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Kann man lernen mit Schuld umzugehn?

MOeraxin hat die Diskussion gestartet


Wir hatten gestern Abend die Diskusion, wie man mit Schul um geht, die man auf sich geladen hat.

Ist es möglich, dann noch ein schönes Leben zu führen? Die Meinungen sind unterschiedlich ausgefallen, und ich bin gespannt, wie ihr das seht.

Es sind alle Beispiele möglich!

LG Merain @:)

Antworten
A"le5onor


Faden verschoben

C_omra(n


Aus eigener Erfahrung kann ich da leider nicht viel beitragen, aber das ist ein spannendes Thema.

Vor wenigen Monaten habe ich irgendwo gelesen, dass jemand zig Jahre nach einem Mord zur Polizei gegangen ist und sich selbst anzeigte - obwohl ihm keine Gefahr drohte und die Ermittlungsbehörden nicht auf seiner Spur waren. Also gibt es Menschen, die mit Schuld nicht leben können. Er hätte durch sein Geständnis ja sonst nur Nachteile gehabt.

Andererseits wurden auch noch 50 Jahre nach Verbrechen irgendwelche SS-Leute überführt (diese Beispiele lassen sich für Kriegsverbrechen auf der ganzen Welt finden). Die damit jahrzehnte lebten und auch vor Gericht danach keine wirkliche Reue zeigen. Ob diese Beispiele aber repräsentativ sind, dass man mit Schuld auch leben kann, wage ich zu bezweifeln. Krieg ist eine Ausnahmesituation für jeden Menschen, vor allem stumpft er ab, so dass Taten gar nicht mehr als solche wahrgenommen werden.

Morde gibt es auch unaufgeklärte. Kürzlich wurde ein Mordopfer auf einem großen Grundstück gefunden - ebenfalls nach Jahren - und die damalige Freundin (zu Studienzeiten) überführt. Sie feierte auf diesem Grundstück sogar noch Nachbarschaftsparties. Das finde ich schon enorm abgebrüht, aber niemand weiß, wie es innen aussieht.

Für mich wäre es vermutlich ein Albtraum, mit so einem schweren Vergehen leben zu müssen. Ich hatte mal geträumt, ich hätte irgendwo im Wald eine Leiche versteckt und litt unter dem dauernden Zwang, wieder dort hingehen zu müssen und das Versteck zu "verbessern". Das Gefühl im Traum war furchtbar und ich stufe es als real ein, dass in Wirklichkeit auch so empfinden würde.

SWumzmersWunshinle6


Das Thema finde ich auch spannend. Kann da auch nicht persönlich etwas dazu sagen. Zum Thema Mörder. Es heißt wohl, dass viele Mörder sich früher oder später stellen oder es sie an den Tatort zurückzieht. Hier bei uns wurde eine junge Frau von ihrem Freund erstochen. Er lacht und lebt sein Leben. Reue? Hat er bisher nicht gezeigt.

S&umm.ers6unyshinex6


Ein Beispiel könnte ich nennen. Wenn ich jetzt mit dem Auto ein Kind oder allgemein einen Menschen überfahren würde, und ich wäre Schuld, käme ich damit nur sehr schwer zurecht. Würde dieser Mensch durch mich zum Tode kommen, hätte ich den Rest meines Lebens daran zu knabbern. Es sei denn, ich würde psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, aber ob sie das in den Griff bekommen würden? Kann es mir schwer vorstellen und ich hoffe, das so etwas nie passieren wird.

F<izzlaypuzzxly


Thema "Schuld" habe ich lange Jahre für mich immer wieder überprüft, auch angesprochen und diskutiert. Irgendwann hatte ich eine Antwort, die für mich seit dem gültig ist.

Es gibt die sogenannte eingeimpfte Schuld, die so lange wiederholt wird, bis sich der Mensch dann wirklich schuldig fühlt und glaubt, dass es auch so ist.

Dann gibt es die gegenseitigen Schuldzuweisungen, weil niemand bereit ist die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen.

