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Kaum Trauer...? Verdrängung?

m asxakxo hat die Diskussion gestartet


Vorab ein paar Infos zu mir: W, 21, wohne seit 2 Jahren knappe 100km von der Familie entfährt.

Heute Morgen habe ich einen Anruf erhalten, dass meine Mutter im Krankenhaus gestorben ist. Blutvergiftung in Folge von Krebs. Sie war schon seit mehreren Wochen im Krankenhaus und ich habe sie auch einige Male besucht. Dabei war ich traurig, sie so zu sehen, aber andererseits hab ich mich auch gefreut, sie noch sehen zu dürfen und ihr etwas Gutes tun zu können, indem ich einfach da war und getan hab, was sie wollte. Die Ärzte waren sich damals schon ziemlich sicher, dass meine Mutter nicht mehr lange leben würde, aber sie wollten auch keine Schätzungen machen. Meine Mutter hat in der Zeit nie mit uns (ihren Töchtern, ihrer Tante) darüber gesprochen, dass sie sterben wird, es war einfach so, dass wir eben da waren, ihr Gesellschaft leisteten und ihr versicherten, dass es uns gut ginge und wir ohne sie auch klarkommen würden. Meine Mutter wollte sich nicht eingestehen, dass sie sterben muss und war auch häufig nicht klar im Kopf.

In den letzten Tagen war ich nicht bei meiner Mutter, weil ich Mittwochs einen 12-Stunden-Tag hatte, Donnerstag und Freitag arbeiten und für eine Klausur lernen musste, die ich am Morgen (Samstag) geschrieben habe. Wenn ich gewusst hätte, dass meine Mutter an just dem Morgen stirbt, wäre ich natürlich zu ihr gegangen, aber es war völlig unabsehbar. Auch meine Geschwister hatten nicht damit gerechnet und versicherten mir, dass meine Mutter es verstünde, dass ich lernen muss, dass sie ihr gesagt hätten, dass ich sie nach der Klausur besuchen komme. Nach der Klausur waren dann als böses Vorzeichen mehrere Anrufe in Abwesenheit und SMS mit der dringenden Bitte, anzurufen, auf meinem Handy.

Ich war erschrocken und rief meine Schwester an.

Schluchzend erzählte sie mir was passiert war und ich selbst war in diesem Moment auch ziemlich ergriffen und musste weinen. Ich kriegt mich dann aber ein, da ich erst nach Hause fahren wollte.

Unterwegs kamen mir alle möglichen Gedanken in den Kopf und immer wieder auch Tränen in die Augen. Daheim angekommen fühlte ich mich völlig überfordert, verwirrt und müde. (Gefühle, die ich auch schon hatte, als ich erfuhr, dass meine Mutter bald sterben würde, etc.) Ich legte mich ins Bett und wollte lange nicht aufstehen, einfach schlafen und hoffen, dass so Ordnung im Kopf einkehrt. Als ich aufgestanden bin, habe ich dann – vermutlich weil ich mir auch dachte, dass Trauer ja raus muss – einen Heulkrampf gekriegt und vermutlich eine Viertelstunde lang einfach nur hemmungslos geheult. Danach hab ich mit meiner Schwester telefoniert, die mich beruhigen konnte:

Ich muss mir wirklich keine Vorwürfe machen, niemand hätte es wissen können. Meine Mutter sei friedlich gestorben und wäre auch nicht der Typ Mensch, der rund um die Uhr Gesellschaft gewollt hätte – was sie auch einige Male ähnlich geäußert hatte.

Danach hatte ich einen friedlicheren Bezug zur Situation... ich war den ganzen Tag recht niedergeschlagen und empfand etwas wie Leere. Versuchte mich an Erlebnisse mit meiner Mutter zu erinnern, wobei mir nur wenig einfiel. Ich bin ein wenig wie gelähmt und fühle mich mental angeschlagen. Aber trotz allem fällt es mir sehr leicht, mich von der Tatsache, dass meine Mutter heute morgen (genau genommen Samstag Morgen) gestorben ist, abzulenken. Ich schaute eine Serie und sah mir lustige Dinge im Internet an. Zwar war alles kaum lustig, aber es lenkte mich ab und ich war erstmal zufrieden.

