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Keuschheit von Priestern, Nonnen und Mönchen

t+haumxazo


@clam3

Im Gegensatz zu den staatlichen Gesetzen kann die Theologie nicht an die veränderten gesellschaftlichen Entwicklungen angepaßt werden.

Na, das wird ja schon seit mindestens 150 Jahren sehr kontrovers diskutiert. Im 19. Jahrhundert hat die katholische Kirche diese Frage so für sich entschieden, dass sie sich ausdrücklich von den säkular-gesellschaftlichen Entwicklungen grundsätzlich distanziert hat. War ja sowieso alles vom Bösen. Gerade diese Sicht hat dann aber das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) korrigiert, indem es die Notwendigkeit erkannt hat, erst mal die Entwicklungen außerhalb der Kirche kritisch zu prüfen, anstatt sie von vorneherein zu verwerfen. Und siehe da, man hat z. B. in puncto Zölibat sich zu der Entscheidung durchringen können, Priester, welche ihr Amt niedergelegt haben, unter Umständen von der Verpflichtung zum Zölibat zu befreien. Bis dahin wars nämlich so, dass solche Priester exkommuniziert wurden, falls sie nach ihrer Rückkehr ins Zivilleben geheiratet haben.

Die Theologie ist also nicht so unwandelbar, wie kirchlicherseits, wenn's grade passt, gerne behauptet wird. Und kirchenrechtlich betrachtet ist alles, was nicht göttliches oder Naturrecht ist, prinzipiell veränderbar, auch die Zölibatsverpflichtung.

cRaram(bolxs


Und kirchenrechtlich betrachtet ist alles, was nicht göttliches oder Naturrecht ist, prinzipiell veränderbar, auch die Zölibatsverpflichtung.

Das denke ich auch, den Gesetze lassen sich neu schreiben.

c+l?amx3


Zur Überlegung einer Aktualisierung ist, aus meiner Sicht, folgendes zu beachten. Päpste und Kardinäle sind keine Kirchenpolitiker sondern Kirchenlehrer und -führer. Das Kirchenrecht leitet sich aus der Theologie ab.

Nun werden viele sagen, was ist daran so schwierig. Denken wir an die staatliche Gesetzgebung, die sich gesellschaftlichen Entwicklungen anpaßt und wenn sich dann Ungereimtheiten zeigen wird wieder geändert. Wird das Kirchenrecht geändert und folgt ihr die Theologie, dann ist eine Umkehr ohne Schaden an der theologischen Lehre kaum möglich.

Wenn ich es richtig mitbekommen habe, war beim 2. Vatikanischen Konzil, der damals sehr junge Kirchengelehrte Josef Ratzinger, unter dem Schutz von Kardinal Frings, einer der umtriebigsten Erneuerer in der Kirchen. Als Kurienkardinal für die Glaubenkongregation galt er als erzkonservativ.

Aus einigen Zeitungsberichten glaube ich herauslesen zu können, Ratzinger achtet die Meinung der anders Denkenden. Er fördert auch den Dialog und verschafft so manchem in der theologischen Lehre einen Platz. Was Ratzinger, Benedikt XVI, kategorisch ablehnt ist der marktschreierische Umgang mit der Forderung nach Erneuerung.

Die katholische Kirche hat nicht nur das Problem mit dem Zölibat in Deutschland. In Lateinamerika wird, durchaus lautstark, nach der Breiungstheologie gerufen. Der bewaffnete Widerstand sollte für Kahtoliken erlaubt sein. Wobei den Christen die Friedfertigkeit heilig sein sollte.

Das sind die Probleme einer Kirche.

tHhauAmaz+o


@clam3

Wird das Kirchenrecht geändert und folgt ihr die Theologie, dann ist eine Umkehr ohne Schaden an der theologischen Lehre kaum möglich.

