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Bin ich die einzige, die ihn nicht vergessen will?

J@uNne0x1 hat die Diskussion gestartet


Es geht um meinen Vater, er ist letztes Jahr verstorben und ich vermisse ich furchtbar. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke, an dem ich nicht von ihm rede, an dem ich mich nicht an ihn erinnere.

Ich weiß, jeder Mensch trauert anders und muss seinen Weg finden, aber mich belastet ziemlich, dass ich das Gefühl habe, die einzige zu sein, die noch an ihn denkt. Meine Mutter war anfangs sehr niedergeschlagen, wir hatten sogar Angst, sie könnte sich das Leben nehmen. Mittlerweile hat sie sich gefangen und blüht wieder auf. Sie trifft sich mit Freunden und Bekannten, lernt neue Leute kennen. Ich weiß, dass das gut und richtig ist, es würde mich auch belasten, wenn sie wie ein Häufchen Elend zu Hause sitzen würde. Mit jedem weiteren Tag habe ich aber das Gefühl, dass mein Vater mehr und mehr in Vergessenheit gerät. Auch meine ältere Schwester spricht kaum noch über ihn.

Mit meinem Partner unterhalte ich mich oft über meinen Vater bzw. erzähle ihm eben Erinnerungen aus der Kindheit, was mein Vater typischerweise in dieser oder jener Situation gedacht oder gemacht hätte, was uns zum Lachen bringt :-D Er nimmt es interessiert zur Kenntnis, aber da er ihn leider persönlich nur wenige Male traf und nicht so gut kennen lernen konnte, kann er nur gut zuhören, die Erinnerungen aber nicht wirklich mit mir teilen.

Ich habe Angst, wenn ich die Erinnerung nicht als einzige aus der Familie wach halte, dass mein Vater irgendwann vergessen ist und das hat er einfach nicht verdient. Ich weiß ja, dass es weiter gehen muss, wir sind alle noch relativ jung (ich Anfang 20, meine Schwester Ende 20, meine Mutter Mitte 40, die Geschwister meines Vaters auch erst um die 50). Es werden in Zukunft also viele Jahre ohne ihn vergehen und das macht mich besonders traurig. Irgendwann werde ich länger ohne ihn gelebt haben, als mit ihm, er wird so vieles nicht miterleben können (Heirat, Enkelkinder). Ich habe das Gefühl, die anderen Hinterbliebenen versuchen deshalb so schnell wie möglich eine Art Neuanfang zu starten, ohne ihn, wo er keine Rolle mehr spielt, während ich an der Erinnerung festhalte.

Anfangs waren viele im Umfeld sehr betroffen, haben noch über ihn geredet, mittlerweile und besonders durch die neuen Kontakte meiner Mutter, begegne ich immer mehr Menschen, für die mein Vater keinerlei Rolle spielt, weil sie ihn nie kennengelernt haben :°(

Kann mich hier jemand verstehen? War bzw. ist in einer ähnlichen Situation?

Würde mich gerne ein bisschen austauschen darüber...

Antworten
g%aouloLise


Wie kannst du auch nur glauben, daß deine Mutter oder deine Schwester deinen Vater vergessen? Eine so zentrale Person im Leben vergißt man doch nicht, die ist für immer (!) da. Nur, weil andere menschen nicht andauernd über ihn reden, heißt das ganz bestimmt nicht, daß du die einzige bist, die die Fahne hochhält.

Du sagst sehr richtig, daß alle Menschen unterschiedlich trauern. Mein Vater ist seit 19 Jahren tot und ich kann erst seit etwa fünf Jahren unbefangen von ihm erzählen. In all den Jahren vorher habe ich das Thema gemieden – aber ganz bestimmt nicht, weil ich ihn vergessen wollte. Ein völlig abwegiger Gedanke.

I#n-Ko7g Nixto


mein Vater starb ein paar tage nach meinem 9. geburstag und ich kann erst seit einigen jahren unbefangen darüber reden.

das vergissst man doch nicht.

meine mtuter hat allerdings auch nie wieder über ihn geredet, die begründung habe ich erst vor ein paar wochen gehört:

sie hätte es nicht ausgehalten.

vielleicht geht es deinen leuten genauso.

J3uneI0,1


Wie kannst du auch nur glauben, daß deine Mutter oder deine Schwester deinen Vater vergessen?

