Gefühl von Freiheit einsetzen. Oder Leere, die Motivation bildet, diese wieder neu zu füllen.

Was bleibt Kollegen als Weg: die betroffene Person (dann auf privater Basis und auch aus einem privaten Interesse heraus) einzuladen. Zu einem Gespräch, zu einem Spaziergang, zu einem Essen, zu einer ablenkenden Veranstaltung, die sie vielleicht mögen könnte. Und damit zu leben, wenn keine oder eine ablehnende Antwort kommt (was ja beides wahrscheinlich ist). Und diese eigenen Kontakte einigermaßen in Relation zu ihren Antworten zu gestalten. Es gibt ja auch ein übersteigertes bis krankhaftes Helfen wollen, wo der Helfer sich schon selbst vernachlässigt.

Weil keine akute Gefahr für ihr oder das Leben eines anderen Menschen besteht, wird sie nicht in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

So funktioniert halt unser System. Die Selbstständigkeit von erwachsenen Menschen (selbst mit psychischen Auffälligkeiten) lässt es auch zu, dass sich diese isolieren. Und ihnen erst geholfen wird, wenn sie diese Hilfe zulassen oder aktiv suchen. Grenzen findet das da, wo Gefahr für ihr Leben oder das Leben eines anderen Menschen besteht. Denn das ist mit psychischer Gesundheit keinesfalls zu verbinden und dient dann als Rechtfertigung von Maßnahmen an psychisch kranken Menschen, die diese in der Situation als Zwang wahrnehmen (z.B. Zwangsrettung, Zwangseinweisung, Zwangsmedikation), während sich erst nach einer gewissen psychischen Gesundung aus den gleichen Maßnahmen für diese Menschen eine Bewertung als Hilfe und Unterstützung ergibt.

r]edfmoonlixght


Der Arbeitskollegin ließ sich im Dezember und Anfang Januar noch helfen, aber seitdem nicht mehr. Die Tipps sind ganz gut.

"Oder für sie eine Liste mit Anlaufstellen zusammenstellen: Telefonseelsorge, Adressen von Psychiatern / Psychotherapeuten, Sozialpsychiatrischer Dienst, Selbsthilfegruppen, psych. Kliniken mit Notfalldienst, Angebote der Krankenkasse (Kurse), sowas. Unabhängig von eventuellen Verdachtsdiagnosen. Im Gesundheitsamt gibt's da so Infomaterial."

Ja, alles beginnt mit dem Zuhören und das wurde schon getan.

Momentan kann ihr nicht oder nur wenig geholfen werden. Sie öffnet weder die Tür, noch lässt sie auf andere Weise Kontakt von Verwandten und Freunden an sich heran. Dies ist jetzt seit etwa 4 Wochen so.

Sie kommt nicht zur Arbeit und ich habe keine Informationen über das derzeitig bestehende Arbeitsverhältnis.

"Es gibt ja auch ein übersteigertes bis krankhaftes Helfen wollen, wo der Helfer sich schon selbst vernachlässigt."

Ja, sowas gibt es auch. Da zu diesem Zeitpunkt nichts getan werden kann (sie lehnt jeden Kontakt ab, reagiert auf keine Nachricht) bin ich am überlegen, ob es für die kommende Zeit etwas gibt, wozu man sie anregen oder unterstützen kann. Ich bin nur Dritter und nicht Angehöriger, habe die Schwiegermutter und den Vater informiert und halte mich jetzt selbst zurück.

Sie wird sehr wahrscheinlich ihre Anstellung verloren haben, sie war noch in der Probezeit.

Wenn niemand aus der Gesellschaft hilft, dann haben wir als Menschen versagt.

Danke, für die Tipps. Ich habe alles andere bereits angewandt. Das Gesundheitsamt sowie Verwandte sind informiert und sie wurde auch vom Facharzt untersucht. Es ist gut, sich in seinen Taten bestätigt zu wissen.

Bei Veränderung zu einem positiveren Stand der Situation und weiteren Fragen, werde ich hier auf der Website wieder schreiben.

