» »

Angst vor dem Psychologen

vJiper1x01 hat die Diskussion gestartet


Liebe Gemeinde,

bereits seit Jahren hab ich Probleme, die ich immer versucht habe unter den Teppich zu kehren oder nicht wahrhaben zu wollen. Nun kann ich einfach nicht mehr, weil ich den Menschen weh tue, die ich liebe.

Ich hielt mich immer für stark, für jemanden, den nichts erschüttern kann.

Um mich besser verstehen zu können, fang ich mal ganz von vorne an:

Bereits kurz nach meiner Geburt musste ich um mein Leben kämpfen und bin nur durch eine OP (mit ca. 6 Wochen) dem Tod von der Schippe gesprungen. Ich hatte einen Magenpförtnerkrampf, so dass die Nahrung immer nur auf dem Weg wie sie rein kam, auch wieder raus kam. Mit 4 Jahren litt ich an Nierenbluten und musste lange Zeit mit Spritzen im Krankenhaus verbringen. Meine Mutter besuchte mich fast jeden Tag, mein Vater selten.

Auch sonst hatte ich immer den Eindruck, dass ich meinem Vater eher egal war.

Als ich 6 war, bekam ich noch einen kleinen Bruder. Der war wesentlich gesünder von Anfang an und immer ein Sonnenschein.

Meine Oma (die im selben Haus lebte) war Grundschullehrerin genau an der Schule, an der auch ich unterrichtet wurde. Schon dort merkte ich einen gewissen Druck, weil alles was ich falsch machte, sofort an meine Großmutter weitergegeben wurde. Zu Hause bekam ich dann oft Prügel, schließlich musste ich als Enkel einer angesehenen Lehrerin doch Top-Leistung bringen.

Dieser Leistungsdruck ging soweit, dass ich keine Freunde haben durfte, weil ich ja lernen musste. In der 7. oder 8. Klasse waren gerade die Sommerferien. In unserem kleinen Dorf hatte das Freibad auf und ich war mit einem Mitschüler im Freibad. Dieser war 2 Jahre älter, da er verspätet eingeschult wurde und eine "Ehrenrunde" gedreht hat. An jenem Vorabend waren wir mit den Fahrrädern auf dem Weg nach Hause, als wir noch kurz Pause machten. Dort fiel er über mich her und wollte an meinen Penis. Er war mir körperlich überlegen und schaffte es auch. Mit den Worten: "Wenn Du das jemanden sagst, schlage ich Dich zusammen" ließ er schließlich von mir ab.

Kurze Zeit später war er krank und ich wurde von meiner Oma gezwungen ih die Arbeiten aus der Schule und Hausaufgaben vorbei zu bringen. Ich hatte Angst – tat es aber. In seinem Zimmer fiel er wieder über mich her, schlug mich und zog mir die Hose aus.

Ich wusste mit der Situation gar nicht umzugehen und war wie gelähmt. Doch anstatt weiterzumachen ließ er von mir ab, was mich bis heute noch mehr irritierte. Das ganze spielte sich ein weiteres Mal ab, als er überraschend bei uns zu Hause auftauchte.

Das lässt mich bis heute nicht los.

Wenig später fing mein Vater an fremdzugehen. Er tat es nicht einmal unauffällig, nein, ich wusste es. Auch er drohte mir, dass es mir ganz schlecht gehen würde, wenn ich meiner Mutter etwas sagen würde. Meine Mutter, sollte man wissen, war voll berufstätig in leitender Position. Sie bekam nichts mit. Nur ich sah meinen Vater tagsüber besoffen und mit offener Hose, wie er mich das erste mal Zwang "Hand bei ihm anzulegen". Das ging oft so, eine lange Zeit. Wenn ich nicht wollte drohte er meinem kleinen Bruder etwas anzutun. Versteht das nicht falsch, wir waren eine "ehrbare" und "angesehene" Familie mit 2 Einkommen und einem schönen 2-Familienhaus.

