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Ich habe meine Tochter nicht gekannt

A2nemone dNHemorxosa


Ich würde so gerne auf alle Beiträge, die gekommen sind, eingehen, zu jedem fällt mir etwas ein, ich wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, Gedanken nur durch das Denken zu Papier zu bringen. Seit Tagen will ich mich schon äußern, fühle mich aber so bleiern, und oft ist mein Kopf auch so leer, oder ich habe plötzlich keine Gefühle mehr, oder wieder im Übermaß, sodass ich aufhören muss, weil ich es nicht mehr ertragen kann, auf meinem Stuhl zu sitzen und von Emotionen umspült zu werden. Überhaupt habe ich gerade den Eindruck, dass nur ständige Bewegung mich noch am Laufen hält, mich vor Gefühlen und Gedanken schützen kann.

Aber nun schreibe ich einfach, in der Hoffnung, dass das den Knoten löst, , dass ich doch noch den Schwung finde bevor ich wieder aufspringen muss.

Ich möchte so gerne über sie sprechen - und über mich.

Manchmal - und das empfinde ich jetzt außerhalb dieser bestimmten Situation(en) als sehr eigentümlich, dass ich das so empfunden habe - kann ich sie und mich nicht mehr voneinander trennen. Ich habe inzwischen mehr als die Hälfte ihrer Tagebücher durch, und oft ist mir, als wäre ich in einem Sog, weil ihre Worte so ergreifend sind, dass es anfängt in mir zu klingen, und ein Fluss entsteht, und ich das Gefühl habe, zu wissen, was sie als nächstes schreibt. Es ist als würde ich von mir selber lesen, als wäre ich kurzzeitig sie, dann ist sie mir näher als zu Lebzeiten. Und das finde ich dann so…traurig. Und schrecklich.

Und dann springt es um, dann wenn ich Sachen von ihr lese, die ich nie erwartet hätte, die ich mir selbst nie zugestanden habe, oder sie ablehne. Ich beginne mehr von ihr zu verstehen, und gleichzeitig entfernen ihre Zeilen sie weiter von mir.

Es ist nicht alles Bitterkeit was sie geschrieben hat, manchmal habe ich sie auch beneidet. Ja, ich schäme mich dafür, dass ich ihr Dinge, Erlebnisse… geneidet habe.

Gestern war der Geburtstag meiner Tochter, sie wäre 29 geworden. Es wirkt so irreal, vieles. Sie war schon groß. Sie ist mir so abhanden gekommen, dass ich sie viel jünger vor mir sehe – nicht so sehr äußerlich (auch wenn sie optisch jünger wirkte als sie war), sondern mehr von meiner Auffassung her kommend. Vielleicht ist es ebenso eine Einbildung von mir, aber beim Überfliegen des Themenstranges hier, erscheint sie anhand meiner Worte auch jünger.

Sie wäre wirklich tatsächlich 29 Jahre alt geworden, gestern.

A$nTemoneJ Nuemorwosxa


Zwei Fragen, die hier im Themenstrang aufgeworfen wurden, einmal von Baldurhh und von Bambiene, haben mich auch beschäftigt, und daher habe ich das Gefühl, darauf eingehen zu müssen.

Der Freund meiner Tochter, der zu ihr gehalten hat.

Es bestand zwischen ihm und mir kein Kontakt. Sie waren lange zusammen, aber auch ihn hat sie ferngehalten, ich kannte ihn nur aus ihren Erzählungen, die sie von Zeit zu Zeit gestreut hat. Daraus hatte ich mir dieses Bild des sie Liebenden, Unterstützenden geformt. Um den ich sie beneidet habe, was mir sehr unangenehm ist.

Inzwischen habe ich ihn kennengelernt, wenn man das so nennen kann. Oberflächlich auf der Beerdigung, als er mir sehr distanziert gegenübertrat, gleichzeitig völlig aufgelöst war. Möglicherweise liegt es an meiner Sicht der Dinge, oder daran was ich in ihren Aufzeichnungen gelesen habe. Ich glaube, ich habe in seinem Blick sowas wie Anschuldigung gesehen. Abneigung und aber auch Neugier. Das ist also das Muttermonster.