Mein Leben allgemein/Hintergründe:

Ich bin ein eher schwieriger, komplizierter Mensch und hatte auch kein sehr gutes Verhältnis zu meiner Mutter. Ich habe ihr gegenüber nie Liebe geäußert, damit hatte ich schon immer Probleme. Aber ich glaube, dass sie das als ich älter wurde so akzeptiert hat. Meine Mutter hat sich in ihrer Mutterrolle auch nicht leicht getan, sie hatte ein schwieriges Leben und manchmal schob ich ihr ein wenig die Schuld für meine eigenen Probleme in die Schuhe. (Probleme, welche da wären Sozialphobie, Depressionen, Aufwachsen in Messihaushalt.) Andererseits hab ich das niemals direkt geäußert. Es war einfach ein etwas distanziertes Verhältnis. Ich hatte Angst, meine Mutter an mich ranzulassen und es gab nur wenige Momente, in denen ich tiefergehende Gespräche mit ihr geführt habe. Wertvolle Momente, wie ich jetzt feststelle :°(. Daher habe ich auch keine sehr schönen, emotionalen Erinnerungen an meine Mutter.

Unterm Strich war sie eine tolle Mutter, die sich trotz ihrer Probleme wirklich bemüht hat (obwohl, oder gerade weil sie eine sehr beschissene Mutter hatte). Und ich bin froh sie gehabt zu haben und finde, dass sie mich als erwachsenen Mensch, der sich nunmehr selbstständig in der Welt zurechtfindet, zurückgelassen hat. Ich habe keinerlei Gräuel.

Und doch frage ich mich, ob ich sie liebe? Vom Verstand her würde ich sagen: ja, natürlich. Aber emotional sieht es bei mir mau aus. Ich fahre eher die Vernunftsschiene: Der Tod gehört zum Leben, der Abschied war viel schöner als wenn sie einem völlig unerwartet und nach einem Streit entrissen worden wäre, sie ist von dem Leid erlöst, sie ist vielleicht an einem besseren Ort. (Mich verfolgen aber auch leichte paranoide Phantasien: Was, wenn sie jetzt allwissend geisterartig über mir schwebt und weiß, was ich denke/fühle und enttäuscht ist, dass ich nicht mehr trauere?...)

Jetzt beim Schreiben dieses Textes bin ich wieder am Weinen.

Aber ich weiß, wenn ich nachher diesen Text abschicke und noch mal Serie schaue, werde ich das Ganze völlig vergessen, für den Moment.

Und ich weiß auch nicht, ob ich aktiv Trauer"arbeit", wie man so manchmal hört, leisten will. Ich habe mich in meinem Leben lange Zeit in Problemen, Selbsthass und Angst gesuhlt und erst durch eine Verhaltenstherapie gelernt, im Jetzt und mit Blick auf die Zukunft zu leben. Und das war eine enorm wichtige Lehre für mich. Dadurch (und durch andere glückliche Umstände) schaffte ich es, heute viel wenige sozialängstlich zu sein und auch – im Normalfall – nicht mehr depressiv zu sein. Verdrängung war quasi ein Allheilmittel – Vergessen, Weiterleben – ... Und ich glaube, dass ich es verdammt gut gelernt habe.

Doch jetzt fühle ich mich schlecht. Ich sollte doch mehr weinen. Ich werde morgen vielleicht auch nicht mehr gelähmt sein, sondern mich wieder dem Alltag und Studium widmen können.

Vielleicht habe ich auch noch nicht 100%ig verstanden, dass meine Mutter für immer weg ist?

Schließlich war ja auch schon vorher wenig Bezug da. Ich fühle mich, als könnte ich weder trauern noch lieben. Ich habe den Eindruck, dass ich mich von Gefühlen leicht und gut distanzieren kann. Und ich fühle mich kalt und als würde ich an etwas vorbeileben...

Bitte schreibt mir eure Eindrücke!

Antworten
ENleIonorxa


Hey Masako,

Tut mir leid das du deine Mutter verloren hast. :°_

Mach dir nicht zu viele Gedanken darum 'wie' du trauerst, denn das du trauerst ist offensichtlich. Es gibt keinen Plan wie man trauern sollte – das ist vollkommen individuell.

Man kann nicht den Ganzen Tag durchweinen. Das schaffen nur die Leute im TV.

Du machst es richtig: Du lässt deine Trauer zu, lässt dich aber nicht davon überwältigen.

Sprich auch ruhig mit deinen Geschwistern darüber. Ihr habt eure Mutter verloren und dürft euch gegenseitig Stütze und Trost sein.

ajnniresmo~ckingAjay


Ich denke deine Trauer kommt noch früh genug, momentan ist das alles schwer zu verarbeiten und zu fassen für dich. Mir ging es beim Tod meiner Mutter nicht anders, das Ganze musste überhaupt in seiner Tragweite erst einmal bei mir ankommen und das wird bei dir auch der Fall sein. Mach dich nicht deshalb verrückt und sammle Kraft für die kommenden Tage :)* mein herzlichstes Beileid! Ich wünsche dir alles Gute

bMlackAn^gelwxings


Hallo! Vorerst will ich dir mein beileid ausrichten, denn ein solcher Verlust ist sehr schwer. Ich Hab deinen Text gelesen und mich darin wiedergefunden.

