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Bin ich die einzige, die ihn nicht vergessen will?

JHunex01


Ich habe damals nicht über ihn gesprochen, weil ich dann dauerd in Tränen ausgebrochen wäre....das war mir unangenehm.......vlt geht es Deiner Familie ähnlich.......... sie sind halt auch noch nicht soweit.

Weiß nicht :-/ Ich habe eher den Eindruck, dass sie nicht "noch nicht soweit" sind, sondern eher "weiter als ich". Wenige Wochen nach seinem Tod haben sie nämlich schon von ihm gesprochen, so wie ich das jetzt auch tue, haben sich erinnert in bestimmten Situationen und es ausgesprochen. Irgendwann hieß es aber eben, es müsse jetzt mal gut sein, man könne nicht immer so weiter machen, sondern müsse es auch irgendwann mal abhaken.

Das sind wahrscheinlich die Worte, die mir zu schaffen machen: Abhaken, neu anfangen, nicht zurückschauen.

Wenn sie mal angefangen hätten zu weinen, sobald ich ihn erwähne und sagen, dass es sie einfach fertig macht, runterzieht, traurig werden lässt oder so, dann wäre das nochmal anders, als wenn sie einfach die Augen verdrehen und genervt reagieren. Es sind Aussagen wie "Soll ich jetzt ewig trauern?!" (Mutter) oder "Es ist doch normal, dass Eltern irgendwann sterben, das gehört zum Erwachsenwerden/sein dazu" (Schwester).

Aber eure Beiträge zeigen mir wirklich nochmal ganz deutlich, wie unterschiedlich getrauert wird (danke drachenstern und alles Gute für dich weiterhin @:)) und da kann man dann wohl auch nichts dran ändern. Habe ich eben Pech, dass ich da in der Familie so aus der Rolle falle und sich alle anderen einig sind, wie der Umgang damit aussehen soll.

g!aTuqloixse


Erstmal entschuldige bitte meine erste Antwort vorhin, mein "wie kannst du nur!" war deplaziert und doof.

Irgendwann hieß es aber eben, es müsse jetzt mal gut sein, man könne nicht immer so weiter machen, sondern müsse es auch irgendwann mal abhaken.

Du, genau so ist es. Nimm die negative Bedeutung von "abhaken" weg: das heißt nicht, daß man sagt, OK, der Joghurt ist schimmlig, den haken wir mal ab und vergessen ihn. Das heißt vielmehr: dieser Abschnitt unseres Lebens ist beendet. Jetzt kommt der nächste. Jetzt kommt eine Neuorientierung. Wobei die Erfahrungen des "alten" Lebens immer dabei sind, immer präsent...es ist alles noch da: die Erlebnisse mit dem Vater, die Kindheit, der Streß, den man mit ihm hatte, die Liebe – das bleibt.

Und das ist auch in deiner Umgebung immer da. Deine Mutter und deine Schwester haben sich fürs erste den Rotz von der Nase gewischt und machen weiter. Du weißt aber nicht, wie es in ihnen aussieht, ob sie nicht auch nachts die Wände anschreien, von deinem Vater träumen.

Möglicherweise versuchen sie auch, DIR zu helfen, ist dir der Gedanke mal gekommen? Versuchen, dich aus deiner Trauer rauszuholen?

"Es ist doch normal, dass Eltern irgendwann sterben, das gehört zum Erwachsenwerden/sein dazu"

Naja. Wie alt war dein Vater? Klar, seit wir erkannt haben, daß alte Menschen irgendwann sterben, wissen wir rein theoretisch, daß Eltern vor ihren Kindern sterben. Aber das ist blasse Theorie und man hat im Kopf irgendwen uraltes, der dann einfach wegdämmert und gut. Mein Vater war 52. Definitiv noch kein Sterbealter.

Meine Mutter klappte komplett zusammen, meine Schwester rastete aus – und ich war die Starke, diejenige, die die beiden anderen festhielt. Ich war diejenige, die in den Jahren danach bremste, wenn SCHON wieder über ihn lamentiert wurde, ich war der fröhliche, geerdete Alltag für die beiden Psychotussis. ;-D

Und ich trauere bis heute um ihn, ich trauere endlos um die Zeit, die wir nicht mehr miteinander hatten.

Habe ich eben Pech, dass ich da in der Familie so aus der Rolle falle und sich alle anderen einig sind, wie der Umgang damit aussehen soll.

Es gibt kein "soll" im Umgang mit einem solchen Verlust. Schreibst du Tagebuch? Wenn du das Gefühl hast, nirgendwo mit deinem Schmerz und deinem Redebedürfnis bleiben zu können, versuch' das mal.

ggwen-dolyxnn


Hallo June01,

ich habe meinen Partner vor einigen Monaten nach langer Krankheit verloren.

Ich vermisse ihn auch immer noch, und ich "rede" in Gedanken manchmal mit ihm - sage z. B. vorm Fernsehen "Die Serie da hätte dir gefallen" oder "erzähle", wie mein Tag war.

