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Schuldgefühle

f2us"selx88 hat die Diskussion gestartet


Hallo Leute,

Ich erzähle mal von einer Sache, die mich heute mal wieder besonders belastet.

Schon einige Jahre zurück, wir waren 18 und genossen die schöne Zeit zwischen Schule fast fertig und noch frei unterwegs. Meine Freunde und ich haben nichts anbrennen lassen, die ein oder andere Party mitgemacht, die ein oder andere Liebelei gehabt. War eine tolle Zeit.

Da wir vom Dorf kommen, beschlossen wir in eine weiter entfernte Stadt in die Disco zu fahren, zwei Freundinnen von mir, mein aktueller Schwarm und ich. Ich habe mich als Fahrer angeboten und wir hatten einen tollen Abend zu viert, ich war selbstverständlich nüchtern und die Mutti der Truppe. Beide Mädels waren gut dabei und haben richtig Spaß gehabt, ich mit meinem Macker auch. Ausgelassenes Tanzen, neue "Freunde" gefunden, nett geredet...Eine Freundin hat beim Tanzen jemanden kennengelernt und als wir beschlossen zurück zu fahren, weil ich langsam müde wurde und der Weg weit war, beschloss sie mit dem Typen da zu bleiben.

Ich war sehr skeptisch, immerhin waren wir gut 100km von Zuhause weg und ich war der Aufpasser. Sie sollte mir schreiben und ich hab sogar ein Foto von dem Typen gemacht und seine Nummer aufgeschrieben. Aber gut, ihr Ding, ein ONS ist ja nun nicht so ungewöhnlich. Sie solle sich bloß melden und dann sind die beiden auch schon zu ihm heim gefahren.

Meine andere Freundin wollte sich von ihrem neuen Kumpel gar nicht trennen. Also gut, wir, mein Freund und ich, sind dann nach Ansage, dass ich schon mal das Auto vor fahre, raus, während sie sich doch bitte verabschieden solle. Ich weiß noch, ich hab gewitzelt, on sie auch gleich dableiben wollte und ob ich das nächste "Fahndungsfoto" schießen solle. Aber ne, nur noch kurz Tschüss sagen.

Ich bin raus, fuhr also das Auto vor und einen Moment später stieg sie auch ein, sodass wir zu dritt heim sind. In der Zwischenzeit kam auch die Sms von Nr 4, dass alles gut sei und dass sie sich morgen melden würde. Meine Freundin auf der Rückbank schlief währenddessen fast sofort ein und ich hab sie zuhause abgesetzt und bin dann weiter nach Hause, mit den Gedanken, ob das so eime gute Idee war mit dem Dalassen.

Als die Sms am nächsten Tag kam, die Freundin sei jetzt auch zuhause, war ich beruhigt und ich hab keinen Gedanken mehr verschwendet. War einfach ein gelungener Abend.

Wir zogen dann aufgrund des Studiums recht bald auseinander, verteilten uns in alle Winde, hielten weiterhin Kontakt. Bei meiner Freundin, die sich noch von dem Typen damals verabschiedet hat, lief es aber nicht gut. Mehrfacher Umzug, Probleme mit Männern, mehrfacher Studienwechsel, alles sehr unstet. Sie wollte sich immer wieder treffen und hat dann abgesagt, teilweise hatte ich schon den Bus genommen zu ihr und fuhr wieder heim. Irgendwann war ich sauer, das ging bestimmt zehnmal so, jedes Mal eine Absage. Ich habe dann irgendwann geschrieben, sie solle sich melden, wenn sie so weit sein und sehr lange keine Antwort mehr bekommen.

Irgendwann habe ich erfahren, dass sie einen Selbstmordversuch hinter sich hatte. Es folgen Klinikaufenthalt usw. Ich hab ihr schriftlich viele liebe Smsen gesendet, Besuch war zwar nicht erwünscht, aber wir hatten ganz ganz sporadisch Kontakt.

Und dann, es sind bestimmt zwei, drei Jahre vergangen, wollte sie sich doch mit mit treffen.

