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9 Monate nach Unfall- beginnt jetzt erst die Verarbeitung?

VJictoEriqaSoph`ie95 hat die Diskussion gestartet


Hallo zusammen,

unsere Familie hat Anfang diesen Jahres das Schicksal Schädel-Hirn-Trauma ereilt.

Mein Cousin ist unweit meines damaligen Wohnortes schwer verunglückt und hat ein SHT 3. Grades erlitten. Dazu kamen diverse andere Verletzungen, die allesamt lebensbedrohlich waren. Der Hergang, der zu diesem Unfall führte ist bis heute leider nicht geklärt...

Ich habe in der Zeit woanders gearbeitet und war an diesem Wochenende mit Freunden zuhause unterwegs, kam erst spät heim und wurde morgens durch meine Mama, die meine Tante am Telefon hatte, geweckt. Der erste Satz der fiehl war "Er liegt im Koma, keiner weiß was passiert ist". Dieser Satz hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt...

Wir sind direkt in die Uniklinik (3 Stunden entfernt) gefahren - für mich alles wie im Film. Als wir im Krankenhaus ankamen und die Intensivstation betreten haben, war das so ziemlich der schlimmste Moment in meinem doch recht jungen Leben...

Ich habe meine Tante, meinen Onkel und kleinen Cousin gesehen und keiner von uns konnte seine Tränen und die Angst auch nur ansatzweise zurück halten. Der Anblick meines Cousins im Koma an verschiedene Geräte angeschlossen ist für mich heute noch schlimm...

Nach Wochen des Bangens und Hoffens ist er dann aus dem Koma erwacht, die Reha Zeit war ganz fürchertlich; auch dort floßen viele, viele Tränen und es kam natürlich den üblichen Kampf mit Versicherungen und Co.

Heute geht es meinem Cousin wieder relativ gut, er lacht, läuft und spricht und wir sind einfach nur dankbar, dass er das ganze überlebt hat.

Mir hingegen geht es nun immer schlechter.

Ich bin für mein Masterstudium nach England gezogen und habe das Gefühl, dass ich erst jetzt anfange zu begreifen, was unsere Familie dieses Jahr durchgemacht hat.

Da mein Cousin relativ nah an meinem damaligen Wohn/Praktikumsort gewohnt hat, bin ich jeden Tag nach der Arbeit eine Stunde ins Krankenhaus gependelt, habe seine Freunde alle informiert, habe mich um viel Organisatorisches gekümmert und habe versucht stark zu bleiben.

Nun aber habe ich Zeit und realisere mehr und mehr was passiert ist. Ich weine viel, denke viel über mein Leben nach, habe Ängst um meine Eltern und meine Familie und merke, dass ich dieses Jahr noch gar nicht erfasst habe.

Ich hatte nie die Zeit über das Geschehene nach zu denken, ich habe funktioniert und alles soweit gemanaged bekommen - nun aber bin ich diejenige, die weit weg von zuhause, leidet...

Meine Freunde und mein Arbeitgeber haben mich das ganze letzte Jahr sehr, sehr gut aufgefangen, waren immer für mich da und haben immer und immer wieder mit uns gekämpft..

Und trotzdem fühle ich mich gerade jetzt hilflos und verloren...

Hat jemand von euch ähnlioche Erfahrungen gemacht? Habt ihr euch Hilfe in Selbsthilfegruppen gesucht?

Vielen Dank schon mal und liebe Grüße aus England!

Antworten
Faiz&zlypQuzzly


Da mein Cousin relativ nah an meinem damaligen Wohn/Praktikumsort gewohnt hat, bin ich jeden Tag nach der Arbeit eine Stunde ins Krankenhaus gependelt, habe seine Freunde alle informiert, habe mich um viel Organisatorisches gekümmert und habe versucht stark zu bleiben.

habe versucht stark zu bleiben.....weil? Hattest Du für dich das Gefühl oder den Eindruck stark bleiben zu müssen, weil die Anderen sonst eher zusammenbrechen würden als Du? Du ihnen deshalb soviel wie möglich abgenommen hast? Das ist auch vollkommen iO, nur dadurch hast Du dich von deinen eigenen Gefühlen distanziert. Ein Grund könnte z.B. gewesen sein, dass Du - wenn Du dich zu dieser Zeit nicht um das Organisatorische gekümmert hättest - wohl unfähig hättest sein können oder werden, andere zu unterstützen.

