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Stirbt sie jetzt, brauchen wir einen Abschiedsbesuch?

SMetzMen6 hat die Diskussion gestartet


Ich weiß gar nicht so genau, wie ich das jetzt beschreiben soll. Aber irgendwie beschäftigt es mich, weil ich es mir schlichtweg nicht vorstellen kann.

Meine Oma ist schon sehr alt (knapp 90) und leidet seit mehreren Jahren an Krebs. Die letzten Jahre waren nicht schön und sie hat radikal abgebaut. Sie sieht kaum noch etwas, erkennt viele Menschen nicht mehr und redet auch nur sehr wenig. Sie schläft fast ausschließlich, wobei sie relativ schwer atmet. Seit ein paar Tagen passen ihr alle Schuhe nicht mehr, da das Wasser in den Beinen immens geworden ist, sie will nun nur noch schlafen und hat keinen Appetit und Durst mehr. Lediglich manchmal, in ganz wachen Momenten, möchte sie ein Stück Schokolade haben.

Ich wohne relativ weit weg und weiß das alles nur aus den Schilderungen meiner Mutter. Sie meint, ich solle lieber noch einmal kommen und "mich beeilen", da es wohl jetzt so weit ist.

Irgendwie kann ich mir das aber gar nicht vorstellen...wie genau kann man das denn sagen? Ich solle jetzt immer ans Telefon gehen, da es sein könnte, dass sie mir die Nachricht überbringen.

Ich überlege, ob ich jetzt noch einmal heimfahre, vielleicht am Donnerstag, wo ich sowieso frei habe, es wäre aber alles wahnsinnig stressig, gehetzt und irgendwie eine Verpflichtung. Außerdem habe ich nächste Woche Freitag beruflich eine große Prüfung, die natürlich Zeit in Anspruch nimmt. Es klingt fies, wenn ich das so sage, so, als wäre mir diese Prüfung wichtiger. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ein Besuch zu gehetzt und irgendwie auch nicht mehr schön wäre.

Der letzte Besuch bei ihr (vor 4 Wochen etwa) war wirklich schön, sie hat mich erkannt und neben mir auf dem Sofa geruht und ich habe ihre Füße gestreichelt. Ein bisschen geplaudert haben wir auch und gemeinsam gesungen. Sie hat sich gewünscht, dass ich ihre Haare noch einmal kämme und dass ich bitte ganz viele Kekse esse und mir alles zu Essen mache, was ich möchte. Es war ein wirklich schöner Besuch, aber kein Abschiedsbesuch im eigentlichen Sinne. Ich ging davon aus, sie noch einmal zu sehen.

Jetzt frage ich mich, ob es nicht besser wäre, diesen Besuch als Abschiedsbesuch zu nehmen, denn er war schön so wie er ist. Mittlerweile hat sich ihr Zustand so verschlechtert, dass ein erneuter Besuch "nicht so schön" wäre.

Soll ich es riskieren und hier bleiben, meine Prüfung am Freitag nächste Woche machen und dann noch einmal in Ruhe hinfahren, falls sie denn dann noch lebt?

Oder sollte ich jetzt am Donnerstag hinhetzen um eine Oma zu sehen, die nicht mehr so ist, wie beim letzten schönen Besuch?

Man muss vielleicht auch dazu sagen, dass sie nicht wirklich Besuch haben will. Sie ist sehr schweigsam (wohl auch, weil sie sich in ihrer eigenen Welt befindet), sagt nur "Hallo" und "Auf Wiedersehen". Sie will einfach ihre Ruhe.

Braucht man einen Abschiedsbesuch, der ein richtiger Abschiedsbesuch ist?

Oder sollte der letzte Besuch einfach ein schöner Besuch sein, so wie ich ihn letztens mit ihr erlebte?

Antworten
hha/lligalirlexo


Liebe Setzen6,

Abschiede von Sterbenden gehören zu den schwierigsten Aufgaben, die wir im Leben zu bestehen haben. Aber wir wissen alle, dass das Sterben alter Menschen zum Leben gehört. Das Sterben ist der Preis dafür, das wir das Leben als Geschenk von Gott erhalten haben. Wir Lebenden haben immer Furcht vor dem Sterben, und akzeptieren das Sterben eigentlich doch nicht. Deine Großmutter weiß wahrscheinlich, dass sie bald sterben wird. Sie befindet sich in ihrer eigenen Welt, wie du schreibst. Vielleicht ist es die Welt des Übergangs. Wir Lebenden können uns diese Welt kaum vorstellen und an die Welt nach diesem Übergang glauben wir einfach nur noch. Das gibt uns Lebenden etwas Trost und den Sterbenden Hoffnung.