Dann gibt es die "geringere" Schuld, wie Rechnungen die nicht bezahlt werden, Diebstahl usw. Wenn hier keine Einsicht erfolgt, werden die Gerichte bemüht und Urteile gesprochen. Ob sich dann bei diesen Menschen etwas verändert in den zukünftigen Handlungen? Offenbar komme viele gut damit zurecht wenn sie so weitermachen, da offensichtlich das Bewusstsein für Unrecht abhanden kommen ist, wenn überhaupt jemals vorhanden war.

Die "absolut unverzeihliche Schuld" ist die Schuld, wenn einem anderen Wesen das Leben genommen wird.

Dazu gehört für mich auch, wenn ein Mensch nicht mehr in der Lage ist für sich selbst zu sorgen, weil er/sie in's Koma geprügelt oder so lange getreten worden ist, bis nichts mehr geht.

Sicher kann man mit seiner Schuld ein angenehmes Leben führen, wie schon erwähnt. Noch schöner wird es natürlich, wenn die Verantwortung dafür übernommen und entsprechend gehandelt wird.

Bei der für mich unverzeihlichen Schuld - ich würde niemandem verzeihen, der einem anderen Wesen das Leben nimmt -, muss dieser Mensch lernen seinen Weg zu gehen, um innere Ruhe zu finden, sofern er/sie das auch will. Und diese Schuld muss er/sie ganz alleine tragen. Ich denke, auch hier gibt es Schuldige, die sich keiner Schuld bewusst sind, weil sie ja so ein schlechtes Elterhaus hatten, mit dem Leben nicht klar kommen. Schuld sind immer die Anderen.

Letztendlich muss jeder für sich selbst klären, ob er ein schönes Leben führen kann. Vom Kopf her kann man schließlich alles, wenn man gesund, stark ist. Ich bin der Meinung, dass mit ganz wenigen Aussnahmen niemand auf Dauer seine Seele/Psyche betrügen kann. Und wie heisst es doch:

Abgerechnet wird zum Schluss.

hQeut&e_)hiexr


Eine schwierige und trotzdem wichtige Frage

[[https://www.youtube.com/watch?v=VQChM_bxIIg Werner Herzog]] hat sich ausführlich mit dem Thema "Schuld und Sühne" beschäftigt. Mich hat es sehr mitgerissen (seine Death-row-Serie), denn das Thema kann man vielleicht wirklich nur erörtern, wenn es an wirklich harte menschliche Vergehen geht.

Klar sind auch andere kriminelle Aktionen zu bestrafen. Jeder geht mit Schuld anders um, aber es gibt einen Schutzmechanismus, der Gründe und Rechtfertigungen sucht, um die Seele zu entlasten und wenn es die Beichte ist. Was ich sehr erschütternd bei den Dokus von Herzog fand, wie sich diese Straftäter nur um sich kümmern. Mit wenig oder gar keiner Empathie gegenüber anderen Menschen, kommt man sehr viel leichter mit begangenen schuldhaften Taten zurecht, als jemand der mitfühlen kann.

Eine klare Antwort wird nie möglich sein. Dazu sind Menschen zu individuell. Greueltaten in Kriegen wären nicht möglich, wenn die Täter mit dem Gewissen nicht leben könnten. So traurig es ist, so etwas schreiben zu müssen. Wenn es diese eigene innere Grenze für solche Taten nicht gibt, kann man auch von wenig Schuldgefühl ausgehen :-/

KQleio


Merain

Kann man lernen mit Schuld umzugehn?

Man - der eine kann es, andere nicht. Prinzipiell, wenn man es also bei "man" belässt, so wäre es ein ja, man kann es.

Wobei ich es wichtig fände hier Schuld zu definieren, denn vieles, wo andere Schuldzuweisungen sehen, sehe ich eine Verantwortung.

Ist es möglich, dann noch ein schönes Leben zu führen? Die Meinungen sind unterschiedlich ausgefallen, und ich bin gespannt, wie ihr das seht.

Ja, generell gesehen, denke ich, dass nichts dabei ist, wenn jemand, auch wenn er Schuld auf sich geladen hat ein schönes Leben führen kann. Was es auch immer ist, was er sich auch hat zu Schulden kommen lassen, so wird eine Lebenslange Sühne nichts mehr daran ändern, dass diese Tat begangen wurde. Allerdings weiß ich nicht, was Du konkret meinst. Das Thema kann sich vom Diebstahl von 10 Euro, Verrat, dass der Ehemann die Freundin betrügt bis eben zu einer Vergewaltigung oder einem Tötungsdelik reichen. Manche können da völlig ohne Schuldgefühl leben, andere begehen Selbstmord, wenn sie versehentlich ein Kind überfahren. Weniger, wenn sie es absichtlich tun.