Da hat dann aber die theologische Lehre im Jahr 1983 gewaltigen Schaden genommen, als das Gesetzbuch der kath. Kirche, der Codex Iuris Canonici (CIC) von 1917, durch eine Neufassung abgelöst wurde. Ich denke, es geht nicht darum, dass die Theologie dem Kirchenrecht folgen soll, sondern dass in der Theologie immer wieder mal neue Akzente gesetzt werden, die dann im Kirchenrecht sich niederschlagen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Veränderung in der Sicht der Ehe:

CIC 1917: Ehe=Vertrag

CIC 1983: Ehe=personaler Bund

Aber natürlich, @carambols, sind solche Veränderungen nur da möglich, wo es sich nicht um göttliches Recht oder Naturrecht handelt, wie ich schon oben geschrieben habe.

sktern!enkin-d1x05


Eigentlich ging es der Kirche bei der Keuschheit der Priester um ihren Besitzstandserhalt. Im Mittelalter hatte die Kirche viel Land aks ihren Besitz. Und wenn ein Priester der Kinder gehabt hätte und das Land ihnen vererbt hätte, dann wäre es mit dem Besitz der Kirche vorbei gewesen ;-)

irgendwie geht es immer um Macht und Geld :)D

a+rUisafavri


Zwei Dinge:

Inwieweit das mit dem Verhindern vom Vererben im Mittelalter stimmt kann ich nicht sagen (hätte doch im Studium mal was zum Zölibat machen sollen ;-D). Aber eine Sache zur Situation im Mittelalter. Der Priesterstand hatte damals ein gewisses Image-Problem, was ja später auch Teil der Gedanken Luthers wurde. Es stellte sich u.a. die Frage, wie ein Mann, der in der Gemeinde (sofern man im MA von einer Gemeinde sprechen kann) als Priester eine gewisse Respektsperson sein sollte, eher für seine wechselnden Frauenbekanntschaften bekannt ist.

Über Ratzinger habe ich keine feste Meinung, da ich viele verschiedene Ansichten des Mannes kennengelernt habe. Was aber das Denken solcher Menschen angeht, so muss man sich mal die unterschiedlichen Welten klar machen, in denen wir leben.

in unserer "weltichen Welt" wird inzw. vieles von einem gewissen Tempo vorgegeben. Reformen können nicht schnell genug gehen, können nicht radikal genug sein - vor allem aber werden sie oft von einem enormen Hype in der Presse begleitet.

Am heiligen Stuhl läuft aber vieles gemächlicher ab. Wenn hier nötige Reformen mit einer gewissen Andacht und Vorsicht angegangen werden, so muss das noch lange nicht bedeuten, dass das altmodisch, typisch Kirche und damit abzulehnen ist.

Vor allem aber ist die Kirche, wie ja schon mehrfach betont wurde, eini weltumspannende Religion. D.h. eine Entscheidung, die ein Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation oder als Benny 16. trifft, gilt für den Indio im tiefsten Lateinamerika genauso wie für die Herrn Meyer in Berlin. Daraus ergibt sich Problem, dass eine Sache die für Herrn Meyer völlig verständlich ist, dem Indio völlig unverständlich ist. die Kurie muss also im Dienst der Einigkeit der Kirche darauf achten, dass alle Gläubigen an einer Entscheidung teilhaben können.

Einer meiner Professoren hat das mal schön mit einem Beispiel aus Polen verdeutlicht. Es gibt dort wohl eine kirchliche Jugendzeitschrift, die immer in zwei Auflagen erscheint. Für die Städte und den westlichen Teil werden moderne Themen behandelt, für andere Landesteile wo weite Teile der Gläubigen noch nicht umfassend in unserer Welt angelangt sind werden in unseren Augen altmodische Dinge behandelt.

t?haumwazxo


@sternenkind105

irgendwie geht es immer um Macht und Geld

Klar, natürlich geht es immer um Macht und Geld. Das kann man ja den vielen kirchenkritischen Büchern auf Bild-Zeitungs-Niveau entnehmen, deren Verfasser aus reiner Selbstlosigkeit die Feder in die Hand nehmen. Dabei braucht die Kirche ja gar kein Geld, schließlich könnten die paar Leute, die sie beschäftigt, auch samt Familien von Luft, Liebe und Idealismus leben. Und dann könnte man sich auch die irrsinnig hohe Kirchensteuer sparen, die ja bekanntlich zu 99% nach Rom fließt und dort zur Federung des päpstlichen Kopfkissens benutzt wird. Das habe ich jedenfalls von einem gehört, der einen kennt, dessen Großonkel schon mal in Neapel einen Kaffee getrunken hat. Und daher wird's ja wohl stimmen.