Ich habe es nicht fertiggebracht, mich mit ihm zu unterhalten, bis heute nicht, und von ihm kam auch nichts. Ich schäme mich so, ich kann mir ja denken, was sie ihm von mir erzählt hat, und ich sehe ja selbst, was verkehrt gelaufen ist. Zusammengefasst, was sie mehrfach über ihn (und andere) schrieb: sie könne nicht lieben und Kontakte nicht pflegen, weil Menschen sie auslaugen. Gleichzeitig hat sie sich Verlassen gefühlt und sich gewünscht, es gäbe da einen Jemand, der zu ihr durchbrechen kann, und "das Ruder rumreißt". Mit ihm hat sie ihre Gedanken nicht geteilt, auch auf sein Nachfragen hin nicht. Auch bei ihm schien sie die Fassade nicht ganz fallen gelassen zu haben. Sie hat sich vorher von ihm getrennt um sicher zu gehen, dass er ihr nicht in ihr Vorhaben funkt.

Insgesamt wurde das sehr viel detaillierter (Einträge über Jahre) und komplexer von ihr geschildert. Es erscheint mir…verkehrt, da tiefer reinzugehen und öffentlich mit mehr Details aus ihren Aufzeichnungen zu erzählen, zumindest gerade. Ich weiß nicht, was das richtige Maß ist. Mal glaube ich, dass es in Ordnung ist, da sie nicht mehr lebt, und diesen Teil ihrer Aufzeichnungen nicht vernichtet hat, mal denke ich das Gegenteil, weil sie die Bücher nicht so bereitgelegt hat, als wollte sie, dass man liest.

In diesem Zusammenhang fallen mir Bambienes Feststellung und Frage ein: Du wirkst auf mich in deinem Text irgendwie eiskalt. Kalkuliert, beherrscht und auf eine groteske Weise in deiner Sprache "wohldosiert".

Wie würde deine Tochter das sehen? Was würdest du ihr jetzt am liebsten sagen/schreiben.

Ich würde gerne auf diese Frage antworten, zumindest in meinem Kopf - das habe ich sogar schon getan. Ob ich es öffentlich schon fertig bringe…mal schauen.

Vorweg wüsste ich jedoch gern, was von dir, Bambine, oder auch von anderen als "eiskalt, kalkuliert, beherrscht und auf eine groteske Weise in [m]einer Sprache "wohldosiert"" wirkt. Ich versuche es nicht als Affront zu sehen, obwohl es mich zugegebenermaßen schmerzt das zu lesen – zumal meine Tochter ähnliches von mir schrieb, und mich offenbar so auch bei anderen beschrieben hat.

A'nemoqnee Nem,oroxsa


Ich danke euch wirklich allen dafür, dass ihr euch die Zeit genommen habt zu lesen und mir zu antworten. Ich möchte am liebsten jedem von euch – weihnachtsternchen, Plüschbiest, Dé.liée, Frühlingskind, Baldurhh, Danae, Lillibell, autum-like, Souha, Djermo, Verschw-Praktiker, Marie, Mirsanmir, Lola, BlackSwan, Bambiene und Kleio - etwas auf ihre/seine Zeilen antworten (ich bin wieder so schrecklich müde..), ich versuche es zu einem späteren Zeitpunkt. Ihr habt mir einige Gedankenanstöße gegeben, über die ich wirklich sehr viel nachgedacht habe die letzten Tage, auch wenn meine sichtbare Reaktion darauf noch gleich Null ist. Vielen Dank auch für den Zuspruch, von denen, die in meiner Situation waren/sind und von denen, die meine Tochter hätten sein können.

asutumn-xlike


@ Anemone Nemorosa

Das mit der "ständigen Bewegung" kenne ich von meiner Mutter, als mein Vater starb. Im Sommer war sie den ganzen Tag im Garten, war immer aktiv. Hatte keine ruhige Minute mehr. Es gab immer irgendetwas zu tun.

Ich kenne das auch von mir, dass man mit der ständigen Bewegung Ablenkung von diesen Gedanken hat.

Musst du alles reflektieren? Du verstehst jetzt besser, warum sie so verzweifelt war und so gehandelt hat.

Aber du änderst es nicht mehr dadurch. Mir fällt das auch oft schwer, dies zu akzeptieren.

Aber, wenn etwas passiert ist, welches man nicht rückgängig machen kann, sollte man es hinnehmen. Das Gedankenkarussell ist dauerhaft nicht gut. Man dreht sich im Kreis.