SJoromMan


Wenn niemand aus der Gesellschaft hilft, dann haben wir als Menschen versagt.

Da ist halt eine schwammige Grenze: aus helfen und bevormunden. Typisch wird das so gelöst, dass ihr Hilfe angeboten wird, aber diese nicht aufgezwungen wird.

bin ich am überlegen, ob es für die kommende Zeit etwas gibt, wozu man sie anregen oder unterstützen kann.

Ich frage mal ganz direkt: Magst du sie (Sympathie)? Oder tut sie dir leid (Mitleid)? Oder beides? Was begründet dein starkes Interesse, gerade sie anzuregen oder zu unterstützen?

rbedmo onli5ghxt


Richtig, ich biete meine Hilfe an und der Schritt zur Untersützung liegt dann bei der Annahme der Hilfe des Bedürtigen. Und es gibt genug Anzeichen für eine Hilfestellung der Arbeitskollegin. Ich kann meine Hand ausstrecken, doch werde ich niemanden dazu zwingen nach der Hand zu greifen. Ich kenne Sie nicht und kann nicht wissen, ob Sie je Interesse daran hatten für eine andere Person da zu sein, aus dem schlichten aber wichtigem Grund eine Stütze und Halt für diese Person zu sein in Zeiten, wo diese Person es nicht schaffen wird alleine aufzustehen. Zu ihren Fragen. Keines von beidem. Ich bezeichne es als Mitgefühl, aber nicht als Mitleid.

Wie vielschichtig dieses Thema ist, spürt man, wenn man Fachleute von Neurosen und Psychosen, von genetischer Prädisposition, Chromosomdefekten, bipolaren Störungen, Paranoia und Schizophrenie reden hört. Ein Leiden, das so schlimm ist, dass die Leistungsfähigkeit des Betroffenen erheblich eingeschränkt ist; einen Abgrund in der Gemütsverfassung, der so tief ist, dass niemand ernsthaft behaupten kann, er würde sich schon schließen, wenn das Opfer sich nur zusammenreißen und positiver denken würde.

Ich werde nicht daneben stehen und zusehen, wie ein Mensch zugrunde geht. Dabei spielt es keine Rolle, ob Mann oder Frau, ob jung oder alt oder von welcher Herkunft.

Zu schade, weil es dieses Mal eine Frau ist, der ich gerne helfen möchte kommen von Arbeitskollegen und Freunde (und von Ihnen) gleich die Frage, ob Sympathie eine Rolle dabei spielt.

Ich habe einen Freund geholfen, der an Depressionen litt und sein Leben den Bach runter ging, die ganze Palette. Von der Frau geschieden, Rauswurf aus dem Haus, Job verloren und das langsame verwahrlosen in der neuen Wohnung. Jetzt hat er eine neue saubere Wohnung, war auf meinen Rat hin in einer psychiatrischen Anstalt und wir haben gemeinsam einen Job für ihn gefunden. Das alles hat natürlich viel Zeit in Anspruch genommen. Weil es ein Mann war, hat niemand komisch gefragt. Jetzt ist es eine Frau und gleich gehen die Alarmglocken los? Für mich ist sowas unverständlich. Wo wäre mein Freund ohne Unterstützung heute?

Wieso nicht jemanden helfen, der dein Arbeitskollege/Arbeitskollegin war? Ist sie weniger Wert Hilfe und Unterstützung zu bekommen?

Ich suche hier auf der Website nach Ideen und Vorschläge von anderen Menschen und möchte jetzt nicht über gesellschaftliche Moral und Pflichtbewusstsein sprechen.

Hier beteiligen sich bisher nur Sie und ich an der Diskussion. Vielleicht sollte ich das Thema anders benennen und so mehr Aufmerksamkeit darauf lenken.

F@inpo93


Wenn sie keine Hilfe annehmen möchte, dann wirst du wenig tun können. Leider.

S1oroxman


Ich suche hier auf der Website nach Ideen und Vorschläge von anderen Menschen

Dadurch dass ihr aktueller Status ja unklar ist, finde ich auch die Ideen und Vorschläge schwierig.

