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Sich kulturellen Konventionen widersetzen

cFarmejvixx hat die Diskussion gestartet


Liebe Community

Schon seit längerer Zeit quäle ich mich mit dem Thema herum und würde gerne neutrale Meinungen dazu hören - mein Freundeskreis hat sich leider nicht sonderlich hilfreich zu meinem Anliegen eingelassen.

Ich bin 23 und habe einen türkischen Migrationshintergrund, wenn man das denn noch so nennen darf (ich bin die 3. Generation in der Schweiz). Ich hatte immer ein sehr liebevolles, bekümmertes Elternhaus, das mir eigentlich alle Freiräume gelassen hat: Ich studiere, darf an Wochenenden endlos lange feiern gehen, habe genauso männliche Freunde, eben alles, was ein Schweizer/Deutsches Mädchen hierzulande auch hat. Mit Beziehungen hatte ich bis anhin nichts am Hut, da meine Prioritäten anders gesetzt waren. Nun bin ich aber seit 7 Monaten in einer Beziehung, es läuft eigentlich alles super, mein Freund ist kein Landsmann, habe von Anfang an auf Ehrlichkeit gesetzt und meinen Eltern aufgeklärt (obwohl ich da schon einen riesen Schiss hatte - man weiss ja von den türkischen Freundinnen, wie sehr sie unter dem Druck der Eltern gelitten haben etc.) Meine Eltern haben sich hingegen für mich gefreut und mögen meinen Freund auch sehr gut. Das Ding ist: Wir beide haben von unseren Studiengängen und Arbeitsstellen ausgehend relativ wenig Zeit füreinander, obwohl wir uns gerne häufiger sehen würden (wir führen quasi eine Wochenendbeziehung, trotz Wohnsitz in der gleichen Stadt). Zeit bleibt eigentlich nur über Nacht. So würde ich gerne bei meinem Freund übernachten, oder eben ihn auch bei mir übernachten lassen. Dies ist aber das Problem: Übernachten wird direkt mit dem Wunsch nach Sexualität assoziiert, und Sex ist trotz aller Modernität meiner Familie immer noch ein Tabuthema. Mir geht es primär auch nicht um die Körperlichkeit, dafür reicht ja eine gemeinsame Mittagspause längstens. Es geht darum, dass ich gerne mit ihm einschlafen und aufwachen würde, normales Beziehungsverhalten eben. Bisher habe ich immer ohne das Wissen meiner Eltern bei ihm geschlafen: sie dachten, ich sei auf einer Party, und da komm ich halt immer erst morgens zurück. Mir geht aber die ewige Lügerei auf den Keks und ich will meine Eltern nicht nach Strich und Faden verarschen, die haben das einfach nicht verdient. Und ich würde viel lieber einfach mal durch die Woche bei meinem Freund schlafen und dafür mehr Zeit für die Familie an den Wochenenden aufbringen.

Ich habe bis jetzt nie auswärts geschlafen, auch bei meiner besten Freundin nicht, obwohl dies erlaubt gewesen wäre - anderweitiges auswärtiges Schlafen wäre aber nie gut aufgenommen worden, dem bin ich mir bewusst. Ich bin 23 und sollte mittlerweile selber entscheiden dürfen, wo ich übernachte. Glaube auch nicht, dass mir das untersagt werden würde, eben genau aus dem Grund, dass ich ja alt genug wäre, selbst zu entscheiden. Nur habe ich Bammel davor, meine Eltern, vorallem meine Mutter mit der Äusserung eines solchen Wunsches zu enttäuschen, kränken, was auch immer, weil ich davon ausgehe, dass sie denkt, ich sei ein leichtes Mädchen: Übernachtungen bei Männern ohne Ehe sind halt nicht gang und gäbe und somit nicht gerne gesehen.

Ich würde meinen Wunsch sehr gerne durchsetzen und ich bin auch überzeugt davon, jedoch haltet mich einfach die Vorstellung davon ab, meine Mutter damit traurig zu machen. Schiebe den Gedanken schon seit Monaten vor mir her und wüsste gerne, was ihr in meiner Situation (ja klar, ist schwierig sich reinzuversetzen) tun würdet, und wie.

Herzlichen Dank für's Durchlesen.

Liebe Grüsse, Carmevix

Antworten
N"ordxi84


Ich geh mal von ner anderen Seite ran: Wenn ein Paar erst mit dem Zeitpunkt der Hochzeit zusammen zieht und erst dann das gemeinsame Leben (was etwas völlig anderes ist als die Treffen mit getrennten Wohnungen) erforscht dann geht das mit sehr großer Wahrscheinlichkeit in die Hose. Denn erst dann lernt man die Macken und Ticks des Partners kennen die einem sonst vielleicht garnicht aufgefallen wären bzw. die einen sonst nicht gestört haben. Allein schon aus diesem Grund sollten deine Eltern dafür offen sein das ihr langsam einen Schritt weiter geht und du z.B. unter der Woche bei ihm übernachtest.

