» »

Suizid "weniger schlimm" als plötzlicher Unfalltod

C+olTor hCoxpy hat die Diskussion gestartet


Erst kürzlich hat mich der Suizid einer mir völlig fremden Person ziemlich aus der Bahn geworfen. Ich habe ihn "miterlebt", also war zufällig anwesend und mir noch wochenlang später den Kopf darüber zerbrochen. Über das Warum, ob es keine andere "Lösung" gegeben hätte usw. usf.

Das hatte ich nun allmählich überwunden, ich musste nicht mehr täglich daran denken, sondern nur noch manchmal. Gestern erfuhr ich dann vom Tod einer jungen Kollegin. Sie war erst Mitte 20, hatte das ganze Leben noch vor sich. Da sie immer viel unterwegs war, dachten wir zuerst an einen Autounfall. Der Gedanke, dass sie plötzlich aus dem Leben gerissen wurde, war so schrecklich... Ich habe die ganze Nacht wieder nicht geschlafen und mir vorgestellt, wie viel sie noch vor hatte (gerade nächstes Jahr standen viele Projekte für sie an, auf die sie lange hingearbeitet hat). Ich fand die Vorstellung, dass sie am Morgen das Haus verlassen und nicht gewusst hat, am Abend nicht mehr zurück zu kehren, so unerträglich, so schrecklich ungerecht, so furchtbar.

Heute erfuhren wir dann, dass sie sich selbst das Leben genommen hat. Die Gründe kennen wir nicht, sie wirkte immer fröhlich, ausgelassen, aber wer weiß schon wie es im Inneren jeweils aussieht. Nun ertappe ich mich bei dem Gefühl, dass ihr Tod dadurch "weniger schlimm" ist. Ich fühle mich selbst schrecklich, wenn ich das schreibe, weil es total falsch ist. Sie wird total verzweifelt gewesen sein und nur weil sie keinen Ausweg sah, sollte man sicher nicht sagen: Ach na dann, wenn sie halt sterben wollte...

Ich ertappe mich seit Stunden aber immer wieder dabei, wie ich denke: Sie wurde gar nicht (durch einen Unfall, durch einen Dritten) aus dem Leben gerissen, sondern hat sich dafür entschieden. Ich weiß, in einer solchen Ausnahmesituation ist man in seinem Denken sicher nicht frei, es ist keine wirkliche Entscheidung, sondern Resultat einer Erkrankung. Und trotzdem, es ist nicht so, dass ich erleichtert wäre, ich bin nach wie vor fassungslos, dass sie nicht mehr da ist und nie mehr kommen wird. Aber ich denke Dinge wie: Dann hatte sie "immerhin" Zeit abzuschließen, wurde nicht so einfach rausgerissen o.Ä. Dabei weiß ich gar nicht, ob es nicht vielleicht eine Kurzschlussreaktion war. Wir wissen nur, dass ein Abschiedsbrief gefunden wurde.

Nun da ich die Gedanken mit keinem hier im RL teilen kann und auch nicht teilen möchte, weil ich sie selbst falsch finde, so muss ich sie mir doch von der Seele schreiben, um sie zu ordnen. Kann sie jemand nachvollziehen und wenn ihr selbst schonmal ähnlich gedacht habt nachdem ihr vom Suizid einer Person erfahren habt, wie seid ihr mit diesen Gedanken umgegangen?

Ich fühle mich sehr schlecht, so zu denken.

Denn es tut mir wirklich leid für sie, sie wird uns allen fehlen und ich wünschte, sie hätte einen anderen Ausweg gesehen :°( :)-

Antworten
CRoFl}or .Copy


Ich denke so furchtbare Dinge wie: "Besser so" als wenn sie gerne hätte leben wollen und durch einen unachtsamen Autofahrer aus ihrem glücklichen Leben gerissen worden wäre. Dabei finde ich es auch schrecklich traurig, dass ihr Leben offenbar so schlimm für sie war, dass sie es beenden wollte.