Also, sternenkind105, genau diese Art von Kirchenkritik, die alles pauschal verurteilt und ohne jedes Nachdenken verbreitet wird, ist es, die oft so heftige Reaktionen erzeugt und die ganze Kirchenkritik, auch die berechtigte und differenzierte, in Misskredit bringt.

cBlamx3


Klar, natürlich geht es immer um Macht und Geld

Das ist auch der Grund warum wir eine evangelische Kirche in Deutschland haben. Im Grunde interessierte sich für die neue Lehre Luthers niemand mehr.

Da gab es aber den Augsburger Religionsfrieden der besagte, der Landesfürst dürfe das Glaubensbekenntnis seiner Untertanen bestimmen. Im Gegensatz zu der katholischen Kirche hatten die Protestanten, kein Verwaltungswesen das zu einer Ausübung der staatlichen Hoheit dienlich gewesen wäre. Schon gar nicht einer fürstlichen Obrigkeit hinderlich war.

Also entschied sich der Fürst, wenn er denn konnte, für den evangelischen Glauben und keiner konnte ihm dreinreden.

HXadru


@thaumazo

Klar, natürlich geht es immer um Macht und Geld. Das kann man ja den vielen kirchenkritischen Büchern auf Bild-Zeitungs-Niveau entnehmen, deren Verfasser aus reiner Selbstlosigkeit die Feder in die Hand nehmen. Dabei braucht die Kirche ja gar kein Geld, schließlich könnten die paar Leute, die sie beschäftigt, auch samt Familien von Luft, Liebe und Idealismus leben. Und dann könnte man sich auch die irrsinnig hohe Kirchensteuer sparen, die ja bekanntlich zu 99% nach Rom fließt und dort zur Federung des päpstlichen Kopfkissens benutzt wird. Das habe ich jedenfalls von einem gehört, der einen kennt, dessen Großonkel schon mal in Neapel einen Kaffee getrunken hat. Und daher wird's ja wohl stimmen.

Also, sternenkind105, genau diese Art von Kirchenkritik, die alles pauschal verurteilt und ohne jedes Nachdenken verbreitet wird, ist es, die oft so heftige Reaktionen erzeugt und die ganze Kirchenkritik, auch die berechtigte und differenzierte, in Misskredit bringt.

Ich stimme Dir da völlig zu (wobei die Bild-Zeitung manchmal wirklich noch ein bißchen mehr inhaltliche Substanz in ihren Artikeln hat).

Übrigens - da dies hier in einem anderen Posting in doch recht oberflächlich polemisierender Weise angesprochen wurde - noch einmal kurz zum historischen Kontext der cluniazensischen Reformen im 11. Jahrhundert, durch die die gesamte lateinische Kirche nach monastischen Prinzipien neu organisiert wurde:

- "Geld" im heutigen Sinne gab es damals fast gar nicht - keinen bargeldlosen Zahlungsverkehr, keine Wertpapiere, keine Investmentfonds, nicht einmal Geldscheine und nur wenig Münzgeld. Die Kleriker und ihre Familien mußten in der Regel von einer sogenannten Pfründe leben, d.h. von den Natural-Erträgen eines landwirtschaftlichen Gutes, das sie bewohnten und neben ihren geistlichen Funktionen bewirtschafteten (und das hat mit Gier zunächst einmal überhaupt nichts zu tun: irgendwoher mußte ja auch der Pfarrer, seine Frau und seine Kinder die Lebensmittel beziehen, die sie brauchten , um nicht zu verhungern - und viele kleine Pfründen boten in der Tat kaum mehr als das). Das brachte im Gefolge nun freilich auch gravierende Probleme mit sich, die im zeitgenössischen Sprachgebrauch mit dem Begriff "Simonie" bezeichnet wurden. Was nämlich tun, wenn ein Pfarrer starb und Frau und Kinder hinterließ (die durchschnittliche Lebenserwartung lag damals bei nicht einmal 40 Jahren). Die Pfarrersfamilie hatte ja nur das Recht zum Nießbrauch, kein Eigentum an dem Kirchengut. Entweder man mußte die Witwe und ihre Kinder auf die Straße setzen (und das meinte damals wirklich und buchstäblich: auf die Straße setzen und ihrem Schicksal überlassen - Sozialämter gab es nämlich auch noch nicht). Oder man mußte warten, bis die Witwe ebenfalls verstarb und die Kinder erwachsen und in der Lage waren, sich selbst zu versorgen - was bedeutete, dass die Gemeinde oft lange Jahre ohne Pfarrer blieb, da das Gut, von dem dieser und seine Familie sich hätten ernähren müssen, ja nach wie vor durch die Vorgängerfamilie blockiert wurde. Oder - und diese Lösung scheint am häufigsten der Fall gewesen zu sein - einer der Söhne des verstorbenen Pfarrers wurde ganz einfach zum neuen Pfarrer gemacht. Und zwar ohne Rücksicht auf fachliche Qualifikation und persönliche Eignung zum Priesterberuf - oft nicht einmal mit Rücksicht auf sein Lebensalter. So konnte die Familie auf dem Gut bleiben und die Gemeinde war wenigstens notdürftig mit einem neuen Pfarrer "versorgt". Was in der Konsequenz aber auch bedeutete, dass die Kirche im Laufe der Zeit immer mehr von Klerikern überschwemmt wurde, die Analphabeten waren (Laien konnten damals in der Regel ja sowieso weder lesen noch schreiben, so dass es in der Gemeinde niemanden gab, der imstande gewesen wäre, die - ja nur in Latein verfügbare - Heilige Schrift zu lesen und damit das Wort Gottes in Erfahrung zu bringen); die oft nicht einmal über Grundbegriffe der Liturgie verfügten - also kaum in der Lage waren, am Sonntag die Heilige Messe zu feiern oder eine Taufe kirchenrechtlich korrekt vorzunehmen, geschweige denn über seelsorgerische Fähigkeiten verfügten. Ja, vielen dieser Kleriker, die ihre Pfarre und ihre Pfründe quasi ererbt hatten, gingen nach allem, was wir aus den Quellen wissen, ihre geistlichen Aufgaben drastisch ausgedrückt generell am Arsch vorbei.

- Diese zeitgenössische, aus den Gegebenheiten einer reinen Agrargesellschaft erwachsende Problematik erstreckte sich freilich nicht nur auf den niederen Klerus. Sie betraf in eminentem Ausmaß gerade auch den hohen Klerus. Wie erwähnt befand sich im 10. und 11. Jahrhundert das Papsttum über eine Reihe von Generationen quasi in Erbpacht einer stadtrömischen Adelsfamilie - und die Päpste, die diese Adelsfamilie der Kirche lieferte, waren immer wieder derart unterirdisch, das es buchstäblich in ganz Europa ein öffentlicher Dauer-Skandal war. Im - damals natürlich fast ausschließlich adelig besetzten - Bischofskollegium sah es vielfach nicht sehr viel anders aus.

- All das hatte die Kirche in weiten Teilen der Bevölkerung in einen derartigen Mißkredit - ja, man könnte durchaus die These wagen: in eine derartige Existenzkrise gebracht, dass eine grundlegende "Reform an Haupt und Gliedern" unausweichlich wurde. Der Kern des ganzen Übels war nun - da trafen die zeitgenössischen Diagnosen durchaus ins Schwarze - die Tatsache, dass kirchliche Ämter vom Landpfarrer bis hinauf zum Papst faktisch erblich geworden waren. Die im damaligen Kontext wohl einzig mögliche Lösung bestand folglich darin, diese Erblichkeit wieder rückgängig zu machen. Das hieß konkret, dafür zu sorgen, dass Kleriker keine legitimen, also erbberechtigten Kinder mehr zeugen konnten und illegitime Kinder zum Priesteramt nicht zugelassen wurden. Kurz: dass die gesamte Kirche nach monastischen Prinzipien neu organisiert wurde.