Und selbst wenn sie es doch stören sollte: Manchmal muss man seine Eltern vor den Kopf stoßen, das gehört zum Prozess des abnabelns und des selbstständig werdens dazu. Gerade in dem Fall hier wo es nur darum geht das du bei ihm übernachten möchtest ist das doch noch harmlos. Was wäre denn wenn ihr in nem Jahr oder zwei gemeinsam in ne andere Stadt ziehen wollt ? Dann wäre der Schnitt viel größer und der Stoß vor den Kopf viel heftiger.

Was die "Kränkung" deiner Mutter angeht: Hast du Hinweise dafür das dem wirklich so wäre oder läuft da nur ein Film in deinem Kopf ? Vielleicht hat sie ja auch vorher bei deinem Vater übernachtet bevor die beiden verheiratet waren. Vermutlich werden die vor ihrer Ehe sogar andere Partner gehabt haben. Oder sind deine Eltern streng gläubig bzw. extrem in ihren Traditionen verwurzelt ? Klingt für mich allein aufgrund der Tatsache das du nen nicht-türkischen Freund hast und sie ihn mögen schon nicht so.

c armecvixx


@ nordi84

es ist eben so, dass sie ihn sehr gut mögen, was ja eigentlich von Vorteil wäre.

Meine Eltern wurden sehr konservativ erzogen (einige arangierte Treffen, dann mussten sie heiraten - man kann meine Situation nicht einmal in Vergleich setzen), wollten dies aber bei mir anders handhaben.

Möglicherweise stelle ich mir ihre Reaktion schon schlimmer vor als sie ausfallen wird, zumal ich eben die Angst habe, ihre Flexibilität zu strapazieren, hingegen ist es so, dass wenn wir mal eine Woche mal mehr Zeit haben uns zu treffen und davon Gebrauch machen, ein Kommentar fällt wie, 'dass ich es jetzt aber ein bisschen übertreibe'

NAordix84


hingegen ist es so, dass wenn wir mal eine Woche mal mehr Zeit haben uns zu treffen und davon Gebrauch machen, ein Kommentar fällt wie, 'dass ich es jetzt aber ein bisschen übertreibe'

Kann natürlich was damit zu tun haben das sie dich immer noch für ihr "Kind" halten und der Meinung sind ein Kind sollte die Zeit mit der Familie verbringen. Ok, sicher trägt der kulturelle Einfluss (höherer Stellenwert der Familie als z.B. beim Durchschnittsschweizer oder Durchschnittsdeutschen) seinen Teil dazu bei, am Ende kann es aber auch ein ganz normales Eltern-Verhalten sein.

Du musst ja auch nicht mit der Tür ins Haus fallen in Richtung "ich übernachte die nächsten fünf Tage bei meinem Freund" aber so langsam in Richtung "nächsten Samstag übernachte ich bei ihm" könntest du wohl schon gehen.

pIarazxellnxuss


Nur habe ich Bammel davor, meine Eltern, vor allem meine Mutter mit der Äußerung eines solchen Wunsches zu enttäuschen, kränken, was auch immer, weil ich davon ausgehe, dass sie denkt, ich sei ein leichtes Mädchen

Du bist ein ehrlicher Mensch. Du kannst deine Mutter in dieser Beziehung nicht enttäuschen. Nur deine Mutter kann enttäuscht sein, durch sich selbst. Und nur sie entscheidet, ob sie dadurch gekränkt ist. Es hat/hätte also nichts mit dir zu tun.

Geh deinen Weg und eise dich langsam los von unnützen Ketten.

Du machst das schon, wirst sehen.

c<armexvix


@ nordi84

@ parazellnuss

Ich danke euch herzlichst für eure Antworten und eure Zusprüche!

S9orohmaxn


Meine Eltern wurden sehr konservativ erzogen (einige arangierte Treffen, dann mussten sie heiraten - man kann meine Situation nicht einmal in Vergleich setzen), wollten dies aber bei mir anders handhaben.

Das ist doch ein Anknüpfungspunkt. Deine Eltern haben sicherlich auch ein Stückweit erfahren, dass dieser Zwang leidvoll sein kann. Gerade dieses "anders handhaben wollen" wird dir auch Verständnis bringen, denke ich.

Und mit 23 bist du längst erwachsen und solltest sehr wohl deinen Weg gehen.

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