Es ist schön, dass du den letzten Besuch vor etwa vier Wochen in so guter Erinnerung hast, und es wäre natürlich schade, wenn du den möglicherweise letzten Besuch bei ihr in schlechter Erinnerung hast, weil du unter den Herausforderungen des "ganz normalen Wahnsinns" standest.

Trotzdem hilft ihr und vor allem auch dir ein Abschiednehmen, das dir als "DER Abschied" im Bewusstsein bleiben wird; vielleicht sogar bis du selber eine sehr alte Frau geworden bist und dich selber in der Welt des Übergangs befindest. Wenn du den Besuch tatsächlich nicht schafft, gibt es andere Möglichkeiten.

Vielleicht schreibst du deiner Großmutter einen Brief, in der du ihr ausdrückst, was du denkst, fühlst, hoffst und glaubst. Du kannst ihr schreiben, dass du weinen musst, wenn du an ihren Tod denkst, aber lächeln kannst, wenn du an den letzten Besuch vor vier Wochen denkst. Frag sie, wenn du weißt, dass sie gläubig ist, ob sie zu Gott möchte. Sie wird sich vielleicht genauso wie du selbst die Frage stellen, wie man dahin kommt. Das ist eine Frage, die uns das ganze Leben lang bewegt und deren endgültige Antwort wir nicht kennen und nur ahnen; die Frage stellen wir uns aber immer wieder und wieder. Wir können den Weg niemals ganz erfahren, sondern kennen nur das Ziel, und das ist die Hoffnung auf Gott. Versprich ihr, dass du sie auf ihrem letzten körperlichen Weg begleiten wirst, so wie sie dein Leben als Großmutter begleitet hat.

Bestimmt wird jemand aus deiner Familie die nicht ganz leichte Aufgabe übernehmen können, ihr deine Worte vorzulesen. Wenn dieser Brief an sie zu spät kommt, dann kann man ihr diesen Brief auf den letzten Weg im Sarg mitgeben. Sie wird dann deine Gedanken des Abschieds auf einem anderen Wege erfahren.

*vschmnecke rl*


Hallo Setzen6,

ich finde jeder muss selbst für sich raus finden was man will und was einem gut tut. Ich selbst war schon ein paar mal in der Situation dass nahe Verwandte von mir gestorben sind. Bei meinem Opa zB der auch an Krebs erkrankt war wich ich nicht mehr von seinem Bett, weil ich einfach dass Verlangen danach hatte. Ich wollte ihm auf seiner letzten Reise zur Seite stehen, ihn streicheln, seine Hand halten oder einfach nur an seinem Bett sitzen und ihn spüren lassen dass ich da bin und ich für meinen Teil bin überzeugt davon dass Sterbende dass spühren! Mir hat damals aber keiner rein geredet und ich hätte mir auch nicht rein reden lassen denn du kennst das bestimmt: wenn man etwas absolut will und überzeugt ist davon lässt man sich nicht davon abbringen. Meine Cousine hingegen hat das anders gesehen. Sie war auch ein paar Wochen vorher bei ihm (als es ihm noch besser ging) und sie hat damals auch für sich entschieden dass sie ihn so in Erinnerung behalten möchte wie er damals war und es lag keine große Entfernung zwischen ihnen.

Jeder muss einfach für sich entscheiden was für ihn richtig und was falsch ist.

Ich wünsche dir viel Kraft :)* und möchte dir nochmal ans Herz legen: Lass dich nicht zu irgendwas drängen dass du selber nicht willst, egal von wem. Denn höre immer auf dein Herz und versuche es zu verstehen, dann machst du sicher das Richtige für DICH.

Liebe Grüße

s chPnatteBrgu#scxhe


Setzen6

Ich glaube, Du hast schon den Abschiedsbesuch bei der Oma gemacht. Dir war das so nicht bewußt. Aber wie Du ihr Verhalten beschreibst, wußte sie es bereits. Wenn Dir dieser Besuch als Abschied reicht, und Du sie lieber so in Erinnerung behalten möchtest, dann sollte das auch für Deine Familie reichen. Bei ihr sein kannst Du auch in Deinen Gedanken.

Anders wäre es, wenn die Oma Dich noch einmal sehen möchte. Dann würde ich mich an Deiner Stelle beeilen. Denn sterbende Menschen können oft nicht sterben, so lange sie noch auf jemanden warten. Das kann sehr qualvoll sein. Oder auch, wenn in Dir das Verlangen aufkommt, die Oma nochmal zu sehen. Da es sich aber um einen Abschied zwischen Euch beiden handelt, kannst Du auf Dein Gefühl vertrauen und musst nicht die Erwartung Deiner Mutter erfüllen.