Sie hat sich bei mir entschuldigt, dass sie immer abgesagt hat und mir dann gebeichtet, dass an dem besagten Abend, an dem wir feiern waren, was passiert sei und dass sie das Ereignis ganz stark mit mir und der dritten Freundin verbinde, weswegen sie uns nicht hatte treffen können.

Meine Freundin wurde in dem Moment, als ich kurz zum Auto ging und sie sich verabschieden wollte, vergewaltigt. Totaler Blackout bei ihr, er hat sie vom Eingang der Disco weggezogen und hinter dem Haus missbraucht. Sie hat sich nicht gewehrt, gar nichts. Danach ist sie da hervor gekommen und mit uns heim, als wäre nichts gewesen.

Ihre Vergewaltigung hätte sie erst später mithilfe einer Therapeutin wieder hervorgeholt.

Inzwischen befindet sie sich schon lange in der Aufarbeitung. Sie hegt keinen Groll gegen mich oder so, aber sie brauchte lange, dass wir uns wieder sehen. Sie befindet sich immer noch in der Aufarbeitung.

Ich hingegen war unglaublich vor den Kopf gestoßen. Obwohl sie sagte, dass sie mir nicht böse sei und ich überhaupt nichts falsch gemacht hätte, fühle ich mich total schuldig.

Wäre ich damals nicht vorgegangen, wäre es nicht passiert. Ich war die Nüchterne, die Aufpasserin. Ich hätte das niemals zugelassen und ich habe nach wie vor solche Schuldgefühle, dass ihr so etwas angetan wurde und ich einfach mal 5min hätte auf sie warten können. Dass ich auch einfach nichts gemerkt habe. Gar nichts!

Wir haben da noch ein-, zweimal drüber gesprochen. Anfangs konnte ich nicht schlafen deswegen, ich hab mich als Vollversager gefühlt. Ihr Leben war jahrelang im Arsch und es war meine Unachtsamkeit, die dazu geführt hat.

Nach den Gesprächen ging es mir einerseits besser, andererseits noch schlechter.

Ich denke da heute natürlich auch noch dran. Sie geht damit heute relativ offen um und die Leute, die das wissen, sagen allesamt, dass es selbstverständlich nicht meine Schuld war, sie allen voran. Unser Verhältnis ist heute eigentlich wieder relativ gut. Trotzdem wird diese Story wohl ewig zwischen uns hängen bleiben.

Was sagt ihr dazu? Wie würdet ihr damit umgehen?

Hatte sie das Recht, mir das überhaupt so zu sagen und vor die Nase zu klatschen? Hätte ich was tun können, was erahnen können? So im Nachhinein war es doch so offensichtlich... Die Schuldgefühle werden nicht weniger und ich hab das Gefühl, ich muss da was tun.

Antworten
P[lan3etenowxind


Ich habe die ganze Zeit im Text drauf gewartet, wo denn nun die Stelle kommt, wo du einen Fehler gemacht hast wegen dem du Schuldgefühle hast. Er kam nicht. Du hast wirklich gar nichts falsch gemacht. Das ganze ist einfach dumm gelaufen, du kannst und musst doch nicht rund um die Uhr auf deine Freundinnen aufpassen.

Hatte sie das Recht, mir das überhaupt so zu sagen und vor die Nase zu klatschen?

Nun ja wahrscheinlich wollte sie dir einfach mal erklären, warum sie sich hinterher so abweisend verhalten hat. ALs Freundin darf man doch über sowas reden, oder?

Hätte ich was tun können, was erahnen können?

Nein. Es waren 5 min, sie war nicht plötzlich unauffindbar. Sie hat es verdrängt und so getan als wäre nichts. Du hättest nichts merken können.

So im Nachhinein war es doch so offensichtlich...

Nein. Das ist mehr ein Fall von hinterher ist man schlauer. Mal ganz im ernst: sie war 5 Minuten weg. Was war da offensichtlich?

Die Schuldgefühle werden nicht weniger und ich hab das Gefühl, ich muss da was tun.