Mein Vater ist vor 10 Jahren gestorben, damals war ich 9 und obwohl ich noch ein Kind war, habe ich nicht sehr viel anders reagiert als du jetzt. Der Tod meines Vaters war eine fixe Sache, im Krankenhaus könnte eben auch nur keiner genau sagen warum.eines Tages, tja da starb er dann. Hab am Anfang als ich ihn im kh sah weinen müssen aber das wars dann eigentlich auch. Ich Hab mich immer gefragt was mit mir falsch war weil dieses loch in mir, das so viele beschreiben nicht da war und ich fühlte auch keine richtige Trauer. Ich denke, dass jeder Mensch anders ist, jeder verarbeitet sowas anders. Meine Mutter war damals total am Boden und schockiert wegen mir, weil ich mehr geweint habe als unsre Katze nur wenige Wochen vorher starb. Die Katze war mein Freund, mein Vater ein kranker Mann, den ich gelegentlich im Krankenhaus besucht habe und der viel Kummer über unsere Familie gebracht hat. Ich könnte schon vorher unbewusst abschied nehmen, da ich realistisch war und wusste, dass es nicht mehr lange dauern konnte. Im nachhinein betrachtet Hab ich mich eben damit abgefunden und noch mehr Hab ich mich damit angefunden dass ich nicht zu tiefst bestürzt war, was nicht heißen soll das die Zeit nicht eigenartig für mich war. Ich weiß nicht recht ob dir das hilft was ich schreibe, aber ich will dir sagen, dass du damit nicht allein bist, dass es auch mir so ergangen ist und dass das nichts ist für das du dir Vorwürfe machen müsstest.

Ich habe auch lange auf den Moment gewartet, an dem alles für mich einstürzt und ich begreife wie fruchtbar das alles war. Dieser Moment kam nie. Ich habe auch nur sehr wenige Erinnerungen an meinen Vater und nicht einmal ein Drittel davon ist schön. Ich hätte gern mehr von meinem Vater gehabt und deshalb war ich oft neidisch auf meine älteren Brüder.

Ich wünsche dir sehr viel Kraft in dieser Zeit und zwing dich zu nichts, nicht zum nachdenken und nicht zum weinen, Wenn du musst dann ist es gut, aberwew ansonsten: es ist dein trauerweg und nicht die von deiner schwester oder sonst irgendwem. Du wirst es schaffen! :)

w_ienJer2x008


dadurch, dass sich das sterben abgezeichnet hat, hast du dich unbewusst vermutlich schon ein bißchen darauf eingestellt. vielleicht kommt die trauer in wellen – weihnachten, geburtstag, todestag, verschiedene anlässe, alte bekannte, die beiläufig nach der mutter fragen, etc. ...

mUasKako


Danke für eure Antworten, hilft mir auf jeden Fall ganz viel. @:)

maa)sakxo


@ wiener2008:

Ich glaube, gewissermaßen habe ich mich bereits als Kind schon darauf vorbereitet. In dem Alter ist man ja (von einer liebenden Mutter) noch sehr abhängig und sehr auf sie fixiert. Obwohl ich meiner Mutter nie durch Umarmen oder Worte gesagt habe, dass ich sie liebe, war das sicherlich doch der Fall – da ich einfach ein ängstliches und sensibles Kind war, dessen Mutter ihm (leider) viel zu viel abgenommen und leicht gemacht hat. ... Nunja, damals hatte ich große Angst davor, dass meine Mutter eines Tages sterben würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, das zu überstehen. Und möglicherweise hat das dazu beigetragen, dass ich mich vllt bewusst emotional distanziert habe. Dazu kam dann noch das Teenager-Alter, weiterhin Ängste und Probleme und vor allem SCHAM, weil es eine Mutter gibt, die das alles durchschaut. Die einen breit anlacht, wenn man sich getraut hat, irgendwo anzurufen. Während man selbst gerade dadurch noch viel beschämter wird, da man im eigenen Kopf noch immer die Illusion der Problemfreiheit und Selbstverständlichkeit eines getätigten Telefonanrufs hegt. Und vor 2-3 Jahren (genau kann ich es nicht mehr sagen) wurde dann auch bereits Brustkrebs diagnostiziert. Ich sagte mir zwar immer – solange es keinen richtigen Grund zur Besorgnis gibt und das Problem noch im Rahmen scheint, möchte ich mich nicht davon fertig machen lassen. Aber innerlich hab ich mich vermutlich dadurch bereits darauf eingestellt, dass meine Mutter vermutlich keine 70+ wird... :( (Sie ist mit genau 50 Jahren gestorben.) :°(

E*hemaliager N`utze3r F(#259506x)


Liebe masako,

mein herzliches Beileid! :°_

Jeder trauert auf seine ganz persönliche Weise und ich finde, du solltest dein "Trauern" nicht bewerten, indem du meinst, du solltest viel mehr weinen. Du lässt zu, was für dich möglich und "gut" ist – das ist ok!

