Der Umgang mit dem Tod

    Hallo ihr Lieben,


    vor einigen Monaten ist eine Person aus der Familie meines Mannes verstorben. Ich stand dieser sehr nahe, hatte sie sehr gern und wir haben uns regelmäßig gesehen.


    Nachts weckte mich mein Mann "Xy ist Tot"

    Zuerst realisierte ich es gar nicht, er machte sich fertig um der nahestehendsten Person beizustehen. Ich saß im Bett und überlegte ob ich denn nicht wieder schlafen könnte.


    Kurze Zeit später überkam es mich und ich hatte einen hysterischen Heulanfall.

    Nach einem kurzen Telefonat mit einem Verwandten meinerseits ging es wieder und ich folgte meinem Mann um für die Trauende da zu sein.


    Seitdem erkenne ich mich nicht wieder. Ich bin äußerst sensibel und emotional, daher verstehe ich nicht, wie ich mit der Situation umgehe. Selbst mein Mann war einige Male erstaunt und meinte "So kenn ich dich gar nicht"


    Es fühlt sich an, als hätte es jene Person nie gegeben. Selbst Erinnerungen wirken wie erfunden. Ich erwarte nicht, dass ich Tag für Tag weine, aber diese - fast schon - kaltherzigkeit erschreckt mich.


    Ich gehe davon aus, dass es vielleicht Selbstschutz ist. Aber ob das richtig ist?!

    Bin einfach irritiert, aufgrund dieser Empfindungen dem Verstorbenen gegenüber - sowie auch den Hinterbliebenen. Teils hatte ich wirklich extreme Gedanken, wirklich widerliche.


    Meint ihr, ich sollte "froh" sein, dass ich dem so gelassen gegenüber stehe. Oder ist da was "faul"? Habe noch nicht viele Erfahrungen diesbzgl.


    Bedanke mich herzlichst.

  • 10 Antworten

    Akzeptiere dich da so wie du bist. Ich war dreimal 'gelassen', hab den Tod akzeptieren und weitertun können, und einmal das Gegenteil davon.

    Das hat nichts mit Kaltherzigkeit o.ä. zutun. Also schäm dich dessen nicht.

    dem kann ich mich nur anschließen, da ist nichts, wessen du dich schämen müsstest...
    Auch ich hab schon mehrere Menschen verloren und hab erlebt wie, mir mal mehr, mal weniger nahestehende, jemanden verloren haben. Jeder hat seine eigene Art mit Verlust und Trauer umzugehen.

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    Jeder geht anders damit um also Zweifel nicht an dir selbst! Ich selbst habe mit 20 meinen Vater verloren und anfangs war ich „gelassener“ als ihm weniger nahestehende jedoch kommt es Jahre später immer wieder hoch. Nach seinem Tod hab ich 2 Onkels und 2 Tanten verloren doch ging nicht mehr so emotional damit um weil ich abgehärtet war. Bin ich dadurch jetzt ein schlechter Mensch? Nein ich hab keine andere Wahl. Wir leben noch also müssen wir weitermachen und durch schlechte Zeiten wird Man abgehärtet ob man will oder nicht.

    Du schreibst, dass der Tod schon einige Monate her ist, also glaube ich nicht, dass da noch ein großer Zusammenbruch kommt. Was ich nicht ganz verstehe sind deine "extremen, widerlichen" Gedanken. Wenn du möchtest, kannst du dazu ja mal was schreiben.

    Ich bin zwar nicht die TE, aber habe durchaus auch manchmal Gedanken in dem Zusammenhang, die jemand vielleicht als "widerlich" bewerten möge.

    Konkret geht es um meine Mutter, die seit dem Tod meines Vaters (Mai 2017) sich in eine konsequente Abwärtsspirale begeben hat, weil sie (Kurzfassung) sozusagen fest entschlossen war, ohne ihn nicht zurechtzukommen. Diese Prophezeihung hat sich erfüllt: Sie ist jetzt mit 63 nicht mehr in der Lage, allein zu leben, hat eine gesetzliche Betreuung (nicht mich), den Führerschein verloren, Geldstrafen am Hals..... und das mehr oder weniger selbstverschuldet. Sie nennt das "Trauer", ich nenne das Selbstmitleid. Und das fing schon auf dem Sterbebett meines Vaters an: wir waren da, es war jedem klar, dass es zuende geht, und er wollte in Ruhe schlafen und allein sterben. Sie hat aber noch 2 Stunden da sitzen müssen, weil sie nicht loslassen wollte. Ich bin irgendwann aufgestanden und gegangen, es war (wortlos) mit meinem sterbenden Vater "abgesprochen", da ging sie widerwillig mit, und mein Vater starb ein paar Stunden später schlafend und lächelnd. Das erste, was Mutter auf dem Rückweg tat, war Wein kaufen, den es jahrzehntelang wegen meines Vaters nie im Haushalt gegeben hatte (Alkoholiker, 25 Jahre trocken).