Die Gefühle sind völlig zu unrecht. Klar beschäftigt dich das nun, würde es mich auch. Aber Schuld hat da gar niemand von euch, auch du nicht.

f'usse3l8x8


Naja, Schuldgefühle habe ich insofern, als dass ich das Gefühl nicht wegkriege, wenn ich doch nur... Hatte ich doch nur..

Hätte ich bloß darauf bestanden, dass wir zusammen raus gehen.

Hätte ich bloß, wie angedroht, ein Foto von dem Arschl*** gemacht, dann hätte man heute vielleicht was in der Hand.

Hätte ich sie bloß beschützt.

Hätte ich mal nicht so stark auf die ONS-Freundin geachtet oder hätte ich einfach drauf bestanden, dass wir zusammen geschlossen zu viert da raus gehen und niemand alleine ist.

Hätte ich nicht so viel mit meinem Schwarm rumgeflirtet.

Hätte ich bloß was gemerkt!

Ich meine, sie wurde 2min zuvor vergewaltigt und setzt sich in mein Auto und ich bemerke bei einer meiner besten Freundinnen - nichts. Eine Stunde lang im Auto nichts und all die Zeit hinterher auch nichts.

Ich finde schlimm, dass der Typ bis heute frei rumläuft. Immerhin gab es dann ja auch keine Beweise und so hat sie ihn nie angezeigt.

Ich finde in gewisser Weise auch nicht in Ordnung, dass die mir das so hart vor den Latz geknallt hat. Ich weiß zwar nicht mehr den genauen Wortlaut, aber im.Sinne von: als du damals Fahrer warst, wurde ich vergewaltigt und seitdem verbinde ich diesen Abend mit dir und deswegen habe ich Depressionen und habe mich versucht umzubringen. Das ist bei mir hängen geblieben.

Dass ich jahrelang für sie die Personifikation des schlimmsten Erlebnisses war, das sie jemals hatte. Das ist ein verdammt mieses Gefühl, selbst wenn niemand was dafür kann.

Im gewisser Weise fühle ich mich gleichzeitig aber auch schuldig, dass es mir deswegen schlecht geht. Immerhin ist mir ja nichts passiert. Und wenn sie damit zurecht kommt, sollte ich das ja wohl auch. Mir wurde das ja nicht angetan. Und trotzdem drehen sich meine Gedanken drumherum.

Es gibt also viel, um sich schlecht zu fühlen.

PGlanete/nwixnd


Wie gesagt, du konntest nichts merken. :°_ Und nichts verhindern. Man kann doch nicht seine Freundinnen rund um die Uhr überwachen.

Ich meine, sie wurde 2min zuvor vergewaltigt und setzt sich in mein Auto und ich bemerke bei einer meiner besten Freundinnen - nichts. Eine Stunde lang im Auto nichts und all die Zeit hinterher auch nichts.

Manche Menschen können extrem gut schauspielern, wenn die nicht wollen, dass man etwas merkt merkt man auch nichts.

Ich finde in gewisser Weise auch nicht in Ordnung, dass die mir das so hart vor den Latz geknallt hat.

Ja ok da verstehe ich was du meinst, ich hatte das oben im Text nicht so extrem gelesen. Vielleicht hatte sie aber auch echt Probleme das zu sagen, weil da starke Emotionen mit dabei waren. Es war sicher für sie auch schwer.

Dass ich jahrelang für sie die Personifikation des schlimmsten Erlebnisses war, das sie jemals hatte. Das ist ein verdammt mieses Gefühl, selbst wenn niemand was dafür kann.

Ja das ist natürlich sehr unschön. :-( Verstehe was du meinst.