- Wenn man es zusammenfassend einmal auf den Punkt bringen will, dann könnte man sagen: Es bestand angesichts der - gesellschaftlich bedingten - Krise der Kirche die Existenznotwendigkeit für sie, "Geld und Macht" (also zeitgenössisch konkret: Pfründenwirtschaft und Ansprüche der Fürsten und Adeligen) in die Schranken zu verweisen. Die Stoßrichtung der cluniazensischen Reform war also genau umgekehrt zu dem, was ihr heute und auch hier mit so beiläufiger Selbstverständlichkeit unterstellt wird.

- Eine ganz andere Frage ist natürlich, ob das Zölibat von Weltpriestern im 21. Jahrhundert immer noch Sinn macht. Bei Mönchen und Nonnen ist es ja anders: Keuschheit, also der radikale Verzicht auf das Ausleben der eigenen Sexualität und das Zeugen eigener Kinder, ist nun einmal per definitionem unabdingbarer Bestandteil einer monastischen Lebensweise, in gewisser Weise sogar neben Armut und Gehorsam sein eigentlicher Sinn (die sogenannten evangelischen Räte). Das weltpriesterliche Zölibat gehört dagegen nicht zum zentralen Kern der theologischen Konzeption von Christentum, wie sie die - heute - römisch-katholische Kirche vertritt, das Dogma der Unvereinbarkeit der Sakramente von Ehe und Priesterweihe ist durchaus nicht unfehlbarer Bestandteil des depositum fidei. Was vor tausend Jahren unter radikal anderen äußeren Umständen unabdingbar war, um sicherzustellen, dass die Kirche auch in der (damaligen) Zukunft ihrer ureigenen Aufgabe, der Verkündigung der Frohen Botschaft Jesu Christi, nachkommen konnte, bringt sie heute zumindest in den westlichen Ländern nachgerade in die Gefahr, dies mangels Priesternachwuchs (in unserer Zukunft) nicht mehr tun zu können.

Andererseits muß man wohl auch in Rechnung stellen, dass der Ruf nach solchen und anderen Reformen in den Ohren derjenigen, die sich im vollen Bewußtsein um die persönlichen Konsequenzen für den katholischen Priesterberuf entschieden haben, schlechterdings odiös klingen muß. Verbergen sich hinter ihm doch allzu oft nur schlecht camouflierte Aversionen gegen das Christentum generell und die römisch-katholische Kirche im Besonderen. Wobei es dann in Wahrheit nicht mehr um Reform, also um Verbesserung geht, sondern um Extinktion, also Abschaffung. Man darf ernsthaft nicht erwarten, dass von ihrer Berufung überzeugte katholische Priester letzlich antichristlichen Bestrebungen auch noch die Hand bieten. Außerdem hat die römisch-katholische Kirche gerade in den letzten hundert Jahren immer wieder die Erfahrung machen können, dass es sich langfristig auszahlt, nicht jedem Zeitgeist hinterher zu laufen. Den prägenden Effekt dieser kollektiven Erfahrung sollte man nicht unterschätzen, denke ich.

- Abschließend noch eine persönliche Bemerkung: Das Schlimmste, was vielen professionellen Kirchenkritikern passieren könnte, ist doch, dass die Kirche ihre Forderung rückhaltlos erfüllt. Deshalb halten sich manche von ihnen (wie etwa Deschner) auch nicht mehr mit sachlichen Argumenten und Forderungen auf, sondern benutzen die Kirche nur noch als wohlfeilen Raum, in dem man sich medienwirksam auskotzen kann.

H>aru


Bis zum Sturz der Monarchie in Deutschland...

Also entschied sich der Fürst, wenn er denn konnte, für den evangelischen Glauben und keiner konnte ihm dreinreden.