Die Jahre vergingen und meine Eltern ließen sich scheiden. Dafür wurde seitens meines Vaters mir die Schuld gegeben. Der Grund war: Als mein Vater auf eine "Geschäftsreise" fliegen sollte, war das meiner Mutter suspekt. Ich bat ihr an hinterher zu schnüffeln und traf meinen Vater mit einer anderen Frau am Flughafen. Er sah mich und deshalb war es meine Schuld.

Das war es ja auch, hab ich mir oft eingeredet. Hätte ich meine Klappe gehalten, vielleicht wären die beiden noch zusammen.

Meine Mutter war am Boden zerstört und nur ich war alt genug um sie zu unterstützen. Wir hatten das Haus mit vielen Schulden und die Firma meiner Mutter wurde abgewickelt. Also waren wir beide es, die irgendwie was machen konnten – und das taten wir auch.

Kurze Zeit später verliebte ich mich und zwar so richtig – das erste mal in meinem Leben. Nach den Ereignissen in der Schule und mit meinem Erzeuger hatte ich auch das erste Mal richtigen Sex – ich war 25. 2 Jahre später wurde sie richtig krank und starb…

Noch in der Trauerphase lernte ich meine jetzige Frau kennen. Wir kamen zwar da noch nicht zusammen, sind aber jetzt 10 Jahre verheiratet. Ich würde alles für sie tun. Ich habe einen schlecht bezahlten Job (800 Euro) und muss mich dafür noch mit Kunden in meiner Freizeit ärgern. Ich habe keinen richtigen Urlaub und schon gar kein Geld um irgendwie die Zeit zu genießen.

Ich reiße mir meine Härchen an den Armen und im Gesicht heraus, ich trinke mehr als ich sollte (nur Bier und nur abends), allerdings habe ich keinen Tremor, wenn ich mal tagelang nichts trinke.

Ich trinke nur, wenn ich Stress habe und (jetzt kommt das Schlimmste): Ich verstecke unangenehme Post. Nicht weil ich das will, sondern das geht fast automatisch, wenn unangenehmes kommt.

Ich weiß, das ist alles ganz schön viel Text, aber ich habe ehrlich gesagt Angst, dass ich ein Arzt das alles als geringfügig und lächerlich ansieht – es gibt weit schwierige Schicksale, so sehe ich das.

Meine Ehe ist akut bedroht und ich würde lieber heute als morgen etwas unternehmen, nur weiß ich nicht, wohin die Reise gehen soll. Ich halte mich nicht für verrückt, habe aber Angst, dass es so ist.

Ach ja, mittlerweile habe ich auch noch Diabetes und muss Neuroleptika schlucken (Gabapentin).

Danke für eure Meinungen

Antworten
X"iraxin


Also, erstmal:

Du hast zu Unrecht Angst!

Du hast einige Stolpersteine auf deinem Leben mitgenommen und jetzt ist deine Psyche halt verletzt, weil die Wunden nie richtig behandelt worden sind, sondern verdrängt und totgeschwiegen.

Man ist nicht verrückt, weil man zum Psychotherapeuten (das ist übrigens der richtige Ansprechpartner. Psychologen machen etwas anderes...) geht.

Die meisten menschen, die dort hingehen sind sogar ziemlich normal, kommen nur mit ihrem Leben nicht klar. Nur ein kleiner Prozentsatz von Menschen sind wegen Schizophrenie oder so in Behandlung, was man wohl unter "verrückt" verstehen könnte. Allerdings können auch viele dieser Menschen ein ganz normales Leben leben (unter Medikamenten).

Du jedoch...du musst deine Vergangenheit verarbeiten und Verhaltensweisen korrigieren. (Das ist mein Eindruck)

Das ist nicht verrückt. Sondern manchmal passiert Menschen ein Unrecht und sie brauchen jahrelang um sich Hilfe suchen zu können.