Im Grunde hast du Recht, es ist schon ziemlich heftig, dass mir das so vorkommt, aber im Moment fühlt es sich einfach so an für mich. Vielleicht oder ja, wahrscheinlich sogar, tue ich ihnen Unrecht, sie ticken einfach nur anders als ich. Fühle mich nur recht alleine, wenn ich die einzige in der Familie bin, die überhaupt noch ein Wort über ihn verliert und alle anderen schwer damit beschäftigt sind, neue Bekanntschaften zu schließen, "neu anzufangen", sich "ein neues Leben" aufzubauen. So sagen sie es jedenfalls selbst und mir wird gesagt, dass es auch mal gut sein muss, man nach vorne schauen sollte und nicht immer nur den alten Zeiten nachtrauern kann :-/

J>une0r1


Vielleicht gleich noch eine Bitte dazu: Geht nicht zu hart mit mir ins Gericht. Ich weiß, dass man in einem Internetforum nicht nur Honig um den Mund geschmiert bekommt, aber ich bin echt ziemlich traurig und möchte einfach ein bisschen reden, ja zugegeben, eventuell auch etwas Trost erfahren, weil wie gesagt – in meiner Familie gibt es das für mich nicht, weil wir wohl unterschiedlich trauern und ich daher alleine klar kommen muss.

Falls ich andere Menschen, die einen geliebten Angehörigen verloren haben und auch lange Zeit nicht darüber reden konnten, mit der Vermutung, der Verstorbene könnte vergessen werden, getroffen habe, tut es mir leid. Ich wollte das keinem böswillig unterstellen, es bezieht sich alles vielmehr auf meine eigenen Gefühle und Ängste. Ich fürchte mich einfach vor der vielen langen Zeit, die noch kommen wird und kann mir gar nicht richtig vorstellen, dass ich meinen Vater wirklich nie wieder sehen werde, nie wieder mit ihm reden können werde usw. Das erdrückt mich gewissermaßen.

Also mhm, keine Ahnung, wollte ich nur dazu schreiben, zum besseren Verständnis vielleicht...

Ibn-Ko,g Nixto


bowlby hat bei e.kübler-ross abgekupfert mit 5 phasen der trauer:

1. negieren

2. zorn

3. handeln mit der umwelt oder mit gott (wenn ich das und das mache, dann kommt er wieder... träume ich von ihm ....etc..

4. depression

5. akzeptanz und identitätenwandel durch die erfahrung des ereignisses

die phasen sind nicht zeitabhänig.

aI.fi^sxh


So sagen sie es jedenfalls selbst und mir wird gesagt, dass es auch mal gut sein muss, man nach vorne schauen sollte und nicht immer nur den alten Zeiten nachtrauern kann :-/

Das ist natürlich schwierig. Du stößt mit Deinem Gesprächsbedarf an, sie mit ihrem Aktionismus. Dein Partner kann vielleicht in Gesprächen Deine Erinnerungen nicht mitfühlen, weil er sie nicht teilt, aber nachfühlen kann er das doch sicher und er möchte das ja anscheinend auch. Das ist nicht 100%ig, was Du Dir wünschst, aber vielleicht ja genug, um Dich in schlimmen Momenten aufzumuntern?

L4adySxue


Mit jedem weiteren Tag habe ich aber das Gefühl, dass mein Vater mehr und mehr in Vergessenheit gerät.

Man kann sich doch die Erinnerung an einen lieben Menschen im Herzen bewahren, deshalb muß man aber nicht tagtäglich von ihm sprechen, das bedeuted auch nicht, dass er deshalb in Vergessenheit gerät..........sehr wohl wird die Erinnerung mit den Jahren(Jahrzehnten) etwas verblassen, was ich persönlich für gut und richtig finde.

Ich kann verstehen, dass Du noch sehr um Deinen Vater trauerst, Du hast ihn ja auch recht früh verloren.

So wie Du es aber beschreibst, habe ich den Eindruck, als ob Du mit aller Macht versuchst, ihn ständig allgegenwärtig zu halten und damit Gefahr läufst ihn zu "glorifizieren" – das halte ich für ungesund.

Und auch das nimm mir bitte nicht übel, wenn ich es so sage, aber als Dein Freund würde es mir irgendwann auf die Nerven gehen, mir ständig Geschichten über einen Verstorbenen anhören zu müssen, den ich kaum kannte und zu dem ich warscheinlich auch kaum eine Beziehung hatte.

Das man über den Verstorbenen nicht mehr täglich spricht, ist ganz normal.....das man noch lange tägl. an ihn denkt, ist auch ganz normal.

