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Warum kann ich nicht trauern??

r5ei!nerle hat die Diskussion gestartet


Am 16. Juli diesen Jahres verstarb mein Vater mit 85 Jahren. Er hatte eine relativ kurze Leidenszeit, ca. 5 Monate. Wir hatten, von einer kurzen Jugendphase abgesehen, immer ein sehr gutes, inniges Verhältnis. Immer wenn wir uns sahen konnten wir über alles reden und hatten viele gemeinsame Ansichten. Ich habe mich an seinem Todestag von ihm verabschiedet, wohl wissend ihn nicht mehr lebend zu sehen. Bei meiner Mutter und bei meinen Geschwistern war die tiefe Trauer sofort zu spüren, bei mir ist sie bis heute nicht angekommen. Nicht dass ich sie vermisse, es macht mich aber sehr nachdenklich. Entweder bin ich total kaltherzig, was ich nicht glaube, oder aber Realist der sagt, nach einem schönen Leben mit 85 würdevoll zu sterben, ist eigentlich nichts schlimmes. Kennt jemand eine Erklärung oder hat selbst schon solche Erfahrungen gemacht? Ich freue mich auf viele Beiträge.

Antworten
sntarliBng


hallo reinerle,

ich würde dich nicht kaltherzig nennen. jeder reagiert auf den verlust eines geliebten menschen anders. und du schreibst ja auch, dass du dich verabschiedest hast, in dem wissen, dass du ihn nicht mehr lebend wiedersiehst. ich finde eine gewisse portion realismus ganz gut, manchmal hilft das einfach, damit besser umzugehen. gibt es denn nicht augenblicke, in denen du traurig bist, dass dein vater nicht mehr da ist?

ich weiß selbst nicht, wie es ist, einen eltenteil in diesem alter zu verlieren. aber als meine großmutter starb waren alle zwar traurig, aber ich denke, auch ein stück weit erleichtert. mit erging es jedenfalls so. sie war 91 und seit wenigen wochen bettlägerig. die sichtbare trauer bei meinem vater und auch bei seinen geschwistern hielt sich in grenzen. aber das hatte auch noch andere hintergründe.

ich denke, du hast diese 5 monate "leidenszeit" schon genutzt, um abschied zu nehmen und dich mit dem gedanken anzufreunden, dass dein vater bald nicht mehr da sein wird.

wie stellst du dir deine trauer denn vor? was denkst du denn, wie es sein müsste, was du fühlen müsstest?

es gibt keine pauschale aussage über das trauern, keine übliche vorgehensweise oder ähnliches. jeder setzt sich auf seine art und weise damit auseinander. vielleicht verdrängst du die gefühle und sie kommen dann zum vorschein, wenn du auch bereit dafür bist, oder es wird immer so bleiben wie jetzt. das weiß keiner. ich würde sagen, solange es dir damit gut geht, ist alles ok. *:)

rMei$ne>rlxe


Hallo starling,

vielen Dank für Deine Antwort. Ja, ich bin traurig dass mein Vater nicht mehr lebt. Du hast sicherlich recht, jeder verarbeitet eine solche Situation anders. Ich sehe halt nur wieviel Tränen und äußerliche Trauer bei vielen Menschen zu sehen war, dies fehlt bei mir. Und zu Deinem letzten Satz: So richtig gut geht es mir eben nicht damit, sonst würde ich micht nicht damit beschäftigen. Allerdings ist das Thema nicht so beherrschend dass es mir schlaflose Nächte bereitet. Eigentlich bin ich durch das Lesen einiger Beiträge hier im Forum nachdenklich geworden. Mal sehen wie die nächsten Wochen verlaufen, ich berichte dann von evtl. Veränderungen.

p-cp


ich bin mir nicht ganz sicher, ob du es nicht doch voll verdrängst.

ich selber habe meinen eigenen bruder vor 10 jahren verloren, 7jahre habe ich so gelebt wie du. es ist zwar schon scheisse wenn er nie mehr kommt, aber was kann man dran ändern? nichts! ich habe es bis vor 3jahren voll verdrängt... bis es mich plötzlich einholte.. nun kämpfe ich seit 3 jahren mit dem thema und bin immernoch am beissen!

ich hoffe nicht dass es dir so ergehen wird.. ich wollte dir damit nur sagen dass du nicht gleich die erste antowort, die du zu hören bekommst, für die richtige hälst!

mein beileid

pcp

MvartiUnita


Hallo reinerle,

ich denke, dass du das alles verdrängst, das ist normal.