Das Verhältnis zu meiner Mutter ist ebenfalls sehr schwierig (aufgrund meiner Kindheit) und ich denke, gerade dann, wenn man sich emotional gar nicht so sehr auf einen Menschen eingelassen hat oder einlassen konnte, ist da eine gewisse Distanz vorhanden, die sich dann auch nach dem Tod dieses Menschen bemerkbar macht, indem man eben vielleicht weniger leidet als andere, die ihn ebenfalls verloren haben. Außerdem könntest du natürlich auch noch unter "Schock" stehen (was nach einem Todesfall ganz normal ist) und fühlst deshalb (noch) nicht ganz so intensiv.

Erinnere dich an die wertvollen Momente, die es offensichtlich auch gab und allein diese zählen doch, wenn ein Mensch verstorben ist.

Um das Gelernte in der Verhaltenstherapie nicht wieder zu verlieren, indem du möglicherweise aus Selbstschutz anfängst, den Schmerz über den Tod deiner Mutter zu verdrängen, ist es natürlich wichtig, viel darüber zu reden, seine Gefühle mitteilen zu können. Ich hoffe und wünsche dir sehr, dass du solche Menschen mit "offenen Ohren" an deiner Seite hast. :)*

m~as*akxo


Heute habe ich mich davor gescheut, auch nur mit irgendjemandem zu reden.

Hab mich in meiner Wohnung verschanzt und bin nur kurz in den Supermarkt.

Hab das nötigste mit meiner Schwester telefonisch geklärt und meinem Freund geschrieben, dass er sich nicht melden soll. Dass ich mich melde, wenn ich bereit bin.

Ich wollte nicht, dass zu meiner eigenen Ratlosigkeit noch kommt, dass ich das Gefühl habe, vor meinem Umfeld bestimmte Anforderungen erfüllen zu müssen. Ich wollte das erstmal mit mir selbst abhandeln. Wobei ich mich dann aber dabei "erwischt habe", dass ich gar nicht so viel drüber nachdenken möchte...

Aber ich werde morgen mit meinem Freund drüber sprechen und am Montag besuche ich dann auch noch meine Familie, bzw. das, was davon übrig ist.

@regndropi (süßer Name – und tolle Sprache): Danke. Trotz aller Zweifel und Gewissensbisse kommt mir meine Art zu trauern auch irgendwie gesund vor... ich weiß auch nicht.

EBhejmalige5r Nutze^r (#25(9506x)


Trotz aller Zweifel und Gewissensbisse kommt mir meine Art zu trauern auch irgendwie gesund vor... ich weiß auch nicht.

Ja, den Eindruck hab ich auch, so wie du schreibst und ich finde das gut :)^. Man muss sich in Trauer nicht komplett verlieren, das schadet mehr, als dass es hilft. Du machst auf mich einen sehr "aufgeräumten" Eindruck und ich denke, unbewusst weiß man einfach, was gut für einen ist. Deshalb sind mögliche "Anforderungen", die man denkt erfüllen zu müssen, reines Gift, weil man sich dabei komplett verstellen müsste. Bleib du selbst und lass deine Gefühle so zu, wie sie kommen und glaub mir, alle sind auch mit ihrer eigenen Trauer so beschäftigt, dass keiner auf den Gedanken kommen würde zu denken oder zu sagen, "hm komisch, die masako trauert ja gar nicht richtig" ;-). Das denkt man nur selbst, wenn man das Gefühl hat, nicht so viel Schmerz zu empfinden wie die anderen. Auch dass du dich erst mal zurückgezogen hast, kann ich gut verstehen (geht mir auch immer so) und das Sprechen ist ja auch nur nötig, wenn du das Bedürfnis danach hast! Ich wünsch dir für die kommende Zeit von Herzen ganz viel Kraft und alles, alles Gute! :)* :)* :)*

Eine gute Nacht wünsche ich dir! :)*

(Danke übrigens und ja, ist eine tolle Sprache :)z ;-))

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