Dein Vater wird in deinem Leben immer eine Rolle spielen, einfach weil er Dein Vater war. ....so gesehen wird er immer ein Teil von Eurer Familie bleiben.

Kann mich hier jemand verstehen?

Ich kann Dich zwar verstehen, aber das wäre nicht meine Art mit der Trauer umzugehen.

Ich hätte versucht, es wie Deine Mutter zu machen....die Trauer zu überwinden, indem ich sie zum Teil auch verdränge (zumindest anfangs)und mich den Dingen des normalen Lebens zuwende.

Ich denke aber nicht, dass wir den Toten in irgendeiner Form verpflichtet sind.

Sicher ist es schön von Dir, das Andenken an deinen Vater aufrecht zu halten, es sollte nur "in Maßen"(meine Meinung).

Deine Art des ständigen "dran erinnerns" ......das wäre mir einfach zuviel , da kann ich deine Familie verstehen, jeder geht halt anders damit um.

Vlt. solltest Du beginnen, sie zu verstehen.

Liebe Grüße *:)

a&.fisxh


Sie versteht sie doch. Sie ist einfach unglücklich mit der Situation. Nur, weil man etwas versteht, lösen sich doch nicht alle unschönen Gefühle in Wohlgefallen auf.

Und auch das nimm mir bitte nicht übel, wenn ich es so sage, aber als Dein Freund würde es mir irgendwann auf die Nerven gehen, mir ständig Geschichten über einen Verstorbenen anhören zu müssen, den ich kaum kannte und zu dem ich warscheinlich auch kaum eine Beziehung hatte.

Zum Glück mache ich da ganz andere Erfahrungen. Meinem Partner wird das nicht nervig, einfach weil er weiß, was es mir bedeutet.

LdadkySuxe


Sie versteht sie doch. Sie ist einfach unglücklich mit der Situation. Nur, weil man etwas versteht, lösen sich doch nicht alle unschönen Gefühle in Wohlgefallen auf.

Schon klar, nur wenn sie weiter mit der Situation so umgeht, wird sich nichts ändern und sie wird weiter unglücklich sein.

Wenn ich mit etwas besser klarkommen möchte, muß ich etwas ändern.

J0unge01


Dein Partner kann vielleicht in Gesprächen Deine Erinnerungen nicht mitfühlen, weil er sie nicht teilt, aber nachfühlen kann er das doch sicher und er möchte das ja anscheinend auch. Das ist nicht 100%ig, was Du Dir wünschst, aber vielleicht ja genug, um Dich in schlimmen Momenten aufzumuntern?

Ja, das auf jeden Fall, er ist mir da eine große Hilfe und bisher hatte ich zum Glück auch noch nie das Gefühl, ihn zu nerven. Dass er "interessiert" ist und nicht einfach nur zuhört und dabei innerlich auf Standby schaltet, merke ich auch daran, dass er in letzter Zeit sogar von sich aus manches kommentiert hat im Sinne von "Das hier wär doch bestimmt was für deinen Vater gewesen, oder? Stell ich mir zumindest so vor, deiner Erzählung nach!". Das sind Momente, in denen mir das Herz aufgeht, weil ich merke, dass er dann wirklich nicht vergessen ist/wird und so auf diese Art gewissermaßen doch noch "bei uns" ist – zumindest in Gedanken.

So wie Du es aber beschreibst, habe ich den Eindruck, als ob Du mit aller Macht versuchst, ihn ständig allgegenwärtig zu halten und damit Gefahr läufst ihn zu "glorifizieren" – das halte ich für ungesund.

Ich würde nicht sagen, dass ich das mit aller Kraft versuche, also bewusst steuere, so im Sinne von "Jetzt musst du mal wieder an deinen Vater denken, damit er nicht in Vergessenheit gerät und eine Story von ihm zum Besten geben". Es passiert eher ganz automatisch, weil ich einfach an ihn denke und dann z.B. lachen muss und sage "Da hätte er jetzt auch wieder 'nen Spruch zu gewusst" oder so. Schwer zu erklären, ich rede auch nicht 24 Stunden am Tag von ihm oder in jedem zweiten Satz. Aber es gibt eben immer wieder solche Momente.