Ich habe das auch bei meiner Mutter erlebt. Habe mich anfangs mehrmals täglich gefragt, ob sie es wirklich so wollte. Auch mir fielen Szenen aus der Vergangenheit ein. Aber mittlerweile bin ich gefestigt. Es war ihr Wunsch die letzten Tage nicht alle Kinder bei sich zu haben. Und selbst, wenn es nicht so gewesen ist, ändern kann ich es nicht durch meine Gedanken und ich werde die Wahrheit nie erfahren.

Wenn ein Mensch depressiv ist, ist es nicht leicht. Vor allem, wenn er sich nicht äußert. Du kanntest den Freund deiner Tochter nicht. Geht auch meiner Schwester so.

Ich wünsche dir viel Kraft, dass du wieder vorwärts blicken kannst. :)_

S9kol,ka


Liebe Anemone, mein herzliches Beileid. Ich finde es unfassbar traurig, was du schreibst. Deine Worte berühren mich sehr und ich finde es im Grunde tieftraurig, dass du dich in dieser Situation lieber einem Forum anvertraust, als mit realen Menschen sprechen zu können.

Und hier wiederholt sich eure Geschichte. Deine Tochter schrieb auch lieber in ein Tagebuch, anstatt sich realen Menschen anzuvertrauen. Wohl auch ihrem Freund nicht wirklich.

Das Schreiben scheint eure Gemeinsamkeit gewesen zu sein. Sie hat im Schreiben sich öffnen können, hat unzählige Tagebücher hinterlassen (wahrscheinlich auch dir hinterlassen), die du nun liest und sie dadurch erst kennenlernst, verstehen kannst. Die Tagebücher ermöglichen dir auch, eine neue Perspektive auf dich, auf eure Familie einzunehmen.

Ich finde gar nicht, dass du distanziert schreibst, im Gegenteil. Aber vielleicht findest du irgendwann aus dem Kreislauf des Schreibens und Schweigens heraus und erzählst realen Menschen, was dich bewegt.

Viel Kraft von mir, die ebenfalls eine ganz schwierige Beziehung zur Mutter hatte und habe mit jahrelangem Kontaktabbruch und Schweigen.

Skolka

Tcelnefon&elxle


Hallo Anemone Nemorosa,

ich schreibe dir aus meiner aktuellen Situation heraus einfach mal ein paar wirre Zeilen. Mir war eins direkt klar: Niemand, auch du nicht, hätte die Entscheidung deiner Tochter verändern können. Weisst du, es gibt hier Menschen, die dich aufgrund deiner Aussagen angreifen. Die dir irgend etwas vorwerfen, und die davon überzeugt sind, dass du einfach hättest genauer hinsehen müssen.

Das ist Blödsinn. Du konntest nicht wissen, wie deine Tochter empfindet. Sie hat alles dafür getan, um diese Gefühle von ihrem realen Umfeld fernzuhalten. Meine Eltern haben bis heute keine Ahnung davon, dass ich mit fast 10000 Euro verschuldet und Alkoholikerin bin. Dass ich vor fast 10 Jahren meine damalige Wohnung in Messie-Manier verlassen habe, und dies heute monatlich abstottere. Dass ich mein Leben hasse, andere Menschen hasse, diese ganze Erwartungsgesellschaft hasse... wäre da nicht ein Grund, für den ich alles auf mich nehme und eben funktioniere. Kinder erzählen so etwas nicht ihren Eltern. Du konntest und durftest nicht wissen, wie es wirklich um deine Tochter stand. Mir tut nur leid, dass sie dir nicht einen entsprechenden Brief hinterlassen hat. Bitte, liebe Anemone Nemorosa, verdamme dich nicht. Deine Tochter wollte und wusste, was sie tat. Du spieltest dabei keine Rolle, auch wenn euer gemeinsames Leben nicht immer leicht war. Wäre es um dich gegangen, dann hätte sie dir eine Nachricht hinterlassen. Übrigens finde ich es völlig normal, dass du sauer auf sie bist. DU musst immerhin weiterleben, nicht sie. Sie hat's hinter sich gebracht, und du musst den Nachbarn Rede und Antwort stehen. Bitte mache dir bewusst, dass deine Tochter dich nicht in ihre Probleme einbinden wollte. Dass sie dir ihr Tagebuch hinterlassen hat ist ein großer Vertrauensbeweis, ich würde meinen Eltern nichts dergleichen hinterlassen obwohl ich sie beide sehr liebe. Meine Geheimnisse nehme ich mit ins Grab. Meine Eltern müssen nicht wissen, dass ich seit Jahren saufe und mit mir und dem Leben nicht zurechtkomme. Denn ich treffe meine eigenen Entscheidungen, und da hat mir niemand reinzureden. Deine Tochter hat ihre eigenen Entscheidungen getroffen. Bitte respektiere das, und lege, falls möglich, ihr privates Tagebuch beiseite.

