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Andenken bewahren an den Menschen, wie er wirklich war?

S7hojo


Bei uns herrscht soooo unglaublich viel "Fassade". Es wird sehr großer Wert auf eine formal-perfekte Erscheinung geachtet, äußerlich wie innerlich. Wenn man mit den Menschen mal alleine ist, stellt sich oft plötzlich heraus, daß man mit einer ganz anderen Person spricht.

Dann kannst Du sehr froh sein, dass Du dazu Distanz gewonnen hast, statt es einfach genau so zu übernehmen. Das passiert ja oft - dass Kinder es einfach von ihren Eltern übernehmen. Mein Kerl stammt auch aus einer Familie mit solchen Mechanismen, und es ist wirklich schräg, zu beobachten, was da alles totgeschwiegen und rasch unter den Teppich gekehrt wird. Er hat sich inzwischen komplett von ihnen distanziert mit Ausnahme einer seiner Schwestern; die Schwester hat noch mit dem Rest der Familie zu tun, ist sich aber sehr bewusst, was dort geht und was eben nicht. Beide haben sich selbst ein Umfeld gesucht, in dem das Miteinander anders gehandhabt wird. Die Freiheit hat man ja glücklicherweise als erwachsener Mensch - wenn man sich denn seiner Möglichkeiten und ihrer großen Spannbreite bewusst ist und sich nicht von "gehört sich so" komplett einsperren lässt.

T\h$eBlKa\ck^Wixdow


Meine Mutter hat meinen Vater nach seinem Tod auch in jedem Gespräch in den Himmel gehoben. Kritik ist bis heute nicht erwünscht, sanfte Richtigstellung wird ignoriert oder beschönigt.

M]onikzax65


Ich kenne den Spruch, dass man über Tote nicht schlecht reden soll, auch. Das Argument dafür war stets, er oder sie kann sich nicht mehr dazu äußern, sich wehren. Das hat mir immer eingeleuchtet.

S%haojxo


Ich kenne den Spruch, dass man über Tote nicht schlecht reden soll, auch. Das Argument dafür war stets, er oder sie kann sich nicht mehr dazu äußern, sich wehren. Das hat mir immer eingeleuchtet.

Weshalb? Mir nämlich aus mehreren Gründen nicht. Zum einen ist das nur dann wenigstens konsequent, wenn diejenigen, die es so halten, auch niemals hinter dem Rücken eines anderen schlecht von ihm reden - der kann sich dann nämlich auch nicht wehren, und obendrein können die Folgen ihn dann auch noch betreffen, was beim Toten vermutlich eher nicht der Fall ist. Und ob Toter oder Lebender: Die Handlungen nahestehender Menschen betreffen einen meist recht nachdrücklich, und das nicht immer nur auf positive Weise. Wenn jetzt beispielsweise jemand stirbt, der seine Kinder geschlagen hat - dürfen diese Kinder dann fortan nicht mehr darüber sprechen, was ja auch der Verarbeitung dient, um sein Andenken nicht zu beschmutzen? Stellt man da nicht einen abstrakten Gedanken an das theoretische Wohlbefinden eines Toten, der sich ja vermutlich gar nicht mehr befindet, weder wohl noch unwohl, über die ganz konkreten und zum Teil dringlichen Bedürfnisse der Lebenden?

d5anaex87


Hm, ich glaube, ich würde mich in diesem Fall an den despotischen Menschen erinnern, der alle terrorisiert hat ;-) Sicher wäre die Erinnerung nicht so angenehm wie an einen netten Menschen, den ich mochte. Aber ich würde den "Familienterroristen" nicht in den Himmel heben, fortan nur noch gut über ihn sprechen und die Erinnerung an sein negatives verhalten völlig ausblenden.

