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"Mit den Flügeln der Zeit fliegt die Traurigkeit davon."

l=uomaxren


Die Demut kommt daher, dass ich vor drei Jahren dachte, meine traumatischen Erfahrungen sind soweit abgearbeitet, dass ich damit klarkomme. Ich kriege mein Leben ja auch auf die Reihe. Die verbliebenen Reste, die aus dem Nichts hochkommen, sind dennoch aber super heftig. Bei mir läuft das alles über die Haut. Ich war jetzt zwar in der Hautklinik und meine Haut sieht so gut wie seit Jahren nicht mehr aus. Aber wo die Therapie nicht ausreichend war, sieht es genauso aus wie vorher. Das kann frustierend sein, wenn es man nicht mit Demut betrachtet.

Für mich hat Philosophieren immer etwas Abgelöstes. Ein Bekannter meinte, dass Philosophie immer mit irgendetwas in der Luft befestigt ist, seien es Heftzwecken, Sekundenkleber, Zement oder Spucke. Mir ist mittlerweile wichtiger, dass ich einen Realitätsabgleich habe: Ist das, was mir mein Umfeld spiegelt, dasselbe, was ich auch über mich denke? Dann ist dein Umfeld dein Sein und deine Gedanken sind dein Bewusstsein. Francis Picabia hat mal gesagt: Unser Kopf ist rund, damit unser Denken die Richtung ändern kann. Einfach den Kopf drehen und du bekommst eine neue Sichtweise. ;-D

Szhojxo


Diese Hinweise, man könnte erkannt werden, finde ich schon absurd, es sei denn, man hat seinem gesamten Bekanntenkreis erzählt, man schreibt hier. Dann macht es Sinn.

Quatsch. Ich bin hier auch schon von Leuten erkannt worden, die mich im "echten Leben" kennen, und es ist noch sehr viel wahrscheinlicher, wenn man irgendein spezifisches Problem wie beispielsweise eine bestimmte Krankheit hat, bei dem es möglich ist, dass Freunde und Angehörige nach Stichworten googeln. Dazu muss überhaupt niemand wissen, dass man bei med1 schreibt.

Dé.liée, ich habe bei Dir die Krankheit immer nur am Rande wahrgenommen, vermutlich weil ich nie tiefer in Deinen alten Faden eingestiegen bin (ich habe manchmal reingelesen, wenn Du mal woanders stiller warst, um zu erfahren, wie es Dir gerade geht, oder ich hab Danae gefragt ;-) ). Überwiegend haben wir rumgeblödelt oder einfach so ein bisschen Alltagskleinkram ausgetauscht, ehe wir dann irgendwann angefangen haben, uns zu schreiben. Ich weiß von der Magersucht und der Klinik und all das, aber es macht nur einen recht kleinen Teil dessen aus, wer Du für mich bist. Für mich bist Du vor allem jemand, der klug und lustig ist und einen ganz eigenen Blick auf die Welt hat, jemand, dem ich sehr, sehr wünschen würde, dass er sich selbst immer mehr Freund sein kann und so viel Rückhalt in sich selbst und einer Handvoll wirklich guter Freunde findet, dass das Selbstbild unabhängig(er) wird von Leuten, die Dir nicht guttun, weil sie ausschließlich auf sich selbst und kein bisschen auf Dich achten. Ich weiß, dass die Krankheit lebensgefährlich werden kann und es für Dich schon ein paar Mal sehr knapp war, aber wenn ich an Dich denke, dann sehe ich vor allem vor mir, wie Du mit den Kindern rumalberst, denke an die Reisen, die Du gern machen möchtest, und denke: "Mensch, wenn dieses Mädel einfach nur von Anfang an so geliebt worden wäre, wie es richtig und verdient gewesen wäre, wenn sie nicht so viel blödes Gepäck mitbekommen hätte, das wäre so schön." Aber mit dem Gepäck mag ich Dich ebenso gern, es tut nur manchmal weh, zu spüren, wie schwer es ist und dass Du oft Dinge nicht tun kannst, weil Du es (noch) mit Dir rumschleppst.