C$ur_rxan


Ich würde hinfahren. Ich habs nicht gemacht bei meiner Uroma, weil ich mir sicher war sie würde sich wieder fangen, und dann war sie tot und ich konnte nicht mal Tschüss sagen. Ich leide seit Jahren drunter, das kommt immer wieder hoch... :°(

S_unKflow~e4rx_73


Womit könntest DU am besten leben? Denn darum geht es letztlich.

Sollte Deine Oma jetzt sterben:

Wäre es für Dich okay, sie nicht mehr gesehen zu haben? Nicht extra gekommen zu sein? Und wenn es für Dich okay wäre, könntest Du mit evtl. negativen Reaktionen Deines Umfeldes umgehen?

Ich kann Deine Position (Prüfung, lieber einen schönen Besuch als letzten Besuch in Erinnerung behalten) sehr gut nachvollziehen (ginge mir vermutlich genau so).

Für mich klingt es es so, als ob Du bei Deinem letzten Besuch Deiner Oma auch noch wichtige Wünsche erfüllt hast – vielleicht hat SIE en Gefühl gehabt, es könnte ein Abschied sein?

Es gibt hier kein richtig und falsch – nur Deine Gefühle und Wünsche. Und die Fähigkeit, mit einer Entscheidung zu leben!

hcallig[a[lixleo


"Subnflower schrieb: Womit könntest DU am besten leben? Denn darum geht es letztlich. "

Das denke ich auch. Der Abschied ist nicht nur für die Sterbenden wichtig, sondern auch für die Lebenden. Wenn du es tatsächlich nicht schaffst bei ihr zu sein, dann wähle einen anderen Weg, vielleicht einen Brief. Aber gar nichts zu tun, das wäre zu wenig für dich und zuwenig für deine Großmutter.

EZishoerrnchxen


geh hin.sonst wirst du es vielleicht bereuren.es gibt ja keine 2. chance ,wie sich das so anhört.einen menschen noch ein mal zu sehen,den man gern hat,oder liebt,sollte man doch auch in der schwersten zeit nicht im stich lassen .

manche totkranken menschen,können auch besser von einem gehen,wenn sie die angehörigen noch ein mal sehen durften.

k2aputhteshuxhn


hallo,

setzen6, wenn ich die möglichkeit hätte,würde ich jeden tag hingehen..und solange wie möglich dableiben.. die zeit genießen.. kraft geben und das gefühl einfach dazu sein...

liebe grüße und alles gute caro

SMetYzen|6


Vielen Dank für die vielen Antworten. Ich bin mir noch immer unschlüssig und weiß einfach nicht, was ich tun soll.

@ Halligalileo

Es ist schön, dass du den letzten Besuch vor etwa vier Wochen in so guter Erinnerung hast, und es wäre natürlich schade, wenn du den möglicherweise letzten Besuch bei ihr in schlechter Erinnerung hast, weil du unter den Herausforderungen des "ganz normalen Wahnsinns" standest.

Genau das spricht für mich definitiv gegen einen Besuch. Bei diesem Besuch war einfach alles irgendwie "richtig", wir waren zärtlich zueinander, sie hat ein wenig mit mir gesprochen und beim Singen hat sie wirklich gelächelt. Auch das Haarekämmen war schön für sie und mich.

Ein erneuter Besuch wäre vollkommen anders. Sie liegt nur noch, ist auch voll mit Medikamenten und hat jetzt in den letzten 3 Tagen niemanden erkannt. Ich habe generell überhaupt "kein Problem" mit Sterbenden, habe viele gesehen, auch Kinder begleitet. Das Sterben ist für mich kein Tabuthema.

Aber bei Oma ist das irgendwie anders. Oma verbinde ich mit "süß sein" (sie hat schöne blaue Augen, wie ein kleines Püppchen), Süßes essen (wir haben immer Schokolade gemeinsam gegessen – was heißt gegessen: Wir haben das regelrecht zelebriert!), über Katzen plaudern, Hand halten, streicheln, Haare kämmen. Das ist Oma.