Ja, sicher, aber so ein Mensch hat ja viele Seiten und ich kann mir gut vorstellen das man es vorzieht an die schönen Seiten zu erinnern als an die weniger schönen, ganz besonders wenn man Probleme mit dieser Ambivalenz hat, einen Menschen lieben auch wenn er eben nicht perfekt ist. Denn trotz allem Gemaule scheinen die Eltern sehr getroffen, sie sehr geliebt zu haben und viele Menschen kriegen das mit Kritik nicht unter einen Hut.

d;ana6e87


Was nicht heißen soll das ich das sehr souverän oder erwachsen finde oder auch nur angenehm. Aber ich kann es verstehen wenn man irgendwie glaubt nur jemanden lieben zu können der 100% passt dann ist es ein Affront für die Eltern die Cousine zu kritisieren, weil dann nämlich immer ein "Stell dich nicht an. Um die wars ja so schade auch nicht." mitschwingt.

Lmouispiana


Liebe TE, ich finde, Du schreibst sehr liebevoll von Deiner Cousine, vor allem hast Du es nicht nötig, sie Dir gewissermaßen nachträglich schönzureden.

Das Leute eher das Bild, das sie von einer Person haben, mögen als die Person selbst, das gibt es häufiger, manche können das eine noch nicht mal vom anderen unterscheiden. Dabei bedeutet Liebe ja, einen Menschen so zu lieben wie er wirklich ist (das tust Du) und nicht, wie man ihn gerne hätte.

Jemanden nachträglich zu idealisieren ist einfach, man muss nur einen Teil der Realität verdrängen, den anderen überbetonen - und man wird von der betreffenden Person auch definitiv nicht darin korrigiert.

Mir ist aufgefallen, dass vor allem ältere Personen dazu neigen, sich die Vergangenheit rosa-rot zu färben. Muss ja alles schön stimmig sein, wenn man so ins vorgerückte Lebensalter kommt.

NSiDni9x7


Liebe TE, mMn schreibst du sehr liebevoll über deine Cousine. Von "schlechtreden" kann hier keine Rede sein. Ich finde es wichtig, dass auch verstorbene Menschen so in Erinnerung behalten werden, wie sie zu Lebzeiten wirklich waren und nicht "in den Himmel gelobt" (in diesem Zusammenhang eine hübsche Metapher, find ich 8-) ) werden. Das, was du über deine Cousine schreibst, klingt authentisch, ehrlich und unglaublich liebevoll. Vielleicht wurde sie von der älteren Generation (sprich von deinen Eltern, ihren Eltern etc.) zu Lebzeiten anders wahrgenommen als von dir und es ist ihnen jetzt ein Bedürfnis, das wieder gutzumachen/zu relativieren oder sie wollen sich einfach nur an die "gute" Cousine erinnern und sich nicht mehr damit auseinandersetzen, wie es früher war.

Die Reaktionen auf deine Anmerkungen über diese Darstellung zeigen ja schon, dass ihr deine Cousine einfach anders in Erinnerung behaltet.

"Über Tote redet man nicht schlecht" - hab ich irgendwie nie so ganz verstanden, trotzdem würde ich es vermutlich nicht machen, weil es mir einfach für mich, innerlich falsch fühlen würde. Wenn ich über jemanden was Positives zu sagen habe, sag ich das; hab ich nichts, lass ich es nach Möglichkeit bleiben.

M%oniXka6p5


Shojo

Ich muss ehrlich sagen, ich habe diesem Spruch nie besonders viel Bedeutung begemessen, er war eher sowas wie ein Sprichwort und in dem Zusammenhang erschien mir die Begründung irgendwie logisch. Mehr war und ist das nicht. Erst durch diesen Faden hier komm ich ins Grübeln, denn die Toten, die mir näher standen und dich ich gut kannte, werden und wurden nie irgendwie idealisiert.

SyhojQo


Das ist manchmal komisch, oder? Dass man solche Sprüche irgendwie "mitnimmt", weil sie in sich schlüssig klingen, und bei näherem Nachdenken feststellt, dass man es eigentlich gar nicht wirklich so sieht beziehungsweise sie gar keine Praxisrelevanz für einen haben?

M;onikxa65


Ganz genau.

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