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Ein langes Leben geht zu Ende

M:ond]mens/cxh hat die Diskussion gestartet


Hallo,

meine Großtante, stolze 94 Jahre alt, liegt im sterben. Die Großtante mag für viele erstmal nicht zur engen Verwandtschaft gehören, bei uns ist es jedoch anders. Sie war 2 Jahre mit ihrem jungen Mann verheiratet, bis er in den letzten Kriegstagen im 2. Weltkrieg bei einem Gefecht ums Leben kam. Kinder hatten sie bis dahin noch keine. Sie war die älteste Tochter und hatte noch 3 jüngere Geschwister. Ihren Bruder hat sie ebenfalls im 2. Weltkrieg verloren. Ihre beiden jüngeren Schwestern hat sie durch Krebs vor 30 und 21 Jahren verloren. Sie hat also alle ihre Geschwister überlebt. Sie hat nie wieder geheiratet und war immer kinderlos. Für damalige Verhältnisse ungewöhnlich hat sie eine Ausbildung gemacht und bis zur Rente Vollzeit in dem Job erfolgreich gearbeitet.

Vor 30 Jahren machte sie meinen Eltern das Angebot, doch mit in das große Haus zu ziehen, in dem sie mit ihrer Mutter lebte. Das Haus war groß genug, so dass meine Eltern die untere Wohnung im Haus umbauten und bezogen und meine Großtante die obere Wohnung bewohnte. Sie pflegte ihre eigene Mutter noch ein paar Jahre mit in der Wohnung, die dann aber kurze Zeit später 1986 verstarb.

Ich bin 1983 geboren und meine Großtante war von Beginn meines Lebens an wie eine 3. Oma für mich. Durch die Nähe war sie mir sogar noch näher. Sie war immer für uns da. Sie passte auf uns auf. Sie holte uns Kinder aus dem Kindergarten oder Schule ab. Sie half im Haushalt. Sie machte den Garten. Sie war immer für uns da bei Problemen. Nicht falsch verstehen, meine Eltern taten auch sehr viel, aber sie war einfach eben immer zur Seite. Ich habe bis vor 3 Jahren noch bei meinen Eltern gewohnt, während alle Geschwister schon aus dem elterlichen Haus ausgezogen waren. Ich hatte also noch längere Zeit das Glück diese Nähe zu genießen. Sie hat seit 15 Jahren eine Augenkrankheit, so dass sie nicht mehr lesen konnte. Trotz der schlechten Augen war sie immernoch sehr selbstständig. Sie kochte für sich, sie putzte noch alles allein in ihrer Wohnung, sie schaute TV mit dem Fernglas usw. Dennoch war sie immer mehr auf unsere Hilfe angewiesen, was wir aber immer gern gemacht haben und wir auf diese Art ihr wiedergeben konnten, was sie immer für uns tat. Wie gesagt, ich wohnte länger im Haus und habe diese Hilfen dann mit meinen Eltern alleine für sie erledigt. Wie oft habe ich sie mir geschnappt und wir sind mit meinem Auto durch die Gegend gefahren und haben Ausflüge gemacht, damit sie mal was anderes sah. Zu Fuss war sie nicht mehr so gut, aber mit dem Rolator konnte sie fast alles meistern. Ich war oft mit ihr einkaufen, darauf bestand sie immernoch selbst einzukaufen.

Vor 2 Jahren bin ich 150km weiter weggezogen. Sie war da schon längst nicht mehr so fit, aber dennoch wohnte sie noch in ihrer Wohnung. Alles wurde etwas schwerfälliger, aber sie war gesund! Sie besuchte mich sogar noch in meiner neuen Wohnung und schwärmte von der schönen Stadt in der ich wohne. Immer wenn ich in der Heimat war, war erste Anlaufstelle natürlich ihre Wohnung. Dort sah es aus wie im Museum, alte tolle Möbel, sie warf nichts weg :-)

Es passierten aber immer wieder Missgeschicke, so stellte sie z. B. einmal einen Eierkocher auf die heisse Herdplatte. Es ging aber nochmal gut, weil mein Vater es zufällig entdeckte. Oder vor 1 1/2 Jahren ist sie die Treppe in ihrer Wohnung komplett runtergefallen. Sie hat sich nur leicht verletzt. Ab diesem Zeitpunkt war sie nochmehr auf unsere Hilfe angewiesen. Sie bekam nun Essen auf Rädern, meine Mutter kümmerte sich noch mehr um sie, sie konnte die Treppe kaum noch runter gehen usw.