Du wirst es niemals ganz loswerden, und ich glaube, das zu akzeptieren ist wichtig, wenn auch schmerzhaft. Aber ich wünsche Dir (und mir und allen, die Dich gern haben und glücklich sehen möchten) sehr, dass es viel, viel leichter wird und so viel Schönes dazukommt, dass Du es streckenweise völlig vergisst oder auch schulterzuckend sagst, "na, diese kleine Tasche aus Überresten, die an den meisten Tagen fast nichts wiegt und an manchen Tagen dann auf einmal vorübergehend bleischwer wird, gehört halt dazu, auch wenn es manchmal nervt". Bei mir ist es so, dass ich mir nicht aus vollem Herzen wünschen kann, mein Vater wäre niemals krank geworden und gestorben, obwohl es mit zum Schlimmsten gehört, was ich je erlebt habe, und immer noch manchmal einen Schatten auf mein Leben wirft, ein Echo in mir hat, wehtut, Nachwirkungen hat (beispielsweise Verlustangst, die mich mal mehr, mal weniger eisig anfasst, aber grundsätzlich immer irgendwie präsent ist). Aber sein Tod gehört mit zu dem Weg, der mich dorthin geführt hat, wo ich jetzt bin, und ich bin sehr, sehr gern genau hier. Wäre er nicht gestorben - hätte ich dann meinen Kerl überhaupt kennengelernt, oder wäre mein Leben so anders verlaufen, dass nicht? Wäre unser Kind je geboren worden?
Dieses Gefühl, das wünsche ich Dir aus ganzem Herzen - dass Du Dich irgendwann dort, wo Du bist, so wohlfühlst, dass Du den Weg, der Dich dort hingebracht hast, um dessentwillen "mitkaufst", lieber als irgendeinen anderen fiktiven Weg, der Dich irgendwo anders hingeführt hätte, aber eben nicht genau dorthin, wo Du bist und sein willst.

Übrigens fällt mir gerade mal wieder auf, dass alle Menschen, denen ich mich nah fühle, ordentlich Gepäck haben - viele von ihnen gutsortiertes Gepäck inzwischen, aber bei allen sind so "Schachtelteufelchen" mit drin, die ihnen schon öfter mal heftig wieder ins Gesicht gesprungen sind. Ich weiß nicht, ob es einfach so ist, dass jeder Mensch sein hässliches olles Gepäck hat, oder ob ich mich nur solchen nahefühle, bei denen es so ist.
Ist ja auch egal. Ich wünsche mir jedenfalls nicht, dass Du einfach gar kein Gepäck hättest, denn dann wärst Du vollkommen anders, und damit würde ich mir wünschen, Du wärst jemand vollkommen anderes, und das bringe ich nicht fertig, das ist zu abstrakt. Aber ich wünsche Dir sehr, sehr, sehr, dass Du es immer besser sortiert bekommst und Dich in Deiner Haut irgendwann so wohlfühlst, dass Du in keiner anderen mehr stecken möchtest, selbst dann nicht, wenn Dich manchmal so ein schmerzliches Echo anspringt (und dass das so bleiben wird, also dass es einen doch manchmal noch anspringt, darauf würde ich ja aus eigener Erfahrung glatt Brief und Siegel geben, auch wenn es immer seltener wird und besser wegzustecken).

Ich hab Dich gern und bin froh, Dich zu kennen.

P@edndxi


Hallo. Ich habe dich gelesen. Glg

Doé.Sliéxe


wintersonne

Man spricht zwar manchmal von Stillstand - sich im Kreis drehen ..... aber bei dir hört es sich nicht so an, auch wenn du noch mit "alten" Problemen zu käampfen hast.

Das ist aber eine neue Veränderung. Man kann eigentlich schon sagen, dass ich mich jahrelang ziemlich im Kreis gedreht habe, gerade vor meinem ersten Klinikaufenthalt in der jetzigen Klinik (also Februar 2016). Mein damaliger Thread wurde ja genau aus dem Grund geschlossen, aber durch die Zeit in der Klinik und die doch sehr intensive Therapie dort bin ich einen Schritt weiter, hoffe ich.

Und ich versuche ja ganz stark, dass ich nicht hier öffentlich kreisel, sondern in solchen Momenten dann innerlich mit mir diskutiere. Muss ich aber noch üben, manchmal ist mir einfach - metaphorisch - so schwindelig von dem Gekreisel, dass ich emotionsblind bin. Ich versuche aber, nicht bei jedem Tief direkt ins Forum zu schreiben, sondern mal mich selbst und die Gefühle auszuhalten.

Die letzten Wochen war ich aber so beschäftigt, dass da eigentlich weder zeit zum Kreiseln, noch so wirklich zum Denken blieb.