Ich habe meinen Vater vor 1 1/2 Jahren verloren und die erste Zeit schon ziemlich getrauert.

Dann eine zeitlang nur ab und zu, wenn ich es grade nicht mehr verdrängen konnte.

Seit einiger Zeit geht irgendwie gar nichts mehr.

Ich bin traurig, dass er tot ist, ich vermisse ihn.

Er war erst 56 Jahre alt und ich grade 21 geworden.

Aber ich weine nicht und ich rede mit niemanden darüber. Stattdessen fühle ich halt so eine innere Kälte,

als würde mich das alles nichts angehen oder als wäre es nicht passiert. So richtig beschreiben kann ich es nicht.

Um meine Oma, die einen Monat später gestorben ist habe ich noch gar nicht getrauert und ihren Tod auch noch nicht wirklich realisiert.

Was auch sein könnte ist, dass es dir leichter fällt den Tod deines Vaters zu akzeptieren und als "normal" einzustufen, weil er ja immerhin 85 Jahre alt geworden ist. Das ist ja ein Alter in dem es schon passieren kann, dass jemand stirbt. Vielleicht ist es ja auch eine Mischung aus beidem, Akzeptanz und Verdrängung.

Aber wer kann sowas schon genau sagen..

:)-

rWeineZrle


Hallo Martinita und pcp,

sicherlich spielt das Alter meines Vaters eine große Rolle, 85 ist nun mal ein recht hohes Alter. Aber für meine Geschwister war er doch auch so alt, und die haben getrauert ohne Ende. Was ich wirklich nicht hoffe ist, dass die Trauer erst nach etlichen Monaten/Jahren einsetzt. Aber auch das kann ich dann wohl nicht ändern. Ein Ausdruck von Dir, Martinita, hat mich nachdenklich gemacht, nämlich dass Du den Tod von Deiner Oma noch nicht "realisiert" hast. Hier stellt sich mir die Frage, ist dieses nicht realisieren gleich zu setzen mit Verdrängung, bzw. wann realisiert man den Tod eines Menschen? Das mein Vater gestorben ist, nie mehr wieder kommt, ist mir klar, aber reicht dieses Bewusstsein aus um es realisiert zu haben? Vielleicht gibt es ja Antworten auf diese Fragen.

MhaHr'tinOitia


Hallo reinerle,

ich denke nicht, dass "Verstehen, dass jemand wirklich nicht wieder kommt" gleichzusetzen ist mit "realisieren".

Ich erinnere mich, dass ich kurz nachdem mein Vater gestorben war eine Phase hatte in der ich das Gefühl hatte eine Möglichkeit gefunden zu haben um mit dem Tod umzugehen. Ich war dankbar, dass ich ihn hatte und dass er nicht länger leiden musste. Das hat einige Wochen angehalten, danach war ich wieder am Boden zerstört.

Es kann gut sein, dass es bei dir länger andauert. Du schreibst oben, dass es 5 Monate Leidenszeit gab bevor dein Vater gestorben ist. Wusstest du in dieser Zeit schon, dass er bald sterben würde?

Ich habe von Fällen gehört, in denen Leute dadurch nach dem Tod nicht mehr viel getrauert haben. Sie hatten schon Abschied genommen und praktisch in der Phase schon getrauert.

bWabaxl


hallo,

also ich kann dir jetzt nur von mir schreiben.

mein über alles geliebter daddy ist im februar,mit 59 jahren, ganz überraschend bei einem verkehrsunfall um´s leben gekommen. ich habe noch immer keine träne geweint. war sogar 4 wochen in einer klinik um dies aufzuarbeiten aber gebracht hat es eigentlich nicht viel. ich lebe halt nun einfach mein leben weiter und warte bis die trauer kommt. in der klinik sagten sie mir: im kopf wissen sie es aber sie müssen es im herzen spüren und dies ist bis jetzt nicht der fall. vor einer woche ist auch noch eine gute freundin gestorben, nach langem leiden. ich habe sie bis zum tod hin begleitet aber trauern kann ich auch in diesem fall nicht.

