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Sandkastenliebe verstorben, wie die Zeit vergeht

STta|hlträxger hat die Diskussion gestartet


Kürzlich ist meine Sandkastenliebe verstorben. Ich weiß nicht, was ich denken soll, ein komisches Gefühl. Sie ist die erste aus meiner Alterstufe, die es getroffen hat. Ich hab es aus der Zeitung erfahren, wir hatten schon lange keinen Kontakt mehr, aber ich wünschte, es wäre jemand anders gewesen (blöder Gedanke, ja).

Meine Kumpels, die sie auch alle kennen und als Kinder in sie verknallt waren, zeigen sich auch betroffen, aber ich scheine der einzige zu sein, der kondoliert hat. Finde ich von denen nicht ok. Irgendwie ist jeder nur mit sich selbst beschäftigt und immer hat etwas anderes Vorrang. Voll die Seuche, aber egal.

Jedenfalls habe ich einen langen Brief an ihren Ehemann geschickt und dort über unsere gemeinsame Zeit und Erlebnisse geredet. Ich nehme mal an, daß er nicht sauer ist, daß ich sie lange vor ihm geküßt habe. Reaktion habe ich keine erhalten, aber ihr ganzes Ableben wurde – gerade auch von ihr – ziemlich an die niedrige Glocke gehängt.

Ich finds schockierend...wie es plötzlich so jung zuende ist. Natürlich habe ich immer gedacht, daß wir uns noch einmal treffen würden, an einem gemütlichen Ort, und ungezwungen über die gute alte Zeit plaudern würden. Ich glaube inzwischen, das Abtreten ist banal, du lebst, du stirbst, am nächsten Tag geht die Sonne wieder auf und die Vögel zwitschern, fertig. Manche denken vielleicht, daß im Sterben ihr großer Auftritt gekommen sei und sie endlich die im Leben versagte gewünschte Aufmerksamkeit erlangen werden, inklusive schluchzendem Trauerchor die Treppe hinunter bis auf die Straße und passenden letzten Worten. Das kannste vergessen, die Akzente setzt man nicht mehr in der 90 min.

Keine Ahnung...als die ersten aus meiner Alterstufe heirateten, war ich wie krass; als die ersten Eltern wurden, konnte ich es auch nicht glauben, aber jetzt die dritte Runde...alle sind verschreckt, ja nur nicht aufblicken vom Alltag. Wie bei Camus..die an der Gefängnistür stehen werden herausgezerrt, die anderen verkriechen sich verängstigt noch weiter in das Halbdunkel ihrer Zelle, bis der Kelch bei ihnen stehenbleibt.

Ohne pathetisch sein zu wollen, aber mit ihr ist auch ein Stückchen von meiner Identität gestorben, denn unsere Geschichte kann nur noch ich erzählen. Es ist ein komisches, ungewohntes Gefühl...ein bißchen wie in diesen Filmen, wo die Verstorbenen von den Photos verschwinden, als würde meine Geschichte rückwärts erzählt werden. Wie sind eure Erfahrungen in vergleichbarer Situation gewesen?

Antworten
mvan u+N4


:°_ :)-

Hjoo3texn


Meine Kumpels, die sie auch alle kennen und als Kinder in sie verknallt waren, zeigen sich auch betroffen, aber ich scheine der einzige zu sein, der kondoliert hat. Finde ich von denen nicht ok. Irgendwie ist jeder nur mit sich selbst beschäftigt und immer hat etwas anderes Vorrang.

Was soll man denn machen? Jeder geht mit dem Tod anders um, unterschiedliche Abschiedszenen, etc. Und lediglich die Menschen, die am Nähesten zu der Verstorbenen standen, werden am Meisten trauern. So ist das im Leben. Am Ende zählt nur die Familie.

Was gut sein kann und was Du auch schon tust, sich an die alten Geschichten zu erinnern, die man gemeinsam erlebt. Die schönen und auch traurigen Momente. Behalte sie in Erinnerung.

F3entxa


Ich bin noch recht jung, aber ich habe schon Beerdigungen von 3 ehemaligen Schulkollegen gesehen. 1 furchtbarer Unfall, 2 Suizide. Einer davon hat mich besonders berührt, weil ich den jungen Mann noch wenige Monate vorher zufällig nach Jahren wiedertraf. Wir haben geplaudert und sein Leben war nicht gut verlaufen. Mir tat er schon als 9-jähriger leid... in der Schule war er auffällig, deshalb musste er alleine sitzen, sein Vater abgehauen, für seine Mutter war er eher sowas wie ein Störenfried... er hat sich mit 18 erhängt.

Ich denke heute noch oft an ihn und bin mir nicht sicher, ob ich für ihn froh sein soll, dass er nicht noch mehr mitmachen musste in seinem Leben, oder ob ich traurig sein soll, weil er sich alle Zukunftsmöglichkeiten so jung genommen hat. Manchmal kann ich es immer noch nicht fassen. Wenn ich an meine Volksschulzeit denke, dann kommt er in diesen Erinnerungen auch vor, und wenn mir dann bewusst wird, dass es dazu kein erwachsenes Pendant mehr gibt, dann ist das... mehr als merkwürdig. Ich kann das Gefühl gar nicht genau beschreiben.

