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Wenn die Mutter an Krebs stirbt

OUtish123 hat die Diskussion gestartet


An den Tod eines geliebten Menschen kommt man nicht vorbei.

In den ersten Monaten des Jahres ging es meiner Mutter nicht gut. Mein Vater verstarb von 20 Jahren, meine Großmutter vor 14 Jahren genauso wie unser letzter Hund Nico. Mit ihren 82 Jahren hätte ich meiner Mutter noch ein paar gute Jahre gewünscht. Am 30. März - ich war gerade am Meniskus operiert worden - bekam ich die Nachricht. Sie würde nur noch ein paar Monate leben. Ich selbst weinte, versuchte aber die Wahrheit zu verdrängen. Die ganzen folgenden Monate dachte ich an eine Fehldiagnose. Ich übernahm die Pflege - zusammen mit dem Hausarzt und dem Pflegedienst. Der Arzt kam jede Woche, der Dienst am Abend und am Morgen.

In den ersten Monaten war das Leben normal, halbwegs. Ich kochte für sie und kaufte ein. Gemeinsam sahen wir fernsehen. Ihre Lieblingsserie "Rote Rosen" bestellt ich für sie im Internet.

Doch dann änderte sich Anfang Juli ihr Gesundheitszustand. Zuerst bekam sie ein paar Tropfen Morphin von mir. Die Dosis wurde auf ihren Wunsch - nach Rücksprache mit dem Arzt - gesteigert. Und dann ging es ihr teilweise besser. Ich musste sie jedoch zunehmend betreuen und dabei Aufgaben übernehmen, über die man nicht sprechen kann.

Ende Juli gab es noch einen Marathon. Von 14 bis 23 Uhr sahen wir eine Folge "Rote Rosen" nach der nächsten. Zwar freute ich mich über die Entwicklung. Doch es konnte auch ein letztes Aufbäumen sein. Am nächsten Tag waren es nur 2 Stunden, während der ich am Tisch neben ihr meine alte Eisenbahn auf Funktionalität prüfte. In einem Moment wollte ich schon sagen, wir müssen gleich das Essen in der Küche auftragen. Doch es war nicht wie früher.

Der Sonntag brachte ihren Schlaf und ich sah, wie es ihr schlechter ging.

Am Montag kam ich mit Verspätung vom Einkauf und fand meine Mutter in panischer Stimmung vor. So kann ich sie nicht.

Sie war immer gefasst, war wie ein Fels in der Brandung.

Abends wollte sie nach einem Glas Wasser greifen, doch es ging nicht. Sie konnte es ncht halten.

Ich sollte ihr am Dienstag die Hefte nicht mehr kaufen. Sie wollte keine Filme mehr sehen, hatte keinen Hunger.

Ab Donnerstag der vorletzen Woche fütterte ich sie und gab ihr Getränke. Es war ein Dienst für sie, der 24 Stunden dauerte.

Nachts kam ich mehrfach zu ihr und vergab Morphin. Sie bat mich um den Tod. Sie wollte nicht mehr. Das Ende nährte sich.

Und es war sehr bedrückend.

Meine Tante besuchte uns eine Woche vor ihrem Tod. An diesem Tag sprach sie noch ein paar Worte. Sie war jedoch sehr geschwächt.

Am Donnertag fragte sie mich - das Internet war ihr Leben gewesen - ob sie das Internet essen könne. Sie wisse es nicht mehr. Es waren nur Teile von Sätzen. Manchmal musste ich mir ihre Woche denken.

Am Freitag kam meine Tante ein letztes Mal - und sie war entsetzt. Ich musste oft weinen, obwohl es für mich unüblich ist.

Freitag Abend. Ich saß im Wohnzimmer, dem nächsten Raum. Und ich hörte sie. Ich kam zu ihr. Und sie sagte mir - das waren auch ihre letzten Worte - Toilette ( damit war der Toilettenstuhl gemeint ) und alleine ( sie wollte selbständig auf diesen gehen ). Ich nahm ihre Beine und stellte sie auf den Boden. Dann nahm ich ihre Arme und zog sie hoch. Sie wollte sich hochziehen, doch gaben ihre Arme ständig nach. Ohne ihre Hilfe schaffte ich sie dorthin und über das Pflegebett zurück. Sie griff noch einmal nach meine Hand, trank ein gereichtes Glas Malzbier und sage "Danke".

Am Samstag gegen 6 Uhr sah ich nach meiner Mutter. Ihre Augen waren gefüllt von Tränen. Sprechen konnte sie nicht mehr.

Ich fütterte sie mit Quark und gab ihr ein Glas mit Strohhalm. Doch sie schickte nur Luftblasen in das Glas zurück. Sie konnte nicht mehr schlucken. Das Morphin gab ihr Schlaf und mir die Gewissheit. Sie würde in wenigen Tagen sterben. Für sie eine Erlösung. Ich verlor damit den letzten Menschen, dem ich absolut vertrauen konnte und der für mich so dar war, wie ich für ihn.

Am Sonntag Abend kam die neue Schwester des Dienstes. Und wir sprachen. Sie machte mir mit einfühlsamen Worten klar,

was ich schon wusste. Sie würde den nächsten Tag nicht mehr überstehen.