Wenn ich sowas denke wie "besser als ... dies und das" frage ich mich, für wen soll das besser sein, wieso denk ich so einen Scheiß, für sie wars bestimmt nicht besser, für sie ist es egal, denn sie ist tot und sie ist tot, weil sie nicht mehr leben wollte – wie tragisch! Wie unsagbar tragisch, wo sie ihr ganzes Leben noch vor sich hatte.

Wieso bin ich bei einer völlig fremden Frau fast daran verzweifelt, dass sie sich das Leben nahm und bei einer mir näher stehenden Person denke ich so einen Irrsinn wie: Na ja "wenigstens" war es wohl ihr Wille. Wenn ich doch weiß, dass es kein freier Wille gewesen sein kann, sondern ein von Verzweiflung getriebener.

Gestern dachte ich, das ist doch unerträglich, hier ihre angefangene Arbeit zu sehen, die auf ewig unvollendet bleiben wird. Letzte Woche noch hat sie sich über dieses und jenes den Kopf zerbrochen, in Bezug auf die Fertigstellung im Frühjahr und dann mit einem Schlag ist das alles nichtig, die Arbeit wird nie vollendet werden und all ihre Ziele wird sie nie erreichen, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort war (Annahme: Unfall).

Heute denke ich, ok, sie wollte ihre Ziele gar nicht (mehr) erreichen. Aber wie kann ich sowas denken, das ist doch furchtbar, ich kann das doch nicht "ok" finden. Tu ich auch nicht, ich finds schrecklich und bin echt verwirrt angesichts meiner seltsam ambivalenten Gedanken %:|

h^aYg-tysxja


ich hab im freundes- und bekanntenkreis selbst mehrfach das selbstgewählte ende miterlebt.

und ja: so weh wie es tat (und es tut denjenigen, die zurück bleiben immer weh), es war für mich schon eine art von "trost", dass diejenigen für sich den entschluss gefasst haben. es war kein eingriff von außen, kein unfall, keine "schuld" von irgendwem.

natürlich kann man mit krankheit und nicht mehr mündig argumentieren. in den fällen, die ich erlebt habe, waren die gründe zum einen krankheiten, die nicht mehr aufzuhalten waren, aber auch fest gefasste entschlüsse, die über monate aufrecht erhalten wurden. und auch wenn meine einstellung dazu von den meisten menschen abgelehnt wird: ich respektiere diese entscheidungen, sie sind eben freier will.

dass man dennoch trauert, weil man eben traurig ist, diese person nicht mehr im leben zu haben und die zukunft ohne sie zu verbringen, ist normal und menschlich.

schlecht fühlen musst du dich aber nicht wirklich. :)* :)* :)*

Swwe"et85


Ich denke, es ist beides schlimm. Aber den Suizid "sucht" man sich selbst aus. Einen Unfalltod (normalerweise) nicht. Ich kann dich also schon verstehen.

Wobei ich auch relativ mitleidsfrei bin, wenn Raser zu Tode kommen, wie aktuell der 19-Jährige (?)-Motorradfahrer, der raste und Videos bei Youtube reingestellt hat... In dem Falle ist es für die Angehörigen, Freunde schlimm.

DjiCe Seh}erixn


ich glaube, dass es für den verstorbenen menschne total wurscht ist, weil er ja tot ist! diejenigen, die mit diesem tot konfrontiert sind, müssen doch mit diesen fragen weiterleben... musste er leiden, hat er noch was gemerkt, hätten wir ihn beschützen können, hätten wir es verhindern können...?

und color... ich verstehe nicht, warum du dir diese fragen und deine gedanken nicht zugeastehst und dich schlecht fühlst!?