Hier ist gerade auch alles neu, meine ganze Lebenssituation: Ich wohne wieder Zuhause und damit auch gleichzeitig weit von meinem vorherigen Umfeld entfernt (auch, wenn sich das ja schon aufgelöst hatte, aber trotzdem). Ich wohnte jahrelang knapp 250km entfernt von Zuhause und jetzt sitzen wir wieder aufeinander (auch, wenn sie viel arbeiten) und meine Krankheit hat früher zumindest zu vielen Diskussionen geführt, einfach weil meine Familie eben das Ausmaß miterlebt hat. Die letzten Jahre war ich an den Tagen, an denen wir uns gesehen haben einfach sehr bemüht, "normal" zu sein, aber auf Dauer kann ich diese Maske nicht halten.

Danae

Der Preis den du nicht zahlen möchtest. Dann nimm das, halt das fest und motivier dich damit wenn im Tief die ewige Frage:WOFÜR? auftaucht.

Es gibt Momente (und du hast ein paar davon ja erst direkt miterlebt), in denen so eine ähnliche Diskussion in meinem Kopf stattfindet. Wenn ich richtig wütend bin (sieht man von außen nur nicht so), auf mich, auf die Krankheit, auf alles. Dann werde ich trotzig mir selbst gegenüber und dann esse ich Tiramisu. Fuck off. Das sind aber bisher nur vereinzelte Momente, weil ich auf Dauer eben das Körpergefühl nur schwer ertragen kann. Ich hatte mal eine Phase, da hatte ich wirklich diesen "Heute darf ich"-Tag. Einmal die Woche loslassen, aber der ist wieder untergegangen und erst bei Dir wieder aufgelebt. Vielleicht ist das aber ein Anfang. Auch, wenn ich gewaltig aufpassen muss, weil mein Körper dann immer Achterbahn spielt, wenn ich nicht das esse, was in meinem "Programm" steht.

Ich muss mich aber immer noch an das Gefühl dabei gewöhnen. In einem anderen Thread habe ich geschrieben, dass es mir besonders schwer fällt vor Menschen zu essen, von denen ich weiß, dass sie wissen, dass ich krank bin. Aus Angst, dass die anderen dann Schwäche und fehlenden Willen sehen. Zu lange habe ich meine Stärke und meinen Ehrgeiz und meine Disziplin rein über das Essen definiert. Was du mir dazu gesagt hast, klingt schlüssig, das schon, aber ich bin misstrauisch.

Ankelina

Ich kann endlich Stück um Stück die Vergangenheit loslassen und sie als das sehen was sie ist - vorbei und mich immer weniger belastend .

Ich kann mir immer so schlecht vorstellen, wie man die Vergangenheit loslassen kann. Ich höre nur oft, dass es irgendwann Zeit ist, dies zu tun, aber ich kann mir ganz oft nicht vorstellen, dass das geht.

Ich habe für manche Erkenntnisse lange gebraucht manche kommen ganz schnell aber trotzdem ist da meine Ungeduld mit mir vorhanden und auch meine Umwelt hat manchmal Schwierigkeiten mit meiner Veränderung

Ja, diese Ungeduld ist so unerträglich. Ich weiß, dass ich ziemlich streng mit mir bin, aber dieses Wissen ist ja rein rational. In mir nörgelt trotzdem eine Stimme: "Schneller, schneller, auf, auf". Kannst du Deine Ungeduld irgendwie integrieren oder gar akzeptieren?

Ich kann heute offen Nein sagen und merke meistens daß die ANDEREN damit ganz gut umgehen und die die es nicht können brauche ich nicht in meinem näheren Leben - endlich beginne ich nach MIR zu schauen und nehme meine Bedürfnisse wichtig - obwohl ich nie ein egoistischer Mensch werden würde .

Ich glaube, das ist ein ganz großes Ziel. Selbstbehauptung, Grenzen setzen, wahrnehmen und verteidigen. Da hast du schon ganz ganz viel erreicht!

Dir wünsche ich gute und dich unterstützende Menschen auf deinem weiteren Weg aber auch das Lernen dass nicht immer die Dauer die sie dich begleiten und für dich da sind wichtig ist sondern dass du sie hattest und sie dir gut getan haben .