Ich würde sagen, wenn deine Freundin es geschafft hat mit der Sache umzugehen, dann kannst du das doch auch schaffen. Natürlich beschäftigt dich das, aber mal im ernst, wie stellst du dir in der Praxis vor, dass du sie hättest beschützen können? Es muss auch mal möglich sein einen Freundin mal kurz aus den Augen zu lassen. Es ist nicht deine Aufgabe sie zu beschützen. Ihr wart eine Gruppe, da war noch deine andere Freundin, die gegangen ist. Da war auch dein Freund. Solltet ihr denn aneinander kleben, damit niemandem etwas passiert? Mach dir doch keine Vorwürfe und sehe es realistisch. Vielleicht hätte sich deine freundin auch genervt gefühlt wärst du nicht von ihrer Stelle gewichen und hätte gedacht, dass sie doch keinen Babysitter braucht.

fUujsseOlx88


@ Planetenwind

Danke für deine Worte, ich muss da mal ein paar Tage drüber nachdenken :-/

Das hier zB

Ich würde sagen, wenn deine Freundin es geschafft hat mit der Sache umzugehen, dann kannst du das doch auch schaffen.

find ich manchmal einfach unfair. Klar, ich wurde nicht vergewaltigt. Aber sie kriegt seit 5 Jahren professionelle Hilfe, teilweise in der geschlossenen Abteilung, während ich ja "irgendwie" damit klar kommen muss...

Blödes Beispiel (mir fällt kein passenderes ein, Sorry): wenn jemand Krebs hat, sind die Angehörigen auch betroffen. Da könnte man auch sagen "Sie/Er hat doch Krebs und nicht etwa du, also was heulst du jetzt hier rum?"

Pbla0nete)nwxind


Mein Satz sollte eigentlich ermutigend rüber kommen, nicht als Vorwurf. :)_

Was spricht denn dagegen wenn du dir selbst professionelle Hilfe suchst? Mit einem Therapeuten darüber sprichst? Das Recht hast du doch auch. :-) Vielleicht tut es dir gut und hilft dir.

S|hmi


Hallo, ich Mal wieder. Du kommst mir so nett vor, also hab ich Mal in deine anderen Posts reingestöbert.

Also als aller Erstes ist das ja erst Mal ne Hammer Story!

Dass du damit erst Mal nicht zurecht kommst ist denke ich vollkommen menschlich und normal.

Ich arbeite mit jungen Menschen die psychische Erkrankungen haben u.a. aufgrund traumatischer Ereignisse, auch Vergewaltigungen.

Menschen, denen so etwas passiert, die begeben sich in eine Welt in die man ihnen nicht folgen kann, wenn man nicht selbst betroffen ist. Du kannst noch so empathisch sein und dich noch so sehr versuchen da hinein zu versetzen. Niemals wird jemand verstehen, was da passiert ist. So etwas macht einen kaputt und das kann man auch nicht wieder richten.

Somit war es von deiner Freundin sehr rücksichtsvoll dich erst Mal zu meiden. Sie hat von Anfang an versucht dich und diese Situation zu trennen, wusste, dass du NICHT schuld warst. Dennoch hat dich ihr Gehirn mit dem Ereignis gekoppelt - Konditionierung. Sie hat wie man sieht versucht, das Ganze wieder zu entkoppeln, bevor sie auf dich zugeht und dich mit etwas konfrontiert, was ihr selbst unheimlich schwer fällt.

Nun scheint sie ja in einer Phase zu sein dieses Ereignis als Teil von ihrem Leben annehmen zu können und hat dann versucht wieder jegliche Normalität wieder herzustellen. Somit war das Treffen mit dir ein großer Schritt in ihrer Traumatherapie.

Du musst, wie du richtig erkennst echt keine Schuldgefühle haben, aber natürlich stellt das auch was mit dir an. Du kannst deiner Freundin helfen dieses Ereignis noch mehr zu verarbeiten indem du ihr beistehst, ihr wieder Normalität schenkst, wie vor dem Ereignis. Damit sie es schafft dich komplett von diesem Ereignis zu entkoppeln.

Wozu ich dir aber rate ist sich auch mit jemandem darunter zu unterhalten. Das ist ein mega Stein, den sie dir jetzt einfach so aus dem Nichts aufgeladen hat, auch für dich wird das ein Schock sein. Ich rate dir Mal zu einem Gesprächstherapeuten zu gehen. Das wird dir helfen sich besser von dem Ganzen abgrenzen zu können.

@:) @:) @:)

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