FFragePnde9x1


...Ich schreibe hierzu mal nichts. Zumindest nicht heute, an dem Tag, an dem mein bester Freund dreieinhalb Jahre tot ist, aufgrund von Suizid, den ich durch Zufall miterleben musste. Würde ich jetzt auf den Beitrag eingehen, würde ich wohl unfair werden. Und das wäre sicherlich nicht gut. :-/ :°(

N/avnd0ana


Ich denke, daß dieses Abwägen der Schwere eine unbewußte Methode ist, den Schock und die Verwirrung zu mildern. Es ist grausam, sich vorzustellen, daß ein Mensch so verzweifelt war, daß er sich das Leben genommen hat. Man fängt doch automatisch an zu überlegen, warum niemand was gemerkt und getan hat, warum dieser Mensch keine Hilfe mehr annehmen konnte oder gefunden hat. Die Idee, daß es ja "selbstgewählt" ist, hilft einem, mit dem Erlebnis besser fertig zu werden. Das kann man nicht mal als verwerflich bezeichnen, es ist einfach eine Abwehrreaktion, um die eigene Seele nicht zu stark zu belasten.

Es mag sein, daß ein Suizid bei einer schweren lebendbedrohlichen Erkrankung (Krebs und ähnliches) ein selbstgewählter Tod ist, dem man vielleicht auch innerlich zustimmen kann. Bei Depressionen und ähnlichem gilt das allerdings nicht. Das kann man Außenstehenden schwer begreiflich machen, das muß man selbst oder bei einem nahen Menschen erfahren haben, um es nachzuvollziehen. Persönlich würde ich "Suizid wegen Depression" mit "Unfalltod" ungefähr gleich "schlimm" bewerten. Wobei Angehörige sich nach einem Suizid meistens auch noch schwere Vorwürfe machen, was bei einem Unfall meistens nicht so ist.

COolor% TCopy


Es mag sein, daß ein Suizid bei einer schweren lebendbedrohlichen Erkrankung (Krebs und ähnliches) ein selbstgewählter Tod ist, dem man vielleicht auch innerlich zustimmen kann. Bei Depressionen und ähnlichem gilt das allerdings nicht. Das kann man Außenstehenden schwer begreiflich machen, das muß man selbst oder bei einem nahen Menschen erfahren haben, um es nachzuvollziehen

Mir ist das schon bewusst, deshalb habe ich mich ja auch schlecht gefühlt auch nur ansatzweise so zu denken und schrieb ja auch: "denke [...] so einen Irrsinn wie: Na ja "wenigstens" war es wohl ihr Wille. Wenn ich doch weiß, dass es kein freier Wille gewesen sein kann, sondern ein von Verzweiflung getriebener".

Mir ist das vom Kopf her völlig klar und dennoch, auch jetzt mit einigem Abstand, merke ich, dass ich so mit ihrem Tod irgendwie besser umgehen kann, als wenn es ein Unfall gewesen wäre. Vielleicht missinterpretiere ich meine eigenen Gefühle auch, vielleicht liegt es daran, dass ich in letzter Zeit gleich mehrere Tode "verschiedener" Art miterlebt habe (Krankheit, Unfall, Suizid) und vielleicht schotte ich mich einfach immer mehr ab, weil es zu viel wird. Mit ihrem Suizid konnte ich aber jetzt besser meinen Frieden machen, auch wenn mir die Erkenntnis schmerzt, als mit dem Unfalltod einer anderen Person. Dabei standen mir beide in etwa gleich nahe und mit dem Unfalltod hadere ich heute noch, während ich den Suizid irgendwie "akzeptieren" kann.

Auch wenn ich wie gesagt weiß, dass es im Grunde kein freier Wille war, wobei ich die genauen Hintergründe nicht kenne, ich weiß nicht, was im Abschiedsbrief stand und ob sie depressiv war usw. Mir hilft aber der Gedanke, dass sie es wenigstens in diesem Moment "wollte". Auch wenn das natürlich ganz furchtbar ist, denn wie schlecht muss es einem Menschen gehen, dass er bereit ist, sein Leben selbst zu beenden :°(

Na ja, ich kann es drehen und wenden, wie ich will, ich finde meine Gefühle auch nicht wirklich gut, aber wenn ich sie mir zugestehe, geht es mir besser...

S.inn<estätexr


ich finde meine Gefühle auch nicht wirklich gut, aber wenn ich sie mir zugestehe, geht es mir besser...

Dann gestehe sie dir zu. Ich finde sie absolut legitim.