Vor 1 Jahr ging es leider nicht mehr, und wir haben uns Gedanken um einen Platz im Altenheim gemacht. Sie selber hatte ja einige Jahre ihre demente Mutter gepflegt und sagte damals immer "Wenn ich mal so werde, sucht mir bitte einen Platz im Heim.". Der Schritt fiel vor allem meiner Mutter nicht leicht, die es doch war die sie am meisten pflegte. Selber war sie aber auch gesundheitlich angeschlagen. Im August 2013 war es soweit und sie bekam einen Platz im Heim. Wir richteten ihr das Zimmer mit ihren alten Möbeln ein. Doch sie fühlte sich nicht wohl. Sie war mittlerweile sehr dement, aber trotzdem noch fit am Rolator und konnte sich im Heim noch recht gut orientieren. Sie machte ihre Spaziergänge, aber wollte immer wieder nach Hause. Eine schwere Zeit für meine Eltern und auch für mich. Es flossen viele Tränen.

Gegen ihr Heimweh machten sie Ausflüge mit ihr (nur nicht nach Hause) und stellten ihr das alte Telefon in das Zimmer, so dass sie meine Eltern bei Bedarf anrufen konnte. Leider rief sie ab diesem Zeitpunkt ca. 40x täglich an, da sie immer wieder vergaß, dass sie ja gerade erst angerufen hatte. Für meine Eltern begann eine Art Telefonterror. Aber wir waren immer für sie da und sie hatte täglich besuch von meiner Schwester, meine Tante, meinen Eltern usw.

Die Demenz schlich immer schneller voran und sie wurde immer schwächer. Aber sie erkannte mich immer. Ihr Langzeitgedächtnis war noch relativ fit. Vor 4 Wochen war es aber das erste Mal, dass meine Eltern mich vorwarnten, dass sie doch ziemlich abgebaut hätte und ich mich nicht erschrecken soll wenn ich sie besuche.

Vor 2 Wochen wollte sie dann nicht mehr aus dem Bett aufstehen und vor 5 Tagen verweigerte sie das Essen. Seitdem baut sie täglich immer mehr ab. Sie hat einen Tropf gelegt, über den sie mit Flüssigkeit versorgt wird. Aber Nahrung bekommt sie keine mehr und alle Medikamente sind abgesetzt. Das alles passiert unter ärztlicher Aufsicht. Ich war am Samstag bei ihr, aber nur in Begleitung meiner Eltern und Schwester. Ich war sehr erschrocken als ich sie sah. Da liegt eine sehr alte, gebrechliche Frau, die ich nicht wieder erkannt habe. Sie ist total abgemagert, hat ihr Gebiss nicht mehr im Mund und sie liegt in einer Art Koma. Ansprechbar ist sie nicht mehr. Sie ist jetzt am Ende ihres langen und aufregendem Leben angekommen. Sie hat viel erlebt, viel schlechtes, viel schönes. Wir warten stündlich darauf, dass sie geht. Sie hat es sich so sehr verdient, da sie in den letzten 3 Jahren immer öfters gesagt hat, das sie für ein neues Leben Platz machen will. Mit 94 Jahren darf man gehen!

Das wollte ich mir nur mal von der Seele schreiben! Bye

Antworten
E(hemaliXger NutzUer (#24x2230)


:)*

94 ist ein stolzes Alter!!

M^ondme8nCsch


Sie hat es endlich geschafft!

Heute um 12.30h ist sie ganz friedlich im Beisein meiner Schwester und meinem Vater eingeschlafen.

Ich zünde eine Kerze an :)*

Z$ap(perl)ott


Lieber Mondmensch,

deine Großtante war eine bewundernswerte Frau und der Zusammenhalt in eurer Familie liest sich wundervoll. Dein Beitrag liest sich sehr liebevoll und ich muss an meine liebe Omi denken, die wir letztes Jahr im Familienkreis bei uns daheim in ihrem Bett (wie sie es immer wollte) verabschiedet haben.

Möge sie in Frieden ruhen und ihre wohlverdiente Ruhe finden, bis ihr euch – wer weiß? – irgendwann auf einer anderen Daseinsstufe wiederseht.

@:) :)-

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