Ich sehe schon auch ein, dass es für die anderen, wenn sie so ganz anders damit umgehen und eher verdrängen bzw. nicht reden und nur noch nach vorne schauen wollen, schwer ist mit mir. Ich nehme da auch durchaus Rücksicht drauf und versuche z.B. meine Mutter nicht "runter zu ziehen". Aber wenn ich wirklich so gar kein Wort mehr über ihn verlieren darf, weil es dann heißt, dass ich der Vergangenheit nachhänge und es irgendwann auch mal gut sein muss, das ist eben auch schwer für mich :-(

Jqune0x1


Im Übrigen danke, besonders an a.fish @:) Fühle mich ja selbst ein bisschen infantil und blöd dabei, aber es tut mir gerade einfach gut, das Gefühl zu haben, verstanden zu werden. Das heißt nicht, dass nicht auch kritische Kommentare erwünscht sind, aber die höre ich ja eben sowieso oft, von wegen "gut sein lassen, nach vorne schauen, es muss weitergehen, Eltern sterben halt irgendwann" und so weiter. Mein Kopf weiß das auch, aber der Rest ist irgendwie noch nicht so weit und vielleicht funktioniert das auch nicht bei jedem, vielleicht will ich noch eine ganze Weile gar nicht wieder glücklich sein. Keine Ahnung :-/

L}aOdHyxSue


Aber wenn ich wirklich so gar kein Wort mehr über ihn verlieren darf, weil es dann heißt, dass ich der Vergangenheit nachhänge und es irgendwann auch mal gut sein muss, das ist eben auch schwer für mich

Ja, das ist schwer, aber immerhin hast Du einen lieben Partner, der Dich in der Beziehung etwas auffängt.

Mein Vater ist jetzt 12 Jahre tot.

Es hat bei mir auch Jahre gedauert, bis ich unbefangen mit der Erinnerung umgehen konnte und selbst heute, wenn ich mal nicht so gut drauf bin und ihn vermisse, dass ich weinen könnte.

Ich habe damals nicht über ihn gesprochen, weil ich dann dauerd in Tränen ausgebrochen wäre....das war mir unangenehm.......vlt geht es Deiner Familie ähnlich..........sie sind halt auch noch nicht soweit.

aw.fxish


Wenn ich mit etwas besser klarkommen möchte, muß ich etwas ändern.

Manches bringt auch die Zeit.


Aber wenn ich wirklich so gar kein Wort mehr über ihn verlieren darf, weil es dann heißt, dass ich der Vergangenheit nachhänge und es irgendwann auch mal gut sein muss, das ist eben auch schwer für mich :-(

Ja. In meiner Familie herrscht so eine Art einvernehmliches Schweigegelübde. Der Tod meines Vaters kommt kaum, eher so gut wie nie zur Sprache. Aber manchmal gibt es vereinzelt so Momente, wo einer es anspricht und dann wird es ganz schön, dann schauen wir uns Bilder an oder tauschen Erinnerungen aus. Das sind seltene Momente (ein paar Mal im Jahr) aber ich finde das in Ordnung. Der Umgang damit ist nicht leicht, war es nie, wird es in unserer Familie nie werden, aber es ist in Ordnung. So ist es eben. Das zu akzeptieren ist vielleicht einfach auch eine Frage der Zeit.

kuleinWer_d}rac(hGensTterxn


Hallo June01,

ich möchte dir mal meine Geschichte erzählen, um dir zu zeigen, wie verschieden Menschen mit Trauer umgehen:

Vor 13 Jahren verstarb mein damaliger Lebensgefährte binnen kürzester Zeit an Krebs – kurz vor unserer geplanten Hochzeit :°( – es war unfassbar für mich und ich war am Ende. Trotzdem bin ich immer wieder von Leuten angesprochen worden, wie herzlos ich doch wäre und wie wenig ich doch trauern würde :-o, weil ich mich abgelenkt habe, mich mit Freunden getroffen habe, ausgegangen bin etc. Klar, hat ja keiner gesehen, dass ich keine Nacht mehr als 2 Stunden geschlafen habe oder meinen Kopf gegen die Wand geschlagen habe. Als ich dann 1,5 Jahre später einen Zusammenbruch hatte, hat das auch wieder keiner verstanden, war ja schließlich schon "so lange her" und das Leben "geht ja schließlich weiter".

Heute geht es mir gut, ich bin in einer glücklichen Beziehung und alles ist schön. Trotzdem hab ich IHN nie vergessen und denke immer noch oft an ihn und unsere gemeinsame Zeit.

Ich halte das mit Herbert Grönemeyer, der Text spricht mir aus der Seele:

Ich gehe nicht weg, hab meine Frist verlängert.

Neue Zeitreise, offene Welt.

Habe dich sicher in meiner Seele.

Ich trag dich bei mir, bis der Vorhang fällt.

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