...war der jeweilige Landesfürst zugleich summus episcopus der jeweiligen evangelischen Kirche (im Falle katholisch gebliebener oder wieder gewordener Fürsten mit protestantischen Untertanen wie im Falle Sachsens und Württembergs gab es regionale Sonderregelungen). Die jeweilige evangelische Kirche war auch nichts Anderes als ein Teil der staatlichen Verwaltung, zuständig eben für religiöse Angelegenheiten. In Preußen zum Beispiel schlicht und einfach eine Abteilung des Königlichen Staatsministeriums für geistliche, Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten. Die Pastoren hatten damit denselben Status und denselben Dienstherrn wie zum Beispiel Amtsärzte und wurden auch genauso behandelt. Was die Untertanen evangelischer Konfession zu glauben hatten, das wurde ebenso schlicht und einfach per Ministererlaß, Kabinettsbeschluß oder Allerhöchster Kabinettsordre Seiner Majestät dekretiert (Das Attribut "Allerhöchst" bezog sich dabei auf Seine Majestät, nicht auf Gott - und das völlig zu Recht). Ob das gegenüber der römisch-katholischen Kirche und ihrer episkopalen und kurialen Struktur wirklich so viel besser war, das darf wohl füglich bezweifelt werden. Es wurde jedenfalls bereits im 19. Jahrhundert von der pietistischen Reformbewegung und manchen neugegründeten oder aus dem angelsächsischen Raum importierten evangelischen Freikirchen massiv bezweifelt und in Frage gestellt.

Erst mit der Verfassung der Weimarer Republik von 1919 erhielten die verschiedenen evangelischen (Landes-)Kirchen als Körperschaften des öffentlichen Rechts institutionelle - und spirituelle - Eigenständigkeit von weltlichen Machthabern (die entsprechenden Artikel der Weimarer Verfassung besitzen noch heute rechtliche Gültigkeit). Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) als nationale Dachorganisation des landeskirchlich organisierten Protestantismus wurde sogar erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet.

Berücksichtigt man diese (obrigkeitsfixierte und in den Fängen der autoritären Obrigkeit fest eingeklammerte) Tradition des deutschen Protestantismus, dann wird einem erst so richtig augenfällig, welches Ausmaß an Innovation z.B. ein Dietrich Bonhoeffer und die Bekennende Kirche generell in die evangelische Theologie einbrachten. Dann versteht man aber auch, warum die evangelische Kirche zumindest in Deutschland immer wieder einen notorischen Hang offenbarte, weltlichen Machthabern noch der unchristlichsten Couleur hinterherzulaufen und sich ihnen anzubiedern (um es freundlich zu formulieren).

H&arxu


Diese kulturelle "Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen"...

Vor allem aber ist die Kirche, wie ja schon mehrfach betont wurde, eini weltumspannende Religion. D.h. eine Entscheidung, die ein Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation oder als Benny 16. trifft, gilt für den Indio im tiefsten Lateinamerika genauso wie für die Herrn Meyer in Berlin. Daraus ergibt sich Problem, dass eine Sache die für Herrn Meyer völlig verständlich ist, dem Indio völlig unverständlich ist. die Kurie muss also im Dienst der Einigkeit der Kirche darauf achten, dass alle Gläubigen an einer Entscheidung teilhaben können.

...ist für eine Weltkirche wie die römisch-katholische natürlich ein sehr viel größeres Problem als für den Protestantismus, wo zumindest im Prinzip gewissermaßen jeder sein eigenes Kirchlein respektive seine eigene Sekte aufmachen und deren Dogmen nach Gusto festlegen kann.

t9hauRmazxo


@Haru

Vorzüglich, ganz vorzüglich, die letzten drei Beiträge. :)^

Eine wirklich nur ganz kleine Anmerkung: Meines Wissens waren die katholischen Könige aber, so widersinnig das klingt, tatsächlich auch Oberhäupter der jeweiligen protestantischen Landeskirchen. Und statt Württemberg müsste es doch eher Bayern heißen, oder?

aBrisKafarxi


Dazu kommt, dass Priester im Mittelalter meist ein völlig normaler Beruf war. Beispiel (habe mir eine längere Geschichte ausgedacht, hoffe sie ist interessant):

Einige Herzöge erheben sich gegen den König. Dieser schlägt die Revolte nieder, die Familien der Anführer verschwinden auf Nimmerwiedersehen in Klöstern, die Anführer werden zunächst zum Tode verurteilt, dann aber aus "königlicher Gnade" auch zur Klosterhaft begnadigt.