Bis 24 Uhr blieb ich bei ihr. Im Wohnzimmer - nächster Raum - liefen die "Rote Rosen". Ich hatte den Eindruck als würde sie es wahrnehmen.

Gegen 24 Uhr ging ich für 1 Stunde ins Bett. Doch ich schlief bis 5 Uhr. Erschöpfung.

Mich weckte ein Gruggeln. Man hörte es im ganzen Haus. Ich gab ihr Morphin. Dann rief ich den Dienst an.

Die Schwester meinte, es sei das "Todesrasseln" - die letzten Stunden. Sie habe mir das nicht gesagt.

Bis 7:20 blieb ich bei ihr und hielt ihre Hand. Doch es gab keinen Gegendruck mehr.

Um 7:20 Uhr sagte ich ihr, dass ich noch einen Kaffee holen wollte.

Als ich um 7:43 wieder in Richtung ihres Schlafzimmers aufbrach, bemerkte ich die Ruhe.

Da lag sie. Ein Auge war offen. Das Bettlacken runtergeschoben. Nach eine paar Minuten der Ruhe

rief ich den Dienst an. Eine halbe Stunde saß ich dann noch bei ihr und versuchte meine Gedanken

in eine Ordnung zu bringen, die ich verstehen wollte.

Erstals ich nach dem Besuch des Dienstes und des Arztes mit den Telefonaten begann, kamen die

Tränen und die langsame Aufarbeitung.

Heute, zwei Monate nach ihrem Tod besuche ich noch jeden Tag ihre Urne den Friedhof. Sie bekam ein Begräbnis

ohne Grab - anonym - nur eine Tafel erinnert an sie. Sie wollte es so. Ich konnte es nicht anders.

Da ich genau den Ort der Urne kenne, habe ich dort eine Steckvase mit Rosen aufgestellt. Welken sie, so tausche ich sie aus.

Neben den Rosen steht eine kleine Lampe, deren LCD in der Nacht leuchtet.

Am liebsten komme ich am späten Abend. Die Dunkelheit begleitet mich auf dem Weg von der

Pforte bis zum Urnenfeld. Zwei Straßenleuchten werfen ihre Strahlen auf einen Teil des Feldes. Nur dort,

wo meine Mutter zwischen zwei großen Bäumen begraben wurde, strahlt die kleine Flamme der

Lampe, die ich jeden Abend prüfe. Flackert sie nur noch, so wechsele ich das Licht. Das Wasser

für die Rosen tausche ich auch aus. Und dann erzähle ich ihr den Tagesablauf. Tränen kommen,

aber in der Dunkelheit kann sie niemand sehen.

Antworten
aGutumn-Elikxe


@ Otis123

Du hast es wunderschön geschrieben. Man merkt, dass du deine Mutter geliebt hast. Es ist nicht leicht jemanden zu verlieren. Sie hatte mit 82 Jahren ein erfülltes Leben. Sieh es als Geschenk, dass sie so lange leben durfte. Meine Schwiegermutter wurde nur 61.

Mein Schwiegervater musste auch einige Monate leiden. Ich hatte ihn ebenfalls sehr gerne und man denkt immer wieder daran, wie es war. Bei mir hat es einige Jahre gedauert.

Mein Schwiegervater durfte auf der Palliativ sterben. Jeder Mensch sollte so sterben dürfen.

Bei meinem Vater war sein Tod einfacher. Er wollte nie ein Pflegefall werden und meinte damals, dass ihm das Alter (als mein Schwiegervater starb) reichen würde. Er starb plötzlich. Ich wusste, dass er sich diesen schnellen Tod gewünscht hatte.

Wir können nur hoffen, dass uns später einmal ein langer Leidensweg erspart bleibt. Jetzt kommt leider die nicht so schöne Jahreszeit. Man hat mehr Zeit zum Nachdenken. @:) Spuren der Liebe zu hinterlassen ist das Schönste, was ein Verstorbener hinterlassen kann. In deinem Herzen lebt sie weiter.

C7omrxan


:°_

Ich verlor damit den letzten Menschen, dem ich absolut vertrauen konnte und der für mich so dar war, wie ich für ihn.

Magst du schreiben, warum das so ist? Bist du zu oft enttäuscht worden, oder warum kannst du keinem anderen Menschen absolut vertrauen?

BwENAxOH


Du hast Deine Mutter sehr geliebt, das merkt man. Und Du hast alles, aber auch wirklich alles für sie getan. Man hört oft, dass geliebte Menschen gehen, wenn keiner da ist, weil sie erst dann loslassen können.

Ich war beim Tod meiner Eltern leider auch nicht da: bei meinem Vater, der im Krankenhaus starb, weil ich da zum Bahnhof fahren musste, seine Geschwister abholen, die von weit her per Zug kamen - aber wir waren zu spät, nur meine Mutter war dabei. Bei meiner Mutter, die ich völlig überraschend tot fand, als wir noch eine halbe Stunde vorher telefoniert hatten. Beides ganz schrecklich für mich. Aber dafür durfte ich einem einsamen Menschen, meinem Vermieter, in der letzten halben Stunde seines Lebens, im Krankenhaus zur Seite stehen und ihn in den Tod begleiten - eine intensive Erfahrung, die ich niemals missen möchte.

Ich wünsche Dir, dass Du bald nur noch in Liebe an Deine Mutter denken kannst... :)* :)* :)*

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