K>leio


Comran

Vor wenigen Monaten habe ich irgendwo gelesen, dass jemand zig Jahre nach einem Mord zur Polizei gegangen ist und sich selbst anzeigte - obwohl ihm keine Gefahr drohte und die Ermittlungsbehörden nicht auf seiner Spur waren. Also gibt es Menschen, die mit Schuld nicht leben können. Er hätte durch sein Geständnis ja sonst nur Nachteile gehabt.

Ja, ist in Schuld und Sühne von Dostojewski wunderbar niederlegt und viele Kriminologen behaupten auch, dass viele Täter die Tat "beichten" wollen. Ich denke, wenn jemand diese Moralauffassung hat und diese Schuld empfindet, sie unabsichtlich begangen hat oder zumindest sofort nach der Tat Schuldgefühle hat, dass so jemand sehr schlecht damit leben kann.

Andererseits wurden auch noch 50 Jahre nach Verbrechen irgendwelche SS-Leute überführt (diese Beispiele lassen sich für Kriegsverbrechen auf der ganzen Welt finden). Die damit jahrzehnte lebten und auch vor Gericht danach keine wirkliche Reue zeigen. Ob diese Beispiele aber repräsentativ sind, dass man mit Schuld auch leben kann, wage ich zu bezweifeln.

Ich denke dass die auch nicht wirdklich ihre "Schuld" gesehen haben. Sie haben gemerkt, dass sie von anderen für schuldig erklärt wurden, sie aber eine ganz andere Ideologie hatten. Die ändert sich ja nicht automatisch, nur weil andere meinen, man würde falsch daran tun, eine Gruppen der Bevölkerung oder ganze Volksgruppen als minderwertiges Leben ohne Lebensrecht anzusehen. Das war auch bei jenen so, die nicht angeklagt waren, sonst hätte ja der Großteil des Landes verurteilt werden müssen. Das Gedankengut war ja nicht von einem Tag zum anderen weg, ist es ja heute auch nicht. Nach wie vor gibt es Menschen, die andere wegen Eigenschaften oder Gedanken, Aussehen, Ethnie, etc. diskriminieren und auch das ist strafbar. Die wenigsten fühlen sich "schuldig", wenn sie andere mobben, diskriminieren, etc.

Krieg ist eine Ausnahmesituation für jeden Menschen, vor allem stumpft er ab, so dass Taten gar nicht mehr als solche wahrgenommen werden.

Das kommt noch hinzu. Das obige Beispiel sehe ich nicht als Kriegsanteil, denn die Tötung geistig Behinderter, Judenr, Zigeuner, Neger (ich verwende die Begriffe, die damals benutzt wurden), etc. hat schon Anfang der 30er Jahre begonnen. Allerdings fällt mir z. B. Kanibalismus als Ausnahmesituation während des Krieges ein, Vergewaltigungen, etc ein. Ich sehe das nicht als Abstumpfung, sondern natürlichen Überlebenstrieben, wo einfach nur noch Triebe existieren und wenn diese nicht befriedigt sind, sind Moralvorstellungen für die meisten irrelevant bzw. bekommen eine andere Definitionen.

Morde gibt es auch unaufgeklärte. Kürzlich wurde ein Mordopfer auf einem großen Grundstück gefunden - ebenfalls nach Jahren - und die damalige Freundin (zu Studienzeiten) überführt. Sie feierte auf diesem Grundstück sogar noch Nachbarschaftsparties. Das finde ich schon enorm abgebrüht, aber niemand weiß, wie es innen aussieht.

Es gibt gesetzlich nicht ja den Begriff der Schuldfähigkeit. Es gibt auch Menschen mit keiner Moralvorstellung bzw. die einfach nicht dem gängigen "gut" und "böse" entsprechen. Die empfinden eine solche Tat dann auch nicht als böse oder schlecht und werden sich auch nicht schuldig fühlen. Ich meine ich z. B. fühle mich nicht schuldig, wenn ich bei rot über die Ampel gehe - habe ich gerade gestern gemacht - gleich zweimal.