Das fällt mir eben leider sehr schwer. Ich kann nur schwer akzeptieren, dass Menschen kommen und gehen und gerade liebgewonnene Menschen will ich am Liebsten festhalten. Das erschwert auch eine Therapeuten-Patienten-Beziehung ziemlich, weil ich entweder offen bin (aber dann innerlich auch anfange zu klammern und emotional abhängig werde) oder ganz verschlossen, aus Angst, dass ich sonst eben zu offen bin. Nargh.

Natürlich habe ich lange gebraucht um da hinzukommen wo ich heute bin und ich bin noch immer nicht angekommen und kämpfe auch heute noch gegen die Gefühle der Verlustangst der Selbstzweifel usw. an aber ich bekomme immer mehr Vertrauen in mich selbst und das wiegt alles auf .

Ich wünsche Dir dabei auch alles Liebe und ganz viel Kraft und Mut und Stärke!

luomaren

Aber Demut ist ja auch nicht zwingend etwas schlechtes oder? Vielleicht sogar gerade nicht, weil einem dadurch ja immer bewusst bleibt, dass man noch weiterkämpfen muss?

Ist das, was mir mein Umfeld spiegelt, dasselbe, was ich auch über mich denke?

Das ist ja eine Sache, die ganz oft und bei ganz vielen auseinanderklafft. Eigen- und Fremdwahrnehmung. Bin ich zu laut, zu leise? War ich zu hart oder zu weich? Habe ich richtig gehandelt? Ganz schwierig das in Einklang zu bringen, aber das geht auch nur, wenn man die Rückmeldungen von außen bekommt.

Unser Kopf ist rund, damit unser Denken die Richtung ändern kann. Einfach den Kopf drehen und du bekommst eine neue Sichtweise.

Sehr schön, muss ich mir merken! ;-D

Dué.lixée


Shojo

All die schönen, warmen Worte, die du geschrieben hast, ich musste wirklich schlucken. Aber das, was du geschrieben hast, ist für mich so wichtig zu hören, weil ich es selbst nicht mehr weiß? Es gibt nur sehr wenige Menschen, von denen ich glaube oder weiß, dass sie mich eben auch als Menschen wahrnehmen. Viel mehr bekomme ich die Zurückweisung zu spüren, übrigens auch in der Klinik von Mitpatienten, weil sie mir gar nicht die Chance geben, zu zeigen, wer ich bin. Früher war das viel stärker, als man mir die Essstörung noch richtig angesehen hat (was ich jetzt nachträglich auf Fotos auch sehen kann). Das kommt und geht, aber selbst in meinem Praktikum war plötzlich nicht mein Wissen oder ich als Mensch interessant, sondern für die Kollegen nur die Krankheit. Vielleicht waren die Ratschläge gut gemeint, auch, dass ich meine Berufswahl überdenken sollte, aber für mich ist und war das ein böser Schlag. Als könnte ich die Krankheit nicht einmal mehr verstecken, so sehr ich es auch durch lange Kleidung und einem Lächeln versuche. Und als könnte ich nichts außer krank sein.

Aber mit dem Gepäck mag ich Dich ebenso gern, es tut nur manchmal weh, zu spüren, wie schwer es ist und dass Du oft Dinge nicht tun kannst, weil Du es (noch) mit Dir rumschleppst.

Aber wenn mir dann gesagt wird, dass es vollkommen egal ist, wie ich aussehe, was ich wiege und ob ich lache oder auch mal weine, dann tut das so ungemein gut. Ich kann das Gepäck ja auch schließlich nicht irgendwo komplett liegenlassen. Ich kann es mittlerweile mal kurz absetzen und den Stimmen in meinem Kopf Einhalt gebieten, aber noch bin ich nicht soweit, dass ich zurückschreien kann, dass sie ihre Klappe halten sollen. Noch ist das Gepäck eben da, bloß sind viele Menschen in meinem Umfeld sehr oberflächlich und wollen einfach nur Spaß. Ich jammere hier in meinem Umfeld nicht, eigentlich mache ich es sehr wenig zum Thema außer jemand fragt, aber manchmal kracht es über mir einfach zusammen und dann kann ich gerade nicht "einfach nur Spaß haben".