Natürlich ist auch diese sterbende Frau meine Oma. Aber sie war ihr Leben lang eine stolze Frau und sehr mütterlich. Jetzt, in ihren letzten Zügen, wirkt sie nicht mehr versöhnt mit ihrem Leben. Sie ist nun teilweise nicht nur abweisend, weil sie dement ist, sondern auch in klaren Momenten unheimlich barsch. Äußerungen beschränken sich laut meiner Mutter auf "Lass das", "Was machst du hier?", "Ich will nichts essen!", "Ich will schlafen!". Irgendwie fällt ihr das Sterben schwer. Vermutlich wird es uns allen schwerfallen, das schließe ich ja gar nicht aus.

Vielleicht schreibst du deiner Großmutter einen Brief, in der du ihr ausdrückst, was du denkst, fühlst, hoffst und glaubst. Du kannst ihr schreiben, dass du weinen musst, wenn du an ihren Tod denkst, aber lächeln kannst, wenn du an den letzten Besuch vor vier Wochen denkst. Frag sie, wenn du weißt, dass sie gläubig ist, ob sie zu Gott möchte. Sie wird sich vielleicht genauso wie du selbst die Frage stellen, wie man dahin kommt.

Einen Brief habe ich ihr schon geschrieben vor ein paar Tagen. Meine Mutter liest ihn ihr vor, aber meine Oma schafft es nicht, eine Verknüpfung zwischen dem Brief und mir herzustellen. Sie fragt immer, von wem er ist.

@ Schneckerl

Lass dich nicht zu irgendwas drängen dass du selber nicht willst, egal von wem. Denn höre immer auf dein Herz und versuche es zu verstehen, dann machst du sicher das Richtige für DICH.

Mein Herz sagt definitiv, dass ich nicht fahren sollte. Meine Vernunft sagt etwas anderes. Wenn ich eben definitiv wüsste, dass sie es will, dass ich komme, würde ich sofort fahren. Sofort. Aber ich weiß es eben nicht. Sie sagt, sie möchte dauernd lieber alleine sein, sie wolle schlafen. Sie möchte eigentlich wirklich keinen Besuch. Es scheint, als wolle sie alleine sterben, so grausam das klingt. Vielleicht sollte meine Mutter sie einmal fragen, ob sie sich wünscht, dass ich komme? Wäre das nicht eine Idee?

@ Schnattergusche

Ich glaube, Du hast schon den Abschiedsbesuch bei der Oma gemacht. Dir war das so nicht bewußt. Aber wie Du ihr Verhalten beschreibst, wußte sie es bereits.

Komischerweise habe ich das Gefühl auch. Meine Mutter war bei dem Besuch ja auch dabei und sie sagte danach, dass meine Oma viel wacher als sonst gewesen sei. Sie sagte wortwörtlich: "Die Oma hat sich heute für dich sehr bemüht!" Laut den Aussagen des Pflegepersonals habe meine Oma lange nicht mehr so "klar" und "wach" gewirkt wie am Tag meines Besuchs. Vielleicht wusste sie es wirklich? Vielleicht wollte Oma mir auch einen schönen letzten Besuch schenken? Ach Oma...

@ Sunflower

Womit könntest DU am besten leben? Denn darum geht es letztlich.

Ich könnte sehr gut damit leben, wenn es der letzte Besuch war. Es wirkt wie ein runder Abschluss.

Aber ich habe nun -während ich dies hier schrieb- entschieden, dass meine Mutter sie fragen soll, ob sie möchte, dass ich komme. Ich traue meiner Oma zu, dass sie ehrlich antwortet. Meine Oma ist eine große Frau. Nicht versöhnt und sehr gequält, aber eine großartige, aufrichtige Frau.

Danke, dass ihr mir beim Denken helft.

SMven_x33


Jeder muss das ganz für sich entscheiden, schließlich muss auch jeder mit seiner Entscheidung leben.

Für mich persönlich waren solche Abschiednahmen in der Vergangenheit Pflicht, egal wie schwer die Umstände auch waren. Wenn die Möglichkeit überhaupt gegeben ist und das ist schon ein wahres Geschenk dann will ich dem sterbenden zeigen das ich bei ihm bin.

Warum?

Ich kann mir nichts schlimmeres vorstellen, als ganz alleine zu sterben.

Meine Mutter sah das genauso und bevor sie starb (als sie auch noch klar im Kopf war) sagt sie das sie sich wünscht das wir über sie wachen weil sie Angst hat alleine zu sein.

Als es soweit war hatte sich auch ihre Persönlichkeit stark geändert.... vermutlich auch wegen der Medikamente, aber ich blieb.

Ich weiß es, als wäre es gestern gewesen.