Mein bester Freund aus Kindertagen hat sich mit Mitte zwanzig suizidiert...ich habe sein Leben aus der Entfernung mitverfolgt, und ich war im Gegenteil froh für ihn, daß er es nicht weiter leben mußte. Ähnlich froh war ich bei meinen vier Großeltern, als sie irgendwann nach langer Krankheit von ihrem Leid erlöst wurden.

Ein Unfall, der einen Menschen aus dem Leben reißt, der leben will, das ist tragisch. Ein Suizid, sofern nicht begangen von einer 15jährigen aus Liebeskummer, ist ein selbstgewähltes Ende, und manchmal eben schlicht mehr Erlösung als Tragödie. Sofern man nicht weiß, was von beidem eher zutrifft, sollte man sich nicht aus falschverstandener Pietät darüber graue Haare wachsen lassen. Der Betroffene hat nie wieder körperliche oder seelische Schmerzen, wird nie wieder Leid erfahren. Das ist etwas Gutes. Daß er möglicherweise einige Freuden des Lebens verpasst hat, wird ihn selbst nicht mehr kümmern.

C[o"lor) C3oxpy


Sinnestäter, danke, das entspricht so ziemlich dem, was ich momentan bzw. seit letzter Woche auch denke und fühle. Ja, wahrscheinlich ist sogar allen geholfen, wenn ich mir das zugestehe, denn dann geht es mir besser und ich lebe ja... und den nächsten Angehörigen mute ich meine Gedanken ohnehin nicht zu. Ich habe sie mir nur letzte Woche selbst sehr übel genommen, aber das bringt ja letztlich auch keinem was.

D4ie S#ehexrin


Ich habe sie mir nur letzte Woche selbst sehr übel genommen, aber das bringt ja letztlich auch keinem was.

im endeffekt meinte ich mit meinem obigen post genau das! es bringt doch niemandem was, sich selber auch noch ins kreuzverhör zu nehmen! und deswegen bin ich immer der meinung, dass jeder, der jemanden verloren hat, auf seine art damit umgehen darf!

(dass man vielleicht als freund oder bekannter nicht unbedingt seine sauf- und witzeerinnerungsparty vor den – ins mark erschütterten – engsten angehörigen feiert, ist eine andere geschichte!)

c|hiccZo46


Dies ist ein grosses Problem wo nicht gut beschrieben werden kann und einiges verschieden ausgelegt werden kann.

Mir hilft aber der Gedanke, dass sie es wenigstens in diesem Moment "wollte".

Für die Hinterbliebenen ist vermutlich ein Unfalltod (wenn man nicht mitschuldig ist) weniger schlecht zu verkraften weil weniger Selbstvorwürfe entstehen.

Ich bin mir nicht so sicher das es solche Personen (nicht alle) wollen. Viele machen einen Kampf mit zwischen bei den Lieben bleiben und ein Ende machen. Viele Suizide geschehen aus Liebe weil man dem Umfeld nicht mehr zur Last fallen will, dies wird jedoch von den "Hinterbliebenen" oftmals nicht so "schlimm" beurteilt. Viele Leute die Suizid begehen führen ein "Doppelleben" nach aussen lustig und zufrieden und niemand dächte daran das diese Person Hilfe benötigt. (Wenn dies möglich ist) Ich weis von einem Jüngling der am Morgen vor der Arbeit (7 Uhr) auf einen Felsen ging (100m) und es bis am Mittag ging das er gesprungen ist, dieser musste vermutlich weil der Suizid das kleinere Übel war. Meiner Meinung begehen viele Suizid aus Liebe zum Umfeld und nicht böswillig.

Wollen Sie selber etwas dazu schreiben?

Dann melden Sie sich an bzw. lassen Sie sich jetzt registrieren, das ist kostenlos und innerhalb weniger Minuten erledigt. Interessant sind sicher auch die übrigen Diskussionen des Forums Abschied und Trauer oder aber Sie besuchen eines der anderen Unterforen:

Gedenken


Nicht angemeldet: Anmelden | Registrieren | Zugangsdaten vergessen? | Hilfe

Startseite | Impressum | Nutzungsbedingungen | Netiquette | Datenschutz | Mobile Ansicht   © med1 Online Service GmbH