    Das alles finde ich von ihr in höchstem Maße egoistisch und teils geschmacklos, andere nennen das aber vielleicht Trauer und meine Gedanken widerlich.

    Manchmal frage ich mich, ob ich Trauer an sich vielleicht schon egoistisch finde, weil es da halt immer nur ausschließlich um den Trauernden, der ja noch lebt, geht. Es gibt so viele Tode, wo man sagt "es war besser so" oder "gut dass sie nicht lange leiden musste" oder "es ist in Ordnung". Aus Sicht der Verstorbenen ist dieser Tod dann ein Segen, etwas Herbeigesehntes, Frieden und endlich Ruhe. Wenn in solchen Fällen die Hinterbliebenen monatelang so sehr weinen (oder gar ihr eigenes Leben auch noch zerschießen, wie meine Mutter) frage ich mich, um wen wird da eigentlich geweint? Wirklich um den Toten, oder doch eher um sich selbst und den eigenen Verlust?

    Wenn jemand durch Unfall oder Verbrechen oder als Kind ums Leben kommt, sieht das natürlich wiederum anders aus als bei Krankheit oder hohem Alter. Solche Tode sind "falsch", böse Zufälle, die so eigentlich nicht vorgesehen sind. Da fände ich wiederum aber Wut und auch Rachewünsche eine angemessene Reaktion (die man ja nicht ungefiltert ausleben muss) neben der Trauer um den Verlust.

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    MarieCurie schrieb:

    Ich gehe davon aus, dass es vielleicht Selbstschutz ist. Aber ob das richtig ist?!

    [....]

    Meint ihr, ich sollte "froh" sein, dass ich dem so gelassen gegenüber stehe. Oder ist da was "faul"? Habe noch nicht viele Erfahrungen

    Zum Selbstschutz: wenn es so wäre, wäre das denn falsch? Du lebst ja noch und hast jetzt die Aufgabe, ohne den Verstorbenen auszukommen. Wer will es dir verdenken, wenn du das auf eine Art und Weise tust, die dir und deinen (noch lebendigen) Bedürfnissen entgegenkommt?


    Ob du darüber "froh" sein solltest, kannst du m.E. auch selbst am besten beurteilen. Ich für meinen Teil bin durchaus dankbar, dass der Tod meines Vaters mich nicht umgehauen hat. Und "faul" wäre es ab dem Zeitpunkt, wenn es sich für dich "faul" anfühlt.


    Zu dem Thema "als hätte es ihn nie gegeben" kann ich nicht viel sagen. Dazu fällt mir nur ein, dass mein Vater, seit er tot ist, in meinen Träumen nicht mehr spricht. Er taucht oft darin auf, aber immer nur als stummer Zuschauer, der höchstens mal mit ein bisschen Mimik erahnen lässt, was er ungefähr gerade denken könnte. Das finde ich immer sehr interessant, denn im echten Leben fühlt es dich für mich manchmal genauso an. Er ist irgendwie "präsent" und ich kenne seine Meinung zu vielen Dingen, aber er kann nicht mehr eingreifen. Das bedeutet für mich zweierlei: es ist schade nicht mehr mit ihm sprechen zu können, und ich bin frei. Ich darf und muss jetzt selbst entscheiden, und das ist schade und schön.

    MarieCurie schrieb:

    Meint ihr, ich sollte "froh" sein, dass ich dem so gelassen gegenüber stehe. Oder ist da was "faul"? Habe noch nicht viele Erfahrungen diesbzgl.

    Ich habe aufgrund meines mittleren Alters leider schon sehr viel Erfahrung mit dem Tod. Habe schon aufgehört, die Beerdigungen zu zählen. Nicht jeder stand mir nah, manche (gerade aus meiner Familie) aber sehr.


    Die Reaktion, die du hattest, kenne ich ebenfalls sehr gut. Es ist ein innerer Schutzreflex des spontanen Leugnens, weil Menschen, die man zeitlebens kannte, nicht einfach verschwinden. Das ist für das Unterbewusstsein surreal. Daher kann es durchaus vorkommen, dass man es spontan verdrängt. Aber es arbeitet dann unterbewusst weiter - und dann kommt genau alles mit diesem "hysterischen Heulanfall" raus. Und erst danach kommt die Auseinandersetzung mit dem Verlust.


    Zuletzt habe ich meinen Vater verloren, dieses Jahr. Als meine Mutter im Sterben lag, hatte ich fast jeden Tag eine Phase mit Tränen - aber vor allem wegen ihrem Leiden und dem zermürbenden Warten. Das war sehr schlimm. Als sie starb, war es ein Trost für mich, aber dennoch fiel mir der Abschied auch nach dem Tod viele Wochen schwer. Als meine Tante starb, erfuhr ich das auch nachts - zuerst kam ein unkontrollierter Tränenausbruch, und danach sammelte ich mich erst mal, und dann war wieder alles gut. Jeder Verlust war irgendwie anders, aber nur bei meiner Mutter empfand ich in den Tagen danach diese heftige Trauer.