Ich sagte meiner Mutter: "Wir sehen uns wieder! Ich liebe Dich"

darauf strich sie mir über den Kopf und sagte "Ich Dich auch mein Junge"

Dann schlief sie ein. Es dauerte noch fast 2 Wochen bis sie starb, aber sie war die ganze Zeit über nicht mehr richtig bei Bewusstsein.

Ich kann Dir nicht sagen, wie dankbar ich heute dafür bin diese beiden Sätze noch gesagt zu haben.

Lg und viel Kraft

Sqe^tzejn6


Sven_33:

Ich finde es eindrucksvoll wie du das beschrieben hast.

Und man merkt, dass es für dich und deine Mutter die richtige Entscheidung war.

Aber:

Ich kann mir nichts schlimmeres vorstellen, als ganz alleine zu sterben.

Ich glaube meiner Oma geht es da anders. Das ist zwar schwer vorstellbar, aber aus ihren Äußerungen und auch wenn ich über ihr Wesen nachdenke, schließe ich, dass sie es anders will. Ich glaube, dass sie allein sein möchte. Es kommt erschwerend hinzu, dass mein Onkel (ihr Sohn) vor über 30 Jahren tragisch ums Leben kam, was sie nie ganz überwunden hat. Sie steht jetzt unter massivem Einfluss von Morphinen, die sie schon seit Jahrzehnten nimmt und die jetzt ins Unermessliche gesteigert wurden. Neulich sagte sie in ihrem "Rausch" zu meiner Mutter, sie möge bitte das Zimmer verlassen, denn ihr Sohn (also mein verstorbener Onkel) sei gerade dagewesen und er wolle nur wiederkommen, wenn meine Mutter wieder ginge.

Es ist alles wahnsinnig schwierig. Sie ist wortkarg und die wenigen Sätze, die sie sagt, sind von Phantastereien geprägt oder stark ablehnend. Natürlich kann man jetzt sagen, dass wir uns darüber hinwegsetzen sollten und sie schlichtweg so stark lieben sollten, wie wir können...aber was, wenn sie uns wirklich nicht um sich haben möchte? Sollte man nicht auch das akzeptieren?

Mein Opa starb damals auch alleine. Wir befanden uns zwar im gleichen Haus, doch in den Abendstunden bat er uns alle (auch seine Frau, also meine Oma), das Zimmer zu verlassen. Wir erfüllten ihm den Wunsch. Morgens war er verstorben. Oma hat immer gesagt, dass sie es sehr gut fand, wie er ging.

Wie gesagt: Meine Mutter wird sie fragen, ob ich kommen soll. Ich traue meiner Oma zu, dass sie ehrlich antwortet. Wenn sie noch antworten kann.

SSeftz'en6


Nachtrag:

@ Halligalileo:

Ich habe ein paar Mal mit ihr über Gott gesprochen. Dieses Thema ist allerdings in meiner Familie ein relativ heikles Thema, da fast alle (außer meinem Vater und mir) sich entschieden vom Glauben abgewandt haben. Es ist zu vieles schief gelaufen bei uns und ich kann verstehen, dass man da die Güte oder die Existenz Gottes stark anzweifelt.

Ich hingegen bin gläubig. Beim letzten Besuch habe ich mit ihr mehrere Lieder gesungen, darunter alte Volkslieder und auch Kirchenlieder. Über ihrem Bett hängt seither ein Gemälde, in das die Worte Bonhoeffers eingepinselt sind:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist mit uns am Abend und am Morgen

und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Ich schließe daraus, dass sie durchaus an Gott glaubt, auch wenn sie nie darüber sprechen wollte. Ich habe sie gefragt, wie sie sich das vorstellt...das alles nach dem Tod. Sie hat nur knapp gesagt: "Ich weiß es nicht.", woraufhin wir beide etwas schwiegen. Ich erwiderte dann: "Oma, ich habe auch keine Ahnung, aber ich glaube es wird ganz gut, egal wie es wird." Sie hat gelächelt, ein richtig süßes kleines Oma-Lächeln mit blauen, strahlenden Knopfäuglein und gesagt: "Hoffen wir es mal!"

Mehr war irgendwie nicht zu sagen. Sie hat die Hoffnung nicht verloren.

SGio+fna&76


Ich würde auf jeden Fall nochmal hinfahren!!!

SMmilxli2


Ich glaube, ich würde auch noch mal hinfahren.

Du erzählst, dass es deiner Oma gut getan hat, dass du da warst. Es hört sich auch so an, als hättet ihr ein gutes Verhältnis zueinander gehabt.

Vielleicht hat sie auch Angst und dann ist es doch schön, wenn jemand da ist, den man mag...

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