S5teEph-xBounty


Das hast Du sehr schön reflektiert, Stahlträger. Leider gehört das Sterben zum Leben dazu - und wir alle möchten es so lange wie möglich von uns fern halten. Niemand spricht gerne über den Tod, das Sterben. Jeder hat Angst. Vielleicht nicht davor, dass es einen selbst trifft, sondern davor dass es einen geliebten Menschen trifft. Man sagt ja, dass Sterben nur für die schlimm ist, die da bleiben müssen und nicht gehen dürfen. Denn die müssen mit dem Fehlen eines geliebten Menschen weiterleben.... Und das ist wirklich schlimm... Wobei ich auch nicht vor meinem kleinen Sohn gehen möchte.... *schnell wegwisch, diese trüben Gedanken*

Für Deine Sandkastenliebe :)-

kQaterc#harlxie


nein

kein teil deiner identität ist gestorben.

sie ist in denem herzen am leben. in fünf und auch und 50 jahren.

und bleibt, im gegensatz zu dir, immer im gleichen alter.

sie sieht dich, und lacht.

ps.

ich weiss was du jetzt spürst.

sIchnattelr=gusche


Stahlträger

Meine Kumpels, die sie auch alle kennen und als Kinder in sie verknallt waren, zeigen sich auch betroffen, aber ich scheine der einzige zu sein, der kondoliert hat. Finde ich von denen nicht ok.

In Deiner Trauer sind solche Schlußfolgerungen verständlich. Richtig werden sie dadurch nicht. Ein Urteil über andere Menschen auf "es scheint" aufzubauen, macht nur Dein eigenes Leben schwer. Zum einen erhebst Du Erwartungen an andere. Wenn sie aus Gründen, die Du nicht kennen kannst, dem nicht gerecht werden, müssen sie Dich zwangsläufig ent-täuschen. Denn Du hast Dich getäuscht. Nicht sie Dich, sondern Du Dich. Zum anderen wird es für Dich schwer, wenn Du erkennen mußt, daß es nur eine Täuschung war. Vielleicht haben sie kondoliert, und Du hast nicht davon erfahren?

Wie auch immer, versuch bitte mit Deinem Schmerz fertig zu werden, ohne ihn auf andere Menschen zu projizieren.

Ich finds schockierend...wie es plötzlich so jung zuende ist.

Der Tod ist immer schockierend, wenn wir ihn nicht als Teil des Lebens akzeptieren. Da spielt es keine Rolle, ob jemand mit 15 Jahren oder mit 95 Jahren uns verläßt. Es löst immer Trauer aus, denn es entsteht immer ein Verlust. Trauer ist Selbstmitleid. Und das ist nicht abwertend gemeint, sondern ein völlig normaler Zustand. Auch darüber sollte man sich bewußt werden. Selbstmitleid gehört dazu!

Erst wenn wir den Tod als Naturgesetz akzeptieren lernen, verliert er sein Schmerzpotential.

Ohne pathetisch sein zu wollen, aber mit ihr ist auch ein Stückchen von meiner Identität gestorben, denn unsere Geschichte kann nur noch ich erzählen.

Ich stimme katercharlie zu. Deine Identität war nie an zwei Stimmen gebunden. Zwei Stimmen konnten sie erzählen. Aber nur eine Stimme kann es genau so erzählen. Denn die andere Stimme klingt jetzt um so stärker in Dir mit. Sie ist nicht verstummt, sondern wurde am Todestag konserviert.

Es wird Dir schwerfallen, den Tod eines geliebten Menschen als Bereicherung für Dich zu sehen. Wenn Du verstehst, daß Seelen die reine Form des Bewußtseins sind, ahnst Du vielleicht, was ich meine.

In diesem Jahr habe ich zwei Todesfälle in meiner Umgebung gehabt. Ein Onkel und ein Schulkamerad mit nur 47 Jahren sind jeder einem Krebsleiden erlegen. Und ich habe gejubelt. Nicht aus mangelnder Sensibilität, sondern gerade wegen ihr. Beide wurden von Schmerzen befreit. Ich selbst hatte schon mehrere "Chancen", mich davonzumachen. Für mich ist der Tod nicht mehr schrecklich, sondern kann eine Erlösung sein. Ich war schon in diesem "weißen Licht", das auch als angenehme Wärme beschrieben wird. Und ich weiß, daß es dort keine Schmerzen gibt. Ich selbst wollte nicht mehr zurück in den Körper, den ich damals als etwas Fremdes wahrgenommen habe. Inzwischen weiß ich aber, warum meine Zeit noch längst nicht gekommen war. Ich habe meine wirkliche Aufgabe gefunden. Und wenn ich die erfüllt habe, dann spielt mein Alter keine Rolle mehr. Dann kann ich zufrieden und innerlich vollkommen ruhig abtreten von dieser Bühne. Bis dahin lebe ich sehr bewußt so, daß jeder Tag mein letzter sein könnte.

e;icUhxoer7nchexn


schnattergusche

Kann es sein, das Du einfach nur gelernt hast...loszulassen?