Während der König auf einem Reichstag die Sache entgültig klärt, bekommt er eine Anschiss von den theologischen Größen der damaligen Zeit (den erzbischöfen von Trier und Mainz): der König hätte seiner Aufsichtspflicht nicht genüge getan und einige der Töchter der Aufständigen wurden von seinen Grafen vor der Klosterhaft vergewaltigt.

Der König vergibt die freigewordenen Herzogtümer an vediente Mitstreiter - aber aus Strafe nicht an die Vergewaltiger- , allerdings unter einer Bedingung: Diese müssen aus eigener Tasche in ihrem neuen Herzogtum jeweils 15 Kirchen erbauen, in denen Priester täglich für das Seelenheil des Königs und um die Vergebung seiner Nachlässigkeit bei den Töchtern eine Messe halten müssen.

Der neue Herzog reitet nun durch das Land und drückt jeweils 15 Dorfältesten einen Beutel mit Silberstücken in die Hand. In zwei Jahren würde er wiederkommen, dann hat die Kirche gebaut zu sein. Als Priester für die Kirche sucht er sich einen jungen Mann aus dem Dorf aus, dieser reist mit dem König weiter, kommt in ein Kloster und lernt eine Messe zu halten( nur eine Messe zu halten - nicht mehr und nicht weniger).

Nach zwei Jahren reitet der Herzog wieder durchs Land, begutachtet die Kirchen und bringt die Priester heim. Diese führen nun ein völlig normales Leben mit Weiber, Wein und Gesang (äh viel Arbeit) und genügen ihrer Pflicht, wenn sie einmal am Tag eine Messe halten und Gott um Vergebung bitten, dass der König es nicht schaffte auf die Töchter damals aufzupassen.

Auf Dauer ergibt sich aus solchen Praktiken natürlich ein Niedergang in der Seelsorge.

t8hau5mazo


Wo ist eigentlich der Thread-Eröffner TeddyBär geblieben??

HSarxu


@thaumazo

Eine wirklich nur ganz kleine Anmerkung: Meines Wissens waren die katholischen Könige aber, so widersinnig das klingt, tatsächlich auch Oberhäupter der jeweiligen protestantischen Landeskirchen. Und statt Württemberg müsste es doch eher Bayern heißen, oder?

Für Bayern (insbesondere natürlich die von Bayern 1806 annketierten fränkischen Gebiete) gilt das natürlich auch. In Württemberg war es so, dass seit 1737 die katholische Linie über das Land herrschte - und zwar über fast ausschließlich protestantische Untertanen, bis durch die Annexionen von 1806 einige katholische Gebiete dazu kamen (z.B. das Bistum Rottenburg). In Sachsen regierte ebenfalls eine katholische Dynastie über fast ausschließlich protestantische Untertanen. Die Könige dort waren zwar summus episcopus der evangelisch-lutherischen Landeskirche, diese hatte jedoch ein eigenes Leitungsorgan in geistlichen Angelegenheiten (im Gegensatz zu Preußen, wo wie gesagt die evangelische Kirche schlichtweg eine Abteilung des Kultusministeriums war, nichts sonst - aber die Dynastie selbst ja auch protestantisch). Wie es Bayern und Württemberg genau hielten, weiß ich so aus dem Kopf nicht.

So paradox es also auch klingen mag: Nur die katholischen deutschen Fürsten eröffneten dem deutschen landeskirchlichen Protestantismus ein gewisses Mindestmaß an Selbständigkeit (obwohl politische Opposition durfte von diesem natürlich auch hier nicht gemacht werden).

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