mir geht es irgendwie wie dir, denke auch manchmal ich wäre "herzlos" aber sobald der körper dafür bereit ist wird er die trauer zulassen.

trotzdem alles alles liebe und gute weiterhin

rIeinerxle


Hallo Martinita,

es fing bei meinem Vater im Februar mit einer eigentlich harmlosen Operation an, darauf folgte aber sofort ein Herzinfarkt. Im März dann eine weitere notwendige Op, und ein paar Tage später der nächste Infarkt. Von da an war mir klar, er wird nie mehr richtig gesund. Es folgte noch ein Sturz mit Armbruch und mehreren Fleischwunden. Typisch war wohl auch das fast tägliche auf und ab. 3 Tage bevor er dann gestorben ist war er so gut drauf dass wir alle dachten, nun geht es steil bergauf. Aber Du hast recht, innerlich hatte ich mich schon nach dem 2. Infarkt auf alles eigestellt, war also doch gut vorbereitet.

babal, genau was Du beschreibst ist mir wohl auch passiert. Im Kopf ist es schon lange angekommen, im Herz wohl noch nicht. Jedenfalls vielen Dank für die Anteilnahme.

sJchne*eTfloFcke2x7


Hallo Reinerle,

ich stehe genau am gleichen Punkt. Meine Mama ist am 20. Januar mit 89 Jahren verstorben. Sie war bis zu ihrem Tod geistig rege - bis auf kleine Vergesslichkeiten - lebte die letzten 4 Jahre in unserem Haus mit eigenem kleinen Appartement. Sie hat mir immer wieder versichert, wie wohl und behütet sie sich bei uns fühlt. Mitte Januar haben dann die Nieren den Dienst versagt und es gab trotz Dialyse keine Chance mehr. Ab diesem Zeitpunkt habe ich sie nicht mehr alleine gelassen, bzw. mit meiner Schwester abwechselnd bis zu ihrem Tod Tag und Nacht bei ihr verbracht.

Das Problem: Ich empfinde keine "Trauer" und fühle mich - wie bereits beschrieben - kaltherzig. Ich vermisse ihre Anwesenheit, kann aber bisher keine Träne vergießen. Ich gestehe sogar, daß ich es genieße, unabhängig von Telefon und Rufbereitschaft zu sein, kein Handy in der Tasche zu haben (... es könnte ja irgendwas passieren) und am Wochenende einfach mal wegzufahren. Offensichtlich war die Belastung, die ich ganz ehrlich und bestimmt nicht als solche empfand, viel größer, als gedacht.

Manchmal denke ich, dass sie alle meine Sorgen und Ängste einfach ins Grab mitgenommen hat - komisch oder?

Ich bin gespannt, ob die Keule noch kommt - oder ob dieser Zustand erhalten bleibt.

kAin"d1J01


Hallo ihr alle, ehrlichgesagt bin ich zufällig auf diesen Beitrag hier gestossen - aber ich bin froh!!! Denn so wie ihr euch fühlt, hab ich mich bisher nie jemanden anvertraut - mir geht es genauso. Mein Papa ist am 15. Januar 2009 für immer eingeschlafen - Mama und ich waren bei ihm bis zur letzten Minute.

Auch mir geht es so, das ich natürlich traurig bin das Papa nicht mehr da ist, aber in mir ist so eine Leere - oder wie so ich mich ausdrücken? Ich dachte eigentlich wenn Papa mal nicht mehr aufwacht fall ich in so ein tiefes Loch - aber nichts dergleichen ist passiert?!

Nun sehe ich mir denBeitrag von

schneeflocke an und muß feststellen das es ihr genauso wie mir geht! Zumindest ähnlich - mein Pa hatte Lungenkrebs und ihm ging es nach Festellung der Krankheit im Februar 2008 bis September 2008 recht gut - mal abgesehen wie es in seinem innersten aussah - hat er vor niemandem preisgegeben - ja und im Oktober wurden Metastasen festgestellt, von da an ging es ihm seelisch total schlecht und es ging mit ihm körperlich immer mehr rückwärts - ja und wie schneeflocke schreibt - man ist - zumindest ich - Tag und Nacht angespannt, wann wird es ihm wieder schlechter gehn? Geht es ihm nach den Chemos wieder besser? Und die ganzen Fragen eben - ja und da ich bei Papa war die letzten Tage - mit Mama zusammen natürlich - glaube ich habe ich meinen vllt. 1. Teil der Trauer schon ma 15. Januar geleistet? Wir haben Papa noch bis spätnahcmittags daheim bei uns lassen dürfen, und viel an seinem Bett gesessen, er sah so entspannt aus. Ja ich war bei ihm bis er im Auto auf seinem Weg war.