Es ist einfach hart, dass selbst meine Familie in mir nicht mehr viel sieht. Ständig versuche ich etwas zu erzählen, aber ich werde abgewürgt und andere, wichtigere Dinge lösen es ab. Klar, der Hausbau. Z.B. habe ich mit Dir und mit Danae habe ich darüber gesprochen, dass ich ins Ausland will, ich war so überzeugt, dass ich das kann und ich habe mich so gefreut, dass ich innerlich endlich mal wieder für irgendwas brenne, aber kaum sprach ich es hier an, wurde es kaputt gemacht. Durch ein "Aha". Vollbremsung und ich kann noch nichts dagegen tun, dass es mich so hart trifft.

Für meine Familie ist es so normal, dass ich immer wieder in der Klinik bin. Zu normal. Studium und Klinik.

Aber ich wünsche Dir (und mir und allen, die Dich gern haben und glücklich sehen möchten) sehr, dass es viel, viel leichter wird und so viel Schönes dazukommt, dass Du es streckenweise völlig vergisst oder auch schulterzuckend sagst, "na, diese kleine Tasche aus Überresten, die an den meisten Tagen fast nichts wiegt und an manchen Tagen dann auf einmal vorübergehend bleischwer wird, gehört halt dazu, auch wenn es manchmal nervt".

Und ich glaube, dass das so langsam wird. Es wechselt sich noch ganz rasant ab, wie schwer das Gepäck ist, aber die leichten Momente gibt es! Wenn das dann zusammenbricht, ist das zwar im ersten Moment viel härter als wenn man immer ganz unten im Loch sitzt, aber dadurch fühle ich zumindest, dass ich noch lebe. Das ging ganz lange nur durch die Drogen, weil ich nur dann überhaupt Glück und Leichtigkeit fühlen konnte. Für mich war es gar nicht mehr real, dass man das auch ohne Drogen spüren kann.

Aber sein Tod gehört mit zu dem Weg, der mich dorthin geführt hat, wo ich jetzt bin, und ich bin sehr, sehr gern genau hier.

Mir tut das so leid, dass du das erleben musstest.

Ich glaube aber, ich verstehe, was du meinst. Bestimmt hast du Dir auch schon mal die Frage gestellt, ob du gern die Zeit zurückdrehen und alles ändern würdest? Es gibt Wesenszüge in mir, die ich mittlerweile ganz gerne mag und von denen ich aber weiß, dass sie nur da sind, weil man mir Dinge angetan hat. Mein Stil zu fotografieren oder zu malen, der Hang zur Melancholie und Traurigkeit, die immer mitschwingen, die Art wie ich Klavier spiele. Ziemlich oft wird mir gesagt, dass ich dadurch andere Menschen an ihre eigenen Gefühle führen kann, manche haben nach Jahren das erste Mal wieder geweint. Das ist heftig. Ich weiß mittlerweile durch die Rückmeldungen anderer, dass ich gut spielen kann, aber ich glaube, ich kann es eben nur, weil ich bin, wer ich bin, weil ich erlebt habe, was ich erlebt habe und weil all das in mir schlummert.

Wäre er nicht gestorben - hätte ich dann meinen Kerl überhaupt kennengelernt, oder wäre mein Leben so anders verlaufen, dass nicht? Wäre unser Kind je geboren worden?

Fällt es Dir manchmal schwer, daran festzuhalten? Manchmal fühle ich mich da ziemlich undankbar. Ich glaube nicht, dass ich allzu viel in meiner Vergangenheit ändern würde (außer vielleicht den Umgang mit Passiertem; früher um Hilfe bitten oder so) und ich weiß auch nicht da hatte ich auch eine interessante Unterhaltung mit Danae drüber,, ob ich mich jetzt für die Freiheit entscheiden könnte, wenn ich die Wahl hätte. So groß der Wunsch ganz oft auch ist, dass all das niemals passiert wäre oder dass ich einfach frei sein könnte, so sehr habe ich Angst, dass ich dadurch mich verlieren würde? Weil mittlerweile gibt es eben doch Dinge, die ich vielleicht an mir mag.

Und ich glaube ganz fest daran, dass sich so vieles irgendwie findet. Ich meine, ja, vielleicht hättest du Deinen Kerl nicht kennengelernt, vielleicht wäre Dein Leben komplett anders?

Übrigens fällt mir gerade mal wieder auf, dass alle Menschen, denen ich mich nah fühle, ordentlich Gepäck haben - viele von ihnen gutsortiertes Gepäck inzwischen, aber bei allen sind so "Schachtelteufelchen" mit drin, die ihnen schon öfter mal heftig wieder ins Gesicht gesprungen sind. Ich weiß nicht, ob es einfach so ist, dass jeder Mensch sein hässliches olles Gepäck hat, oder ob ich mich nur solchen nahefühle, bei denen es so ist.