Ich habe mal ein paar Links für dich. Ratschläge für den Umgang mit depressiven Menschen durch Freunde/Angehörige.

[[http://www.depressionen-verstehen.de/angehoerige/index.jsp]]

[[http://www.deutsche-depressionshilfe.de/stiftung/rat-fuer-angehoerige.php?r=p]]

[[http://www.apotheken-umschau.de/Depression/Depressionen-Verhaltenstipps-fuer-Angehoerige-32754_12.html]]

[[http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/WI-Angehoerige-Depression-BAEK.pdf]]

All diese setzen aber da an, dass eine diagnostizierte und aktuelle Depression vorliegt, die momentan in ärztlicher Behandlung ist (was hier derzeit nicht der Fall ist). Und die Ratschläge richten sich meist an Angehörige, manchmal auch Freunde. Immer aber an Personen, die zu der depressiven Person eine gewisse Beziehung haben (was hier auch nicht der Fall ist). Insofern kann ich schlecht einschätzen, ob sie für deine Situation zutreffend sind.

Wenn Depressive den Kontakt zu Verwandten (hier Vater) aber bewusst verweigern, dann teilweise auch deshalb, weil ja da ein Teil der Genetik und Erziehung herkommt. Also ggf. auch depressive Anlagen. Und dann kann es eine Befreiung für den Menschen sein, sich aus diesem Einfluss zu lösen. Auch deshalb wird jeder Mensch für sich mit seinen Bedürfnissen betrachtet.

Zu schade, weil es dieses Mal eine Frau ist, der ich gerne helfen möchte kommen von Arbeitskollegen und Freunde (und von Ihnen) gleich die Frage, ob Sympathie eine Rolle dabei spielt.

Jetzt ist es eine Frau und gleich gehen die Alarmglocken los? Für mich ist sowas unverständlich.

Die Alarmglocken fügst du in deiner Wahrnehmung hinzu (schlechtes Gewissen?). Ich habe nur gefragt, ob du sie magst.

r2edm7oon>light


Die Arbeitskollegin befindet sich seit 7 Tagen in der Klinik für Psychiatrie und Psychosomatische Medizin. Ihr Vater hat mich dazu informiert. Gestern kam ein Anruf von ihr auf meine Arbeitsstelle und die Arbeitskollegin möchte gerne von einer anderen Arbeitskollegin besucht werden. Ich wurde im Nachhinein von meiner Kollegin gefragt, ob ich mitkommen würde, denn allein möchte sie sie nicht besuchen.

Ich wurde von meinen Arbeitskollegen gefragt, warum ich mich um die Kollegin so bemühe. Vergleiche hinken, aber ich vergleiche es mit einem Flugzeugabsturz. Das Flugzeug erleidet einen Schaden (Abnutzung und schlechte Wartung oder von äußerem Einfluss) und stürzt auf den Boden zu. Wenn ich als zweite Person dazu komme und das Ruder rumreiße, dann wird es nicht am Boden verschmettert. Bei einer Notlandung bleibt der Schaden, aber das Flugzeug ist nicht völlig zerstört. Und in solchen Situationen muss schnell und viel unternommen werden. Ich bin eine dieser Personen, die "zum Cockpit laufen und das Ruder herrumreißen", bei Freunden, Familie und Arbeitskollegen mache ich sowas, sofern es denn möglich ist.

Seltsam ist, dass Patienten normalerweise nicht nach so kurzer Zeit Angehörige und Freunde anrufen oder mit ihnen in Kontakt kommen dürfen.

Das Krankheitsbild darf aus rechtlichen Gründen nicht einfach weiter gegeben werden. Ihre Familie wird wahrscheinlich darüber informiert werden. Ich denke ein Teil der Krankheit ist Depression, meine Freund und eine Bekannte hatte Depression und bei denen war es sehr ähnlich. Beide Personen waren auch in einer Psychiatrie zur Heilung ihrer Krankheit.

Danke für die Links Soroman.

Bei weiteren Fragen und Angelgenheiten werde ich hier wieder schreiben.

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