Stahltraeger

Was Du gerade empfindest, hatte ich auch empfunden, mit dem Unterschied...ich war ein Kind. Mit diesen Jungen haben wir Fussball gespielt, er ging wie alle anderen bei uns ein und aus. Ich mochte ihn sehr, er war ein guter Junge. Vor den Sommerferien wussten wir, er wechselt die Schule wegen Umzug. Zwei Jahre spaeter hatte er sich im Wald aufgehaengt...er war gerade 14 Jahre alt. Ein Jahr lang habe ich nur von diesen Jungen geredet, alle Erinnerungen haben wir ausgegraben.In dieser Zeit habe ich gelernt...loslassen und die Toten nicht totschweigen. Ueber Tod kann man genau so reden wie ueber Geburt oder das Leben im allgemeinen. Er gehoert nun mal dazu.

Es ist nichts schockierendes am Tod, eher ein langes sterben( was gesetzlich noch nicht anders zu handhaben ist) Und, Deine Identitaet hast Du nicht verloren, auch wenn Du meinst, es fuehlt sich so an.

sCcullxie


Wenn Gleichaltrige von mir sterben..ist es fuer mich auch jedes Mal ein Schock.

Viele andere scheinbar wichtige Dinge werden im Vergleich dazu..so sehr unwichtig.

Es macht einem bewusst wie begrenzt das Leben ist,aber es endet auf jeden Fall immer toedlich.Es ist nur eine Frage der Zeit.

Oder auch des Zufalls (dass man zum Beispiel nicht grade in dem Flugzeug war,dass abstuerzte oder man nicht grade zu diesem Zeitpunkt als der Autounfall war grade neben demjenigen auf der Autobahn war,usw)

Viele lebensentscheidene Dinge sind manchmal eine Frage von zehntel Sekunden

Daher sollten wir das Beste daraus machen,solange wir noch gesund sind.

s=chnWattemrguIs/che


eichoernchen

Kann es sein, das Du einfach nur gelernt hast...loszulassen?

Ja. Auf eine nicht gerade angenehme Weise, aber es war sehr hilfreich. Vor allem die Erkenntnis, daß immer die Kraft im Loslassen liegt. Die Sache annehmen und sich sagen "es ist so", und nicht mehr dagegen ankämpfen oder davon wegzulaufen versuchen.

Sicher kennst Du dieses alte Gebet:

Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.

Gib mir die Kraft, Dinge zu ändern, die ich ändern kann.

Gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

S+tah:lt*rägxer


Habe gestern zufällig im Vorbeifahren den Vater gesehen – nach 20 Jahren; gab aber leider keine Möglichkeit anzuhalten, sonst wäre ich rausgesprungen und hätte kondoliert.

Äußerlich wirkte er nicht so, als wäre seine junge Tochter vor kurzem gestorben. Aber ich kann mir denken, was innerlich in ihm vorgehen muß. Tja. :-(

SqinOistxra


Hi Stahlträger,

der Satz von dir – Ich glaube inzwischen, das Abtreten ist banal, du lebst, du stirbst, am nächsten Tag geht die Sonne wieder auf und die Vögel zwitschern, fertig – der hat mich ehrlich ergriffen, denn es ist so. So hart und brutal einfach ist der Tod. Ich habe es beim Tod meines Vaters erleben dürfen, trotz aller Emotionen und Gefühlen, es ist genau so einfach – und alles geht weiter Tag fürTagfürTag

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In dieser Zeit habe ich gelernt...loslassen und die Toten nicht totschweigen. Ueber Tod kann man genau so reden wie ueber Geburt oder das Leben im allgemeinen. Er gehoert nun mal dazu.

Der Tod ist immer schockierend, wenn wir ihn nicht als Teil des Lebens akzeptieren.

Ich war schon in diesem "weißen Licht", das auch als angenehme Wärme beschrieben wird. Und ich weiß, daß es dort keine Schmerzen gibt. Ich selbst wollte nicht mehr zurück in den Körper, den ich damals als etwas Fremdes wahrgenommen habe. Inzwischen weiß ich aber, warum meine Zeit noch längst nicht gekommen war. Ich habe meine wirkliche Aufgabe gefunden. Und wenn ich die erfüllt habe, dann spielt mein Alter keine Rolle mehr. Dann kann ich zufrieden und innerlich vollkommen ruhig abtreten von dieser Bühne. Bis dahin lebe ich sehr bewußt so, daß jeder Tag mein letzter sein könnte.

Eichoernchen, Schnattergusche :)z :)^ :)= wunderbar eure Ausführungen, Danke!

Wir haben vor einem Jahr meinen Schwiegervater (zu Hause) beim Sterben begleitet und wir haben Totenwache gehalten. So blöd es klingt aber es war ein wunderbares Erlebnis. Ich bin meinem Schwiegervater sehr dankbar für diese Erfahrung. Man hat eine Verbindung nach 'drüben' gespürt. Und es war interessant zu spüren wie die Energie im Raum über Stunden nach dem Tod nachließ.

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