Ich selbst war in Therapie. Ich hatte mittelgradige Depressionen, eine Anpassungsstörung und mein Leben brach immer und immer über mir zusammen, weil ich nicht wusste, wie man wirklich leben soll mit all dem Scheiß, der einem passiert.

Mir half eine Therapie und die Einnahme von Antidepressiva, aber Medikamente nimmst du bei einer ambulanten Therapie 100%ig nur, wenn du das auch willst.

Ich hab meine Therapie vor 2 Jahren abgeschlossen und war zu keinem Zeitpunkt "verrückt". Ich konnte und wollte so nur einfach nicht weiter machen.

Ich kann dich also nur ermutigen, dir Hilfe zu suchen. Es ist ein harter Weg, aber man lernt viel über sich... Es ist anstrengend, aber es hilft.

L{ewiaxn


Es gibt Psychiater und Psychotherapeuten; Psychiater sind Aerzte (und arbeiten mehr mit Medikamenten als Psychotherapeuten), Psychotherapeuten nicht.

Ich denke, du solltest dich mal mit einem Psychotherapeuten unterhalten, vielleicht erstmal testweise. Du kannst dann ja immer noch entscheiden, ob du eine Therapie machen willst.

aber ich habe ehrlich gesagt Angst, dass ein Arzt das alles als geringfügig und lächerlich ansieht

Naja, die leben ja von ihren Klienten. Du bist quasi ein (moeglicher) Kunde, also werden die dich schon ernst nehmen.

Andererseits, selbst wenn ein Arzt (Psychotherapeut, Psychiater) glauben wuerde, dass es da kein grosses Problem gibt, warum waere das so ein grosses Problem fuer dich?

Uebrigens nehme ich es so wahr, dass dein Text sehr viel mehr ueber deine Vergangenheit sagt als ueber deine Gegenwart. OK, du schreibst vom Trinken und von "Selbstverletzung" und von den Briefen, aber du gibst deiner Gegenwart nicht so viel Platz. Wenn du zu einem Therapeuten oder Psychiater gehst, empfehle ich dir, mehr darueber zu sagen, was im Moment schieflaeuft bei dir. An deiner Vergangenheit laesst sich ja nichts aendern (natuerlich kann die Kenntnis der Vergangenheit hilfreich sein, um gewisse Dinge zu verstehen, aber das ist aus meiner Sicht nicht der Ausgangspunkt).

X!iraxin


Und sollte dir ein Therapeut sagen "So schlimm ists ja nicht", würde ich empfehlen einen weiteren aufzusuchen.

Die 1. Therapeutin, zu der ich ging, sagte zu mir auch "Trauern sie und wenns nich besser wird kommen sie in 6 Monaten wieder" (nach dem Tod meiner Schwester)...

Nach 6 Monaten gings mir aber nur sehr viel schlimmer...ich ging dann zu einem 2. Therapeuten und der hat sofort erkannt, dass ich "hilfe" brauch.

Ist wie mit der Liebe. Man muss ja auch erst ein paar Frösche küssen...genauso ists bei Therapeuten.

Nicht jeder Therapeut passt zu jedem Patienten.

PSed'di


Das ist echt viel. Du hast jedes recht dir Hilfe zu suchen.

Wollen Sie selber etwas dazu schreiben?

Dann melden Sie sich an bzw. lassen Sie sich jetzt registrieren, das ist kostenlos und innerhalb weniger Minuten erledigt. Interessant sind sicher auch die übrigen Diskussionen des Forums Psychologie oder aber Sie besuchen eines der anderen Unterforen:

 ·  ·


Nicht angemeldet: Anmelden | Registrieren | Zugangsdaten vergessen? | Hilfe

Startseite | Impressum | Nutzungsbedingungen | Netiquette | Datenschutz | Mobile Ansicht   © med1 Online Service GmbH