Ich glaube, das beides zutreffen kann. Eigentlich hat jeder ein Päckchen - mal ein größeres, mal ein kleineres, mal eingestanden, mal verleugnet. Ich weiß nicht, aber für mich ist es Stärke, wenn man sich seines Päckchens bewusst ist. Nicht, dass man es kontrolliert, sondern dass man es wahrnimmt und annimmt. Es zulässt? Eigentlich sind die die Starken, die sich darüber im Klaren sind und an sich arbeiten (und manchmal ist aushalten auch arbeiten)... überspitzt ausgedrückt könnte man auch sagen, dass die anderen nur zu feige sind, sich ihrem Gepäck zu stellen, indem sie verdrängen? Reflexionsfähigkeit und das Eingeständnis, dass man auch mal Fehler macht, machen mir Menschen unheimlich sympathisch und menschlich. Dass es okay ist, dass man nicht perfekt ist (also auch ich nicht) und wenn mir jemand so sehr vertraut, dass ich etwas über sein Gepäck erfahren darf, dann führt das irgendwie zu einer Verbundenheit... eben Nähe. Das sind dann die Menschen, die mir so wichtig sind, dass ich ihnen nahe bleiben will! Und wenn man mal genauer hinschaut, dann findet man ganz oft auch gewisse Parallelen zu sich selbst und damit kämpft man nicht mehr wirklich alleine gegen seine inneren Dämonen, sondern hat jemanden an der Seite, dem es genau so geht oder ging?

Vielleicht kommt das ja bei Dir auch hin?

Ich wünsche mir jedenfalls nicht, dass Du einfach gar kein Gepäck hättest, denn dann wärst Du vollkommen anders, und damit würde ich mir wünschen, Du wärst jemand vollkommen anderes, und das bringe ich nicht fertig, das ist zu abstrakt.

Und das tut so unglaublich gut zu lesen. So sehr!

Ich hab Dich gern und bin froh, Dich zu kennen.

Hätte ich mein Päckchen nicht, und du nicht Deins, ganz viele hier nicht ihres, dann würde es diesen Thread niemals geben, ganz viele andere Threads auch nicht und dann hätte ich hier ganz viele niemals kennengelernt und das würde mich traurig machen. Und Dich und Danae hätte ich ich niemals getroffen und das fände ich auch wirklich sehr sehr schade! Auch weil ich niemals die Chance bekommen würde, die Wärme (mir fehlt das richtige Wort, glaube ich) irgendwie irgendwann zurückzugeben, was ich aber so gerne würde, weil ihr zu den Menschen gehört, die mich weiterkämpfen lassen, eben weil ihr mir zeigt, dass ich mehr als die Krankheit bin und einfach da seid.

Peddi

Danke! @:)

djanaex87


Ich staune immer wieder über den Weg den du im letzten Jahr gegangen bist, dass ist so super und das kann man an den letzten Texten auch so gut lesen. :-D

w*inte$rso-nnIe 0x1


Ich wohnte jahrelang knapp 250km entfernt von Zuhause und jetzt sitzen wir wieder aufeinander

ist das nur ein vorübergehender Zustaand oder ist das fü länger geplant?

Auf Dauer glaube ich kann dir das nicht gut tun... ":/ besser wäre es, wenn du eine eigene Wohnung haben könntest und du deinen eigenen Weg gehen kannst. Mit der Familie sozusagen noch belastet zu sein, kann auch manchmal zu viel sein. Nicht umsonst spricht man ja immer vom loslösen....

kRatiBaf.ox


Ich finde, du liest dich wahnsinnig aufgeräumt und gereift, da kommt auf einmal Persönlichkeit rüber, die etwas entgegnet und/oder nachfragt. Ich freue mich sehr für dich, dass du solche Sprünge gemacht hast. Und Tiramisu ist echt lecker! :-)

lmuIomarSen


(und manchmal ist aushalten auch arbeiten)...

:-o :-o :-o Habe ich das richtig gelesen? Der Satz aus deinem Mund... :-o

Ejhemxaliger NKutzero (#58659x2)


Ja ich finde auch dass aushalten arbeiten ist .