Es tut inzwischen auch nicht mehr so weh wie am Anfang, aber ich habe ihn trotzdem nicht vergessen. Ich verstehe aber, was deine Mutter und Verwandten vielleicht damit meinen, wenn sie sagen, man müsse nach vorne schauen: Traurig zu sein ist ja kein angenehmes Gefühl. Jeder möchte doch lieber glücklich sein. Und der Tod hält einem ja vor Augen, dass man eventuell vielleicht doch nicht mehr soviel Zeit hat, selbst Glück zu erleben. Da verdrängt man eben lieber die Gedanken an den Tod und das Unbekannte.

Ich selbst seh es nicht so - aber ich kann es ein Stück weit nachvollziehen.

gHwe&ndo(lyxnn


Ich hoffe, ich hab den Thread hier nicht abgewürgt, weil nach mir keiner mehr hier geschrieben hat.

Mir ist noch ein Grund eingefallen, warum die anderen so reagieren könnten: Wenn deine Mutter z. B. neue Bekanntschaften knüpft, dann könnte es sein, dass ihr die Erwähnung deines Vaters ein schlechtes Gewissen macht. Weil im Kopf ja noch ist, dass sich das eigentlich nicht gehört, dass es einem so relativ kurz nach dem Tod des Partners schon wieder gutgeht.

Ich gehe Leuten, die ich länger nicht gesehen habe, und die "vorauseilend" eine Betroffenheitsmiene aufsetzen, wenn sie mich sehen, auch lieber aus dem Weg. Nicht weil ich nicht über meinen verstorbenen Freund reden will, sondern weil ich ahne, was sie denken: Dass sie der Meinung sind, ich sei sicher immer noch am Boden zerstört und sie müssten mir Trost und Mut zusprechen. Das ist genau das, was ich nicht will. Weil ich inzwischen meinen eigenen Umgang damit gefunden habe, und es mir damit relativ gutgeht. Das heißt nicht, dass ich ihn vergessen habe :-) Ich denke immer noch sehr oft an ihn, eigentlich jeden Tag. Aber trotzdem möchte ich nicht immer über ihn reden. Weil ja nichts mehr verändert werden kann, man kann quasi nichts mehr tun, um das Vergangene wieder aufleben zu lassen. Also lässt man es in sich selbst ruhen und konzentriert sich auf andere Dinge.

SPupe^rkröZte


June01

Meine Mutter ist vor 4einhalb Jahren verstorben, ich denke jeden Tag an sie.

Die Erinnerung ist lebendig und ich erzähle meinen Kindern (9,6 und 3 Jahre alt) viel von ihr. Sie war eine lustige Person. Eigentlich bin ich das einzige Vermächnis meiner Mutter :-/ .

Mein Mann erzähle ich auch viel von ihr. Es nervt ihn nicht.

Der Tod meiner Mutter war das schmerzhafteste was ich je erlebt habe, es tat sogar körperlich weh.

Irgendwie ist meine Mutter auch gar nicht ganz "weg", die Liebe bleibt irgendwie und ich bin mir sicher das ich sie irgendwann wiedersehn werde.

Mir ist allerdings auch schon von einer Tante vorgeworfen worden das ich meine Mutter "vergessen" habe, das hat mich sehr verletzt. Die Trauer ändert sich, aber vermissen tue ich meine Mutter täglich, ich weine nur noch sehr selten. Meine Mutter hat ihren Vater damals recht früh verloren, aber sie hat ihn durch ihre erzählungen für mich lebendig gemacht. Ich habe das Gefühl ihn gekannt zu haben. Das versuche ich jetzt für meine Kinder zu tun. Meine Mutter ist zwar früh gestorben aber hat viel erlebt, da gibt es viel zu berichten, auch viel lustiges. Manche verdrängen ihre Trauer von der "Aussenwelt", aber insgeheim, wenn sie allein sind trauern sie. Jeder muß seinen Weg finden, ich hab geredet und geredet...geweint und geredet, aber halt mit meinem Mann. Aber glaub mir, egal wieviel Zeit vergehen wird du und auch alle anderen werden ihn nicht vergessen. :)-

Jhobri


Hallo June01,

Meine Eltern sind vor etwa drei Jahren im Abstand von nur acht Monaten gestorben. Diese Zeit ist wie ImFluge vergangen. Ich kann nicht begreifen es kaum begreifen, es ist als war es gestern.

Wir sind drei Geschwister und jeder geht anders damit um. Jeder hat seinen eigenen Weg und Rhytmus. Der eine verdrängt, der andere hat bereits verarbeitet und bei reicht manchmal nur ein Wort oder ein Gedanke und ich bin wieder voll im Trauerfluß gefangen.

Glücklicherweise können wir gut miteinander reden und uns so gut gegenseitig stützen. Wir akzeptieren gegenseitig die unterschiedlichen Ansätze.