Und nun scheint die unterbewußte "Last" von mir abzufallen? Keine Angst mehr vor den Anrufen usw.

Ich warte halt auch noch auf die einsetzende Traurigkeit?

lg erstmal

J/asmiZnda7U5


Hallo ihr,

ich bin auch, wie kind101 zufällig auf diesen Beitrag gestossen.

Mir ging es ähnlich. 2 mal schon. Das erste mal vor 5 Jahren, da starb mein Großvater im Alter von 69 Jahren. Er war krank und lebte zum Schluss auch im Pflegeheim. Er musste immer wieder ins Krankenhaus und bei jedem Krankenhausaufenthalt fanden die Ärzte eine neue Krankheit, zum Schluss war es Blutkrebs. Es dauerte auch nicht lange und er ist gestorben.

Vor 3 Jahren starb meine Oma, von der anderen elterlichen Seite, im Alter von 84 Jahren. Sie hatte starkes Rheuma und man konnte es sehen, wie diese Krankheit ihren Körper kaputt machte. Auch sie lebte zum Schluss im Pflegeheim und nach ein paar Tagen starb sie.

Bei beiden habe ich nicht weinen müssen, als sie starben. Im Gegenteil, es war sogar eine Art Erleichterung die ich verspürte. Ich dachte mir immer, so bleibt den beiden weitere Qualen erspart. Während der Beerdigung meiner Oma standen die übrigen Familienangehörige am Grab und weinten bittere Tränen, aber ich war, ja fast schon froh, dass es endlich vorbei war. Ich muss dazu sagen, dass meine Eltern, mein Mann und ich meine Oma seit fast 10 Jahren bei uns hatten sie pflegten.

Ich muss allerdings auch dazu sagen, dass ich mich von sterbenden bzw. schwer kranken Menschen innerlich schon mal verabschiede und distanziere. Ich lasse es mir zwar nicht anmerken, nehme aber schon mal Abschied. So dass mir deren Tot dann nicht mehr so viel ausmacht.

Bin ich jetzt kaltherzig ??? Keine Ahnung.

rNeiWnerlxe


Hallo zusammen,

ich bin wirklich froh "gleichgesinnte" gefunden zu haben. Nun geht meine Geschichte aber noch weiter. An Weihnachten erlitt meine Mutter einen Herzinfarkt und verstarb dann am 31.12.2008, also etwas mehr als 5 Monate nach meinem Vater. Ich war die letzten Stunden bei ihr. Aber auch hier will bis heute keine Trauer einsetzen. Ein bekannter von mir, Psychologe, hat es mir versucht so zu erklären. Meine Eltern hinterlassen bei mir keine Lücke, sie hinterlassen nur schöne Erinnerungen. Gepaart mit der Realität dass jedes Leben ein Ende hat wäre meine Reaktion relativ leicht erklärbar. Und so versuche ich gar nicht weiter zu grübeln, und warte mal was die Zeit so bringt.

s&chnee|flmockex27


Grüß Euch noch mal,

die neuen Eintragungen haben mich sehr beruhigt, dass es noch andere Menschen mit den gleichen Gefühlen gibt. Nun habe ich nicht mehr diese elenden Gedanken, ein Monster zu sein.

Sollte es neue Entwicklungen geben, werde ich mich auf dieser Plattfpom sicherlich wieder melden.

schneeflocke27

rTeignerlxe


Hallo schneeflocke27,Jasminda75 und kind101,

ein wesentlicher Unterschied zwischen unseren Situationen ist mir noch aufgefallen, ihr habt eure Angehörigen mehr oder weniger lange leiden sehen. Bei mir war dies ja nicht der Fall. Insofern ist eure "Erleichterung" für mich sehr gut nachvollziehbar.

Viele Grüße

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