Für mich wäre es vermutlich ein Albtraum, mit so einem schweren Vergehen leben zu müssen. Ich hatte mal geträumt, ich hätte irgendwo im Wald eine Leiche versteckt und litt unter dem dauernden Zwang, wieder dort hingehen zu müssen und das Versteck zu "verbessern". Das Gefühl im Traum war furchtbar und ich stufe es als real ein, dass in Wirklichkeit auch so empfinden würde.

Ich habe mich eine Zeitlang mit Serienmördern und ihrem Background befasst. Du wärst wohl nicht der Typ dafür. ;-) Das sind oft psychische Störungen. Tricky ist es halt die Grenze zu finden, wer von grundauf "böse" ist und wer psychisch gestört, um gesetzlich ein Strafmaß zu finden. Für die Opfer und deren Angehörige ändert das nichts am Velust. Viele sind dann voller Racheglüste. Auch ist es dann wichtig für eine mögliche Resozialisierung. Da ist ja auch sehr oft zu erkennen, dass die Moralvorstellung in einem großteil der Gesellschaft überhaupt nicht den gesetzlichen Kriterien entspricht. Oft werden dann ehemalige Täter gemobbt, diskriminiert und einige wären bereit sich nach ihrer Freilassung auf die gesellschaftlichen Normen einzlassen. Wer ist dann da Täter und wer Opfer und wer fühlt sich schuldig. Eine Mutter, die dazu beiträgt, dass ein verurteilter Pädophiler aus der Nachbarschaft vertrieben wird, fühlt sich selten schuldig.

C?omrxan


Ich meine ich z. B. fühle mich nicht schuldig, wenn ich bei rot über die Ampel gehe - habe ich gerade gestern gemacht - gleich zweimal.

Es wird dich irgendwann im Leben einholen und dann wirst du dich der Welt als Sünderin offenbaren, um dein Gewissen zu erleichtern. ]:D

Ich habe mich eine Zeitlang mit Serienmördern und ihrem Background befasst. Du wärst wohl nicht der Typ dafür.

Warum nicht? Ich wäre nicht der Typ, der einen Mord begehen und damit leben könnte. Aber ich kann Distanz wahren und finde nichts Belastendes dabei, sich mit Serienmördern zu beschäftigen. Es ist leichter, als mit Opfern klarzukommen.

KNleUixo


Es wird dich irgendwann im Leben einholen und dann wirst du dich der Welt als Sünderin offenbaren, um dein Gewissen zu erleichtern. ]:D

Vielleicht habe ich das ja damit getan. Da steht es nun schriftlich, dass ich bei rot über die Ampel gegangen bin. ]:D

Warum nicht? Ich wäre nicht der Typ, der einen Mord begehen und damit leben könnte.

Ah, also der Amok-Läufer-Selbstmörder Typ? ]:D Nein, Spaß beiseite. Der Background könnte sich ja ändern. Wobei, es gibt auch Serienmörder, die sehr wohl ein schlechtes Gewissen haben und trotzdem ist der Drang zu töten dann immer wieder größer und sie tun es doch.

Ich z. B. denke, dass ich durchaus jemanden unter gegebenen Umständen töten könnte, z. B. aus Notwehr oder Nothilfe und ich würde mich da sicher auch schuldig fühlen. Trotzdem denke ich, dass nach entsprechender Sühne ich dann ein schönes Leben zu leben könnte.

Aber ich kann Distanz wahren und finde nichts Belastendes dabei, sich mit Serienmördern zu beschäftigen. Es ist leichter, als mit Opfern klarzukommen.

Das kann ich auch. Ich hatte aber hier schon Diskussionen, in denen ich bzw. meine Meinung bezüglich Resozialisierung von Sexualtätern bzw. Todesstrafe sehr emotionale Reaktionen hervorgerufen hatte. Aus Opfersicht bzw. naher Verwandschaftssicht eines Opfers ist der Weg manchmal länger, sich in den Täter hineinzufühlen oder zumindest sich sachlich mit dem Verhalten eines Täters auseinanderzusetzen.

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