Liebe June01, ich kenne das Gefühl, das Du beschreibst, nur zu gut. Vom Kopf her weiß ich, dass das Leben weitergeht, vom Gefühl her will ich die Zeit anhalten, damit die kostbaren Erinnerungen nicht verblassen. Aber eigentlich weiß ich auch, dass die Erinnerungen nie vergehen werden.

Ich bin ein Freund von offenen Gesprächen: Hast Du schon mal ganz konkret mit Deiner Mutter und Schwester über diese Gefühle gesprochen? Vielleicht wirst Du überrascht. Vielleicht findet ihr gemeinsam einen Weg, mit dem Ihr alle klar kommt.

Ich wünsche Dir ganz viel Kraft.

Liebe Grüße

J6un=e021


Ich habe auf euer Anraten das offene Gespräch gesucht und jetzt ergibt alles Sinn. Meine Mutter hat seit ein paar Monaten nämlich einen neuen Freund, von dem zwar meine Schwester wusste, ich aber nicht. Daher störte ich so massiv mit meinen Gedanken an meinen Vater, er wurde längst ersetzt und da störe ich das neue Glück natürlich, wenn ich immer wieder von ihrem verstorbenen Ehemann anfange. Wird sicher auch wieder große Wellen schlagen, wenn ich das so formuliere, dass er ersetzt wurde, denn bestimmt ist meine Mutter tief in Gedanken bei meinem Vater, wenn sie mit dem neuen Kerl rummacht....

Ich schreibe es auch nur hier so "böse", damit ich meiner Mutter überhaupt noch gegenübertreten kann und ihr keine Vorwürfe mache, weil mir das ja eigentlich nicht zusteht. Ich finds aber einfach furchtbar.

Das nur für euch zur Info, wie die Sache quasi "ausgegangen" ist.

gXwend8olyxnn


@ June 01

Ich verstehe gut, dass es dich trifft, dass deine Mutter deinen Vater quasi "ersetzt" hat. Ein neuer Freund ist ja auch was anderes als eine lockere Bekanntschaft - aber mit dem schlechten Gewissen lag ich da wohl richtig.

Vermutlich wollte sie es dir auch nicht sagen.

Nur, was wäre damit erreicht, wenn sie sich einen neuen Freund "verkneifen" würde? :-/ Wenn sie schon soweit ist, wieder eine richtige Beziehung haben zu können?

Vielleicht will sie auch nur einiges aufholen, was sie denkt, eventuell versäumt zu haben oder hat Angst, etwas zu versäumen, wenn sie jetzt nicht neu durchstartet?

J0ori


Hallo June,

ich finde sehr gut, dass Du das Gespräch gesucht hast, auch wenn das Ergebnis nun doch erstmal "ein Schlag vor den Kopf" ist.

Auch kann ich sehr gut verstehen, dass Dich die Tatsache, dass Deine Mutter schon nach relativ kurzer Zeit einen neuen Freund hat, sehr schockt. Dabei wär ich wohl auch ziemlich geschockt. Ich kann mir gut vorstellen, wie weh es tut, wenn man das Gefühlt hat, der geliebte Vater kann so schnell ersetzt werden.

Auf der anderen Seite ist es leider wirklich so: jeder muss mit den Tod Deines Vaters auf seine Weise fertigwerden, denn (so banal das auch klingt) das Leben geht weiter. Und auch wenn es für Dich unverständlich ist und sehr wehtut, ist das ihre Art, damit umzugehen. Man kann einfach nicht von anderen Menschen erwarten, dass sie genauso handeln, wie man selbst es von ihnen erwartet. Und Du musst Deinen Weg finden. Irgendwann, nicht heute und wahrscheinlich auch nicht morgen, wirst Du es vielleicht verstehen.

Und manche Menschen können eben nicht allein sein. Nicht direkt vergleichbar, aber für mich auch unverständlich: Meine Freundin wurde Anfang des Jahres von ihrem Mann verlassen. Er ist einfach eines Tages ausgezogen, ohne dass vorher ein Wort darüber gesprochen wurde. Er hat sie mit einem fünfjährigen Kind allein gelassen. Es ist kein halbes Jahr vergangen, da hat sie einen neuen Freund. Wenn ich an die vielen durchweinten Nächte denke, die ich bei ihr gesessen bin, um zu trösten. Ich kann es nicht verstehen, wie man sich so schnell auf eine neue Beziehung einlassen kann, wenn die alte nicht nicht einmal richtig beendet ist (z.B. steht auch die Scheidung noch an).

Aber so ist das halt. Es ist ihr Leben und sie muss für sich den richtigen Weg finden.

Liebe June,

ich wünsche Dir ganz viel Kraft und hoffe, dass Du diesen "Schlag" verdauen kannst und irgendwie zu einem normalen Verhältnis zu Deiner Mutter zurückkommen kannst. Und ich wünsche Dir, dass Du für Dich Deinen Weg findest, mit der Trauer um Deinen Vater umzugehen.

Liebe Grüße

a&.fxish


So hab ich auf den ersten Lebensgefährten meiner Mutter nach meinem Vater auch reagiert. Da war ich allerdings 14.

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