Je besser du was aushalten kannst und je öfter es dir gelingt das schwere oder im Moment nicht ändern zu könnende zuzulassen um so stärker wirst du werden .

Zumindest ist dies meine Erfahrung .

Es vermittelt dir ein Gefühl von Stärke und Sicherheit die Sicherheit vieles aushalten zu können und immer weniger erneut in ein Suchtverhalten abzurutschen .

Bei mir war es immer so dass Essen für mich bedeutet hat die " emotionalen Löcher " zu stopfen und die fehlende Liebe damit auszugleichen .

Ein schlimmer Kreislauf der unheimlich belastend war und den ich gottseidank kaum mehr anwende

Heute fülle ich diese Löcher mit vielen Aktivitäten die mir gut tun und mich immer weiter von diesem ungesunden Kreislauf entfernen.

Natürlich gibt es auch mal Rückschläge wenn ich psychisch mal so richtig down bin aber ich bekomme danach wieder schnell die Kurve und ändere mein Verhalten .

Ich denke kämpfen werden wir unser Leben lang aber wir werden trotzdem stärker da die Phasen des kämpfens weniger werden und wir mit kritischen Situationen immer besser umgehen können .

Was ich von dir bisher gelesen habe zeigt mir daß du manchmal trotz deiner inneren Zerrissenheit eine große Kraft und Stärke in dir hast und du eben nicht nur aus dieser kranken und unsicheren Person bestehst .

Also ein positiver und liebenswerter Mensch bist der es verdient glücklich und frei zu sein .

Ich wünsche dir dafür Alles Gute und ganz viel Mut und Zuversicht . :)*

dqanWa>ed87


Hahaha (triumphierend!)! Siehst du, nicht nur ich sehe wie unglaublich du dich im Laufe des letzten Jahres bewegt hast!

E9hem]aliger Nu,tzerT (#5Y86592x)


Ja sogar ich die dich noch nicht sehr gut kennt sieht deine Fortschritte die du erreicht hast

Aber wir sehen es wohl immer erst später als die Anderen weil wir glaube ich nur voller Ungeduld dass sehen das uns hemmt und was unbedingt noch verändert werden muss .

Glaube mir dieses Gefühl wenn du vor dir selbst zugeben kannst wie viel du schon geschafft hast und um wieviel besser du dich damit schon fühlst das ist einfach so gut und gibt dir Hoffnung und Kraft .

Ich habe viele Jahre gebraucht dafür und habe durch falsche Therapeuten die mich zwar therapiert haben aber mich letztendlich kein Stück vorangebracht haben einige Zeit verloren doch auch diese war nicht unnütz.

Als ich mal wieder ( ich war drei Mal in einer Klinik ) in einer Klinik war haben wir in einer Gruppensitzung mal die Theorie aufgestellt dass wir eigentlich die " Gesunden " sind und die Leute draußen die eigentlich " Kranken "

Und ich glaube noch heute daran dass ein Teil davon stimmt .

Fast alle Menschen die ich bis jetzt kennengelernt habe die für mich gut waren es gut mit mir meinten hatten ihr Päckchen zu tragen der Eine mehr der Andere weniger doch sie besassen fast alle das Einfühlungsvermögen welches ich so dringend brauchte.

Solche Menschen wünsche ich dir ( und davon viele ) die dich begleiten und dich stützen , die dir helfen zu sehen was für ein wertvoller und wichtiger Mensch du bist und dass du so wie du bist unser Leben bereicherst.

S4hojxo


Als ich mal wieder ( ich war drei Mal in einer Klinik ) in einer Klinik war haben wir in einer Gruppensitzung mal die Theorie aufgestellt dass wir eigentlich die " Gesunden " sind und die Leute draußen die eigentlich " Kranken "

Und ich glaube noch heute daran dass ein Teil davon stimmt .

"Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen" von Hannah Green kennen hier bestimmt alle, oder?

dganaex87


Nö, das kenne ich nicht. Es klingt als sollte ich.

S&hojxo


Himmel! Ja, ganz, ganz dringend solltest Du. Es ist teilweise etwas erschreckend, weil es in einer Zeit spielt, als sie noch etwas eigenwillige Vorstellungen von Therapie hatten, aber es ist ein unfassbar klug geschriebenes Buch. Ich habe noch nie etwas Besseres zum Thema psychische Schwierigkeiten und Normalität/Nichtnormalität gelesen.

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