APnkelOixna


Liebe Anemone erst einmal mein herzliches Beileid für deinen Verlust es tut mir sehr leid für dich ich kann etwas nachfühlen wie du dich jetzt fühlst denn ich habe ähnliches erlebt : zwar nicht den Suizid meines Kindes sondern den meines Vaters aber da kann ich mich doch etwas in dich hineinversetzen .

Und dazu hatte ich auch keine besonders gute Beziehung zu meiner Mutter da diese mich ihr Leben lang gehasst und abgelehnt hat

Kann mich also auch etwas in deine Tochter hineinversetzen

Wobei du ja für deine Tochter immer versucht hast das Beste zu geben .

Dies soll jetzt auch von mir nicht als Vorwurf aufgefasst werden .

Mir hätte es mit Sicherheit einiges erspart wenn Ich die Gewissheit gehabt hätte dass ich meiner Mutter doch soviel wert gewesen wäre dass sie sich zumindest um mein Wohlergehen bemüht hätte.

Als mein Vater sich das Leben genommen hat war ich 13 Jahre alt und es kam nicht wie bei deiner Tochter aus heiterem Himmel sondern er hatte es mehrmals angekündigt einmal hat er mich sogar zu meiner Tante geschickt mit den Worten dass ich unbedingt gehen müsste damit ich ihn nicht sehen müsste wenn er sich das Leben nimmt .

Natürlich hatte ich sofort um Hilfe gerufen und er hat es daraufhin auch nicht getan aber leider dann einige Monate später.

Ich litt damals jahrelang unter Schuldgefühlen meinte als Tochter komplett versagt zu haben doch ich war damals leider einfach nicht in der Lage ihm die Stütze zu sein die er gebraucht hätte .

Auch ich habe mich damals gefragt warum hat er mich verlassen warum konnte ich ihn nicht davon abhalten seinem Leben ein Ende zu setzten hat er mich denn nicht geliebt ?

Es war halt mein kindliches Empfinden .

Als erwachsener Mensch konnte ich dann unterscheiden dass er mich nicht verlassen hat weil et mich nicht geliebt hat sondern weil er einfach nicht stark genug gewesen ist den Widrigkeiten zu trotzen .

Damals wäre ich froh gewesen wenigstens meine Mutter als Stütze gehabt zu haben .

Doch sie konnte mir nie geben was ich brauchte .

Ich selbst war durch meine Erlebnisse auch einmal kurz davor meinem Leben ein Ende zu setzen - die Tabletten hatte ich mir schon besorgt - doch ich hatte ein drei jähriges Kind und war mit meinem zweiten Kind schwanger und spürte dass ich Verantwortung habe und mich nicht so einfach davonstehlen darf.

Damit will ich sagen egal was im Leben deiner Tochter war oder vorgefallen ist die Entscheidung sich das Leben zu nehmen hat sie alleine gehabt sie hat sich dazu entschlossen weil sie wahrscheinlich keine Kraft mehr hatte gegen ihre Probleme anzukämpfen.

Ich weiß du machst dir jetzt Vorwürfe und fühlst dich schuldig dies liegt glaube ich in der Natur des Menschen aber letztendlich ist es die Entscheidung deiner Tochter gewesen diese für sie so düstere Welt zu verlassen .

Vielleicht findet sie jetzt die Ruhe den Frieden und das Glück dass sie im Leben vergeblich gesucht hat .

Ich wünsche es ihr sehr und dir wünsche ich ganz viel Kraft und hoffe dass du dir und vor allem deiner Tochter verzeihen kannst .

Alles Liebe für dich :)*

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