    Jetzt beim Tod meines Vaters war zwar aufgrund seiner Erkrankung und seines Alters damit zu rechnen. Aber nicht in dem Moment, da er sogar noch eine richtig gute Zeit in den Tagen hatte. Auch hier wurde ich abends informiert. Ich war die Ruhe selbst, in mir machte sich eine große Akzeptanz breit und ich ging in Gedanken eher durch, wo ich nun gebraucht würde. Ich bin dann noch zu ihm gefahren, bevor der Arzt und Bestatter kam, und habe schmerzlich Abschied genommen. Nachts im Bett dann Heulkrampf in den Armen meiner Frau. Und seitdem ist wieder diese tiefe Ruhe da. Ich habe vom ersten Tag an nicht getrauert, sondern es wurde irgendwie ein Kapitel meines Lebens zugeschlagen und ein neues Kapitel geöffnet. Aus meiner Familie geht nun niemand mehr vor mir auf dieser Welt. Allerdings wundere ich mich nicht, dass ich eigentlich nicht trauere, sondern eher im Dank zurückschaue. Ich hatte schon länger das Gefühl, dass man Abschied lernen kann, und dann mit einem Verlust selbstverständlicher umgeht.


    Wie du siehst, gibt es selbst bei einem Menschen ganz unterschiedliche Facetten. Erklärbar vielleicht als Versuch, aber Verlust ist immer etwas Individuelles und der Umgang damit nicht vorhersehbar.

    Dorfnixe schrieb:

    Wenn in solchen Fällen die Hinterbliebenen monatelang so sehr weinen (oder gar ihr eigenes Leben auch noch zerschießen, wie meine Mutter) frage ich mich, um wen wird da eigentlich geweint? Wirklich um den Toten, oder doch eher um sich selbst und den eigenen Verlust?

    wie kann man das denn trennen? Ich verstehe deine Gedanken nicht. Mein Vater ist seit 5 Jahren tot, ich trauere heute noch um ihn, er fehlt mir sehr oft, in vielen Lebenslagen. Also natürlich etwas ganz egoistisches, aber natürlich geht es dabei um genau den Toten. Und ich habe ihn in Liebe gehen lassen, weil er so krank war, bin versöhnt mit seinem Tod, aber die Trauer ist dennoch da.

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    Marida schrieb:

    wie kann man das denn trennen? Ich verstehe deine Gedanken nicht.

    Bezogen auf meinen Vater: würde er heute noch leben, wäre er schwerstkrank, vermutlich ohne jede Lebensqualität. Das würde ich ihm niemals wünschen. Lieber verzichte ich auf ihn, denn ich bin gesund und kann mein Leben freundlich gestalten. Er könnte das nicht mehr. Also ist es so besser und ich weine nicht, sondern bin dankbar, dass er lächelnd sterben durfte und nicht erstickt ist (Lungenkrebs) und nicht mehr leiden muss.

    Aber natürlich kann ich da nur für mich sprechen.

    Braunesledersofa schrieb:

    . Was ich nicht ganz verstehe sind deine "extremen, widerlichen" Gedanken. Wenn du möchtest, kannst du dazu ja mal was schreiben.

    Ich habe - gott sei Dank nur gedanklich - das Trauern anderer ins Lächerliche gezogen. Schon während den Gedanken wusste ich, dass das echt schei* Gedanken sind, aber sie ließen mich einfach nicht los. Und ich finde sie einfach widerlich. Versteh nicht, warum sowas in meinem Kopf herumgeistert.

    Dorfnixe schrieb:

    Ich für meinen Teil bin durchaus dankbar, dass der Tod meines Vaters mich nicht umgehauen hat. Und "faul" wäre es ab dem Zeitpunkt, wenn es sich für dich "faul" anfühlt.

    Habe unglaubliche Angst davor, dass es mich - bei noch näheren Verwandten - umhaut.


    Comran schrieb:

    Wie du siehst, gibt es selbst bei einem Menschen ganz unterschiedliche Facetten. Erklärbar vielleicht als Versuch, aber Verlust ist immer etwas Individuelles und der Umgang damit nicht vorhersehbar.

    Danke, für deinen Beitrag. Erstmal, mein Beileid.:)*
    Er hat mich sehr berüht :°( und auch ein wenig "beruhigt".

    Die Zeit naht, in dem nach und nach meine Liebsten von mir gehen werden. Davor hab ich ganz schön Angst, ... und vermutlich ist es näher als mir lieb ist.