Nach meinem Empfinden sehe ich bei dir aber eher das "Ausblenden", weil Du diesen Anblick nicht ertragen konntest. Du hast dich damit wohl eher geschützt um dich vor eigenen "Schäden" an Geist und Seele zu bewahren, die sich oftmals dann auch in körperlichen Problemen spiegeln. Dafür spricht mMn das hier:

Ich hatte nie die Zeit über das Geschehene nach zu denken, ich habe funktioniert und alles soweit gemanaged bekommen - nun aber bin ich diejenige, die weit weg von zuhause, leidet...

Bei sehr vielen Menschen zeigt und löst sich der Schock erst dann, wenn sie zur Ruhe kommen bzw. über einen längeren Zeitraum Abstand von traumatischen Ereignissen bekommen.

Und trotzdem fühle ich mich gerade jetzt hilflos und verloren...

Ich erlaube mir mal diesen Satz zu verändern in - Und jetzt - nach so langer Zeit - fühle ich mich hilflos und verloren. Ich denke, das die Zeit der Verarbeitung jetzt für dich gekommen ist. Ich glaube auch das wir das nicht unbedingt willentlich beeinflussen können. Das was Du jetzt fühlst und für dich erlebst, zeigt doch wie sehr dich alles noch belastet.

Es ist sehr selten das man Freunde und auch einen AG hat, die so an deiner Seite stehen und mit dir gekämpft haben. Jetzt geht es aber um dich - nur um dich. Du darfst und solltest dich aus deiner übernommenen Verantwortung für deine Familie zurück nehmen. Wenn Du soviel Unterstützung erfährst fordere diese jetzt mal für dich. Sinnvoll wäre auch die Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe zu suchen, wobei ich dir rate darauf zu achten, das diese auch durch eine ausgebildete Fachkraft geführt oder unterstützt wird. Oder Du begibst dich direkt in fachärztliche psychologische Behandlung.

Alles was ich dir geschrieben habe, hat auch mit meinen eigenen Erfahrungen zu tun. Und ich war lange Zeit in Therapeutischer Behandlung. Deshalb möchte ich dir auf deinen Weg mitgeben - nimm deinen Schmerz, deine Tränen an. Gestatte dir, nicht mehr stark sein zu müssen.

Ich wünsche dir von Herzen das Beste und alles Gute.

Lgacerjtesx8


Heute geht es meinem Cousin wieder relativ gut, er lacht, läuft und spricht und wir sind einfach nur dankbar, dass er das ganze überlebt hat.

Das ist doch das Wesentliche, er wendet sich wieder dem Leben und Lebendigen zu. Sicher mit kleinen Schritten und Sorgen die diese Erschütterung mit sich gebracht hat.

Mir hingegen geht es nun immer schlechter.

Deine Ohnmacht ihm nicht mehr helfen zu können, lässt dich depressiv werden. Würde dies dein Cousin wollen?

Freue dich mit ihm, daß er zum Leben zurück findet.

Ich sage dies aus der Position eines Betroffenen. Auch ich hatte eine offenes SHT-3.Grades mit multiplen Gesichtsverletzungen. Mit 90 Titanschrauben und Platten haben sie die Einzelteile meines Schädels zusammen gefügt, ich sah aus wie von Frankenstein zusammengenäht. Meine Mutter hat mich nicht mehr erkannt. Mit allen Folgen die das Leben darnach noch so mit sich brachten, betrachte ich mich dennoch als "Überlebenskünstler", weil ich schon sehr bald nach dem "Lebendigen" geschaut habe.

J7uliaxT


Ich denke, es ist relativ normal, wie es bei Dir abläuft. Der Verarbeitungsprozess kann erst jetzt stattfinden. Dem Betroffenen geht es jetzt besser und Du kommst in weiter Ferne zur Ruhe. Vorher hast Du funktioniert und das stand im Vordergrund.

Gib Dir Zeit zum Trauern, und wenn Du irgendwann merkst, dass es nicht besser wird, nimm professionelle Hilfe in Anspruch.

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